Brandenburg, Johann Peter 

Geburtsdatum/-ort: 24.03.1905; Kronenburg/Eifel
Sterbedatum/-ort: 03.03.1977;  Pforzheim
Beruf/Funktion:
  • Oberbürgermeister, DVP/FDP-Politiker, MdL
Kurzbiografie: 1919 Gymnasium Rheinbach und im dortigen erzbischöflichen Konvikt
1921 Umzug nach Köln, Besuch des Real-Gymnasiums Köln-Mülheim, dort 1927 Reifeprüfung
1927-1934 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Köln, Heidelberg und Tübingen (1929-1932 Unterbrechung wegen Krankheit)
1934 erste juristische Staatsprüfung und Promotion zum Dr. jur.
1935-1939 Sachbearbeiter bei der Rhenania-Ossag Mineralölwerke AG in Köln
1939-1941 Leiter der Abteilung Verkauf ebd.
1941-1942 Hauptabteilungsleiter für Vertrieb bei den Vereinigten Flugmotorenwerken GmbH in Straßburg; nach deren Fusion mit dem Junkers-Konzern
1942-1945 kaufmännischer Leiter eines Junkers-Werkes in Warschau (im Rahmen des deutschen Rückzugs zunächst nach Rawitsch, dann nach Leipzig zurückverlegt)
1945 (31.07.)-1946 Direktor der Sparkasse Pforzheim; seit 15.09.1945 auch Leiter der Bankenvereinigung Pforzheim; vom 01.10.1945 bis 31.07.1946 zugleich kommissarischer Stadtkämmerer von Pforzheim; seit 10.08.1945 auch Mitglied des Pforzheimer Stadtrates
1946 Öffentlicher Kläger bei der Spruchkammer Pforzheim
1946-1947 1. Bürgermeister der Stadt Pforzheim
1946-1952 Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung und des Landtags von Württemberg-Baden
1947 Lizenzträger und Mitherausgeber der Süddeutschen Allgemeinen Zeitung (Pforzheim)
1947-1948 vom Stadtrat gewählter Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim
1948 von der Bevölkerung auf weitere sechs Jahre zum Oberbürgermeister gewählt
1952 Mitglied des Präsidiums des Deutschen Städtetages
1952-1964 Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung und des Landtags von Baden-Württemberg
1954 auf zwölf Jahre als Oberbürgermeister wiedergewählt
1955 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1956-1964 Vizepräsident des Landtages von Baden-Württemberg
1964 Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1965 (28.11.) Brandenburg unterliegt bei der Pforzheimer Oberbürgermeisterwahl gegen Willi Weigelt
1966 Ehrenbürgerrecht der Stadt Pforzheim
1968-1976 Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg
1969-1976 Vorsitzender der FDP/DVP-Landtagsfraktion
1970 Baden-Württembergische Verfassungsmedaille in Gold
1975 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband
1976 Richter am Staatsgerichtshof Baden-Württemberg
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1942 Pforzheim, Annemarie, geb. Tritschler
Eltern: Vater: Heinrich Brandenburg (1873-1938), Landwirt und Kalkwerksbesitzer
Mutter: Anna Lucia, geb. Dederichs (1881-1951)
Geschwister: 7
Kinder: Sabine Benedikta
GND-ID: GND/117757748

Biografie: Hans-Peter Becht (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 42-43

Der Lebensweg Brandenburgs war zunächst von einer nach eigenen Angaben bewußt gewählten Distanz zu öffentlichen Ämtern und Verwaltungen geprägt. Parallel zum Besuch der einklassigen Dorfschule erhielt Brandenburg vom örtlichen Pfarrer Lateinunterricht und besuchte ab 1919 das Gymnasium Rheinbach. 1921 übersiedelte Brandenburg zu einem Onkel nach Köln und schloß 1927 auf dem Gymnasium Köln-Mülheim seine Schulausbildung mit der Reifeprüfung ab. Im gleichen Jahr nahm er ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Köln auf, wo er nach Studien in Heidelberg und Tübingen 1934 die Referendarprüfung absolvierte und noch im gleichen Jahr bei H. C. Nipperdey mit einer arbeitsrechtlichen Dissertation zum Dr. jur. promovierte. Von 1935 bis 1945 war Brandenburg dann als leitender Angestellter im kaufmännischen Bereich bei mehreren Großunternehmen beschäftigt. Da Brandenburg in verantwortlicher Position in bedeutenden Rüstungsbetrieben tätig war, blieb ihm der Wehrdienst erspart; auch der NSDAP gehörte er nicht an.
Ende 1942 hatte sich Brandenburg mit einer Pforzheimerin verheiratet und schlug sich nach dem militärischen Zusammenbruch per Lastwagen und Fahrrad von Leipzig nach Pforzheim durch. Als „politisch einwandfrei“ eingestuft, übernahm Brandenburg bereits am 31. Juli 1945 den Posten eines Direktors der Städtischen Sparkasse Pforzheim, am 1. Oktober wurde er zusätzlich noch kommissarischer Leiter der Stadtkämmerei. Brandenburg gehörte auch dem – nicht demokratisch gewählten – ersten Nachkriegsstadtrat an, der am 7. August 1945 erstmals zusammentrat, und vollzog damit endgültig seinen Eintritt ins öffentliche politische Leben. Mit Gleichgesinnten gründete Brandenburg noch 1945 die „Soziale Volkspartei“, die im Januar 1946 in der „Demokratischen Volkspartei Württemberg-Badens“ aufging. Im September 1945 war Brandenburg in Stuttgart auch an der Gründung der „Demokratischen Volkspartei“ beteiligt. Im Mai 1946 wurde Brandenburg in den Pforzheimer Stadtrat gewählt, im Juni errang er ein Mandat für die Verfassunggebende Landesversammlung. Für Brandenburg, einen überzeugten Verfechter der Südweststaatsidee, war dies der Beginn einer mehr als 25jährigen Mitgliedschaft in den Landesparlamenten von Württemberg-Baden bzw. Baden-Württemberg. Auf kommunaler Ebene fungierte Brandenburg seit Frühjahr 1946 auch als Öffentlicher Kläger bei der Spruchkammer Pforzheim, bevor ihn der Stadtrat am 28. August 1946 zum 1. Bürgermeister wählte. Im Mai 1947 sprach der Pforzheimer Stadtrat dem seit Juli 1945 amtierenden Oberbürgermeister Friedrich Adolf Katz das Mißtrauen aus. Eine für den 21. August 1947 anberaumte Wahl erbrachte für keinen Kandidaten die absolute Mehrheit. Bei der zweiten Wahl, die am 29. August stattfand, setzte sich Brandenburg mit den 13 Stimmen der CDU- und DVP-Stadträte gegen den SPD-Kandidaten Fritz Helmstädter durch, für den die insgesamt 11 Stadträte von SPD und KPD stimmten.
In den nun folgenden 19 Jahren prägte Brandenburg die Geschicke der Stadt und insbesondere ihren Wiederaufbau so nachhaltig, daß die Bezeichnung „Ära Brandenburg“ für seine Amtszeit durchaus gerechtfertigt erscheint. Neben der mit Hochdruck betriebenen Erstellung von Wohnraum in der nahezu völlig zerstörten Stadt galt Brandenburgs Hauptaugenmerk dem Bau von Schulen und sozialen Einrichtungen, der Kultur sowie der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt.
Trotz seiner unzweifelhaften Verdienste blieb Brandenburg nicht unumstritten. Seine Gegner hielten Brandenburgs vielfältiges Engagement in Gremien und Verbänden für unvereinbar mit seinen Aufgaben auf kommunaler Ebene. Angegriffen wurde Brandenburg außerdem wegen der langen Verzögerung bei der Planung für den Wiederaufbau des durch den Luftangriff im Februar 1945 vernichteten Pforzheimer Innenstadtbereichs; das alte Stadtzentrum um den Marktplatz blieb bis zum Ende der 60er Jahre unbebaut. Gleichwohl kam Brandenburgs Niederlage gegen Willi Weigelt bei der Oberbürgermeisterwahl am 28. November 1965 unerwartet. Am 29. Januar 1966 wurde Brandenburg offiziell aus seinem Amt verabschiedet und erhielt das Ehrenbürgerrecht der Stadt Pforzheim; der Gemeinderat hatte die Verleihung des Ehrenbürgerrechts mit der denkbar knappen Mehrheit von einer einzigen Stimme genehmigt.
Brandenburg war anschließend als Oberbürgermeister einer anderen Stadt im Gespräch, gab jedoch einem verstärkten landes- und parteipolitischen Engagement den Vorzug. Beim Dreikönigstreffen seiner Partei im Jahre 1963 hatte Brandenburg noch ein bildungspolitisches Grundsatzreferat gehalten; eine ernsthafte Erkrankung im gleichen Jahr und die Kritik an seinen zahlreichen außerdienstlichen Verpflichtungen hatten ihn 1964 veranlaßt, auf eine neuerliche Landtagskandidatur zu verzichten. 1968 rückte er nun erneut in den baden-württembergischen Landtag ein und wurde 1969 als Nachfolger von Eduard Leuze FDP/DVP-Fraktionsvorsitzender. Daneben wirkte er als Vorsitzender des badischen Landesverbandes des Deutschen Roten Kreuzes (seit 1963) und als Mitglied des Verwaltungsrates des Süddeutschen Rundfunks.
Brandenburg erlag am 3. März 1977, drei Wochen vor seinem 72. Geburtstag, einem Herzversagen.
Werke: Die Tariflohnverwirkung durch Verschweigen, jur. Diss. von 1934, maschinenschriftlich, Köln 1935
Nachweis: Bildnachweise: Fotos Stadtarchiv Pforzheim; Porträtgemälde 1955 von Otto Dix Neues Rathaus Pforzheim

Literatur: Johann Peter Brandenburg. „Ich habe nichts anderes getan, als dieser Stadt auf das beste zu dienen“, Pforzheim 1987; Paul Rothmund, Erhard R. Wiehn (Hg.), Die FDP/DVP in Baden-Württemberg und ihre Geschichte. Liberalismus als politische Gestaltungskraft im deutschen Südwesten, Stuttgart u. a. 1979 (= SpLBW 4), 215, 257, 271 u. ö.; Paul Feuchte, Verfassungsgeschichte von Baden-Württemberg, Stuttgart 1983 (= Veröffentlichungen zur Verfassungsgeschichte von Baden-Württemberg seit 1945, Bd. 1), 247; Hans Tigges, Das Stadtoberhaupt. Porträts im Wandel der Zeit, Baden-Baden 1988, 196 f.
Suche