Wüst, Fritz Wilhelm Friedrich 

Geburtsdatum/-ort: 08.07.1860;  Stuttgart-Berg
Sterbedatum/-ort: 20.03.1938; Düsseldorf
Beruf/Funktion:
  • Prof. für Eisenhüttenkunde
Kurzbiografie: 1870-1880 Realanstalt Stuttgart
1880-1883 Chemiestudium an der Technischen Hochschule Stuttgart
1883 Chemiker bei der Zentralstelle für Gewerbe und Handel
1883-1885 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Freiburg i. B.
1885-1891 Chemiker beim Hüttenwerk Wasseralfingen
1891-1901 Dozentenstelle an der Maschinenbau-und Hüttenschule Duisburg
1901 Lehrstuhlvertretung an der Technischen Hochschule Aachen
1901-1918 Prof. für Eisenhütten-und Probierkunde an der Technischen Hochschule Aachen
1908 Ernennung zum geheimen Regierungsrat
1911 Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Stuttgart
1912 Ehrendoktorwürde der Montanuniversität Loeben
1918-1922 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Eisenforschung Düsseldorf
1922-1933 Honorarprof. für Eisenhüttenkunde in Aachen
1930 Ehrenmitgliedschaft im Verein deutscher Eisenhüttenleute
1931 Ehrensenator der Technischen Hochschule Aachen und Ehrenmitgliedschaft im British Iron and Steel Institute
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Auszeichnungen: Verleihung des roten Adler-Ordens IV. Klasse (1904); Verleihung des preußischen Kronordens III. Klasse (1909); Kommandeurkreuz des luxemburgischen Ordens der Eichenkrone (1910)
Eltern: Vater: Wilhelm Friedrich Wüst (1820-1900), Schreinermeister
Mutter: Christina Katharina, geb. Schroth (1821-1880)
Geschwister: Gottlieb Adolph
Emilie Berta
Anna Henriette
Christian Paul
Luise Christiane
GND-ID: GND/117376213

Biografie: Uwe Fliegauf (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 298-300

Dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Wüst ermöglichte seine hervorragende naturwissenschaftliche Begabung den Besuch der höheren Schule und das Studium der Chemie in Stuttgart und später in Freiburg, das er dort am 16. 7. 1886 mit einer Promotion „Über einige Fettsäuren höheren Kohlenstoffgehaltes“ abschloss. Zuvor hatte ihn ein halbjähriges Praktikum als technischer Chemiker bei der Zentralstelle für Gewerbe und Handel in dem Entschluss bestärkt, anschließend eine berufspraktische Tätigkeit aufzunehmen. Seine erste Anstellung fand er im ostwürttembergischen Wasseralfingen als Leiter der neugegründeten chemisch-physikalischen Versuchsanstalt im dortigen königlichen Hüttenwerk. Sein breitgefächertes Arbeitsfeld, das neben chemischen Analysen aller Art auch die Durchführung der Materialprüfung umfasste, brachte ihn erstmals mit dem für ihn faszinierenden Bereich der industriellen Eisenerzeugung und -verarbeitung in Kontakt. Allerdings bot ihm die Tätigkeit im württembergischen Staatsdienst mit ihren schlechten Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten keine Entwicklungsperspektive, so dass er sich wieder der ruhenden Hochschullaufbahn zuwandte. Jedoch sollten die in Wasseralfingen gesammelten Erfahrungen Wüsts weitere Lehr- und Forschungstätigkeit bestimmen, die fortan der Maxime folgte, dass sich die hüttenkundliche Forschung an den praktischen Erfordernissen der deutschen Eisen- und Stahlindustrie auszurichten und den Praktikern die wissenschaftliche Begründung hüttentechnischer Vorgänge zu liefern habe.
Bereits während seiner Dozentenjahre an der Hüttenschule in Duisburg und erst recht nach seiner Berufung auf den Lehrstuhl für Eisenhüttenkunde in Aachen erregten die unzeitgemäßen und abgehobenen Strukturen „des höheren hüttenmännischen Unterrichtswesens“ sein Missfallen und machten ihn zum Spiritus rector einer umfassenden Studienreform. In einer Denkschrift für das preußische Kultusministerium präzisierte Wüst 1903 seine dahingehenden Vorstellungen. Weder die materielle Ausstattung der vorhandenen Lehrstühle noch die inhaltliche Ausrichtung der Studienpläne im Bereich des Eisenhüttenwesens entsprachen der Bedeutung dieses expandierenden Industriezweigs. Auch im Studium der Eisenhüttenkunde musste den veränderten Markt- und Produktionsbedingungen, die sich aus der Übernahme der modernen Massenstahlverfahren ergaben, endlich Rechnung getragen werden. Basierend auf einer chemischen und physikalischen Grundausbildung sollten die Studierenden künftig verstärkt Fachvorlesungen besuchen, die an den beruflichen Anforderungen der späteren Hütteningenieure ausgerichtet waren. Dank der Unterstützung durch den einflussreichen Verein deutscher Eisenhüttenleute und nicht zuletzt wegen der wohldurchdachten Argumentation konnte Wüst die Errichtung eines „eisenhüttenmännischen Instituts“ in Aachen durchsetzen, dass ich unter seiner Leitung in kurzer Zeit zu einer national und international führenden Bildungseinrichtung entwickelte. Dieses Engagement begründete nicht nur seinen ausgezeichneten fachlichen Ruf, sondern brachte ihm auch hohes Ansehen bei den führenden Eisen- und Stahlindustriellen Deutschlands ein. So verband ihn mit seinem Landsmann Paul Reusch, dem Vorstandsvorsitzenden des Gutehoffnungshüttekonzerns, eine tiefe Freundschaft. Zudem war Wüst als technischer Berater und Gutachter sehr gefragt und gehörte viele Jahre dem Vorstand des Vereins deutscher Eisenhüttenleute als Sachverständiger an. Ungeachtet dieser vielen außeruniversitären Verpflichtungen war Wüst mit Leib und Seele Pädagoge. Er war ein mitreißender akademischer Lehrer von hohem wissenschaftlichem Anspruch, der seine begabten Schüler zugleich forderte und förderte und prägte eine ganze Generation hochklassiger Hüttenfachleute, darunter den Begründer der Sauerstoff-Metallurgie, Robert Durrer, oder den Verbandsfunktionär Otto Petersen. Seinen ehemaligen Schülern blieb der Junggeselle Wüst zumeist lebenslang persönlich und fachlich verbunden.
Sein umfangreiches publizistisches Werk und seine vielbeachteten Forschungsarbeiten behandelten praxisorientierte Fragestellungen der Metallurgie ebenso wie Probleme der Grundlagenforschung aus dem Bereich des Eisens und seiner Legierungen. Neben zahlreichen, bereits in jüngeren Jahren empfangenen Ehrungen unterstrich die Berufung zum Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Eisenforschung, das 1921 von Aachen nach Düsseldorf übersiedelte und dort bis heute als Max-Planck-Institut weiterbesteht, seinen besonderen Rang unter den Hochschullehrern seines Fachgebietes. Mit großem Engagement und Geschick koordinierte er den organisatorischen und wissenschaftlichen Aufbau dieser Spitzenforschungseinrichtung durch die politisch und wirtschaftlich schwierigen Anfangsjahre, bevor er 1922 sein Werk in jüngere Hände übergab. Doch Wüst, dem seine Tätigkeit Beruf und Berufung war, der er sein Privatleben konsequent unterordnete, dachte nicht an Rückzug, sondern unterrichtete und forschte zunächst weiter. Bevor es endgültig ruhiger um den „Altmeister der deutschen Eisenhüttenkunde“ wurde, erntete Fritz Wüst 1928/29 nochmals mit der exakten Berechnung des Wärmehaushalts im Hochofenprozess hohe fachliche Anerkennung.
Quellen: WABW, B 1007: PA 1885–1913; Archiv der Rheinisch-Westfälischen TH Aachen, Akte A 5/58 und 160a.
Nachweis: Bildnachweise: WABW, SHW-Fotosammlung.

Literatur: Schwäbischer Merkur (1938), Nr. 69, 5; Goerens/F. Körber/O. Petersen, F. Wüst, in: Stahl und Eisen 17 (1938), 429 f.
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