Busse, Hermann (Eris) 

Geburtsdatum/-ort: 09.03.1891;  Freiburg im Br.
Sterbedatum/-ort: 15.08.1947;  Freiburg im Br.
Beruf/Funktion:
  • Lehrer, Schriftsteller
Kurzbiografie: 1912 Volksschullehrer in Obersäckingen, dann Unterbaldingen, Überlingen, Blasiwald, Rastatt und Freiburg
1914 Mitglied im 1909 gegründeten Landesverein „Badische Heimat“
1915-1918 Kriegsteilnehmer, zunächst im Westen am Hartmannsweilerkopf bei der Artillerie, dann an der Ostfront bis Januar 1919
1919 Schuldienst in Freiburg, daneben Beginn eines Studiums an der Universität Freiburg i. Br. bei Ph. Witkop
1922 Geschäftsführer und Schriftleiter der „Badischen Heimat“, Beurlaubung aus dem Schuldienst
1930 Carl Schünemann-Preis für die Trilogie „Bauernadel“ (vom Einbruch der Technik in altes Brauchtum), Ernennung zum Professor durch Kultusminister Remmele
1932 PEN-Mitgliedschaft
1933 Gründungsmitglied des Freiburger Rotary-Clubs
1935 4. Mär. „Vereidigung auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler“
1939 Auszeichnung mit dem „Hebelpreis“ durch Kultusminister Otto Wacker (NSDAP)
1941 Ehrenbürger der Universität Freiburg i. Br., Mitglied der NSDAP
1942 „Dichterfahrt ins Kampfgebiet des Westens“
1944 Ende der Beurlaubung aus dem badischen Schuldienst, Versetzung an die Lehrerbildungsanstalt (LBA) Bad Rippoldsau, von Busse „aus Krankheitsgründen“ nicht akzeptiert
1945 Entlassung aus dem Schuldienst „aus politischen Gründen“
1947 8. Apr. Im „Verfahren über die politische Reinigung der Verwaltung“ weitgehend rehabilitiert mit partieller Pensionsberechtigung
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1920 (Freiburg i. Br.) Erika, geb. Wesche (1896-1945)
Eltern: Vater: Hermann Paul, Schreinermeister (1860-1944)
Mutter: Maria Rosa, geb. Frey (1865-1938)
Geschwister: 8
Kinder: keine
GND-ID: GND/117183784

Biografie: Adolf Schmid (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 39-42

„Busse war führend in badischer Volkstumsforschung“ (Brockhaus). „Busse schrieb vorwiegend volkstümliche Bauern- und Heimatromane der alemannischen Landschaft, in kraftvoller Sprache“ (Meyers Lexikon). „Busse schrieb Romane und Erzählungen um Land und Menschen Badens“ (Herder). Über seine Herkunft hat Busse gern erzählt, über die Bauernfamilie der Mutter aus dem Markgräflerland und über die Busse-Sippe. Der Vater, Schreinermeister, allgemein geschätzt als Kunsthandwerker, kam aus Schlesien, „blieb in Freiburg infolge seines Militärdienstes und seiner Liebe hängen“. Sein Bild hat Busse, der Älteste von neun Geschwistern, eindrucksvoll geschildert: „Ich darf wohl sagen, dass mein alter, kluger und geistig außerordentlich reger Vater mein bester Freund ist, mit dem ich alles durchspreche, was ich erlebe und was ich plane“ (1935). Liebevoll zeichnete er auch „die kleine, flinke Neunkindermutter“. Mit der Familie durchwanderte er den Breisgau, den Hochschwarzwald, lernte so seine Heimat in aller Vielfalt kennen. Aber er pflegte auch ganz andere Talente, Busse war z. B. sehr musikalisch: „Meine Erdentage ... sind von Musik übertönt worden, der ich einmal wesentlicher zu dienen glaubte als der Dichtung“. In einem Liederbuch veröffentlichte Busse 1920 64 Lieder „für Buben und Mädchen“, es wurde in vielen Schulen eingesetzt, erlebte mehrere Auflagen. Busse wurde auch ein guter Pianist, verdiente als Student u. a. Geld bei Konzerten und sehr oft im Kino, wo er „verborgen hinter einer spanischen Wand vor allem zu Landschaftsfilmen mit ‚brillanter Technik‘ die ‚Mühle im Schwarzwald‘ spielte“. Viel lieber spielte er freilich Schubert und Chopin, er vertonte Hölderlin-Gedichte und Lenau-Texte. Die Liebe zu Lenau wurde freilich noch überboten durch die Begeisterung für Kleist. Schließlich siegte die Dichtung über die Musik. Busse wurde Volksschullehrer, lernte in kurzer Zeit Schulen in ganz verschiedenen Regionen kennen. Und Busse wurde Soldat, erlebte in Russland Revolution und Kriegsende, überlebte ohne Verwundung und dekoriert mit dem Eisernen Kreuz. Und er unterrichtete wieder, begann gleichzeitig ein Universitätsstudium: Deutsch und Kunstgeschichte. An der Hochschule lernte er Erika Wesche aus Baden-Baden kennen, er heiratete sie in Freiburg und bereicherte seinen Namen aus Liebe zu Erika um „Eris“. 1922 ließ er sich engagieren als Geschäftsführer der „Badischen Heimat“, der Landesverein hatte seit seiner Gründung (1909) durch Prof. Dr. Friedrich Pfaff in Freiburg seinen Sitz. Der „Badische Heimat“-Schriftleiter Prof. Max Wingenroth (1892–1922) und auch Pfaffs Nachfolger Prof. Eugen Fischer suchten vor allem den kompetenten Helfer, der der Vereinszeitschrift Inhalt und Form geben, der für den jungen Landesverein organisatorische Strukturen erarbeiten sollte – nicht ganz einfach, nachdem 1918 für Baden die bisher doch sehr starke dynastische Klammer weggefallen war. Die „Badische Heimat“ wurde in wenigen Jahren durch Busses Tätigkeit ein ganz wesentlicher Integrationsfaktor für das Land zwischen Bodensee und Odenwald. Es war unbestritten sein Erfolg, dass seine „Badische Heimat“ sogar zum größten aller deutschen Heimatvereine heranwuchs, die Zahl der Mitglieder von 2 000 auf 12000 stieg. Als Ideengeber wurde Busse auch zum Wegbereiter für viele, die sich von seinem Elan mitreißen ließen und aktiv wurden für Landes- und Volkskunde, bei Natur- Umwelt- und Denkmalschutz. Seinen Wahlspruch übernahm Busse von seinem Landsmann und Vorbild Emil Gött: „Nit luck loo!“
Busse wurde beurlaubt vom Schuldienst, machte alle seine Energien frei für die „Badische Heimat“, warb um Sympathien und Mitglieder, gründete Ortsgruppen, hielt Vorträge, publizierte. Er war auch der Motor für den Bau des Hauses „Badische Heimat“ in Freiburg (1926) nach den Plänen von Carl Anton Meckel. Die „Badische Heimat“-Zeitschriften hatten keinen Vergleich zu scheuen, wenn es um die Vielfalt und um die Qualität der Themen ging; Busse differenzierte klug bei den Veröffentlichungen, bei denen populärwissenschaftliche Arbeiten mit volkstümlich dargebotenem Stoff den wissenschaftlich anspruchsvollen Dokumentationen und Abhandlungen immer die Waage hielten. Bei Busses rastloser Tätigkeit war es ganz natürlich, dass sein Bekanntenkreis immer größer wurde. Und er verstand es, persönliche Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen, so u. a. mit Hans Thoma und auch dessen Schülern Hermann Daur und Hans Adolf Bühler, mit Franz Philipp und Rudolf G. Binding. Überall wuchs die Wertschätzung für diese starke, ausgesprochen lebensbejahende Persönlichkeit, die auch den Genüssen der Daseinsfreude durchaus nicht abgeneigt war, die immer voller Ideen steckte. Der Mann mit dem großformatigen Hut, mit der Blume im Knopfloch und mit der Zigarre hatte sich weithin einen Namen gemacht – dies aber vor allem durch seine schriftstellerische Tätigkeit, die 1930, nach dem Erfolg von „Bauernadel“, auch öffentliche Anerkennung fand: „Das innere Wachstum der Trilogie hat ... schier zwanzig Jahre gebraucht ... Mit der Trilogie, das sage ich hier offen aus, bestätige ich mich selber.“
Dass Busse sich damit auch ganz im Dienst des Zeitgeistes befand, der die Politik des „Reichsnährstandes“ („Blut und Boden“) des Walter Darré und die „Religion von Blut und Rasse“ vorbereiten half, konnte ihn 1930 noch nicht besorgt machen. Eine gute Aufnahme fanden auch Busses Biographien und seine vielen lyrischen Beiträge, die er in seine Zeitschriften streute. Höchst wertvolle Quellen bleiben gewiss auch die Busse-Bände zur badischen Volkskultur, zur Volksfas(t)nacht vor allem, wie sie sich nach 1928 ganz nach Busses Intention entwickelt hat: „Mit der Planung, Organisation und Durchführung des Oberrheinischen Narrentreffens am 28. Januar (1928) in Freiburg setzte Busse Akzente, die bis heute in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht weiterwirken“ (Hamelmann, 259). Der badische Kultusminister Remmele ernannte Busse 1930 zum Professor am Friedrichs-Gymnasium in Freiburg (wo er aber nie unterrichtete). Im Jahr der „Machtergreifung“ 1933 wurde Busse rasch zum Objekt gezielter Einflussnahme, seine „Badische Heimat“ erlebte massiven Druck. Eine Freundschaft mit dem NS-Kultusminister Otto Wacker, eine wohldosierte Beflissenheit und begrenzte Zugeständnisse sicherten freilich einen „badischen Sonderweg“; denn – so Wacker 1934: „Ich möchte diesen Begriff der Gleichschaltung auf den Landesverein ‚Badische Heimat‘ nicht angewendet wissen“. Freilich, die „Badische Heimat“ wurde zusehends – so sagte Busse selbst – zur „Pflegestätte der kulturellen Volkserbschaft am Oberrhein ... Der derzeitige badische Kultusminister Dr. Otto Wacker ist darauf bedacht, alle diese Grundlagen der geistigen Waffensammlung im Grenzlauf des Oberrheins noch zu festigen.“ Dass sich Busse bisweilen mit dem Einwand fehlender Weltläufigkeit konfrontiert sah, empfand er fast wie eine Anerkennung. Immerhin war aber Busse schon seit 1932 PEN-Mitglied, kurz nach dem 30. Januar 1933 wurde er aktiv bei der Gründung des Rotary-Clubs in Freiburg. Die Freiburger NSDAP wusste und gab es auch zu Protokoll, dass Busse „nicht ihr Mann“ werden würde, dass er „Dinge unternehmen könnte, die keineswegs mit den Anschauungen der Partei übereinstimmen würden“ (so Kreisleiter Dr. Fritsch noch 1940), dass er im Grunde eigentlich sogar ganz unpolitisch war, ein „Künstlermensch“ eben. Aber am 14. Februar 1940 starb Otto Wacker, sein Nachfolger Paul Schmitthenner nahm Busse und seine „Badische Heimat“ sofort fest in den Griff; Busse stellte seinen Antrag auf NSDAP-Mitgliedschaft. Freilich, schon 1942 gab es kein Papier mehr für die Vereinsarbeit: Busses Tätigkeit war praktisch lahmgelegt, 1944 wurde seine Beurlaubung für die „Badische Heimat“ offiziell beendet. Hamelmann ist zuzustimmen (251), der meinte, Busse sei keineswegs ein überzeugter Nationalsozialist gewesen. „Aber wie die Quellenlage hinreichend belegt, ist gleichzeitig eine Einstufung als Gegner des Systems unhaltbar.“ Es ist vielfach bestätigt, wie Busse unter dem Doppelleben, unter den Widersprüchlichkeiten und Verstrickungen litt. Der schlimme Missbrauch von Heimatliteratur und Volkskunde war der Grund, dass gerade Menschen wie Busse 1945 zu den großen Verlierern gehörten: pauschal verurteilt, rigoros bestraft, entlassen. Die beiden Jahre, die Busse noch vergönnt waren, reichten nicht aus zu Richtigstellungen und zur Rehabilitation, zur eindeutigen Klärung von Schuld, Mitschuld, Belastung und Versagen. Vor allem aber bekam Busse nicht mehr die Chance zu schöpferischem Neubeginn. Im Sommer 1947 schrieb er einem Schweizer Freund: „Ich werde keinen Wurf mehr tun ... noch aufräumen, nur noch sammeln, was verstreut und unfertig vorliegt ... Gedichte ... Tagebücher ... Tapfer, wie gelebt ward, wird auch gestorben, wenn es sein muss.“ Im April 1947 hat das „Badische Staatskommissariat für politische Säuberung“ die Entlassung Busses aufgehoben und eine Teilpension von 360 Mark festgesetzt „da er krank und arbeitsunfähig ist“. Wenige Monate später ist er gestorben.
Quellen: BA BerlinR3-D-Schmid, A; StAF DNZ 10784, PA 12064, C 25/1-380; Busse-A d. BH in Freiburg; H.-E.-Busse-Stube in Busses Waldschänke in Freiburg.
Werke: Zu den weit über 100 Beiträgen in den Bänden d. BH vgl. Autoren- u. Personenverzeichnis in: BH 1971/4 u. 1985/3. – Auswahl: Opfer d. Liebe, 1926; Peter Brunnkant, 1927; Tulipan u. die Frauen, 1927; Die kleine Frau Welt, 1928; Das schlafende Feuer, 1929; Markus u. Sixta, 1929; Der letzte Bauer, 1930; die letztgenannten 3 Bde 1930 zusammengefasst unter dem Titel „Bauernadel. Romantrilogie aus dem Schwarzwald“; Hans Fram, 1932 (sehr autobiographisch); Die Leute von Burgstetten,1934; Heiner u. Barbara, 1936; Der Erdgeist, 1939; Girlegig, 1941. – Besonders anerkannt die Künstlerbiographien zu Wilhelm Hasemann, Hans Thoma, Hans Adolf Bühler, Hermann Daur, Fritz Geiges u. a.; Großen Einfluss hatte: Alemannische Volksfas(t)nacht, 1935, 1937 2. Aufl.; Autobiographie: Mein Leben, 1935.
Nachweis: Bildnachweise: Ölgemälde v. Hans Adolf Bühler – ursprünglich in „Busses Waldschänke“, Freiburg, jetzt ebd. im Haus d. BH; Ölgemälde v. Prof. O. Hagemann, veröff. in d. Dokumentation zu d. Hebelpreisträgern, 28; Porträtfotos in zahlr. Bänden d. BH; Großfoto im Haus d. BH in Freiburg.

Literatur: Vgl. G. v. Wilpert, Lexikon d. Weltliteratur, 1975 2. Aufl. u. a.; Katharina Großspitz, H. E. Busse Leben u. Werk, (Diss. phil. Freiburg) 1940; Paul Schmitthenner, Hebelpreisträger H. E. Busse in: Ekkehart 1942; Karl Willy Straub, H. E. Busse in: Mein Heimatland, 1942/3; Eberhard Meckel, Der Meister d. bad. Heimat H. E. Busse zum Gedenken an seinem 65. Geb. am 9.3.1956 (Funkmanuskript); Emil Baader, Wenn d. Sturm tost in den Wäldern, Gedenktafel u. Gedenkworte für H. E. Busse, in: BH 1964/3-4 (mit Bild); Helmut Bender, Vorwort zur Neuaufl. von Peter Brunnkant, 1985; Berthold Hamelmann, „Helau“ u. „Heil Hitler“. Alltagsgeschichten d. Fastnacht 1919 bis 1939 am Beispiel d. Stadt Freiburg, (Diss. Phil. Freiburg i. Br. 244 ff.) 1989.; Der Johann-Peter-Hebel-Preis 1936-1988. Eine Dokumentation von Manfred Bosch, 1988, 28-34; A. H. Schwengeler, H. E. Busse, in: Baden. Monographie einer Landschaft, 1949/3; Andrea Haussmann, Heinrich Brenzinger (1879-1960), 1996 (Privatdruck mit vielen Informationen zu Busse); Niels C. Lösch, Rasse als Konstrukt – Leben u. Werk Eugen Fischers, 1997.
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