Ginter, Hermann Josef 

Geburtsdatum/-ort: 14.02.1889;  Freiburg
Sterbedatum/-ort: 03.08.1966;  Freiburg
Beruf/Funktion:
  • katholischer Geistlicher, Kunsthistoriker, Konservator
Kurzbiografie: 1908 nach vier Volksschuljahren und Besuch des Großherzoglichen Berthold-Gymnasiums Abitur; Aufnahme ins Erzbischöfliche Theologische Konvikt; Theologiestudium an der Universität Freiburg
1912 Priesterweihe in St. Peter
1912-1920 Vikar in Haslach im Kinzigtal, Oppenau und Kehl am Rhein
1920-1927 Pfarrverweser in Ludwigshafen am Bodensee
1923 Redakteur der Beilage „Bodensee-Chronik“ in der Bodenseezeitung
1926 Dr. theol. der Universität Freiburg
1927-1935 Investierter Pfarrer in Ludwigshafen
1934 Schriftleiter des „Freiburger Diözesan-Archivs“ (Kirchengeschichtlicher Verein Erzbistum
Freiburg)
1935 Redakteur der Bistumszeitschrift „St. Konradsblatt“ in Karlsruhe
1936 Dozent für Katholische Religionslehre an der Hochschule für Lehrerbildung Karlsruhe
1941 Verbot des St. Konradsblattes durch die NS-Behörden. Erste Mitarbeit bei den Denkmalbehörden im Elsaß
1942-1944 Einstellung der Religionsvorlesungen an der Lehrerhochschule Karlsruhe. Übernahme als „Wissenschaftlicher Mitarbeiter“ beim Landesdenkmalamt Straßburg („Commission des monuments historiques“)
1944 Am 23. 11. Besetzung Straßburgs durch die Truppen des Generals Leclerc. Trotz Aufenthaltserlaubnis am 12. 12. Verhaftung und Internierung
1945 Lagerpfarrer im Lager Struthof. Zwangsverschiebung nach Bellerive bei Vichy, Département Allier, Camp d'Internement „Limagne“. Ausweisung von Mutter und Schwester aus Straßburg; Unterbringung in Ibach bei Oppenau. Am 17. Sept. Entlassung aus der Internierung
1946 Pfarrverweser in Güttingen
1947 Erzbischöflicher Geistlicher Rat ad honorem
1949 Staatlicher Denkmalpfleger in den Kreisen Konstanz, Überlingen und Stockach. Konservator der kirchlichen Kunstdenkmäler (Erzdiözese Freiburg) im Staatlichen Amt für Denkmalpflege in Freiburg
1949-1958 Pfarrer in Wittnau
1951 Dozent für kirchliche Denkmalpflege (Universität Freiburg)
1952 Verleihung des Titels „Professor“ durch die Badische Landesregierung
1956 Honorarprofessor für Kunstgeschichte (Universität Freiburg)
1959 Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Päpstlicher Geheimkämmerer
1962 Goldenes Priesterjubiläum. Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Wittnau
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Eltern: Vater: Hermann Ginter, Lokomotivführer, Freiburg
Mutter: Maria geb. Laule, Freiburg
GND-ID: GND/116633573

Biografie: Hermann Brommer (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 104-107

Niemand hätte hinter dem Schüler Ginter, dem das Freiburger Berthold-Gymnasium nur „mittleres Talent mit einer gewissen Gewandtheit im äußeren Benehmen“ bescheinigte, vermutet, daß er sich zum anerkannten Kunsthistoriker und hochverdienten Betreuer des Kunstdenkmälerbestands der katholischen Kirche in Baden entwickeln werde. Während des Theologiestudiums beeinflußte ihn der seelenverwandte Universitätsprof. Dr. Joseph Sauer entscheidend. In den Dienstzeugnissen der Vikarszeit bekam Ginter von seinen Pfarrern schon bescheinigt, daß er sich seit 1910 mit der Barockkunst in Baden beschäftige und „offensichtlich außergewöhnliche Befähigung und Kenntnisse in der christlichen Kunst“ besitze. Wegen einer Lähmung seines Vaters war die elterliche Familie 1917 in Not geraten. Bei seiner Ernennung zum Pfarrverweser in Ludwigshafen am Bodensee nahm Ginter seine Angehörigen zu sich. Unter großen Anstrengungen und Entbehrungen erarbeitete er sich nebenher die Unterlagen für seine Doktorarbeit über die „Südwestdeutsche Kirchenmalerei des Barock“; sie wurde ihm „mit der ersten Note“ belohnt.
Neigung, Arbeitseifer und immer mehr sich ausbreitende Publikationstätigkeit führten Ginter zur Übernahme der Schriftleiterpositionen bei FDA und „St. Konradsblatt“, die ihn in weiten Bevölkerungskreisen bekannt werden ließen. Daß der damals als „cholerisch“ geltende Ginter in die Mühlsteine der Politik geriet, hatte nicht nur „mit seiner kirchlichen Einstellung“ während der „kommissarischen“ Dozententätigkeit an der Lehrerhochschule Karlsruhe zu tun, sondern auch mit seinem Einsatz für die Rettung elsässischer Kunstwerke während des 2. Weltkriegs. Die NS-Behörden verweigerten ihm die Anstellung als Professor und verfolgten dann seine Tätigkeit im Elsaß nur mit Mißbehagen. Unter Sabotageverdacht und nicht geringer persönlicher Gefährdung gelang ihm durch bedächtiges Verzögern die Rettung von gut 80 Prozent des gesamten elsässischen Glockenbestandes. Als „Glocken-Ginter“ wurde er deshalb beim elsässischen Klerus zur Legende. Spektakulär war auch die Sicherung der berühmten Gobelins des Straßburger Münsters, die Bischof Ruch den deutschen Machthabern im Elsaß aushändigen mußte. Als Ginter die aus der Dordogne nach Straßburg zurückgeholten kirchlichen Kunstgüter anvertraut bekam, brachte er es – zusammen mit seinem Freund Joseph Brunissen – fertig, die Gobelins in einem geheimgehaltenen Abstellraum des Odilienberges zu bergen und vor jedem Zugriff zu schützen.
Obwohl sich kirchliche und weltliche Stellen ständig für ihn einsetzten, trugen ihm die Funktionen in der elsässischen Denkmalpflege am Kriegsende Verhaftung und harte Lebenserfahrungen in französischen Internierungslagern ein. Ordinariat und Klerus der Diözese Straßburg empfanden damals sein Schicksal als Skandal. In der Rolle des Aumonier versuchte Ginter, trotzdem als Seelsorger unter seinen Leidensgenossen zu wirken. Erst die Anstrengungen von Chanoine Prof. Dr. Eugen Müller, Sénateur du Bas-Rhin, führten zu Ginters Entlassung, der für einige Wochen erneut eine liebevolle Aufnahme in den kirchlichen Kreisen Straßburgs fand und die Erlaubnis erhielt, sein Mobiliar kostenlos nach Baden zurückführen zu dürfen.
Um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, übernahm er 1946 eine Seelsorgstelle als Pfarrverweser in Güttingen. Nach dem Tod des verdienstvollen Universitätsprof. Dr. J. Sauer (1949) kam nur Ginter als Nachfolger im Amt des kirchlichen Denkmalpflegers in Frage. Zum Konservator ernannt, siedelte er wegen der Nähe zu den Amtsstellen nach Wittnau bei Freiburg über. Lehraufträge und Veröffentlichungen zeigen, wie fruchtbar sein Schaffen wieder geworden war. Aktenstudium, Fotodokumentation und Entscheidungen des Verantwortlichen für Wiederherstellung und Neugestaltung von Bauten führten immer wieder zu eigenen Veröffentlichungen. Zahlreiche Kircheninstandsetzungen der 50-er und 60-er Jahre werden mit Ginters Namen verbunden bleiben. Außerdem bescherten ihm die Kriegsschäden eine außergewöhnliche Arbeitsfülle. Manchmal war er auch als Kämpfer gefordert. So setzte Ginter die Erhaltung des Lettners und den Abriß der Betonorgelempore im Breisacher Münster durch. Aber auch um so hervorragende Baudenkmale wie das Freiburger Münster, die Kirchen der Reichenau, die St. Michaelskirche Niederrotweil und die ehemaligen Klosterkirchen St. Peter und Birnau erwarb er sich neben anderen bleibende Verdienste. Für Nordbaden sind als Beispiele gleichrangig die Jesuitenkirchen Mannheims und Heidelbergs, Stadtkirche Buchen, Peterskirche Bruchsal, Stefanskirche Karlsruhe und das ländliche Kleinod der Magdalenenkirche Tiefenbronn anzufügen. Wie sehr Ginter seine denkmalpflegerische Arbeit auch in den Dienst der Seelsorge stellte, läßt sich an seinen Bemühungen ablesen, bei der Restaurierung der Dorfkirche in Wittnau, seiner letzten Pfarrgemeinde 1951 einen originalen Barockaltar als Glanzstück des Kirchenraums neu zu verschaffen. Staat und Kirche ehrten deshalb zu Recht ihren verhandlungsgewandten, freundlichen, bei Bedarf aber auch strengen Denkmalpfleger mit besonderen Auszeichnungen.
Als Ginter mitten aus energischen Bemühungen um die Restaurierung der Wallfahrtsbasilika Birnau vor Gott gerufen wurde, riß sein Tod eine Lücke, die auch nach 25 Jahren noch nicht geschlossen ist. Ginter hatte in den Fußstapfen seines verehrten Universitätslehrers Sauer für Kirchen- und Kunstgeschichte bewundernswerte wissenschaftliche und schriftstellerische Leistungen vollbracht und als Denkmalpfleger in den beiden Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg bei gewaltigen Aufbau- und Wiederherstellungsarbeiten an den Kirchenbauten der Erzdiözese Freiburg seiner Kirche treu gedient. Sein wissenschaftlicher Nachlaß (Zettelkästen, Akten, Dia- und Fotosammlung, Bibliothek) wurde im Erzbischöflichen Archiv und im Collegium Borromaeum Freiburg geborgen.
Werke: Verzeichnis der über 160 Veröffentlichungen Ginters in: FDA 86, 1966, 557-564,<br /> Auswahl: Überlingen am Bodensee. Überlingen 1921, 9. Aufl. 1950; Sernatingen – Ludwigshafen am Bodensee. Abriß einer Dorfgeschichte, in BH 11, 1924, 52-60; Meersburg am Bodensee. Augsburg 1925. Deutsche Kunstführer 24; – Bilder aus Gengenbachs Klosterzeit in: Oberrh. Pastoralblatt 1925, 175-181; Die Wallfahrtskapelle Baitenhausen bei Meersburg, in: Birnauer Kalender 6, 1926, 5172; Südwestdeutsche Kirchenmalerei des Barock. Die Konstanzer und Freiburger Meister des 18. Jahrhunderts. Theol. Diss. Freiburg 1926; Zur Renovation in der Pfarrkirche in Ludwigshafen, in: Bodensee-Chronik 17 (1928), Nr. 22-23; Birnau am Bodensee, Augsburg 1928 (Deutsche Kunstführer 22), 10. Aufl. 1962; Die Pfarrkirche von Pfullendorf, in: Birnauer Kalender 9 (1929), 101-120; Gottfried Bernhard Götz in Birnau, in: Oberrh. Kunst 4 (1930), 55-74; Südwestdeutsche Kirchenmalerei des Barock. Die Konstanzer und Freiburger Meister des 18. Jahrhunderts. Augsburg 1930, 192 S.; Die St. Martinskapelle zu Nenzingen, in: Birnauer Kalender 12 (1932), 106-126; Peter Thumbs Akkord für Birnau, in: FDA 60 (1932), 39-54; Die christliche Kunst der drei Bezirke Stockach, Meßkirch und Pfullendorf, in: BH 21, 1934, 110-154; Beiträge zur Salemer Kunstgeschichte des Barock. Der Bau des Klosters und der Stephansfelder Kapelle durch Franz Beer, in: FDA 62, 1934, 215-263;<br /> Kloster Salem. Karlsruhe 1934, 2. Aufl., 1937; Die Kirche von Ebersmünster, in: Oberrh. Kunst X1942, 151-170; Zur Gründung der Pfarrei Durbach, in: Archiv für elsäss. Kirchengeschichte 16 (1943), 214; Kloster St. Peter im Schwarzwald. Ein Abriß seiner Kultur- und Kunstgeschichte, Karlsruhe 1949; Peter Thumbs. Kirchturmbau zu Erstein 1715/16, in: FDA 70 (1950), 116-127; Kriegsnot und Wiederaufbau in der Pfarrei Offenburg um 1700, in: FDA 69, 1950, 149-166; Necrologium Friburgense 1941-1945, in: FDA 70, 1951, 179-259; St. Märgen, 1951, Kl. Kunstführer 539, 6. Aufl. 1965; Kann man über christliche Kunst abstimmen, in: Freiburger kath. Kirchenblatt 1952, 102; Aus der Pfarrei Mimmenhausen. Ein Beitrag zum religiösen Brauchtum des Barock, in: FDA 72 1952, 74-97; Lehrkontrakt zwischen Matthias Faller und Josef Kaltenbach, in: FDA 72, 1952, 228-234; Pfarr- und Seminarkirche St. Peter auf dem Schwarzwald, 1952, Kl. Kunstführer 561, 6. Aufl. 1966; Neuzeitliche Kirchenkunst in der Schweiz, in: Anzeiger für die kath. Geistlichkeit Deutschlands 63, 1954, Nr. 2, 26-28; Der Lettner im Breisacher Münster und die Denkmalpflege, in: Nachrichtenblatt d. öffentl. Kultur- und Heimatpflege im Reg.-Bez. Südbaden 5, 1954, Nr. 1/2; St. Michael in Niederrotweil 1954. Kl. Kunstführer 599;<br /> Instandsetzungsarbeiten an St. Georg in Reichenau-Oberzell, in: Dt. Kunst- und Denkmalpflege 1956, 25-34; Neues zum Werk von J. A. Hops und J. A. Feuchtmayer. Zur Inneninstandsetzung der Pfarrkirche von Honstetten, in: Nachrichtenblatt d. öffentl. Kultur- und Heimatpflege im Reg.-Bez. Oberrhein, in: FDA 77 (1957/58), 326-332; Das Münster zu Breisach als Objekt der Denkmalpflege, in: Nachrichtenblatt d. Denkmalpflege in Baden-Württemberg 2, 1959, 44-49;<br /> Necrologium Friburgense 1956-1960, in: FDA 82/83, 1962/63, 406-517. –<br /> Ferner: Mitarbeit im LThK 1. Aufl. ab Band 3; Bearbeitung folgender Artikel in der 2. Aufl. (1957 ff.): Gengenbach. Götz, Gottfr. Bernh., Hörr, Jos., Ixnard, Pierre Michael d',Knoller, Martin, Lautenbach i. R., Münsterlingen, Sankt Märgen, Sankt Peter. Verschaffelt, P. A. v., Zeil a. H., Zürn, Jörg – außerdem auch Mitarbeiter am Lexikon der Marienkunde (I. Band abgeschlossen 1907, Pustet Regensburg).
Nachweis: Bildnachweise: in W. Müller vgl. Lit.; Nachrichtenbl. d. Denkmalpfl. in Baden-Württbg., 1959 (2)/l, 27; E. Harter-Bachmann vgl. L.

Literatur: Wolfgang Müler, Nachruf auf Professor Dr. H. Ginter, in: FDA 86/1966, 3-8; Martin Hesselbacher, In memoriam Msgr. Prof. Dr. H. Ginter, in: Nachrichtenbl. d. Denkmalpfl. in Baden-Württbg., 9 (1966), Heft 3/4; Medard Barth, Necrolog: Prälat Dr. H. Ginter von Freiburg i. Br. (1889-1966), in: Archives de l'Église d'Alsace, tome XXXII/1967-68, 315-317; ders., Monseigneur Joseph Brunissen (1884-1953) – Ein Lebensbild – Imprimerie Alsatia Colmar 1955, 63; Denise Rack-Salomon, Monseigneur Joseph Brunissen (1884-1953), in: Bibliothèque Alsatique Bischenberg Z 34, 34; Elfi Harter-Bachmann, Ehrenbürger der Gemeinde Wittnau, in: Wittnau-Biezighofen (Ortschronik), Gem. Wittnau 1986, 331-332; Francois-Joseph Fuchs, Ginter, in: Nouveau dictionaire de biographie alsacienne Nr. 13, 1988, 1090 f.
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