Ladenburg, Albert 

Geburtsdatum/-ort: 03.09.1842;  Mannheim
Sterbedatum/-ort: 15.08.1911; Breslau
Beruf/Funktion:
  • Chemiker
Kurzbiografie: 1852-1858 Besuch der Höheren Bürgerschule in Mannheim mit dem Abschluss „sehr gut“
1858-1860 Studium an der Technischen Hochschule Karlsruhe, Mathematik, Maschinenbau, moderne Sprachen
1860 Okt.-1861 Apr. Chemiestudium an der Universität Heidelberg bei Bunsen
1862 Wintersemester-1863 Studium an der Universität Berlin, Physik bei Magnus, Meteorologie, Geschichte
1863 3. Jun. Promotion zum Dr. phil. an der Universität Heidelberg, summa cum laude
1863-1864 Studium der organischen Chemie in Heidelberg bei Carius und der theoretischen Physik bei Kirchhof
1865-1867 Studium der organischen Chemie bei Aug. Kekulé, Gent, dann bei Ad. Wurtz, Paris
1868 1. Feb. Habilitation an der Universität Heidelberg, Privat-Dozent, Probevorlesung: „Darlegung der Prinzipien der Bestimmung des specifischen Gewichtes elastisch-flüssiger Körper und der Berechnung der Versuche“
1872 30. Mär. außerordentlicher Professor
1872 25. Okt. ordentlicher Professor der Chemie und Direktor des neuen chemischen Instituts an der Universität Kiel
1884-1885 Rektor
1884 4. Aug. Dr. med. h. c. der Universität Bern
1889 25. Sep. Geheimer Regierungsrat
1889 1. Okt. ordentlicher Professor der Chemie an der Universität Breslau
1897 Frühjahr Einweihung des neuen chemischen Instituts der Universität Breslau
1903 21. Sep. Vortrag „Einfluss der Naturwissenschaften auf die Weltanschauung“
1909 1.Okt. Ende der Lehrtätigkeit wegen Krankheit
1910 6. Jan. Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr., seit 1891 ev.
Verheiratet: 1875 (Berlin) Margarete, geb. Prinsheim (1855-1909)
Eltern: Vater: Leopold (1809-1889), Jurist
Mutter: Delphine, geb. Picard (1814-1882)
Geschwister: 5:
Heinrich (geb. 1840), Kaufmann in London
Louise, verheiratete von Maltzahn (geb. 1843)
Clara (1853-1862)
und weitere 2 Schwestern, geb. 1845 und 1853, beide im ersten Lebensjahr gestorben
Kinder: 3:
Erich Robert (1878-1908)
Rudolf (1882-1952)
Kurt (1884-1901)
GND-ID: GND/116643781

Biografie: Alexander Kipnis (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 168-170

Ladenburg gehörte einer angesehenen und reichen Familie an. Sein Vater, Advokat beim Obersten Gerichtshof in Mannheim, trug viel zum Gesetz über die rechtliche Gleichstellung von Juden bei. Ladenburg wurde am Sonntag, den 3. September, geboren; spätere Unterlagen geben aber den 2. September, also Samstag, an. Vielleicht wurde sein Geburtsdatum „verschoben“, weil ein „Schabbes-Kind“ im Judentum immer als besonderes Glück für die Familie gilt, wie schon im Falle von August Horstmann gezeigt. Ladenburg war der Einzige der Geschwister, der seiner Mutter sehr ähnlich war; er erbte insbesondere ihre musikalischen Neigungen, und daher stammten seine späteren guten Beziehungen zu Klara Schumann und Johannes Brahms. Ebenso wie sein Bruder besuchte Ladenburg die Höhere Bürgerschule zu Mannheim, an deren Begründung sein Vater beteiligt war. Als Schüler war er sehr erfolgreich, besonders in Mathematik, das Zeugnis der Reife bescheinigte ihm das Prädikat „sehr gut“.
Die Studienjahre Ladenburgs waren vielseitig. Er begann mit Mathematik und modernen Sprachen an der Technischen Hochschule Karlsruhe, danach folgte je ein Wintersemester in Heidelberg (Chemie und Physik) und Berlin (Physik); Promotion zum Dr. phil. in Heidelberg (Fächer: Chemie Physik und Mathematik; eine Dissertation wurde damals noch nicht verlangt), anschließend die erste selbständige Arbeit im Privatlabor von Carius und endlich ein halbjähriger Aufenthalt bei A. Kekulé in Gent, wo Ladenburg von den brennenden Problemen der Strukturchemie erfuhr. Um darüber weiter zu arbeiten, ging Ladenburg nach Paris, und hier hatte er das Glück, 18 Monate in einem sehr einfach ausgestatteten Raume der École des Mines zusammen mit Ch. Friedel zu arbeiten, der ihm, „dem Jüngeren, bald Lehrer, bald Freund, den Genuss des glücklichen Forschens verschaffte“ (Ladenburg, 1899). Damals entstanden Pionierarbeiten über siliziumorganische Verbindungen; später erweiterte Ladenburg sie auf zinnorganische Verbindungen.
Auf Grund seiner schon publizierten Arbeiten wurde Ladenburg in Heidelberg ohne besondere Schrift habilitiert. Eine der Thesen, die er für die Disputation vorbrachte, lautete: „Die sechs Wasserstoffatome des Benzols sind gleichwertig“ – damals ein durch scharfsinnige Experimente gut begründeter und sehr wichtiger Beitrag zur Strukturchemie. Ladenburg hatte als erster die bekannte Kekulésche Benzolstrukturformel publiziert und gleichzeitig Kritik an dieser geübt. Die durch ihn vorgeschlagene prismatische Struktur wurde zur stimulierenden Alternative, die jedoch nicht auf Benzol passte. Der entsprechende Kohlenwasserstoff, „Prisman“, wurde erst 1973 synthetisiert.
Bereits zur Zeit seiner Habilitation besaß Ladenburg eine breit angelegte naturwissenschaftliche Bildung. Dies war der Boden der auffallenden Vielseitigkeit seiner experimentellen und literarischen Tätigkeit, die dem noch relativ jungen Mann ermöglichte, eine glänzende Darstellung der Entwicklung der Chemie seit Lavoisier zu verfassen. In drei weiteren Auflagen hat Ladenburg dieses Werk immer wieder aktualisiert; es erschien auch in Englisch und Russisch. Außerdem las Ladenburg über organische Chemie und arbeitete in seinem Privatlaboratorium vorwiegend über Strukturchemie (aromatische Verbindungen, organische Silizium- und Zinnverbindungen).
Bald nach der Beförderung zum außerordentlichen Professor wurde Ladenburg nach Kiel als Ordinarius berufen, aber unter der Voraussetzung, dass er ein neues chemisches Institut errichte, was sich angesichts verwickelter Verhältnisse als sehr kompliziert erwies. Erst im Herbst 1878 konnte das nach Ladenburgs Plänen gebaute und ausgestattete Institut eröffnet werden. Danach fing Ladenburg seine später berühmten Forschungen über Pflanzenalkaloide an, wobei ihm die Synthese des Coniins (o-Propylpiperidin) gelang. Das war die erste vollständige Synthese eines natürlichen Alkaloids überhaupt, eine Leistung, die mit Recht zu den bedeutendsten Erfolgen der gesamten synthetischen Chemie gerechnet wird. Gleichzeitig ging Ladenburg daran, Pyridin und seine Derivate grundlegend zu untersuchen. Was er dabei leistete, war „so groß, dass sein Name dauernd mit der Geschichte dieser interessanten Basen ... verknüpft bleiben wird“ (E. Fischer).
Auch als Lehrer war Ladenburg erfolgreich; während seiner Kieler Zeit promovierten 25 Chemiker bei ihm, und noch mehr bereiteten sich zur Promotion vor, und die Autorität, die er damals gewann, wird besonders darin sichtbar, dass er 1884 zum Rektor gewählt wurde, nachdem er bereits einige Jahre lang Dekan gewesen war. Besonders seit seiner Heirat mit der ältesten Tochter eines bekannten Berliner Professors wurde das Haus der Ladenburgs ein Mittelpunkt des kulturellen, insbesondere des musikalischen Lebens der Stadt. Seine Frau stand ihm auch wissenschaftlich zur Seite. Mehrere Artikel für die „Allgemeine Deutsche Biographie“ wie auch deutsche Übersetzungen für Ostwalds Klassiker (und zwar für Nr. 22, 28 und 170) hatte sie zusammen mit ihm vollendet. Ein rührendes Zeugnis davon, wie eng beide miteinander verbunden waren: Als Ladenburg sein synthetisches Coniin in die rechts- und linksdrehenden Isomeren zerlegte, also Coniin in der optisch aktiven Form herstellen konnte, schickte er seiner Frau ein Telegramm: „Gretchen, es dreht!“
1889 verlangte Althoff, Hochschulreferent des Ministeriums, dass Ladenburg jetzt in Breslau die Chemie fördern solle. Auch dort musste Ladenburg ein neues Chemieinstitut einrichten. Der neuesten Entwicklung der Chemie entsprechend organisierte er hier auch eine Abteilung der physikalischen Chemie. Neu war, dass eine Reihe von Forschungen bei Temperatur von flüssiger Luft durchgeführt wurde. Am bedeutendsten waren hier seine Arbeiten über Ozon. 160 Studierende promovierten unter Ladenburg in Breslau zum Dr. phil.
Von 1900 bis 1910 leitete Ladenburg die Chemische Gesellschaft Breslau, seine Gründung, wo reges wissenschaftliches Leben stattfand und viele hervorragende Gäste zu Wort kamen. Geradezu explosiv wirkte sein eigener Vortrag von 1903 zum Thema „Über den Einfluss der Naturwissenschaften auf die Weltanschauung“. Er räumte den Naturwissenschaften den Vorrang gegenüber der Religion ein. Er beharrte bei dieser Position, ungeachtet aller persönlicher Anfeindungen, denen er sich ausgesetzt sah.
Traurig nimmt sich Ladenburgs Lebensabend aus: 1905 bereits musste sein rechtes Bein amputiert werden; auch der linke Fuß fing an zu erkranken. An den Rollstuhl gefesselt setzte er seine Vorlesungen fort. Doch nachdem 1908 sein ältester Sohn ertrunken und im März 1909 seine geliebte Frau gestorben war, legte Ladenburg seine Professur nieder. Auf den Tod wartend schrieb er seine Lebenserinnerungen, die postum erschienen und einen Menschen zeigen, dessen Streben nach Wahrheit stärker war, als Behutsamkeit und die Angst, sich zu beschädigen. Die seltene Vielseitigkeit des Lebens und der Aktivitäten Ladenburgs kann in seinen insgesamt etwa 320 Publikationen, darunter auch einige mit durchaus polemischem Duktus, kaum ermessen werden. Längst klassisch geworden sind seine Arbeiten in der Strukturchemie, über organische Silizium- und Zinnverbindungen, herausragend aber und in fast allen Enzyklopädien der Welt die Bedeutung dieses Forschers unterstreichend sind seine Forschungen über Alkaloide.
Quellen: StadtA Mannheim 12/1982, Nr. 143 u. 68/1993, Nr. 2; UA Heidelberg, Matrikel PA 1888, H-IV-102/68, Nr. 37; GLA Karlsruhe 76/9979; UB Heidelberg Hs 3628, a20-a22, 3835, 6.
Werke: Verzeichnis von W. Hertz in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 44, 1911, 3597-3644. – Auswahl: Eine neue Methode d. Elementaranalyse, Ann. Chem. Pharm. 135, 1865, 1-24; (zus. mit Ch. Friedel), Über die Synthese eines Kohlenwasserstoffs u. dessen Constitution, ebd. 142, 1867, 310-322; Über das Siliciumchloroform u. dessen Derivate, ebd. 143, 1867, 118-128; Bemerkungen zur aromatischen Theorie, Berr. d. Dt. Chem. Ges. 2, 1869, 140-142; Vorträge über die Entwicklungsgeschichte d. Chemie in den letzten hundert Jahren, 1869, 2 1887, 1902 3. Aufl., 1907 4. Aufl.; Über Zinnverbindungen, Berr. d. Dt. Chem. Ges. 3, 1870, 353-358; Künstliches Atropin, ebd., 12, 1879, 941-944; Synthese d. activen Coniine, ebd. 19, 1886, 2578-2583; Über das Ozon, ebd., 31, 1898, 2508-2513, 2830-2831; Charles Friedel, ebd. 1899, 32, 3721-3744; Über das Atomgewicht des Jods, ebd. 35, 1902, 2275-2285; Handwörterb. d. Chemie, Bde. 1-13, (Encyclopädie d. Naturwissenschaften, Bde. 16-26, 36), 1882-1895 (Hgg. u. Verfasser); Naturwissenschaftliche Vorträge in gemeinverständlicher Darstellung, 1909, 1911 2. Aufl.; Lebenserinnerungen, 1912.
Nachweis: Bildnachweise: UA Heidelberg; UB Heidelberg (Chem. Inst.); Kekulé u. seine Benzolformel, Vier Vorträge, 1966, 53 (vgl. Lit.).

Literatur: W. Hertz, A. Ladenburg †, Chem. Ztg. vom 26. 8. 1911, 933 f. (mit Bild); C. Liebermann, A. Ladenburg †, Berr. d. Dt. Chem. Ges. 44, 1911, 2807-2810; W. Hertz, A. Ladenburg †, ebd. 45, 1912, 3597-3644 (mit Bild u. Bibliographie); F. S. Kipping, Ladenburg memorial lecture, Journal of the Chem. Soc. 103, 1913, 1871-1895 (mit Bild); E. Zerner, A. Ladenburg, Biogr. Jb. u. Dt. Nekrolog für 1911, Bd. 16, 171-178; Florian Waldeck, Alte Mannheimer Familien, 1920, Neudruck 1987; W. Schneider, A. Ladenburg u. seine ersten alkaloidchemischen Untersuchungen, Pharmazeutische Industrie 16, 1954, 184-186; A. A. Baker, Ladenburg, Dictionary of Scientific Biography, vol. VII, 551 f.; C. Priesner, Ladenburg in: NDB 13, 1982, 390 f.; G. P. Schiemenz, A. Ladenburg u. die „Kekulé-Formel“ des Benzols. Mitteil. d. Fachgruppe Geschichte d. Chemie d. Ges. Dt. Chemiker Nr.1, 1988, 51-69.
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