Witkop, Philipp 

Geburtsdatum/-ort: 17.04.1880; Kleinenberg, Kreis Düren, Westfalen
Sterbedatum/-ort: 17.12.1942;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • Literarhistoriker
Kurzbiografie: 1886-1891 Volksschule Gelsenkirchen, Realgymnasium Schalke
1892-1898 Berggymnasium Essen, dort Abitur
1898-1903 Studium der Rechtswissenschaft und Nationalökonomie an der Universität Marburg, München, Kiel, Tübingen und Freiburg
1903 Promotion Dr. rer. pol. Universität Freiburg
1903-1904 Mitarbeiter bei „Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen“ in München und Berlin
1904-1907 Studium der Philosophie und Literatur an der Universität Heidelberg, Abschluß Promotion bei Prof. G. Jellinek, Thema: Das Wesen der Lyrik
1909 Habilitation an der Universität Heidelberg
1910 außerordentlicher Prof. für Neuere deutsche Literatur an der Universität Freiburg i. Br.
1922-1942 ordentlicher Prof. an der Universität Freiburg i. Br.
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1. Hedwig, geb. Hirschhorn (geb. 10.12.1889 Mannheim), nach mehrjähriger Trennung Anfang 1937 geschieden
2. 1937, Anna, geb. Kraus (geb. 1904 Löffingen/Schwarzwald)
Eltern: Vater: Anton Witkop, Hofbauer auf Gut Kleinenberg, nach dessen Verkauf Geschäftsmann in Gelsenkirchen (geb. 20.2.1850 Niesen/Westfalen)
Mutter: Charlotte Mathilde, geb. Drolshagen (geb. 29.3.1850 Kleinenberg/Westfalen)
Geschwister: 2
Kinder: 3 aus erster Ehe:
Harald (1912-1941)
Bernhard (geb. 1917 Freiburg, Prof. der medizinischen Chemie an der Universität Washington, USA)
Annette (geb. 1922 Freiburg, verheiratet mit Harald Blom in Basel)
GND-ID: GND/117414662

Biografie: Erich Ruprecht (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 313-315

Als Zweijähriger kam Witkop, Zweitältester Sohn einer ursprünglich bäuerlichen Familie, mit den Eltern nach Gelsenkirchen, wo er die Volksschule und anschließend das Realgymnasium Schalke besuchte und von Tertia an zum Berggymnasium Essen fuhr. Das Studium der Rechtswissenschaft und der Nationalökonomie erfolgte in Marburg, München, Kiel, Tübingen und Freiburg, wo er 1903 zum Dr. rer. pol. promovierte. Nach kurzer beruflicher Tätigkeit an der „Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen“ in München studierte er erneut, diesmal Philosophie und Literatur in Heidelberg, und promovierte am 6. 8. 1907 bei Georg Jellinek mit der Untersuchung „Das Wesen der Lyrik“. Danach wohnte er zunächst in München, wirkte im akademisch-literarischen Verein und in der „Literarischen Warte“ und war als Lyriker produktiv. Schon 1901 war die erste Gedichtsammlung „Ein Liebeslied und andere Gedichte“ erschienen, 1908 folgte eine weitere unter dem Titel „Eros“. Im Januar 1909 habilitierte sich Witkop mit dem Thema „Die Organisation der Arbeiterbildung“ bei Windelband in Heidelberg für Ästhetik und Neuere deutsche Literatur und wirkte anschließend als Privatdozent an dieser Universität. Schon im folgenden Jahr wurde er als Nachfolger Roman Woerners nach Freiburg berufen, wo er das Fach Neuere deutsche Literatur, seit 1922 als Ordinarius, bis zu seinem Tode vertrat.
Mehr Liebhaber der Dichtung und Kenner ihrer Geschichte als wissenschaftlich strenger Interpret von Struktur und Sprache, hat Witkop in Vorlesungen und Seminaren den Studierenden in spürbar persönlichem Beteiligtsein eine lebendige Vorstellung von Dichter und Dichtung vermittelt. Da bei ihm dem wörtlichen Zitat entscheidende Bedeutung zukam, erwies er sich auch als begeisterter Rhetor. Eine wöchentliche Publice-Vorlesung gewann ihm bald einen festen Platz im kulturellen Leben der Stadt, die ihm zur zweiten Heimat wurde. Seine Themen waren vorwiegend der europäische Roman des 19. Jahrhunderts, sowie auch der deutsche Roman der Gegenwart. In diesem Rahmen las er wohl als erster über Thomas Mann, mit dem er seit seiner frühen Münchener Zeit in freundschaftlichem Briefwechsel stand. Dankbar nennt ihn Thomas Mann 1926 „unter allen Literaturhistorikern dem zeitgenössischen Literaturleben am herzlichsten verbunden“. Diese Aufgeschlossenheit für die Literatur seiner eigenen Zeit bezeugt auch seine Korrespondenz mit Autoren wie Ricarda Huch, Hermann Hesse, Hans Carossa, René Schickele, Annette Kolb, Fedor Stepun u. a.
Wissenschaftliche Veröffentlichungen Witkops lassen mehr den subtilen Essayisten als den strengen Fachgelehrten erkennen. Sein erstes großes Buch „Die neuere deutsche Lyrik“ (1910) besteht aus Einzelstudien in historischer Folge, die seine enge Beziehung zu Lyrikern wie Brockes, Günther, Klopstock, Claudius, Hölthy und Hölderlin widerspiegeln. Voran geht ein umfangreiches Einführungskapitel „Über Lyrik und Lyriker“, das die Lyrik als „elementarischen Ausdruck persönlichen Lebens“ darstellt. Dem noch in Heidelberg geschriebenen ersten Band folgt 1913 ein zweiter, der von Novalis, Brentano, Eichendorff über Mörike, Lenau, Heine, zu Keller, Meyer und Nietzsche führt. In den einzelnen Untersuchungen sind jeweils die Lebensbeschreibungen verbunden mit Gedichtanalysen und Epochenverweisen. Aufschlußreich für Witkops biographisch fundierte, dem Werk verpflichtete Darstellungsweise ist sein „Heinrich von Kleist“-Buch von 1922, das er unter das Hebbel-Wort stellt: „Was soll ein Tragödienschreiber denn anders sein als ein Tragödienheld!“ Im gleichen Jahr erschien ein von ihm herausgegebener Sammelband „Deutsches Leben der Gegenwart“, zu dem er selbst den ersten Beitrag „Die deutsche Dichtung der Gegenwart“ lieferte.
Besonderes Anliegen Witkops war der Roman, der europäische wie der deutsche, in Vergangenheit wie in Gegenwart. Sein „Tolstoi“ von 1926 ist noch heute gültig und lesenswert. Mehr essayistischen Charakter haben die „Alemannischen Dichterbildnisse“ (1929) mit dem – unpolitisch gemeinten – Obertitel „Volk und Erde“, die von des Westfalen Witkop Vertrautheit mit der alemannischen zweiten Heimat zeugen. Sie erfassen das ganze alemannische Dichten in Baden wie im Elsaß und der Schweiz. Zum Goethe-Jahr 1932 erschien bei Cotta die umfassende Darstellung „Goethe. Sein Leben und Werk“. Ein Kenner wie Josef Hofmiller empfahl sie als „beste Einführung“; der Verlag nennt sie im Prospekt einen „Volks-Goethe“. Stufenweise baut Witkop Goethes Dasein wie sein Werk auf. Dabei werden alle wesentlichen geistigen Strömungen der Zeit in ihren Wirkungen auf Goethe und durch ihn sichtbar. Daß an wesentlichen Stellen der gut gegliederten Darstellung Goethe selbst zu Wort kommt, ist hier wie schon in den früheren Arbeiten charakteristisch für Witkops einfühlsame Wissenschaft. Noch im Goethe-Jahr erhielt er von Hindenburg die Goethe-Medaille. Sein letzter öffentlicher Vortrag anläßlich einer Hochschulwoche in Mülhausen im Elsaß 1942 ist Goethe gewidmet: „Goethe in Straßburg“.
Eine besondere Tat Witkops war seine Sammlung der „Kriegsbriefe gefallener Studenten“, die er zuerst 1918 in kleiner Auswahl, dann in einem großen Band 1928 bei Teubner erscheinen ließ. Mit Recht wurde dieses Dokument einer Kriegsjugend als „eines der bleibenden Zeugnisse menschlicher Größe unter tragischen Verhältnissen“ bezeichnet.
Das badische Freiburg als Refugium unpolitischer wie auch oppositioneller Einzelgänger gewährte Witkop in den Jahren nach 1933 eine relativ ungestörte Tätigkeit. Einige seiner zahlreichen Schüler machten sich mit eindringlichen Untersuchungen nach seinem Vorbild einen Namen: Conrad Wandrey mir der ersten Fontane-Biographie, Walter Harich mit umfassenden Darstellungen E. T. A. Hoffmanns und Jean Pauls, Herbert Marcuse mit der umfangreichen Dissertation über den deutschen Künstlerroman.
Quellen: Nachlaß: im Besitz von Frau Anna Witkop, Freiburg i. Br., Steinhalde 131.
Werke: (Weiteres, noch nicht Erwähntes): Heidelberg und die deutsche Dichtung, Leipzig u. Berlin 1916, 2. Aufl. 1925; Johann Peter Hebel, in: Die Pyramide 10, 1921, Nr. 5; Emil Gott, ebda. 13, 1924, Nr. 21, Hg.: Johann Peter Hebel – Gedichte, Geschichten, Briefe, Freiburg 1926, 2. durchgesehene Aufl. 1941.
Nachweis: Bildnachweise: Foto StAF, Bildnissammlung.

Literatur: K. Nötzel, P. Witkop, in: Das literarische Echo 25,1922/23, 1071-1074; zahlreiche Artikel im Goethejahr 1932 zu Witkops „Goethe“ von Walter Harich, Rupert Gießler, Walter Mangold, erschienen u. a. in Breisgauer Zeitung; Rupert Gießler, P. Witkop zu s. 60. Geburtstag, in: Der Westen - Berliner Tageszeitung 40. Jg. 15.4. 1940; ders., P. Witkop zu seinem Gedenken 1942 (o. O.); Gelsenkirchen in alter und neuer Zeit. Ein Heimatbuch, hg. vom Heimatbund, 1. Band, Jg. 1948, Gelsenkirchen, im Anhang Artikel P. Witkop mit Daten seines Lebenslaufs nach Mitt. der Familie Witkop und von Freiburger Studenten.
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)