Langhein, Carl Johannes Louis 

Geburtsdatum/-ort: 29.02.1872; Hamburg
Sterbedatum/-ort: 26·1942-06-26.06.1940; Hadamar, bestattet in Otterndorf, Opfer der NS-Euthanasie
Beruf/Funktion:
  • Graphiker und Maler
Kurzbiografie: 1879–1886 Öffentliche Volksschule des 8. Schulbezirks in Hamburg
1886–1890 Ausbildung als Lithograph in d. Kunstanstalt A. G. Wandsbek-Hamburg, vormals Gustav W. Seitz, ab 1888 gleichzeitig Besuch d. Allg. Gewerbeschule zu Hamburg u. Zeichenunterricht
1890–1891 Chromolithograph in d. Lithographischen Kunstanstalt Kaufbeuren im Allgäu, vormals Hans Kohler & Co.
1891–1896 Studium an d. Königl. Kunstschule zu Berlin bei Robert Warthmüller (1859–1925) bis 1892, dann an d. Karlsruher Kunstakademie bei Carlos Grethe (1864–1913) u. Robert Poetzelberger (➝ II 218)
1895–1912 Leiter d. Lithographiewerkstatt d. Karlsruher Kunstakademie
1897–1926 Gründung u. Leitung d. „Steindruckerei Langhein – Kunstdruckerei für den Künstlerbund Karlsruhe“, 1898 übernommen von d. „G. Braunschen Hofdruckerei“ Karlsruhe
1900–1912 Dozent für Lithographie an d. Kunstgewerbeschule, Malerinnenschule u. am Polytechnikum in Karlsruhe
1906 Professorentitel durch den Großherzog von Baden; Bau eines Atelierhauses in Otterndorf
1907 Mitbegründer des „Deutschen Werkbundes“
1910 Übersiedlung von Karlsruhe nach Ettlingen
1912 endgültige Übersiedlung nach Otterndorf
1914–1918 Marinemaler
nach 1918 freischaffender Künstler, Werbegraphiker u. Designer
1926 schwere Erkrankung
1941 Verlegung von Herborn nach Hadamar u. Ermordung
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1898 (Karlsruhe) Anna Elisabeth, geb. Schmider (1877–1956)
Eltern: Vater: Carl Jacob Martin (1846–1914), Tapezierer u. Dekorateur, nach 1880 ausgewandert nach Newark, New York, USA
Mutter: Louise Catharina Maria, geb. Westphal (1849–1873)
Geschwister: 2?; Minna u. Marie, Halbschwestern in den USA, geb. nach 1880
Kinder: 3; Johann Hinrich Leopold (1899–1973), Agrarökonom, Landwirtschaftsrat im Reichsernährungsministerium Breslau bis 1944, später Landwirtschaftsrat im Landkreis Hadeln/Otterndorf; Luise Theres (1900–1979), verh. mit einem Bankier in Bremen gesch. in den Kriegsjahren; Klaus (1902–1975), Schiffbauingenieur,Inhaber einer Kleinwerft in Danzig bis ca. 1945, später Gründer einer Werft in Otterndorf
GND-ID: GND/116724242

Biografie: Clemens Ottnad (Autor)
Aus: Badische Biographien. Neue Folge 6, S. 242-245

Nach der grundlegenden handwerklichen Ausbildung und erster Berufspraxis als technischer Lithograph in Hamburg und im bayerischen Kaufbeuren und einem kurzen Zwischenaufenthalt in Berlin nahm Langhein 1892 das Studium der freien Kunst an der Karlsruher Kunstakademie auf. Mit seinen Akademielehrern Carlos Grethe und Robert Poetzelberger traf er dabei auf eine progressiv ausgerichtete künstlerische Ausbildung, die der historisierenden Salonmalerei, wie sie noch Ferdinand Keller (➝ I 189) vertrat, stilistische Entwicklungen entgegensetzte, die mehr dem Impressionismus und Jugendstil verhaftet waren. Die Unterstützung durch den ebenfalls an der Kunsthochschule tätigen Leopold von Kalckreuth (1855–1928), der Langheins außergewöhnliche Begabung rasch bemerkte und sich besonders für einen zeitgemäßen Gebrauch druckgraphischer Techniken engagierte, beförderte die Laufbahn des jungen Studenten entscheidend. So wurde Langhein nach Kalckreuths Berufung zum Professor bereits 1895 dessen Assistent und übernahm die Leitung der Lithographiewerkstatt der Akademie. Als langjähriger Werkstattleiter prägte er Generationen von Studierenden, bis ihm 1912 Hellmut Eichroth (vgl. S. 84) auf dieser Stelle nachfolgte. Sowohl innovativ bildnerisch als auch mit fundierten technischen Kenntnissen trug Langhein entscheidend dazu bei, die Druckgraphik, insbesondere die Farblithographie, aus ihrer Funktion als reines Reproduktionsmedium zu lösen und in ein wichtiges selbständiges künstlerisches Ausdrucksmittel des 20. Jh.s zu verwandeln. Er knüpfte damit an Bestrebungen an, die in Frankreich bereits in den 1880er Jahren etwa von Henri Toulouse- Lautrec (1864–1901) mit der Schaffung des eigenhändigen, aufwendig gestalteten Künstlerplakates verfolgt worden waren.
Bereits frühzeitig erhielt Langhein aufgrund seiner Begabung und seines Einsatzes für druckgraphisches Arbeiten während seines Studiums finanzielle Förderungen. Stipendien wie das der „Averhoffschen Stiftung“ oder der „Patriotischen Gesellschaft“, beide Hamburg, ermöglichten ihm Mitte der 1890er Jahre die Teilnahme an zahlreichen von Karlsruhe aus unternommenen Studienfahrten. Neben Arbeitsaufenthalten bei einflussreichen älteren Künstlerkollegen wie Adolf Hoelzel (1853–1934) in Dachau zogen ihn besonders die Malreisen an die norddeutsche Küstenlandschaft an. In deren Folge entstand ab 1895 im Umfeld einiger Studenten von Carlos Grethe in der Region um Duhnen, Altenwalde und Cuxhaven eine Künstlerkolonie Karlsruher Maler. In Begleitung von Eduard Euler (1867–1931) und anderen Malerfreunden hielt sich Langhein ab 1896 mehrfach auch in Altenbruch auf, bevorzugte jedoch bald die Ortschaft Otterndorf an der Medem. Hier fand er die für ihn lebenslang charakteristischen Motive weiter Horizonte von Marschen- und Wattlandschaften vor. Mit den Mitteln der Ölmalerei, von Aquarell, Zeichnung vor der Natur und deren späterer Umsetzung im Atelier in die Lithographie setzte er sich intensiv mit den schnell wechselnden Klimasituationen über dem Meer auseinander. Wie Edvard Munch (1863–1944), Emil Nolde (1867–1956) oder den zwischenzeitlich nach Süddeutschland übersiedelten Maler und Holzschneider Wilhelm Laage (1868–1930) faszinierten Langhein an der norddeutschen Küste die Eigendynamik von Licht, Farbe und Bewegung der Wasseroberflächen und Wolken. Die wie zufällig in die Darstellung eingefügten miniaturischen Rückenfiguren auf Deichen oder Stegen sowie die mit nautischem Detailinteresse geschilderten Boote und Schiffe vermitteln dabei ein melancholisch nachromantisches Ideal.
Zurück in Karlsruhe waren es wiederum Kalckreuth und Grethe, die 1897 Langhein tatkräftig bei der Gründung der „Steindruckerei Langhein“ unterstützten, deren Leiter er auch nach der Übernahme durch die „G. Braunsche Hofdruckerei“ im folgenden Jahr blieb. In ein ertragreiches Unternehmen umgewandelt wurde sie bald unter dem Namen „Kunstdruckerei Künstlerbund Karlsruhe“, kurz „KKK“, bekannt, deren Vertrieb ab 1901 die Leipziger Verlage B. G. Teubner und R. Voigtländer besorgten. Ein Großteil der Lithographien des Karlsruher Künstlerbundes wurden hier gedruckt und damit die druckgraphischen Hauptwerke der bedeutendsten Karlsruher Künstler dieser Zeit verlegt. Zu ihnen gehörten, neben Langheins Akademielehrern und seinen eigenen, diejenigen von Franz Hein (1863–1927), Friedrich Kallmorgen (➝ III 141), Gustav Schönleber (➝ II 251) und Hans Thoma (➝ II 278). Aus wirtschaftlichen wie aus kunstpädagogischen Gründen wurden dabei ausgewählte Lithographien sowohl als exklusive handsignierte Handpressendrucke in kleiner Auflage als auch in Großauflagen von bis zu 10 000 Exemplaren mit der Schnellpresse hergestellt. Nach der Spaltung der Karlsruher Künstlerschaft im Jahr 1896 und der von Kalckreuth u. a. betriebenen Gründung des „Karlsruher Künstlerbundes“ entsprach die weite Verbreitung von Künstlergraphik den allgemeinen kunstreformerischen Bewegungen der Zeit, „Kunst für Alle“ zu schaffen. Diese sollte neben der freien Kunst alle Bereiche der angewandten Künste, wie Buchgestaltung, Möbel- und Textildesign auch die Innenarchitektur einschließen. Die qualitätsbewusste Produktion hoher Auflagendrucke machte den Erwerb anspruchsvoller Kunstwerke für möglichst viele gesellschaftliche Schichten erschwinglich. Wanderten im Streit mit den konservativen Kräften im Umkreis der Karlsruher Akademie mit Grethe, Kalckreuth und Poetzelberger 1899 auch die maßgeblichen Mentoren Langheins nach Stuttgart ab, blieb dieser selber doch noch lange Jahre in seinem Amt. Nachdem er mit dem Lithographieunterricht an der Kunstgewerbeschule, der Malerinnenschule sowie am Polytechnikum bereits eine reichhaltige Lehrtätigkeit im Karlsruher Raum vorzuweisen hatte, wurde er 1906 zum Professor der bad. Akademie berufen. Erst als im Jahr 1912 mit Hans Thoma ein weiterer wichtiger Verfechter der originalen Künstlergraphik Karlsruhe verließ, reichte Langhein am 25. Februar 1912 sein Entlassungsgesuch an den bad. Kultusminister Franz Böhm (➝ V 23) ein. Teilhaber und Technischer Leiter der von ihm gegründeten Kunstdruckerei blieb er aber weiterhin.
Mit der Professorenstellung an der Karlsruher Akademie sowie dem Erwerb aus diversen Nebentätigkeiten finanziell abgesichert realisierte Langhein einen lange gehegten Wunsch. Nach seinen Gestaltungsvorgaben ließ er ab 1906 ein kleines Atelierhaus in seiner niederelbischen Wunschheimat Otterndorf errichten. In diesem verbrachte er vom folgenden Jahr an gewöhnlich die vorlesungsfreie Zeit und pendelte zwischen Süd- und Norddeutschland hin und her. Als dauerhaftes Zuhause war dieses Arbeitsrefugium allerdings für eine fünfköpfige Familie schnell zu beengt geworden, so dass Langhein schon 1911 den Bau eines großräumigen Herrensitzes in unmittelbarer Nachbarschaft zum Atelier in Angriff nahm. Dem Ideal des Jugendstils entsprechend, ein möglichst alle Lebensbereiche umfassendes „Gesamtkunstwerk“ zu schaffen, wirkte der Künstler bei den architektonischen Entwürfen sowie bei der Gestaltung der Inneneinrichtung entscheidend mit. In Erinnerung an seine Heimatstadt Hamburg taufte er das Anwesen auf den Namen „Haus Hochkamp“, das nach umfangreichen Umbaumaßnahmen zwischen 1982 und 1984 der Stadt Otterndorf heute als denkmalgeschützte Jugendherberge dient. Nach der Aufgabe seines Akademiepostens in Karlsruhe zog Langhein 1912 mit seiner Familie von Ettlingen endgültig nach Norddeutschland, auch wenn ihm die Leitung der Karlsruher Steindruckerei noch bis 1926 eine vielfältige Reisetätigkeit bescherte.
Während des I. Weltkrieges arbeitete Langhein als Marinemaler an patriotisch gesinnten militärischen Darstellungsgenren und stattete propagandistische Publikationen wie „Minensucher an die Front!“ mit Illustrationen aus. Aufgrund seines besonderen Einsatzes erwarb er trotz fortgeschrittenen Alters das Patent als „Leutnant der Seewehr, 1. Aufgebot der Matrosenartillerie“ und wurde mit dem Hanseatenkreuz ausgezeichnet. Nach Kriegsende fanden sich jedoch aufgrund der allgemeinen ökonomischen Lage für freie künstlerische Arbeiten kaum Absatzmöglichkeiten; die Blüte der Originalgraphik war ebenso abrupt zum Ende gekommen und hatte ihren kunstsoziologischen Stellenwert gänzlich verloren. Zwangsläufig wandte sich Langhein darum Brotarbeiten als Werbegrafiker für diverse Industrieunternehmen zu und gestaltete Werbesachen für die Hapag-Lloyd in Hamburg oder die Anckerwerke in Delmenhorst. Er wirkte auch in zahlreichen Bereichen als Designer für Notgeld, so in Otterndorf 1920, für Teppichentwürfe und Linoleumbeläge.
In den 1920er Jahren erlitt Langhein eine schwere Erkrankung, die medizinisch nicht fachkundig diagnostiziert wurde und zu einem chronischen psychischen Leiden führen sollte. Ab ca. 1927 in einer Lüneburger Anstalt behandelt deutet die Krankenakte auf eine stetig sich verschlechternde Demenzerkrankung hin. Im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms ist Langhein 1941 von Herborn nach Hadamar verlegt worden, wo er vermutlich am 26. oder 27. Juni 1941 in einer der Gaskammern ermordet wurde.
Langhein stammte aus einer im 17. Jh. aus Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg eingewanderten Familie, an die in der Hansestadt heute nur noch die „Langhein-Straße“ in Poppenbüttel sowie die „Langhein-Kate“ am Schulbergredder erinnern. In Otterndorf ist dem Künstler selbst seit 1996 ein „Prof.-Carl-Langhein-Weg“ gewidmet. Verglichen mit anderen zeitgenössischen Erneuerern und Förderern der Druckgraphik um 1900, wie Hans Thoma oder Leopold von Kalckreuth, scheint Langhein zu Unrecht weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Dies hängt allerdings weniger mit der Bedeutung seines eigenen bildnerischen Werkes zusammen als mit dem Imageverlust, den die Künstlergraphik seit den 1970er Jahren durch die Massenproduktion marktgänger Billigware erlitten hat. Mit der seinerzeit das Druckwesen revolutionierenden Entwicklung der Offsetlithographie sowie nachfolgender digitaler Druckverfahren ist heute der künstlerische Steindruck von Hand völlig in den Hintergrund getreten. Er wird nur noch vereinzelt an dt. Kunsthochschulen unterrichtet und von wenigen Künstlern auf hohem künstlerischem Niveau als selbständiges Ausdrucksmedium verwandt.
Die von einem Nachfahren Langheins im Jahr 2000 in Hamburg ins Leben gerufene „Prof. Carl Langhein Stiftung“ hat sich daher nicht allein zum Ziel gesetzt, das Œuvre Langheins und das ihm nahestehender Künstlerkollegen in Erinnerung zu halten, weitere Sammlungsbestände aufzubauen, dieselben auszustellen und wissenschaftlich zu bearbeiten. Neben der Vergabe von Stipendien zur Aus- und Fortbildung des Künstlernachwuchses soll vielmehr sein herausragender Anteil an der Verbreitung der Künstlerlithographie sowie an den kunstreformerischen Bestrebungen zu Beginn des 20. Jh.s gewürdigt werden. „Sein Wirken [ist] ein typisches Beispiel für eine Künstlergeneration, die sich nicht auf ein einzelnes Medium beschränkte, sondern die künstlerische Entfaltung und ästhetische Durchdringung aller Lebensbereiche als wesentliche Aufgabe betrachtete.“ (Präambel zur Satzung der „Prof. Carl Langhein Stiftung“, 2000).
Quellen: GLA Karlsruhe 235/31663, 235/40214; Prof. Carl Langhein Stiftung, Hamburg, künstlerischer Nachlass mit über 50 Gemälden, Papierarbeiten, Skizzenbüchern u. druckgraphischen Werken u. schriftlicher Nachlass, darunter „Das Maler-Hauptbuch“ mit dem WV d. in d. Zeit 1909–1920 entstandenen Arbeiten.
Werke: Staatl. Kunsthalle Karlsruhe; Heimatmuseum Otterndorf; Stadtverwaltung Otterndorf; Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung.
Nachweis: Bildnachweise: 1907 – Einhundert Jahre, 2007, 1, 5, 10, 13, .Fotographien u. Selbstportraitgemälde aus d. Zeit 1907–1917 (vgl. Literatur).

Literatur: Bibliographie in: Vollmer 3, 1956, 169. – Auswahl: Dresslers Kunstjahrbuch 1913, 743; Josef A. Beringer, Bad. Malerei 1770–1920, 1922, 184; ThB 22, 1928, 344 f.; 100 Jahre Akademie d. Bildenden Künste Karlsruhe, AKat. Bad. Kunstverein Karlsruhe 1954, Bd. I, 21, Bd. II, 9; Gerhard Wietek, Dt. Künstlerkolonien u. Künstlerorte, 1976, 121; Kunst in Karlsruhe 1900–1950, AKat. Bad. Kunstverein Karlsruhe 1981, 156; Peter Bussler, Malerparadies auf Zeit – Duhnen-Altenwalde-Altenbruch, 1986, 31, 56–61, 89–91, 116–118; Henrike Junge, Wohlfeile Kunst – Die Verbreitung von Künstlergraphik seit 1870 u. die Griffelkunst-Vereinigung, 1989, 524 f.; Peter Bussler, Ein Otterndorfer als Vorreiter d. kunstpädagogischen Reformbewegung, in: Haduloha – Geschichte, Literatur u. Kunst an Elbe u. Oste 1995, 4–7; Dt. Biographie Enzyklopädie, DBE, 6, 1997, 246; Hg. Prof. Carl Langhein Stiftung, 1907 – Einhundert Jahre Carl Langhein in Otterndorf, AKat. Galerie in d. Stadtscheune. 2007.
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