Gabele, Anton 

Geburtsdatum/-ort: 28.07.1890;  Buffenhofen/Hohenzollern
Sterbedatum/-ort: 13.08.1966; Koblenz
Beruf/Funktion:
  • Erzähler und Heimatdichter
Kurzbiografie: 1897-1902 Volksschule; Privatunterricht beim Ortspfarrer in Dietershofen-Buffenhofen
1902-1908 Gymnasium Sigmaringen bis Abitur; Zögling des Gymnasialkonvikts Fidelishaus Sigmaringen
1908-1913 Studium der Fächer Deutsch, Französisch und Englisch an den Universitäten Straßburg, Genf, München, Halle und Berlin
1913-1914 Realschullehrer im Knabenschulheim Kemperhof Koblenz-Moselweiß
1914-1917 Kriegsfreiwilliger bei den Pionieren in Flandern und Frankreich; schwere Verwundung bei Verdun 1916; Entlassung als Leutnant 1917
1917-1919 Weiterstudium an der Universität Bonn; Gymnasiallehrer in Oberhausen-Sterkrade und Trier; 1919 Promotion zum Dr. phil. bei Adolf Dyroff in Bonn: „Der Einfluss der Pseudo-Plutarchischen Erziehungsschrift auf italienische und französische Humanisten“
1919-1954 Studienrat am Kaiser-Wilhelm-, heute Eichendorff-Gymnasium Koblenz
1930 Jugendpreis Deutscher Erzähler der Deutschen Buchgemeinschaft, Berlin
1950 Ehrenbürger der Gemeinde Buffenhofen
1960 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1917 (Koblenz) Katharina Mathilde, geb. Berg (1891-1985)
Eltern: Vater: Andreas (1850-1923), Land- und Gastwirt, Ziegeleibesitzer
Mutter: Katharina, geb. Stehle (1853-1931)
Geschwister: 3: Pius, Anna, Luise
Kinder: 4:
Anton (1920-1995), Dr. med.
Paul (geb. 1924), Prof. Dr. phil.
Bernhard (geb. 1926), Priester OMI
ein weiterer Sohn früh verstorben
GND-ID: GND/116324899

Biografie: Clemens Siebler (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 90-93

Entgegen dem Wunsch seiner Eltern studierte Gabele nach dem Abitur nicht Theologie, sondern neue Sprachen. Insgeheim hegte er jedoch die Absicht, sich zu einem „richtigen Dichter“ ausbilden zu lassen. Da sich diese Hoffnungen nicht erfüllten, wechselte er von einer Hochschule zur anderen, betätigte sich zeitweilig als Hauslehrer und fand seine innere Ruhe erst 1913 als Realschullehrer an einer privaten Lehranstalt in Koblenz. Seit Beginn des I. Weltkrieges Freiwilliger in einem Koblenzer Pionierbataillon wurde er 1916 bei Verdun schwer verwundet. Nach seiner Entlassung aus dem Heeresdienst schloss er seine Studien an der Bonner Universität 1919 mit Promotion ab und fand Aufnahme in den staatlichen Gymnasialdienst. Bis zu seiner Pensionierung war er dann Studienrat an einem Koblenzer Gymnasium.
Gabele hatte bereits 1924 eine neuhochdeutsche Übertragung der „Deutschen Schriften“ des Mystikers Heinrich Seuse herausgegeben; den entscheidenden Antrieb zu künftiger Schriftstellerei jedoch gab ihm seine erste Buchveröffentlichung „Im Schatten des Schicksals“ (1930), die dem fast 40-jährigen auf Vorschlag von Hermann Stehr (1864-1940) den von der Deutschen Buchgemeinschaft gestifteten „Jugendpreis Deutscher Erzähler“ für das Jahr 1930 einbrachte. In diesem Bauernroman voller Dramatik treibt eine Bruderfeindschaft zwischen den wesensverschiedenen Zwillingen des Fohrenbauern den älteren, einen leidenschaftlichen und starrsinnigen Bauernsohn und späteren Mann einer leichtlebigen Städterin, die er durch eine Kindsabtreibung verliert, in den Ehebruch, ins Unglück und schließlich durch eine mörderische Tat, die dem Bruder gilt, in den Tod. Bereits 1931 lag das Werk in einer englischen Übersetzung vor; seit 1938 erschien es unter dem Titel „Die Zwillingsbrüder“.
Weit ausgereifter ist „Der arme Mann“ (1931), ein Roman aus dem Bauernkrieg. Vermutlich wurde Gabele hierzu durch die 1566 beendete „Zimmerische Chronik“ angeregt, doch er hob die Handlung ins Überzeitliche, indem er der Sehnsucht des kleinen, gedrückten Mannes nach Freiheit und sozialem Aufstieg Ausdruck verlieh.
Seine Kindheits- und Jugenderinnerungen in der Geborgenheit des elterlichen Hofes und ihrer Dorfwirtschaft „Zur Sonne“ veröffentlichte Gabele 1932 unter dem Titel „Talisman“. Dank seiner formalen und sprachlichen Ausgewogenheit konnte dieses autobiographische Frühwerk dauerhaft den Rang echter Dichtung behaupten. Die Neuauflage aus dem Jahre 1953 erschien als „Haus zur Sonne“, in welche der Autor auch seine Gymnasial- und Konviktsjahre in Sigmaringen einbezogen hat.
Gabeles tiefe Heimatverbundenheit und unverfälschte Bodenständigkeit durchziehen nahezu sein gesamtes Werk. Wegen seiner konservativen Grundeinstellung und ungebrochenen Katholizität erfreute er sich hauptsächlich in den ländlichen und kirchlich gesinnten Kreisen großer Beliebtheit. Postume Kritik erwuchs ihm von denjenigen, die in einigen seiner Bücher eine offenkundige Nähe zur Ideologie des „Dritten Reiches“ sahen. Tatsache ist, dass auch Gabele wie viele seiner Zeitgenossen sich in einem inneren Widerstreit zwischen der geforderten Treue zum Staat und seiner inneren Überzeugung befand. Seit 1933 gehörte er der NSDAP und seit 1935 dem NS-Lehrerbund sowie der Reichsschrifttumskammer an. Angesichts seines Beamtenstatus und seiner schriftstellerischen Betätigung lassen sich diese Mitgliedschaften durchaus als „zeitbedingtes Mitläufertum“ einstufen. Obwohl parteipolitisch in keiner Weise hervorgetreten, erstaunt doch sein Roman „Pfingsten“ (1934), in welchem er nicht nur eine unüberhörbare Begeisterung für das neue Deutschland, sondern auch für „die Gestalt des Führers“ zum Ausdruck brachte (R. Minder). Im Roman „In einem kühlen Grunde“ (1939) inkriminiert M. Bosch „die Nähe zu nazistischen Positionen“, wenn er dem Verfasser in einigen kulturkritischen Äußerungen des Landpfarrers „eine noch gefährlichere Mischung von katholischer Mentalität und präfaschistischem Heimatkult“ anlastet. In diesem Werk, in welchem die vermeintlich finanziell übervorteilten Dorfbewohner sich wiederholt und wechselseitig mit einem die Juden diskriminierenden Ausspruch beschimpfen, sieht Bosch zudem einen „Antisemitismus“, wenn auch „ohne Juden“. Dem steht entgegen, dass Gabele in „Pfingsten“ dem jüdischen Rechtsanwalt, der um die Hand der Schwester des jungen Romanhelden anhält, gegen die herrschende Rassenlehre die weitaus stichhaltigeren Argumente in den Mund legt; und in der Erzählung „Der Philosoph“ (in „Mittsommer“, 1935) darf man ohne weiteres eine Parteinahme des Autors zu Gunsten jener erkennen, die wegen ihrer „rassischen Herkunft“ von den Lehrstühlen verdrängt wurden: „Mit dem Wörtlein ,Hiermit sind Sie Ihres Amtes enthoben' wischt mich die Regierung des heutigen Staates hinweg“. Nicht stichhaltig erscheint auch der mehrfach unternommene Versuch, Gabele allein wegen seiner Heimat und Boden verbundenen Stoffe in die Nähe jener Literaten zu rücken, die sich allzu beflissen in den Dienst des herrschenden Zeitgeistes stellten. Gabele schrieb aus echtem Erleben, aus Kenntnis und Vertrautheit mit der Natur und Landschaft. Seine Schriften haben nur wenig mit jener im „Dritten Reich“ so gefeierten Schollenliteratur gemein.
Während des II. Weltkrieges schrieb Gabele kürzere Erzählungen, zunächst „Die Beermännin“ (1940), danach zwei Bändchen mit jeweils sechs Kurzgeschichten: das erste (1940) nach einer Episode aus dem Leben Konradin Kreutzers „Das Nachtlager“, das zweite, gleichfalls nach der Haupterzählung „Der Freund des Paracelsus“ (1942) benannt. Obwohl als sogenannte Frontausgaben erschienen, sind es unpolitische Schriften mit Inhalten aus dem bäuerlichen Leben Oberschwabens, märchen- oder sagenhafte Stoffe sowie Begebenheiten mit historischem Hintergrund.
Unter dem Eindruck der Wirren der Nachkriegsjahre wandte sich Gabele mit „Wenn die Wasser verrinnen“ (1949) erneut dem Roman zu. Dieses Werk thematisiert das uralte Motiv von Schuld und Sühne. Ein Mann wird an seinem Kriegskameraden schuldig, weil er sich durch Betrug in den Besitz von dessen Frau und Hof gebracht hat. Er sühnt das Unrecht mit dem Einsatz seines Lebens.
Anregung zu einem weiteren Roman „Der Wundermann vom Bodensee“ (1956) erhielt Gabele aus der abenteuerlichen Lebensgeschichte des Begründers der Lehre vom Heilmagnetismus, Franz Anton Mesmer (1734-1815). Den historischen Hintergrund liefern hier die politischen Zeitereignisse des ausgehenden 18. Jahrhunderts, vorab in Wien und Paris.
Von Geburt preußischer Staatsbürger hatte Gabele durch Studium, Verheiratung und berufliche Anstellung seinen Wohnsitz dauerhaft im Rheinland genommen, ohne jedoch seine Bindung zur angestammten oberschwäbischen Heimat aufzugeben. Er selbst wusste, was er beiden Landschaften verdankte: „Schwaben gab mir die Schwere, den Gehalt; der Rhein die Leichtigkeit, die Form. Schwaben trieb, dass ich die Tiefe suchte; der Rhein, dass ich mich nicht in die Tiefe verbohrte und verlor...“ („Stationen des Lebens“, 284). Den ,heiteren Roman’ „Die Reise nach Bernkastel“ (1954) widmete er „den Menschen an Rhein und Mosel, die durch zwei Kriege und tausend Bombennächte inmitten der Ruinen ihre Heiterkeit nicht verloren“.
Neben Roman und Erzählungen sind bei Gabele andere literarische Gattungen kaum über erste Versuche hinaus gekommen. Sein Lustspiel „Heiraterei“ aus dem Jahre 1935 erschien erst 1954 im Buchhandel. Mit „Chardon & Co.“ 1943 blieb es bei der einzigen Novelle. Ein Gedichtbändchen „Wovor soll mir bangen?“ kam anlässlich seines 70. Geburtstages heraus. Größere Beachtung erzielte Gabele mit drei Kinder- und Jugendbüchern: „Die Prinzessin mit der Geiß“ (1958), „Blinde Passagiere“ (1961) und „Das Reiterlied von Prinz Eugen“ (1964). Aus dem Nachlass herausgegeben wurde 1988 der Roman „Fahre hinaus auf die hohe See“, der aus dem Leben des heilig gesprochenen Indienmissionars Franz Xaver (1506-1552) erzählt.
Auf den Jugendpreis Deutscher Erzähler von 1930 sind keine weiteren literarischen Ehrungen gefolgt, sicher ein Indiz dafür, dass Gabeles späte Werke nicht mehr das ungeteilte Echo ihrer Zeit fanden. Einen erneuten Achtungserfolg erzielte jedoch der alternde Gabele mit dem Bändchen „Die Prinzessin mit der Geiß“, das zu einem echten Heimatbuch für die hohenzollerische Gemeinde Trillfingen, Geburtsort von Gabeles mütterlichem Großvater, geworden ist. Zudem ist diese Erzählung in die Liste der besten geschichtlichen Jugendbücher beim Deutschen und in die Ehrenliste beim Österreichischen Jugendbuchpreis aufgenommen worden. Die Gemeinde Dietershofen-Buffenhofen, heute Stadtteile von Meßkirch, ernannte Gabele 1950 zum Ehrenbürger. Als bekannter Erzähler und verdienter Pädagoge erhielt er 1960 das Große Bundesverdienstkreuz. Zu seinem 100. Geburtstag (1990) gab die Stadt Meßkirch die Erinnerungsschrift „Ähren, die geblieben“ mit Auszügen aus seinen Werken heraus. Seit 1968 trägt eine Ortsstraße in Trillfingen, heute Haigerloch, den Namen „Anton-Gabele-Weg“ und 1981 wurde in Koblenz eine Straße nach ihm benannt.
Quellen: Nachlass im StadtA Meßkirch (April 2005); Mitteilungen des BundesA Berlin vom 28. 4. 05, d. Stadtverwaltungen Meßkirch u. Koblenz vom April 2005, d. Staatskanzlei Rheinland-Pfalz vom 20. 4. 05, des Hohenzollern-Gymnasiums Sigmaringen vom Mai 2005 u. des Eichendorff-Gymnasiums Koblenz vom April/Mai 2005 sowie von Dr. Bernhard Gabele, OMI, Biberach/Riß vom 17./21. 3. 05.
Werke: Bibliographien in: Kürschners Dt. Lit.-Kalender, Nekrolog (1936-1970), 1973, 190 f.; Bibliographie d. hohenz. Gesch., Hg. W. Bernhardt u. R. Seigel, 1975, 663; Bildung, Information, Dokumentation. Verzeichnisse d. Stadtbibliothek Koblenz, Hg. H. Trapp, H. 9: In memoriam Dr. A. Gabele, Bearb. von I. Knodt, 1976, 1-26; Gesamtverzeichnis des deutschsprach. Schrifttums (GV) 1911-1965, Bd. 41, 1977, 124-126; Ähren, die geblieben, hg. von d. Stadt Meßkirch. A. Gabele (1890-1966). Zur Erinnerung an seinen 100. Geburtstag, 1990, 52-55; Dt. Lit.-Lexikon, begr. v. W. Kosch, Bd. 6, 1978 3. Aufl., Sp. 2 f. – Einzeltitel (Auswahl): Stationen des Lebens, in: Die Lesestunde. Zs. d. Dt. Buchgemeinschaft, 7. Jg. 1930, Nr. 15/ 16, 283-285; Der Baum des Lebens. Eine Selbstdarstellung, in: Schönere Zukunft, 9. Jg. 1934, Nr. 49, 1298 f.; Ähren, die geblieben, 1990, 9-50.
Nachweis: Bildnachweise: Die Lesestunde. Zs. d. dt. Buchgemeinschaft 7. Jg., 1930, 283; Die Neue Literatur 42. Jg. H. 2, 1941, neben 33; A. Gabele, Haus zur Sonne 1957, 206; BH 84. Jg., 2004, 537 (vgl. Werke u. Lit.).

Literatur: Intern. Bibliographie zur Gesch. d. dt. Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. II, 2, 1972, 252 u. Bd. IV, 2 (= Zehnjahres-Ergänzungsband 1965-1974), 1984, 464; Quellenlexikon zur dt. Literaturgesch. Personal- u. Einzelwerkbibliographien d. intern. Sekundärliteratur 1945-1990 zur dt. Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart Bd. 7, 1996, 454; H. Stehr, Geleitwort, in: A. Gabele, Im Schatten des Schicksals, 1930, 512; W. Schussen, Meister von Meßkirch, in: Die Neue Literatur, hg. von W. Vesper, 42. Jg., H. 2, 1941, 34-36; J. Schomerus-Wagner, A. Gabele, in: Dt. kath. Dichter d. Gegenwart, 1950, 67 f.; O. E. Eckert, A. Gabele, Die Zwillingsbrüder, Der arme Mann, Talisman, in: Der Romanführer, hg. von J. Beer, Bd. III, 1, 1952, 231-233; H. Gorski, Der schwäb. Dichter A. Gabele, in: A. Gabele, Haus zur Sonne, 1957, 207-214; C. Winterhalter, A. Gabele zum 70. Geburtstag, in: Der Christl. Sonntag. Wochenblatt, 12. Jg., Nr. 30 vom 24. 7. 1960, 236; R. Minder, Heidegger u. Hebel oder die Sprache von Meßkirch, in: Dichter in d. Gesellschaft. Erfahrungen mit dt. u. franz. Literatur, 1966, 210-264 (passim); E. Baader, A. Gabele, in: Neue Gedenkstätten zwischen Bodensee u. Main, in: Ekkhart 1967, 197 f.; A. Gabele zum 15. Todestag, in: D. Slark, Literar. Kaleidoskop, 1982, 40-43; F. Lennartz, A. Gabele, in: Schriftsteller des 20. Jh.s im Spiegel d. Kritik Bd. 1, 1984, 547-549; A. Haase, Zwischen Kriegsende u. Währungsreform. Westdeutschland im frühen sozialkritischen Zeitroman. Diss. phil. Marburg 1989, 5-13, 100, 198 f.; Biographie A. Gabele, in: Ähren, die geblieben, (vgl. Werke), 51; M. Bosch, A. Gabele oder „Dem Kleinen getreu, dem Großen ergeben“. Kleine kritische Nachsicht bei einem Bewohner des „Bad. Geniewinkels“, in: BH 76. Jg., H. 4, 1996, 653-657; A. Heim, Meßkirch – d. „bad. Geniewinkel“, in: BH 84. Jg., H. 4, 2004, 537 f.
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