Daghofer, Martha Marie Antonia Siegelinde 

Andere Namensformen:
  • Dagover, Lil
Geburtsdatum/-ort: 30.09.1887; Madioen/Java
Sterbedatum/-ort: 23.01.1980; Geiselgasteig bei München
Beruf/Funktion:
  • Filmschauspielerin
Kurzbiografie: Vor 1896 mit Mutter und Schwester nach Deutschland zurückgekehrt
1896-1907 nach dem Tod der Mutter bei Verwandten an verschiedenen Schulorten, nach eigener Angabe in Mannheim/Schwetzingen, Baden-Baden, Karlsruhe, Tübingen, Frankfurt, Weimar
1906 nach seiner Pensionierung Rückkehr des Vaters nach Deutschland, lebt ab 1906 in Kronberg/Taunus, 1911/12 in Karlsruhe, anschließend bis zu seinem Tod in Oberkirch
1918 1. Stummfilm „Das Lied der Mutter“, Darstellerin unter dem Namen Martha Daghofer
1919 6 Stummfilme, darunter „Das Cabinet des Dr. Caligari“, unter dem seitdem beibehaltenen Künstlernamen Lil Dagover
1920-1930 ca. 40 Stummfilme bei verschiedenen Filmgesellschaften
1930 1. Tonfilm, 1931 „Der Kongreß tanzt“
1931 Salzburger Festspiele, bei Max Reinhardt in Hofmannsthals „Großem Welttheater“
1937 Staatsschauspielerin in Berlin
1955, 1962 Bundesfilmpreis
1964 „Bambi“
1967 Großes Bundesverdienstkreuz
1978 letzte Filmrolle „Geschichten aus dem Wienerwald“, zur gleichen Zeit noch Theaterrollen (Tournee) und Fernsehsendungen
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1. 1907 Fritz Daghofer, Hofschauspieler (1872-1936), gesch. 1920
2. 1926 Georg Witt, Filmproduzent (1899-1973)
Eltern: Vater: Adolf Seubert (1850-1941), Oberforstmeister im niederländischen Staatsdienst
Mutter: Martha Herf (gest. ca. 1896)
Geschwister: 2
Kinder: Eva Maria, verh. Friedel (1908-1982)
GND-ID: GND/118523309

Biografie: Hansmartin Schwarzmaier (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 54-55

Die Aufnahme dieses Artikels in die „Baden-Württembergischen Biographien“ bedarf wohl der Rechtfertigung und einer Vorüberlegung. Denn daß über die Herkunft der berühmten Schauspielerin, der „großen Dame des deutschen Films“, viele widersprüchliche und auch falsche Angaben in allen Nachschlagewerken zu finden sind, hängt mit ihrer eigenen Darstellung zusammen, die sie in den von ihr diktierten oder erzählten Lebenserinnerungen veröffentlicht hat. Darin wird nicht nur ihr Lebensalter (Geburt 1897) zu niedrig angesetzt; vielmehr bedingte dies ein chronologisches Gerüst, das ihre gesamte nur schwer nachprüfbare Kindheit und Jugendzeit betrifft, der sie das Flair des exotischen durch ein hübsch erzähltes malaiisches Märchen von der Insel Java verlieh. Indessen spielte sie sich großenteils im bürgerlichen Milieu einer angesehenen badischen Beamten- und Gelehrtenfamilie ab, der auch ihr Vater, ein Karlsruher, angehörte. Ihre Vorfahren waren Ärzte und Hofbeamte, Theologen und Naturwissenschaftler, fast alle in Karlsruhe tätig, und gehörten zur Spitze der bürgerlichen Gesellschaft Badens (u. a. Vierordt, Oberhofprediger Deimling, Thouret, Doll).
1872 trat der Vater in niederländische Dienste ein, um auf Java das Forstwesen in immer höherer Zuständigkeit zu leiten. Bei einem 2jährigen Erholungsurlaub in Europa heiratete er 1881 Martha Herf; ein Sohn (früh gestorben) und zwei Töchter, Martha offenbar als jüngste, kamen auf Java zur Welt. Das tropische Klima auf der malaiischen Insel ließ es geraten erscheinen, die schwerkranke Mutter mit den beiden Töchtern nach Deutschland zurückzuschicken. Um 1896 ist sie in Isenburg gestorben, als Martha, wie sie schreibt, sechs (in Wirklichkeit neun) Jahre alt war. In diesem Jahr verbrachte der Vater einen weiteren einjährigen Urlaub in Europa, und in Lil Dagovers Buch ist ein Bild veröffentlicht, das ihn mit seinen Kindern in einer deutschen Winterlandschaft zeigt. Danach kehrte der Vater nach Java zurück und ließ die Töchter bei den zahlreichen Verwandten erziehen. Sie sei, so schreibt sie, in Mannheim/Schwetzingen, Baden-Baden, Karlsruhe, Tübingen und Frankfurt herumgereicht worden, sei dort in die jeweils besten Schulen gegangen, zuletzt in das Sophienstift in Weimar. Dort habe sie als 17jährige den Weimarer Hofschauspieler Fritz Daghofer umschwärmt und ihn gegen den Willen ihrer Familie geheiratet. Dies war, dies läßt sich durch amtliche Akten belegen, an Weihnachten 1907, und Lil Dagover war 20 Jahre alt, wobei der Vater bereits in Deutschland zurück war und in Kronberg am Taunus lebte, später in Karlsruhe und Oberkirch, wo er im hohen Alter von 91 Jahren starb (1941). 1908 kam in Weimar die Tochter Eva Maria zur Welt.
Soweit läßt sich das durchaus normale Dasein einer „höheren Tochter“ aus gut bürgerlichen Kreisen rekonstruieren, das in eine ebenso bürgerliche Ehe mit einem Hofschauspieler führte, der seine Karriere (ab 1920) am Deutschen Theater in Berlin und (ab 1926) am Josefstädter Theater in Wien fortsetzte. Die Ehe wurde 1920, also nach 12 Jahren, geschieden. 1926 heiratete Lil Dagover den Filmproduzenten Georg Witt, mit dem sie bis zu seinem Tode im Jahr 1973 in fast 50jähriger Ehe verbunden blieb. Ob sie aufgrund eines Zufalls für den Film entdeckt wurde, wie sie schreibt, oder ob sie an dieser Entwicklung aktiv beteiligt war, läßt sich schwer sagen. Im Kriegsjahr 1917 jedenfalls scheint sie unter dem Namen Lilith Ehlers als Tänzerin in Weimar aufgetreten zu sein. Dann kommen ihre ersten Stummfilme unter Robert Wiene, der sie offenbar entdeckt hat, und dem Regisseur Fritz Lang. Unter Wienes Regie wurde der Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ein großer Erfolg auch für die Darsteller: ein Stück deutscher Filmgeschichte. Ihre weiteren Filme brauchen nicht alle aufgeführt zu werden. Ihre knapp 40 Stummfilme und, ab 1930, über 50 Tonfilme enthalten, neben vielen bleibenden Werken, auch manche Belanglosigkeiten und reine Unterhaltungsfilme; der Titel des Operettenfilms „Eine Frau, die weiß, was sie will“ (1934) könnte auf Lil Dagover gemünzt sein. Erwähnenswert sind aus der Zeit vor dem Krieg und aus den Kriegsjahren etwa „Der Kongreß tanzt“ (1931), „Elisabeth von Österreich“ (1932), „Die Kreutzersonate“ (Veit Harlan, 1937), „Bismarck“ (1940) und „Friedrich Schiller“ (1940). Welche Rolle sie in der Filmszene um den Propaganda- und Filmminister Goebbels gespielt hat, läßt sich wiederum schwer beschreiben; nach eigenen Angaben ließ sie sich in sein Milieu nicht einbeziehen, obwohl sie der Arbeitswelt des NS-Films insbesondere der 40er Jahre mit zahlreichen Spitzenaufträgen angehörte. Auch das Gerücht, sie sei mit Hitler befreundet gewesen, wurde verbreitet, ohne daß sie über eine Begegnung mit dem „Führer“ berichtet. 1937 wurde sie Staatsschauspielerin, wobei ihr Weg zum Theater zwar bei Max Reinhardt in Salzburg begonnen hatte, jedoch ihrer Filmarbeit untergeordnet wurde. Dies war auch nach dem Kriege so, wo sie wiederum an zahlreichen großen Filmen mitgewirkt hat, so in den Thomas Mann-Verfilmungen „Königliche Hoheit“ (1953), „Felix Krull“ (1957) und „Die Buddenbrooks“ (1959), zuletzt auch in Fernsehserien und Kriminalfilmen („Der Richter und sein Henker“, nach Dürrenmatt, 1974). Auch dem Theater blieb sie treu, wenn auch nicht an ein Ensemble gebunden, sondern eher bei Tourneevorstellungen; ihre Altersrollen, in Stücken von Anouilh („Einladung ins Schloß“), die „Irre von Chaillot“ von Giraudoux oder John Patricks „Etwas sonderbare Dame“ haben sich besonders eingeprägt. In ihrem Memoirenwerk findet sich die komplette Liste ihrer Filme. Am Ende ihres Lebens wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und hoch dekoriert; gespielt hat sie bis in ihre letzten Lebensjahre, wobei zu berücksichtigen ist, daß sie über 90 Jahre alt geworden ist und ihre Rolle als die „große Dame des deutschen Films“ bis zum Ende durchgehalten hat. Auch diejenige der „Filmschönheit“ konnte sie bis weit in die 50er Jahre hinein spielen, mit der „Schönheit“ in Hofmannsthals „Welttheater“, die sie noch 1955 dargestellt hat. Ihre 1979 veröffentlichten Memoiren sind zwar kein großes literarisches Werk, enthalten aber ein Kapitel deutscher Filmgeschichte, das sie durch 60 Jahre hindurch mitgestaltet hat.
Werke: Autobiographie: Ich war die Dame. Moewig-Memoiren (München 1979), mit zahlreichen Bildern
Nachweis: Bildnachweise: vgl. Werke und Literatur

Literatur: Deutsches Institut für Filmkunde, Verleihkatalog Nr. 1 (Frankfurt/Wiesbaden/Berlin 1986) 275 f.; Munzinger-Archiv/Internationales Biographisches Archiv Lief. 9 (1980); R. Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich (München 1983) 46 f. (mit Bild)
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