Hirsch, Friedrich 

Andere Namensformen:
  • Fritz
Geburtsdatum/-ort: 21.04.1871;  Konstanz
Sterbedatum/-ort: 18.07.1938;  Baden-Baden
Beruf/Funktion:
  • Architekt, Kunsthistoriker, Denkmalpfleger
Kurzbiografie: 1889 Abitur in Konstanz
Studium des Baufaches in Karlsruhe und München. Kunstgeschichtliche Studien unter anderem bei Marc Rosenberg in Karlsruhe, bei Neumann und Thode in Heidelberg
1895 Baupraktikant bei der Bezirksbauinspektion Konstanz
1897 In gleicher Stellung in Heidelberg
Staatsprüfung und Promotion zum Dr. phil. in Heidelberg; Thema der Dissertation: Hans Morinck
Läßt sich auf ein Jahr aus dem badischen Staatsdienst beurlauben, danach entlassen und nimmt eine Stellung als Oberlehrer an der Baugewerkeschule in Lübeck an
1900 Baupraktikant bei der Bezirksbauinspektion Heidelberg; im selben Jahr Regierungsbaumeister in Heidelberg
1905 Bezirksbauinspektor in Bruchsal
1913 Hochbautechnischer Referent im Finanzministerium zu Karlsruhe
1918 Ministerialrat und Vortragender Rat beim Finanzministerium
1920 Honorarprof. an der Technischen Hochschule Karlsruhe mit Lehrauftrag für Geschichte der Architektur und Christliche Kunst
1933 19. Januar: Die Technische Hochschule Karlsruhe entzieht Hirsch „aus Ersparnisgründen“ den Lehrauftrag
19. April: Entlassung aus allen Ämtern nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentum“
Übersiedelung nach Baden-Baden
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: Anna, geb. Bornschein, 1878-1929, Tochter des Kaserneninspektors Herrmann Bornschein in Braunschweig
Eltern: Vater: Nathan Hirsch, 1839-1916, gebürtig aus Altdorf bei Ettenheim, Kaufmann in Konstanz; ursprünglich israelitisch, dann konfessionslos
Mutter: Ida, geb. Moos aus Buchau im Federsee, geb. 1846; ursprünglich israelitisch, dann konfessionslos
Geschwister: 3
Kinder: 1 Sohn
Stieftocher: Anneliese Born-Schoenhals, Schauspielerin
GND-ID: GND/116904267

Biografie: Wolfgang Leiser (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 1, 172-175

Da Hirsch sein Judentum nicht erst im Alter zum Schicksal geworden ist, darf schon einleitend auf diesen Umstand hingewiesen werden. Er stammte von beiden Eltern aus jüdischen Kaufmannsfamilien, die es zu Wohlstand gebracht hatten. Der Vater erwarb 1865 das Bürgerrecht in Konstanz, erscheint dort als erfolgreicher „Fabrikant“, ist seit 1875 Stadtverordneter, 1876 bis 1882 im Präsidium der Handelskammer – und hatte sich vom Judentum getrennt, ohne einer christlichen Kirche beizutreten. Die Emanzipation ist der Familie wohl nicht problemlos geglückt, vielleicht erklärt das den großen Ehrgeiz und die noch größere Reizbarkeit, die Hirsch zeitlebens kennzeichneten.
Hirsch wandte sich dem praktischen Baufache zu und hatte doch von Anfang an sehr ausgeprägte kunsthistorische Interessen. Vielleicht überwogen sie – seine Staatsprüfung fiel nicht gerade glänzend aus, der Baudirektor Durm äußerte sich wenig günstig über den Kandidaten –, ließen ihn vom sofortigen Eintritt in den badischen Staatsdienst zurückschrecken und noch lange eine akademische Laufbahn ins Auge fassen. Dies zerschlug sich aus unbekannten Gründen, Hirsch ging in die staatliche Hochbauverwaltung und entfaltete dort durch die eigentümliche Verbindung seiner Interessen und Begabungen eine folgenreiche Tätigkeit: Mit ihm begann von Staats wegen die wissenschaftliche Denkmalpflege, die er als junger Bauinspektor selbst vor Ort betrieb und später als Leiter der Hochbauverwaltung dirigierte. Der Name Hirschs ist in erster Linie mit großen Renovierungen und baugeschichtlichen Abhandlungen verbunden; seine Tätigkeit als Architekt tritt in den Hintergrund und ist heute vergessen. Die Beamtenkarriere scheint irgendwie mit Hemmungen angelaufen zu sein. Da die Personalakten großenteils verloren sind, bleiben die Gründe unbekannt; vielleicht lagen sie in der Person und persönlichen Verhältnissen, vielleicht war der Meinungsstreit um manche seiner Renovierungen dem dienstlichen Fortkommen nicht eben günstig.
Die Zahl der von Hirsch restaurierten Baudenkmäler ist groß: Schloß und St. Peterskirche in Bruchsal, Schloß und Schloßgarten in Schwetzingen, Schloß und Schloßkirche in Rastatt, Stadtkirche und Münze in Karlsruhe, Münster zu Konstanz, daneben manch weniger auffälliges Objekt. Hirsch wurde auch für Restaurierungen außerhalb Badens konsultiert, im Lande selbst fungierte er als Bauberater und Beauftragter des evangelischen Oberkirchenrates. Seine Arbeiten waren durch baugeschichtliche Forschungen vorbereitet. Beim Publikum kamen sie meist gut an – Bruchsal und Schwetzingen verliehen Hirsch die Ehrenbürgerwürde –, die Fachwelt war jedoch tief gespalten, Hirsch wurde überaus heftig angegriffen. Da er manchmal sehr eigenwillig vorging und bei Repliken eine scharfe Klinge führte, artete die Diskussion zuletzt unerfreulich aus. Auf eine Broschüre Hirschs, „Der Fall Leonelli und einige baukünstlerische Gegenstände“ (1931), antwortete der Landesverband Baden des Bundes Deutscher Architekten noch im selben Jahr mit einem Pamphlet „Der Fall Hirsch und die badische Denkmalpflege“. Ein besonders krasser „Fall“ war die Renovierung des Münzgebäudes zu Karlsruhe: Hirsch ließ den klassizistischen Bau in dem grau gehaltenen klassizistischen Ensemble der Stefanienstraße 1930 rot-weiß streichen; die Begründung war merkwürdig und nicht überzeugend. Die Karlsruher ärgerten sich, Max Laeuger aber brachte in seinem Kunsthandbuch drei farbige Bilder mit folgendem Text: „Das rote Haus. Stört alles, was die Jahreszeiten und der Himmel an farbigen Wundern uns bringen, stört die Menschen und den anständigen Nachbarn. Stört die Ruhe in den Straßen. Macht alle Festlichkeiten unmöglich, weil es täglich lärmend sich benimmt wie zum Jahrmarkt oder zur Fastnacht“. Hier und in fast gleichzeitigen Publikationen hatte Hirsch sich auch noch an dem Karlsruher Lokalheiligen Weinbrenner vergriffen, dem der Hirsch dienstlich unterstellte A. Valdenaire gerade eine verehrungsvolle Monographie gewidmet hatte. Der Lärm ist längst verklungen. Soweit der Denkmalspfleger Hirsch sanierte und dokumentierte, ist die Nachwelt ihm zu Dank verpflichtet. Mißgriffe in der farbigen Fassung von Gebäuden ließen die Substanz unberührt und sind inzwischen beseitigt – verlassen wir dieses Thema.
Unangefochten war, aber vergessen ist der Architekt Hirsch. Von ihm stammen neben vielen anderen die Pläne für das Studentenhaus der TH Karlsruhe, für das Verbindungshaus der Burschenschaft Germania (der er selbst angehörte) an dieser Hochschule, für das Stirum-Krankenhaus in Bruchsal, für Kliniken in Freiburg und Heidelberg. Freilich haben diese Bauten auch kein kühnes, in die Zukunft weisendes Gesicht, das zum Widerspruch hätte reizen können.
Wenden wir uns nun dem Schriftsteller Hirsch zu, dem Teil seines Werkes, das den dauerhaftesten Bestand hat.
Nach der 1897 im Archiv für Kunstwissenschaft publizierten Dissertation über den im Bodenseeraum tätigen Barockbildhauer Morinck wandte sich Hirsch unter dem Einfluß seines Konstanzer Jugendfreundes Prof. Dr. Konrad Beyerle, beflügelt von der Aussicht auf eine Hochschullaufbahn als Kunsthistoriker, der Inventarisierung von Bau- und Kunstdenkmälern zu. Die Arbeitsleistung, die Vertiefung bis ins Detail, die Fähigkeit, sich in immer neue Verhältnisse hineinzufinden, ist erstaunlich; sie charakterisiert Hirsch bis zu seinen letzten Veröffentlichungen. Er, der nur drei Jahre in Lübeck verbracht hatte, eröffnete 1906 die Reihe der „Bau- und Kunstdenkmäler der Freien und Hansestadt Lübeck“ mit dem l. Band über „Die Petrikirche in Lübeck“. Fast parallel dazu müssen die äußerst arbeitsintensiven Vorbereitungen zu einem monumentalen Werk gelaufen sein, das ein Thema aus dem entgegengesetzten Ende Deutschlands behandelte: Ebenfalls 1906 erschien der von Hirsch allein verantwortete Band I des gemeinsam mit K. Beyerle und A. Maurer bearbeiteten „Konstanzer Häuserbuchs“. Das Konstanzer ist schon in seiner äußeren Gestalt eines der schönsten deutschen Häuserbücher; es zeugt nicht nur von genauester Kenntnis Hirschs und der anderen Verfasser, sondern auch von ihrer Heimatliebe. Leider führte gerade dies sein vielleicht gelungenstes Werk zu einer schweren Kränkung Hirschs: Das Werk war von der Stadt als „Festschrift zur Jahrhundertfeier der Vereinigung der Stadt Konstanz mit dem Hause Baden“ herausgebracht worden; in einem Festakt, wo K. Beyerle die Rede hielt, überreichte man es dem Großherzog; Orden und Ehre wurden dem Professor zuteil, von Hirsch sprach niemand; daran zerbrach die alte Freundschaft mit K. Beyerle. – Inzwischen war Hirsch nach Bruchsal versetzt worden und hatte bereits mit den Arbeiten für die Renovierung des Schlosses begonnen. Schon 1906 legte er in einem schmalen Buch einen baugeschichtlichen Überblick vor, dem nach Abschluß der langjährigen Maßnahmen 1910 das große Werk über „Das Bruchsaler Schloß“ folgte. Die Arbeitsleistung dieser Jahre hat fast barocke Ausmaße! – Von den Veröffentlichungen der nächsten Zeit sei auf das Buch über Rastatt und jenes über die Q 6 in Mannheim hingewiesen, wo das bauliche Ensemble als eigenes Phänomen klar herausgearbeitet wird. – 1928, nachdem er 15 Jahre in Karlsruhe lebte, begann sein letztes Werk zu erscheinen, „100 Jahre Bauen und Schauen“. Das Buch ist monströs, es quillt über seinen Titel wie das lapidare Inhaltsverzeichnis in jeder Weise hinaus, ist in der nicht geglückten Scheidung von Text und Anmerkungen, mit seiner Überfülle von Bildern, Stammtafeln, Dokumenten aller Art ohne das Register praktisch nicht benutzbar. Aber welch ungeheuerlicher Stoff ist hier ausgebreitet! Karlsruhe besitzt mehrere Stadtgeschichten, z. B. die von Fecht und von Weech, die wahrlich materialreich sind; was die Eruierung unzähliger Details anlangt, etwa familien- oder besitzgeschichtlicher Art, ist das Buch von Hirsch aber unvergleichlich und, da im letzten Krieg sehr viel vernichtet wurde, unersetzbar. Es ist keine Baugeschichte, sondern die umfassendste Kulturgeschichte, die für Karlsruhe je geschrieben wurde. Ein Rätsel ist es, wie Hirsch in verhältnismäßig kurzer Zeit sich dieses intime Wissen neben seinen Amtsgeschäften aneignen konnte. Das Buch ist leider sehr selten: Es erschien in Lieferungen, die letzten kamen erst nach 1933 heraus, und da war das Werk des jüdischen Verfassers „unmöglich“; die restlichen Verlagsbestände sollen von den NS-Behörden beschlagnahmt und vernichtet worden sein.
Damit sind wir beim letzten Lebensabschnitt von Hirsch angelangt. 1933 hat man ihn schmählich vor die Tür gesetzt. Als die Behörden sich nicht entblödeten, ihm hinterher noch das Formular über die arische Abstammung zuzuschicken, verweigerte er die Ausfüllung: Selbst wenn es möglich wäre, lege er unter den obwaltenden Umständen keinen Wert mehr auf die Rückkehr in sein Amt. Er zog sich kurz darauf mit der „arischen“ Stieftochter und deren Mann (dem Schauspieler Dr. A. Schoenhals) still nach Baden-Baden zurück, sein „halbjüdischer“ Sohn emigrierte später in die USA. Ein friedlicher Tod hat Hirsch vielleicht vor Schlimmem bewahrt. Die Zeitungsanzeige, welche das Ableben des „Großherzoglichen Ministerialrats a. D., Ehrenbürgers der Städte Bruchsal und Schwetzingen, Ehrensenators der Universität Freiburg i. Br. und Ritters hoher Orden“ bekanntgab, sowie ein ehrender Nachruf (von Maximilian Letzsch) hat noch postum die Wut der Rassenfanatiker erregt. Dann senkte sich das Vergessen über den verdienten Mann.
Werke: (Auswahl): Von den Universitätsgebäuden in Heidelberg. Ein Beitrag zur Baugeschichte der Stadt Heidelberg (1903); Die Petrikirche in Lübeck (1906); Konstanzer Häuserbuch, Bd. I Bauwesen und Häuserbau (1906); Das sog. Skizzenbuch Balthasar Neumanns. Ein Beitrag zur Charakteristik des Meisters und zur Philosophie der Baukunst (1912); Rastatt. Schloß und Stadt. I. Topographie (1923); Q 6 in Mannheim. Ein Beitrag zur Topographie und Genealogie der Stadt (1924); Der Salemer Torkel (1924); 100 Jahre Bauen und Schauen. Ein Buch für Jeden, der sich mit Architektur aus Liebe beschäftigt, oder weil sein Beruf es so will. Zugleich ein Beitrag zur Kunsttopographie des Großherzogtums Baden unter besonderer Berücksichtigung der Residenzstadt Karlsruhe (2 Bde. 1928-1935). Hrsg.: Z für Geschichte der Architektur, 1907 f.
Nachweis: Bildnachweise: B Ölgemälde von K. Geitz im Rathaus Bruchsal (reproduziert in der BH Jg. 53); Foto im GLAK.

Literatur: Geachtet und geehrt, geächtet und vergessen: Prof. Dr. Fritz Hirsch, von Eugen Mack, in: BH 53. Jg. (1973), 330 f.; Briefwechsel Konrad Beyerles mit F. Hirsch im StadtA Konstanz (Nachlaß Beyerle).
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