Lanz, Karl Wilhelm Konstantin Philipp 

Geburtsdatum/-ort: 18.05.1873;  Mannheim
Sterbedatum/-ort: 18.08.1921;  Mannheim
Beruf/Funktion:
  • Industrieller
Kurzbiografie: Bis 1892 Besuch des Karl-Friedrich-Gymnasiums Mannheim, Abitur
1892 Einjährig-Freiwilliger bei der 4. Eskadron des 2. Rheinischen Husaren-Regiments. Nr. 9
1894-1897 Studium an der Technischen Hochschule Hannover Abteilung III für mechanisch-technische Wissenschaft; danach in Karlsruhe und (Berlin-)Charlottenburg; Examen
1897 Eintritt in Maschinenfabrik seines Vaters
1898 Seconde-Lieutenant der Reserve im 3. Schlesischen Dragoner-Regiment Nr. 15 in Hagenau
1905 Tod des Vaters und Übernahme der Fabrikleitung
1907 Einweihung des Heinrich-Lanz-Krankenhauses in Mannheim als Familien-Stiftung; Mitglied des Verbands landwirtschaftlicher Maschinen-Prüfungs-Anstalten
1908 Bau einer Werft für Luftschiffe in (Mannheim-)Rheinau
1909 Stiftung der Akademie der Wissenschaften an der Universität Heidelberg; Gründung der Gesellschaft „Luftschiffbau Lanz und Schütte“
1910 Stiftung eines Preises zur Unterstützung der deutschen Luftfahrt-Ingenieure
1911 beratendes Mitglied in der Geräte-Abteilung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft; Fertigstellung des ersten Luftschiffs System Schütte-Lanz
1914 Aug.-1916 Jun. Kriegsdienst; Oberleutnant, ab Nov. 1914 Rittmeister der Reserve bis zur Zurückstellung aus dem Militärdienst
1914 Gründung einer Flugzeug-Bauabteilung
1915 Bau von Flugzeugen im Werk Zeesen bei Berlin
1916 Erwerb der Landmaschinenfabrik Wery AG in Zweibrücken; Heinrich-Lanz-Gedächtnis-Fonds zur Unterstützung der Mannheimer Handelshochschule
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Auszeichnungen: Badische Friedrich und Luisen-Medaille; Königlich-Bayerischer Verdienstorden vom Heiligen Michael III. Klasse (1907); Kommandeurs-Kreuz II. Klasse; Sächsisch-Ernestinischer Hausorden; Oldenburgisches Ehrenkomtur-Kreuz II. Klasse; Badisches Zähringer-Kommandeurs-Kreuz II. Klasse; militärischer Verdienstorden I. Klasse; Ernennung zum Dr. sc. nat. h. c. der Universität Heidelberg (1909); Ehrenbürger von Friedrichshafen (1910); Kommandeurs-Kreuz des Königlich-Belgischen Kronen-Ordens (1912); Königlich-Preußischer Roter Adler Orden II. Klasse (1913); Eisernes Kreuz II. Klasse (1915); Geheimer Kommerzienrat (1917)
Verheiratet: 1903 (Mannheim) Eleonora Gisella, geb. Giulini (1885-1980), Tochter des Industriellen Paul Giulini (1856-1899)
Eltern: Vater: Heinrich (1838-1905) Fabrikant
Mutter: Julia, geb. Faul (1843-1926)
Kinder: 5:
Margot (1906-1995)
Heinrich, 1920 umbenannt in Johann Peter (1909-1942, gefallen)
Renate (geb. 1914)
Sigrun (geb. 1917)
Giselher (geb. 1920)
GND-ID: GND/116731656

Biografie: Joachim Schaier (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 173-176

Lanz war ein Industrieller und Mäzen, der zwar öffentlich kaum in Erscheinung trat und zurückgezogen lebte, aber umso nachhaltiger in seinem Wirken präsent war. Er leitete ein international arbeitendes Unternehmen, förderte vielseitig die junge deutsche Luftfahrt und stiftete namhafte Geldbeträge für Wissenschaft und Gesellschaft. Der lange Schatten seines berühmten Vaters und Firmengründers Heinrich Lanz verdeckt zu Unrecht seine Person, die doch so vielseitig und eindringlich das industrielle Leben Mannheims und seiner Umgebung prägte.
Nach Abitur und Studium des Maschineningenieurwesens trat Lanz 1897 in die väterliche Fabrik in Mannheim ein. Das Unternehmen „Heinrich-Lanz & Co“ exportierte seine Produkte in alle Welt: Dampfdreschmaschinen, Lokomobilen, Strohpressen und andere Landmaschinen, die sich durch hohe Zuverlässigkeit und Sicherheitsstandards auszeichneten. Der Vater zählte dank seines Unternehmergeistes bald zu den vermögendsten Männern Badens. Dabei setzten er und seine Familie beträchtliche Summen ein, um das gesellschaftliche Leben Mannheims zu fördern. Er hatte dazu beigetragen, die Stadt schon 1900 zu einem bedeutenden Industrie- und Handelsstandort zu machen. In diesem Unternehmen lernte der Sohn das Geschäftsleben von Grund auf kennen, wobei ihm seine Ausbildung zum Ingenieur zugute kam. 1905 starb sein Vater, und Lanz übernahm im selben Jahr die Leitung der Firma, von der einige Werksteile nach Mannheim-Lindenhof übersiedelten. 1909 wurde die Fabrik in eine OHG umgewandelt, deren Mitinhaber sämtlich Lanz' Familienmitglieder waren. Zu diesem Zeitpunkt zählte das Unternehmen 4 335 Mitarbeiter. Die Produktpalette wurde um Erntemaschinen und Motorpflüge erweitert. Technische Neuheiten zeugten von der Leistungsfähigkeit der Lanzschen Konstrukteure. So wurde etwa auf der Brüsseler Weltausstellung von 1910 die mit 1 000 PS größte Lokomobile ihrer Zeit vorgestellt. 1912 ging der Landbaumotor Lanz in Produktion. Die Fabrik wies nun 4 171 Arbeiter auf. Seit 1914 stellte das Unternehmen auf Rüstungsgüter um und lieferte Kettenzugmaschinen, Radschlepper, Dampfzuglokomobilen, Torpedomaschinen und Minen. Lanz selber zog 1914 als Rittmeister der Reserve an die Westfront. Er tat Dienst als Adjutant bei der Etappeninspektion der 7. Armee und erlebte vom Januar bis März 1916 die Stellungskämpfe an der Aisne (Verdun-Offensive). Am 29. Juni 1916 wurde Lanz aus dem Militärdienst entlassen, weil er als Firmenchef die kriegswichtige Produktion in Mannheim leiten musste. Im selben Jahr wurde ein neuer Werkstoff, der Lanz-Perlitgrauguss entwickelt, der stahlähnliche Eigenschaften besaß. Während des Weltkriegs vergrößerte Lanz das Firmenimperium um die Wery AG in Zweibrücken, die Erntemaschinen baute. Kurz nach dem Krieg wurde die Zentrifugenabteilung aus dem Mannheimer Werk ausgegliedert und unter der Bezeichnung Schwarzwaldwerke Lanz KG in Vöhrenbach bei Villingen selbständig organisiert. Im Todesjahr von Lanz, 1921, stellte sein Unternehmen den ersten Rohölackerschlepper der Welt vor, den Fritz Huber erdacht hatte. Er ging als „Lanz-Bulldog“ in die Geschichte der Technik ein. Lanz hatte somit die Arbeit seines Vaters erfolgreich fortgeführt und die Fabrik zum führenden Unternehmen Europas im Bereich Landmaschinentechnik gemacht. Im Jahre 1925 beschäftigte das Werk 4 094 Arbeiter. Nur amerikanische Hersteller waren bedeutender. Das Unternehmen trug damit zur Mechanisierung und Maschinisierung der Landwirtschaft bei, die allerdings in Deutschland insgesamt nicht die Verbreitung fand wie in den USA. Der Firmenchef und Ingenieur Lanz selber stellte der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft DLG (gegründet 1885 in Berlin) seine reiche Erfahrung zur Verfügung, indem er im Ausschuss der Geräteabteilung tätig war.
Erstaunlich ist, dass Lanz darüber hinaus großes Interesse für die Luftfahrt zeigte und mit anderen Zeitgenossen wie dem Grafen Zeppelin weitsichtig ahnte, dass Flugapparate die Verkehrsmittel der Zukunft sein würden. Auf Vorschlag seines kaufmännischen Direktors und Prokuristen Paul Zabel stellte Lanz die finanziellen und produktionstechnischen Kapazitäten seines Mannheimer Werkes für den Luftschiffbau zur Verfügung. Die Konstruktionsarbeit erledigte Professor Johann Schütte (1873-1940) aus Oldenburg, eigentlich ein Schiffbauingenieur, der seit 1904 an den Technischen Hochschule in Danzig und Berlin lehrte. Mit ihm schloss Lanz 1909 einen Kooperationsvertrag. Im selben Jahr wurde die Gesellschaft „Luftschiffbau Lanz und Schütte“ gegründet. Die hydrodynamischen Versuche, die Johann Schütte 1899 im italienischen La Spezia durchgeführt hatte, kamen der Formgebung des künftigen Schütte-Lanz-Luftschiffes zugute, die aerodynamisch ausgereifter war als die des Zeppelins. Ein weiteres Merkmal des Schütte-Lanz-Luftschiffs war sein starres Gerüst, das zunächst aus Holzleisten bestand. Die Herstellung des Luftschiffs seit 1909 erfolgte in einer eigens errichteten Halle in Mannheim-Rheinau. 1911 stieg das erste Schütte-Lanz-Luftschiff „SL.1“ empor. Es fasste 19 500 cbm Gas. 1912 kaufte es die deutsche Heeresverwaltung. Der drohende Verkauf des Luftschiffs an das Ausland mag beim Erwerb mitgeholfen haben. Ein Jahr später kam sogar ein Vertrag mit dem Kriegsministerium zustande, das weitere Schütte-Lanz-Luftschiffe orderte. Damit hatten die Zeppelin-Luftschiffe Konkurrenz erhalten. Nach Kriegsende baute Schütte-Lanz noch bis 1924 Luftschiffe. Insgesamt wurden 22 Schiffe bis 1920 realisiert. Trotz vieler Verbesserungen hatten sich die „Luftkreuzer“ Lanzscher Bauart insgesamt nicht bewährt. Die geleimte Holzkonstruktion, die später durch Aluminiumrohre ersetzt wurde, war sehr witterungsanfällig. Die Knicksteifigkeit ließ ebenfalls zu Wünschen übrig. Steighöhe und Tragfähigkeit waren gering.
Das Kriegsgeschehen machte ohnehin bald deutlich, dass Luftschiffe den Flugzeugen unterlegen waren. Auch diesem Luftfahrzeug gehörte schon früh das Interesse von Lanz Um 1900 befand sich die Motorfliegerei noch in den Kinderschuhen. Amerikanische und französische Konstrukteure führten das Feld an, und Lanz wünschte, dass vergleichbare Anstrengungen auch in Deutschland unternommen würden. Deshalb lobte er 1908 einen „Lanz-Preis der Lüfte“ aus. Das Flugzeug musste von einem Deutschen konstruiert werden, in Deutschland hergestellt und von einem Deutschen gesteuert werden. Den Preis im Wert von 40 000 Mark gewann am 30. Oktober 1909 auf dem Flugfeld von Berlin-Johannisthal der bekannte Magdeburger Flugpionier Hans Grade (1879–1946). Es blieb nicht bei der finanziellen Förderung des Luftverkehrswesens. Schon 1914 begann Lanz in seiner Luftschiffwerft auch Flugzeuge zu bauen. Zusätzliche Montagehallen entstanden in Darmstadt und Leipzig. Bis 1923 wurden 1 000 Maschinen hergestellt. Die Produktion kam durch die Verbote im Versailler Vertrag zum Erliegen. Schließlich förderte Lanz auch den Bootsbau, indem er Preise für Motorboote aussetzte und die Rhein- (1907/08) und Bodensee-Wochen (1908/10) veranstaltete.
Neben der Förderung der Technik engagierte sich Lanz auch als Mäzen der Wissenschaft. So wurde er auf Betreiben verschiedener Heidelberger Ordinarien und anderer Persönlichkeiten 1909 Stifter der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Er stellte zu dem Zweck die außergewöhnlich hohe Summe von einer Million Mark zur Verfügung. Lanz versprach sich davon, das Ansehen der Lanzschen Fabrik zu festigen und die Wissenschaft für technische Anwendungen nutzbar zu machen. Die naturwissenschaftlich-mathematische Fakultät der Universität dankte ihm dieses Engagement am 30. Juni 1909 mit der Ehrendoktorwürde. In seiner Heimatstadt Mannheim richtete er einen Fonds ein für die Unterstützung der Handelshochschule. Außerdem weihte er 1907 als Familienstiftung das Heinrich-Lanz-Krankenhaus, das auf eine Initiative seines Vaters zurückging, ein. Dort verstarb Lanz im Alter von nur 48 Jahren. Der frühe Tod und die chaotischen Nachkriegsjahre verhinderten schließlich den Bau einer Arbeitersiedlung in Mannheim.
Quellen: Nachlass K. Lanz u. Militärakten im GLA Karlsruhe; A John-Deere-Werke Mannheim; UA Heidelberg; Landesmuseum Oldenburg, Nachlass d. Firma Schütte-Lanz; UA Hannover.
Werke: Wo liegen die Schwierigkeiten d. Motorpfluges u. des Bodenfräsers, einige Entgegnungen, in: Mitt. d. Dt. Landwirtschafts-GeselIschaft 28. Jg., 1913, Stück 19, 276-279.
Nachweis: Bildnachweise: Portraitfoto im StadtA Mannheim; Bronzebüste im Landesmuseum für Technik u. Arbeit, Mannheim.

Literatur: Stat. Landesamt Karlsruhe (Hg.), Die Industrie in Baden im Jahr 1925, 1927; Erich Gossow, K. W. Lanz , in: Dt. Biogr. Jahrb. Bd . 3, 1927, 178-180; Hermann Schäfer, Lanz, in: NDB 13, 1932, 624 f.; Dorothea Haaland, Der Luftschiffbau Schütte-Lanz Mannheim-Rheinau 1909-1925, 1987; Kurt Häfner, Lanz Firmenchronik, Dampfmaschinen, Benzinzugmaschinen, Verdampferbulldogs von 1859 bis 1929, 1987; Willy A. Boelcke, Wirtschaftsgeschichte B-W.s von den Römern bis heute, 1987; Förderkreis histor. Grabstätten e. V. (Hg.), Die Friedhöfe in Mannheim, 1992, 60-62; Udo Wennemuth, Wissenschaftsorganisation u. Wissenschaftsförderung in Baden. Die Heidelberger Akad. d. Wissenschaften 1909-1949, 1994.
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