Dix, Otto Wilhelm Heinrich 

Geburtsdatum/-ort: 02.12.1891; Untermhaus (heute Gera)
Sterbedatum/-ort: 25.07.1969;  Singen a.H., beigesetzt auf dem Dorffriedhof Hemmenhofen
Beruf/Funktion:
  • Maler und Graphiker
Kurzbiografie: 1899-1905 Volksschule in Untermhaus
1905-1909 Lehre als Dekorationsmaler in Gera, Malergeselle in Pößneck
1909-1914 Studium der Malerei an der Kunstgewerbeschule in Dresden
1914-1918 Teilnahme am ersten Weltkrieg, 1918 als Vizefeldwebel entlassen
1919-1922 Studium der Malerei an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Dresden, Mitglied der Dresdener Sezession – Gruppe 1919
1922-1925 Fortsetzung des Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf, Mitglied der Gruppe „Das junge Rheinland“, 1924 Mitglied der Berliner Sezession
1925-1927 Freischaffender Künstler in Berlin
1927-1933 Professor an der Akademie der bildenden Künste in Dresden; Leiter eines Meisterateliers
1931-1933 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste in Berlin
1933 Entlassung aus dem Dresdener Amt, Austritt aus der Preußischen Akademie, Umsiedlung nach Schloß Randegg (Hegau)
1936 Ausstellungsverbot; 1937 Ausstellung „Entartete Kunst“ in München mit Werken Dix‘ im Mittelpunkt
1936-1969 Hemmenhofen am Bodensee
1939 Verhaftung nach dem Hitler-Attentat in München am 8.11.1939
1945 Einziehung zum Volkssturm, französische Kriegsgefangenschaft bei Colmar, 1946 Rückkehr nach Hemmenhofen
1954 Präsident der Sezession Oberschwaben-Bodensee
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Auszeichnungen: 1957 Ehrensenator der Hochschule für Bildende Künste in Dresden
1959 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1959 Cornelius-Preis der Stadt Düsseldorf
1961 Ehrenbürger der Gemeinde Hemmenhofen
1963-1967 Präsident des Künstlerbundes Baden-Württemberg
1964 Carl-von Ossietzky-Medaille des Deutschen Friedensrates (DDR)
1966 Ehrenmitglied des Verbandes Bildender Künstler (DDR)
1966 Lichtwark-Preis der Hansestadt Hamburg
1966 Ehrenbürger der Stadt Gera
1967 Martin-Andersen-Nexø-Preis in Dresden
1967 Hans-Thoma-Staatsgedenkpreis des Landes Baden-Württemberg
1968 Rembrandt-Preis der Johann-Wolfgang-von Goethe-Stiftung, Salzburg
Mitgliedschaften: 1955 Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste in Berlin (West)
1956 Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Berlin (Ost)
Verheiratet: 1923 Martha Koch, geb. Lindner (1895-1985)
Eltern: Vater: Franz Dix (1862-1942), Former in einer Eisengießerei
Mutter: Louise, geb. Amann (1863-1953)
Geschwister: 3
Kinder: 3
GND-ID: GND/118526103

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 64-70

„Entweder ich werde berüchtigt – oder berühmt“, prophezeite der 29jährige Dix; aber er behielt nicht recht: er wurde beides.
Am Berufsziel „Kunstmaler“ gab es niemals Zweifel, seit der Zehnjährige erstmals in einem Maleratelier Farben und Lacke gerochen hatte. Die Dekorationsmalerlehre sah er als eine Fron an. Ein kleines Stipendium des Landesfürsten Heinrich XXVII. von Reuß ermöglichte ihm das Studium der Malerei an der Kunstgewerbeschule in Dresden, wo auch erste Talentproben – sächsische Landschaften – entstanden. Von größtem und für Jahrzehnte nachwirkendem Einfluß auf Dix war die im Jahre 1911 einsetzende Lektüre der Werke Friedrich Nietzsches – „Fröhliche Wissenschaft“, „Zarathustra“, „Menschliches und allzu Menschliches“ –; dies fand seinen äußeren Ausdruck in der Ausführung einer Nietzsche-Büste (1912). Dix hat aber das zweifellos vorhandene bildhauerische Talent nicht weiter genutzt. Von bis zum Ende seiner Tage anhaltender Nachwirkung war die Begegnung mit den altdeutschen Meistern Lucas Cranach d.Ä., Hans Baldung Grien und Albrecht Dürer in den Dresdener Museen. Noch vor dem ersten Weltkrieg erschloß sich für Dix in den Gemälden van Goghs eine weitere Dimension der Malkunst. Erste Porträts, Zeugnisse einer frühen Meisterschaft, entstanden in der Dresdener Zeit, deren vielversprechende Entwicklung jäh durch den ersten Weltkrieg abgebrochen wurde.
Dix meldete sich freiwillig, aus Gründen, „die heute nur schwer nachvollziehbar sind“ (Andrea Hollmann/Ralph Keuning, im Katalog der Stuttgarter/Berliner Dix-Ausstellung 1991, siehe Literatur). Bei einer – nur zulässigen – ex tunc-Betrachtung läßt sich das Bündel von Gründen, die zu dieser Freiwilligenmeldung führten, schnell eruieren: Auch Dix konnte sich wohl nicht der übermächtigen Patriotismuswelle, die im August 1914 durch das Deutsche Reich schwappte, entziehen, und dieser Gesinnung entsprechen auch seine Beförderungen und Tapferkeitsauszeichnungen (Eisernes Kreuz II). Ein zweiter Grund: „Alle Untiefen des Lebens muß ich selber erleben, deswegen habe ich mich auch freiwillig gemeldet“, sagte er später. „Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen.“ Vermuten darf man drittens, daß Dix und viele seiner Kameraden im Kriegsdienst die Möglichkeit sahen, sich dem proletarischen Milieu, dem sie entstammten – der „dumpfen Sklavenherde“ (Dix) –, zu entziehen. Nach der Ausbildung als Artillerist und am schweren MG in Sachsen rückte Dix im Herbst 1915 für die nächsten drei Jahre an die Brennpunkte des kriegerischen Geschehens: 1915/16 machte er die Kämpfe auf dem französischen und belgischen Kriegsschauplatz mit, 1917 an der Front in Rußland, 1918 wieder in Flandern. Im letzten Kriegsjahr meldete er sich als Anwärter zur Fliegertruppe nach Schneidemühl; aber aus der erstrebten Flugerfahrung wurde nichts mehr.
Nach Kriegsende setzte Dix seine Ausbildung in Dresden fort, um „ein richtiger Maler zu werden“ (Dix). Einige wilde Sturm- und Drangjahre begannen. Überliefert ist die Antwort, die er seinem Freund Conrad Felixmüller gab, als dieser ihn zum Eintritt in die KPD aufforderte: „Laß mich mit Deiner dämlichen Politik – ich gehe in den Puff.“ Aber der Meisterschüler von Otto Gußmann nahm mit Feuereifer die damals modischen Strömungen – Collage-Technik, kubistische und futuristische Formelemente – in aufsehenerregenden Gemälden auf, und eines seiner großen Themen klingt erstmals an: das Geschick der Opfer der furchtbaren Kriegsereignisse, „Kriegskrüppel“, „Prager Straße“ und „Der Streichholzhändler“ entstehen (1920). Das erstere verursachte auf der ersten Dada-Messe in Berlin im Jahre 1920 einen handfesten Skandal. In diesen Gärungsjahren Dix‘ gehörten Provokation, mutwillige Reizung und Erregung von Ärgernis zum Lebensstil des Künstlers. Aber die Begeisterung für den Dadaismus kühlte schnell ab. Felixmüller machte ihn mit der Kunst der Lithographie bekannt, der er sich mit großer Leidenschaft widmete. Gleichzeitig wandte er sich einem Sujet zu, das schon vor dem Krieg und im Krieg sein besonderes Interesse gefunden hatte: dem Porträt. Frühe Meisterwerke auf diesem Gebiet sind die Elternbildnisse (1921, 1924). Er wurde ein gesuchter Porträtist, und die – zum Teil grimmige – Realistik und oft Drastik seiner Bildnisse verschafften ihm den Ruf eines der zentralen Künstler der „Neuen Sachlichkeit“, sowenig diese Schablone auch auf Dix paßt. In dieser Zeit lernte Dix auch seine spätere Ehefrau Martha – als Gattin eines seiner Gönner, Dr. med. Hans Koch, mit dem sie zwei Kinder hatte – kennen. Martha trennte sich von Koch und heiratete Dix im Februar 1923.
Nach Düsseldorf, wo er sich Ende des Jahres 1922 niederließ, zog ihn einmal die im Vergleich mit Dresden „aufgeschlossenere Interessen- und Käuferschicht“ (Dix), aber auch die von ihm in bewundernswerter Weise immer und immer wieder ergriffene Möglichkeit der Fort- und Weiterbildung. Der Expressionist Heinrich Nauen und der Graphiker Wilhelm Herberholz waren die wichtigsten Lehrer des nun 31jährigen Meisterschülers, der in der deutschen Kunstszene jener Jahre schon ein bekannter Mann geworden war. 1922 interessierte sich der Staatsanwalt in Berlin für ihn wegen „Verbreitung unzüchtiger Schriften“ (Gegenstand der Anklage: „Mädchen im Spiegel“, 1921), 1923 folgte eine ähnliche Anklage (wegen „Salon II“, 1922) in Darmstadt. Dix verteidigte sich geschickt, indem er die abschreckende Wirkung seiner Puff-Bilder hervorhob; bedeutende Kollegen wie Max Slevogt und Karl Hofer sekundierten ihm; er wurde in beiden Prozessen freigesprochen. Die „kleine Notlüge“ soll später noch oft Quelle der Heiterkeit bei Dix und seinen Zuhörern, denen er über diese Begegnung mit dem Staatsanwalt berichtete, gewesen sein. Aber die beiden Prozesse veranlaßten ihn wohl zu etwas zurückhaltenderem Einsatz seines Wirklichkeitsfanatismus. Viele Hunderte von Aquarellen entstanden in der Düsseldorfer Zeit, mit den bei Dix immer wiederkehrenden Themen Eros und Tod.
1923, nach Jahren der Reife und Klärung, begann die künstlerische Auseinandersetzung mit den Kriegserlebnissen. An Dix‘ Hauptwerk „Der Schützengraben“ (1923), dem „grausamsten Bild des Jahrhunderts“, wie es zurecht genannt wurde, schieden sich die Geister in Deutschland. Vor allem Rechtskreise, aber auch ein angesehener Kunsthistoriker wie Julius Meier-Graefe verurteilten das Bild wütend und in ihrer „Nationalehre“ aufs tiefste getroffen. Aber der Präsident der Preußischen Akademie der Künste, Max Liebermann, stellte das Bild in der Akademie aus. (1937 wurde es, natürlich, auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München unter der Überschrift „Gemalte Wehrsabotage“ vorgeführt; seit 1940 ist es verschollen. Dix selbst nahm an, daß es verbrannt worden sei.)
In einem zweiten Hauptwerk, dem Radierzyklus „Der Krieg“ (1923/24), beschrieb Dix in schonungs- und erbarmungslosen Graphiken die Schrecken des „Vaters aller Dinge“. Der Verkaufserfolg der fünf Mappen war dürftig; die Galeristen scheuten davor zurück, die gräßlichen Detailszenen auszustellen. Aber Dix wollte nicht „Angst und Panik, sondern Wissen um die Furchtbarkeit des Krieges auslösen und damit die Kräfte der Abwehr wecken“.
Die Düsseldorfer Jahre waren eine wichtige Station im Werdegang des Künstlers, er war in der Kunstszene arriviert, berühmt, auch berüchtigt, und so konnte ihn sein weiterer Aufstieg nur in das damalige Zentrum der Roaring Twenties führen, in die Stadt, in der sich in jenen Jahren in einer einmaligen, nicht wiederholten Form die schöpferischen Kräfte auf dem Gebiet der Kultur bündelten: die Reichshauptstadt Berlin. Den Anstoß zur Übersiedlung gab sein Galerist Nierendorf, der Dix jahrzehntelang als getreuer Ekkehard („Nierendix“) begleitete. In Berlin etablierte sich Dix endgültig als unumstrittener Meister der Porträtkunst (Bildnisse der Tänzerin Anita Berber, 1925, des Dichters Theodor Däubler, 1926, des Kunsthändlers Alfred Flechtheim, 1926, des Dichters Ivar von Lücken, 1926, der Journalistin Sylvia von Harden, 1926, des Schauspielers Heinrich George, 1932). 1926 fanden erste Einzelausstellungen seiner Werke in Berlin und München statt, und im Herbst 1926 wurde er als Professor an die Akademie der bildenden Künste in Dresden berufen – der Zenit seines Weges schien erreicht. Die Berufung Dix‘ an die berühmte Preußische Akademie der Künste in Berlin unterstrich die gewonnene Geltung. Die erfolgreiche Lehrtätigkeit an der Dresdener Akademie, der nach wie vor anhaltende malerische Erfolg, die Produktion weiterer Hauptwerke – der Triptychen „Großstadt“ (1927/28) und „Der Krieg“ (1929-1932) – kennzeichnen die erreichte hochangesehene Position des Künstlers. Die junge Familie wuchs, der Tochter Nelly – 1923 – folgten die Söhne Ursus und Jan 1927 und 1928. Viele Bildnisse der Kinder reflektieren jene für Dix wohl glücklichsten Jahre.
Sie fanden ein plötzliches Ende. Am 6.4.1933 wurde Dix von den neuen Machthabern aus der Dresdener Akademie hinausgeworfen, und als er am 8.4.1933 dagegen protestierte, wies der Reichskommissar von Killinger den Protest mit dem Bemerken zurück, Dix‘ Bilder seien geeignet, den Wehrwillen zu beeinträchtigen und das sittliche Gefühl aufs schwerste zu verletzen. Im Sommer 1933 verließ Dix Dresden und fand mit der Familie – drei kleinen Kindern – erste Zuflucht auf Schloß Randegg im Hegau, dem Besitz von Dr. Hans Koch, Marthas erstem Mann. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des ohne Pension entlassenen Professors waren verzweifelt: „Wir leben von der Hand in den Mund.“ Dazu kamen die Verfemung und Verächtlichmachung von Seiten der braunen Gewaltherrscher; 1934 vermerkte von Killinger in Dix‘ Personalakte: „Lebt das Schwein immer noch?“ Der Präsident der Preußischen Akademie der Künste, der Komponist Max von Schillings, wandte sich am 15.5.1933 an neun mißliebig gewordene Mitglieder der Akademie – Mies van der Rohe, Paul Mebes, Erich Mendelsohn, Ludwig Gies, Renée Sintenis, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner – und forderte sie auf, auf die im August 1931 erfolgte Berufung durch den preußischen Kultusminister Dr. Grimme zu verzichten. Sechs Mitglieder lehnten dies ab und ließen sich hinauswerfen; drei – Mebes, Schmidt-Rottluff, Dix – entsprachen dem Wunsch des Präsidenten. Dix: „Sehr geehrter Herr Präsident! Ihren Anregungen folgend trete ich hiermit aus der Preußischen Akademie der Künste aus.“ Am 1.1.1934 wurde Dix Mitglied der „Reichskulturkammer, Fachverband: Bund Deutscher Maler und Graphiker e.V.“. Eine der mehreren Seltsamkeiten im Schicksal Dix‘ während des „Dritten Reiches“: die Mitgliedschaft, die Voraussetzung für jede Tätigkeit als Maler war, wurde auch nicht nach der „Entarteten Kunst“ in München gelöscht, bei der der „Schützengraben“ und die „Kriegskrüppel“ – neben sieben weiteren Dix-Gemälden – im Mittelpunkt des von den Nationalsozialisten entfachten Hasses standen, 260 Arbeiten des Künstlers wurden in den folgenden Jahren aus deutschen Museen entfernt. Erst 1936 erging ein Ausstellungsverbot, das der Künstler mit Hilfe Nierendorfs umging; immerhin konnten in der Zeit des „Dritten Reiches“ Dix-Werke in der benachbarten Schweiz, aber auch in New York und Pittsburgh, ausgestellt werden. Ein Malverbot wurde – wieder muß man sagen: seltsamerweise – nie verhängt. „Ich arbeite und sehe mich nicht um“ (Dix, 1934).
Eine glückliche Fügung gab es in dieser von Dix und seiner Frau das Letzte an Selbstbehauptungswillen und Widerstandskraft fordernden Zeit auch: Martha trat im Jahre 1936 eine Erbschaft an, die der Familie den Bau eines geräumigen Hauses mit Atelierräumen in schönster landschaftlicher Lage, in Hemmenhofen am Untersee, erlaubte. Aber: „Ich bin in die Landschaft verbannt“, sagte er. Nachdem er noch ein letztes erschütterndes Kriegsbild – „Flandern“, 1934-1936 – vollendet hatte, wandte er sich in den folgenden Jahren allegorischen und biblischen Themen zu, mit denen er auch in der Zeit der Unterdrückung seine innere Freiheit bewahrte („Triumph des Todes“, 1934, „Lot und seine Töchter“, 1939, „Die Versuchung des Heiligen Antonius“, 1944). Auch seine Geltung als Porträtist dauerte fort; sogar der Reichsaußenminister von Ribbentrop soll beabsichtigt haben, sich von Dix porträtieren zu lassen; aber das in der Heranziehung eines „entarteten“ Künstlers liegende Risiko schien Ribbentrop doch zu hoch. Nach dem von einem Einzelgänger – wie man heute weiß – inszenierten Hitler-Attentat am 8.11.1939 im Münchener Bürgerbräukeller wurde Dix kurzzeitig verhaftet – er war also noch immer im Visier der Gestapo. 1945 wurde er zum Volkssturm eingezogen, überlebte und geriet im April 1945 in französische Kriegsgefangenschaft. Im Februar 1946 kehrte er nach Hemmenhofen zurück.
Dix war nun 56 Jahre alt und konnte nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“, während dessen ihm so viel Unrecht zugefügt worden war und das seine künstlerische Existenz fast zerstört hätte, erwarten, daß er in irgendeiner Form an die 1933 so jäh abgebrochene Entwicklung würde anknüpfen können. Alsbald erschienen auch Abgesandte aus Dresden und Berlin (Ost) mit Professurangeboten; auch Düsseldorf zeigte Interesse. Aber alle Hoffnungen zerschlugen sich. Dix nahm wohl anfänglich an, in ähnlicher Weise wie Thomas Mann und andere die sich nach 1945 immer mehr konkretisierende deutsche Teilung als Künstler negieren zu können, und schon von da aus gesehen konnte er das in Berlin (Ost) und Dresden erwartete unzweideutige Bekenntnis zum „realen Sozialismus“ und zur „DDR“ nicht ablegen. Künstlerische Gründe kamen dazu: die Welle der abstrakten Malerei erfaßte in den Fünfzigerjahren nicht nur die Bundesrepublik Deutschland, sondern auch die DDR, was z.B. dazu führte, daß Bilder von Dix auf einer Dresdener Ausstellung des Jahres 1953 „ausjuriert“ (Tanja Frank) wurden. Erst in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre änderte sich die Wertschätzung der Werke Dix‘ in der DDR, was etwa die umfassende Dix-Ausstellung in Berlin (Ost) im Jahre 1957 und die Wahl zum Korrespondierenden Mitglied der Ostberliner Akademie im Jahre 1956 bezeugen. Daß Dix nach dem Mauerbau im Jahre 1961 „unverkennbare Zurückhaltung uns gegenüber“, wie es in einem DDR-Bericht heißt, an den Tag legte, war natürlich seiner Geltung in der DDR auch nicht gerade förderlich. Ausgeschlossen werden kann auch nicht, daß Dix zu der Einsicht gelangt war, daß die ihm von Seiten der DDR erwiesenen Ehrungen auch dazu bestimmt waren, ihn selbst gegen den „imperialistischen Klassenfeind BRD“ auszuspielen. Bei seinen regelmäßigen jährlichen Sommerbesuchen in seinem alten Atelier in Dresden hatte er ja hinreichend Gelegenheit, die Wirklichkeit des „realen Sozialismus“ kennenzulernen. Eine Berufung nach Düsseldorf schloß sich unter der nordrhein-westfälischen Kultusministerin Christine Teusch, die Dix‘ Werk nicht schätzte, von selbst aus.
Aber auch in der Bundesrepublik Deutschland erfuhr Dix nach dem Krieg nicht die Anerkennung, mit der er wohl rechnete. Verantwortlich dafür ist der oben geschilderte Einbruch der abstrakten Malerei, die die Kunstszene in jenen Jahren beherrschte und die Dix mit dem ihm eigenen Sarkasmus verachtete. Nun war dies ein internationaler und keineswegs auf Deutschland begrenzter Trend. Daß Dix auch in jenen Jahren in der Bundesrepublik nicht gerade vergessen war, zeigt etwa, neben anderen Ehrungen, die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes durch einen illustren Kunstkenner, den Bundespräsidenten Theodor Heuss, im Jahre 1959; die Verleihung erfolgte auf Vorschlag der von Kurt Georg Kiesinger, CDU geleiteten baden-württembergischen Landesregierung. – Am 8.10.1961 zeichnete Dix den Altbundespräsidenten Heuss. – Auch die Einladung zu einem Studienaufenthalt in der Villa Massimo in Rom ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Aber mit dieser öffentlichen Anerkennung ließen sich seine Erfolge vor 1933 nicht vergleichen. Selbstverständlich war er wie früher ein gesuchter Porträtmaler, einmal malte er einen gesamten Konzernvorstand. Daß auch noch der alte Biß in ihm lebendig war, zeigt die Tatsache, daß ein von ihm Porträtierter sich offensichtlich entlarvt sah und das Bild vernichtete. Allein in Dresden entstanden zwischen 1949 und 1961 31 Bildnisse. Wieder tauchen in den Nachkriegsjahren und im Spätwerk des Meisters die in der Zeit der Verfolgung bevorzugten biblischen Themen auf (Hiob 1946, Pietà 1946, David vor Saul 1948/50, Kreuzigung 1948, Ecce Homo 1948/49, Große Auferstehung Christi 1949, Verkündigung 1950, Petrus mit dem Hahn 1957, Schmerzensmann 1964), ohne daß Dix jedoch dabei einen eigentlich religiösen Bezug zu den Bildinhalten herstellte: Nur das „Bildhafte“ der biblischen Sujets war für ihn von Bedeutung, „das andere, das Moralische, das hat mich gar nicht interessiert.“
Im Jahre 1969 erlag der 77jährige einem Schlaganfall. Sein Andenken lebt in Hemmenhofen, wo er 33 Jahre lebte, in besonderer Form fort: den Bemühungen des „Vereins zur Förderung und Pflege der Kunst e.V., Otto-Dix-Haus Hemmenhofen“ ist es zu danken, daß das seit dem Tod von Martha Dix im Jahre 1985 ungenutzte Haus am 15.6.1991 als ständige und vielbesuchte Erinnerungsstätte eröffnet werden konnte.
In den Siebziger- und Achtzigerjahren wuchs die auch internationale Anerkennung Dix‘; aber das in seinem Rang dem Frühwerk gewiß vergleichbare Alterswerk harrt noch der entsprechenden Würdigung. Die Deutsche Bundespost ehrte Dix anläßlich des 100. Geburtstags im Jahre 1991 gleich mit zwei – hervorragend ausgeführten – Briefmarken, dem oben erwähnten Bildnis der Tänzerin Anita Berber (1925) und dem Selbstbildnis von 1922, beides bedeutende Zeugnisse des Dix’schen Frühwerks. Das Alterswerk wurde leider auch hier nicht berücksichtigt.
Überblickt man das Gesamtwerk des Künstlers, fallen die grundlegenden Wandlungen in seiner Entwicklung sofort ins Auge: Dix, eine Proteusnatur, hat die zeitgeschichtlichen Strömungen auf dem Gebiet der Malerei mit einer Sensibilität ohnegleichen aufgenommen und verarbeitet, anverwandelt, ohne je in epigonales Fahrwasser zu geraten. Nach den ersten noch spätimpressionistischen Talentproben folgte die Begegnung mit van Gogh – und Nietzsche: „Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen, der Wille zum Leben, im Opfer seiner höchsten Typen und der eignen Unerschöpflichkeit froh werden – das nannte ich dionysisch.“ Diese Maxime des Philosophen wurde für Dix Leitsatz seines Welt- und Kunstverständnisses; das Abgründige des Daseins, Ekstase, Rausch und Sinnlichkeit sind im Werk Dix‘ in vielfältigen Wiederholungen verwirklicht. Dazu bedurfte es allerdings eines „erschreckenden Sinns fürs Direkte“ (Rainer Beck). Dix: „Ich brauche die Verbindung zur sinnlichen Welt, den Mut zur Häßlichkeit, das Leben ohne Verdünnung.“ Wilhelm Hausenstein hat sich zur Übernahme der „Gotik“ in die Moderne geäußert: sie könne nur dann fruchtbar werden, wenn wir „aus den Bedürfnissen unserer Zeit heraus das Talent haben, diese Psychologie aus uns selbst neu hervorzubringen“. Den Transfer der „Gotik“ in die zeitgenössische Kunst, das „Aus sich selbst neu Hervorbringen“ hat Dix in bewußter Konsequenz vollzogen, bis hin zur Maltechnik (Lasur, Holzuntergrund) und der Bildform (Triptychon, Predella).
Das für den Maler Dix einschneidendste Erlebnis war der Krieg. Kein anderer Künstler hat das Erlebnis der Materialschlachten und „in grellen Blitzen die apokalyptische Wirklichkeit“ (Henri Barbusse) so radikal wie Dix wiedergegeben. „Ich mußte das alles selber sehen, ich bin so ein Realist.“ Unmittelbare Reflexe sind viele hundert Skizzen auf Feldpostkarten an seine Esperanto-Freundin Helene Jakob, aber auch frühe Selbstbildnisse (als Mars, 1915, als Schießscheibe, 1915, als Unteroffizier, 1917). Die das Kriegsgeschehen in einmaliger Weise widerspiegelnden Hauptwerke (siehe oben) entstanden erst viel später. Der Krieg, das soziale Elend und das Hurenmilieu blieben bis etwa 1934 die Hauptinhalte seines Schaffens, das mit „Realismus“ oder „Verismus“ nur unvollkommen beschrieben wird. Jean Cassou hat die Phase des deutschen Expressionismus beschrieben, der Dix verhaftet ist, „in der ein ursprünglich-elementarer, vorerst noch zielloser Furor auf die Wirklichkeit stößt und sie ‚reißt‘, wie das vom Jagdtrieb besessene Tier seine Beute ... der Furor, der sich nun im Laufe seines Schaffens immer wieder entlädt in riesigen Tafeln, auf denen das schamlose Geschehen der Wirklichkeit zusammenklingt mit den burlesken Dissonanzen des Bildes“.
Die Umsiedlung an den Bodensee wurde zu einer Vertreibung ins Exil. Dix sah sich, in einer zauberhaft schönen Landschaft, abgeschnitten von seinen Großstadtwurzeln. „Sie (die Landschaft) interessiert mich eigentlich gar nicht sehr. Menschen, Menschen viel mehr.“ So wird man die Landschaftsbilder Dix‘ bei aller vollendeten Meisterschaft nicht zur künstlerischen Zentralaussage des Meisters rechnen dürfen. Anders steht es mit den biblischen Nachkriegswerken. Nach dem zweiten Weltkrieg gab Dix die jahrzehntelang angewandte Lasurtechnik auf und malte alla prima, „auch eine neue Form des Sehens“, sagte er.
Abschließend sei auf eine der für Dix besonders charakteristischen Bildformen hingewiesen, das Selbstporträt. Wie viele andere Maler hat auch Dix in mehreren Lebensabschnitten mit Selbstbildnissen so etwas wie die Summe seiner künstlerischen Existenz gezogen, sich selbst mit einem solchen Porträt erforscht und gedeutet. Vom Selbstporträt als Selbstkontrolle spricht Dix‘ Biograph Fritz Löffler. Vielfach hat Dix auch sogenannte Assistenzbilder gemalt – wieder auf den Spuren der alten Meister – und sich selbst als zum Bild gehörende Figur eingefügt. Die Selbstporträts reichen vom Bildnis des 21jährigen (1912) über die Kriegsdarstellungen (siehe oben), das Porträt von 1922 mit dem „Mund des rücksichtslosen Triebmenschen und der brutal vorgeschobenen Unterlippe“ (Sabine Fehlemann), das Dandy-Bild mit Martha (1923), das Soldatenbild im „Triumph des Todes“ (1935) bis zu den erschütternden Selbstdarstellungen als Gefangener (1947) und der Lithographie als Totenkopf (1966). Sie alle sprechen von den Höhen und Tiefen der weiten Lebensräume, die der Maler durchschritt, und von der einzigartigen Ausdruckskraft dieses großen Zeugen unseres Jahrhunderts.
Werke: Werkverzeichnis der Gemälde von Fritz Löffler, Dresden 1960, der Aquarelle und Gouachen von Suse Pfäffle, Stuttgart 1991
Nachweis: Bildnachweise: Abbildungen zahlreicher Selbstbildnisse mit Lagerortsangabe und zahlreiche Fotos in: Katalog Dix-Ausstellung in Stuttgart und Berlin 1991 (vgl. Literatur)

Literatur: (Auswahl) Fritz Löffler, Otto Dix, Leben und Werk, Wiesbaden 2. Aufl. 1989 (Dresden 1960); Auswahlbibliographie (86 Veröffentlichungen) in: Wulf Herzogenrath/Johann-Karl Schmidt (Hg.), Otto Dix, Zum 100. Geburtstag 1891-1991, Katalog der Dix-Ausstellung (Galerie der Stadt Stuttgart vom 4.9.-3.11.1991; Nationalgalerie Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin vom 23.11.1991-16.2.1992), mit Aufsätzen von Johann-Karl Schmidt/Dieter Honisch, Andrea Hollmann/Ralph Keuning, Johann-Karl Schmidt, Ulrike Rüdiger, Rolf Thomas Senn, Renate Heinrich, Ulrich Weitz, Suse Pfäffle, Jung-Hee Kim, Roland März, Wolfgang Schröck-Schmidt, Wulf Herzogenrath, Diether Schmidt, Martina Fuchs, Rita Täuber, Hanne Bergius, Birgit Schwarz, Rainer Beck, Dieter Scholz, Britta Schmitz, Dietrich Schubert, Ursus Dix, Tanya Frank, Franz Joseph van der Grinten, Hans Ulrich Lehmann, Ursula Zeller; Paul Swiridoff/Günther Neske, Otto Dix, in: Porträts aus dem geistigen Deutschland, Pfullingen 1965; Alexander Erxleben, Die alte Heftigkeit: Otto Dix-Retrospektive in der Münchner Stuck-Villa, Ein Leben ohne Verdünnung gesucht, in: Die Welt vom 06.09.1985; Helmut Hensler/Lutz Tittel (Hg.), Otto Dix-Haus in Hemmenhofen, Gaienhofen 1988; Bildfälscher-Prozeß: Haft für Künstler und Händler, „Dix-Bilder wie Räucherschinken geordert“, Gericht kritisiert Galeristen wegen Leichtgläubigkeit – Bleiben Fälschungen auf dem Markt?, in: BZ vom 11.11.1987; Joseph Wulf, Die bildenden Künste im Dritten Reich, Eine Dokumentation, Frankfurt/M.-Berlin 1989; Franke Meyer-Gosau, Otto Dix, Maler und Grafiker, in: Wolfgang Benz und Hermann Graml, Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik, München 1988; S. K., Ein Leben für die Malerei, Biographisches zu Otto Dix; Ursula Fuchs, Der Maler im Atelier, Ein konzentrierter Arbeiter; Fritz Löffler, Verurteilt zum Seeleben, Erinnerungen an Otto Dix; Andrea Hoffmann, Dix im Spiegel der Sammlungen, Albstadt, Friedrichshafen und Stuttgart besitzen viele Werke; Sonja Roller-Eller, „Mr hat en müsse verstehe“, Der Augenmensch Otto Dix in den Augen seiner Freunde und Nachbarn auf der Höri; Manfred Kicherer, Unsichtbares wird sichtbar, Ein Plädoyer für das Spät- und Alterswerk des Malers Otto Dix, in: Südkurier, Sonderbeilage Otto Dix-Haus, vom 13.07.1991; Ruth Händler, Das idyllische Exil, Otto Dix-Haus in Hemmenhofen: eine Erinnerungsstätte, in: Stuttgarter Zeitung vom 20.08.1991; Otto Dix-Haus in Hemmenhofen eröffnet, Minister von Trotha übergibt Dix-Gemälde als Dauerleihgabe des Landes, in: Wochendienst des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst des Landes Baden-Württemberg, 30/1991; Peter Dittmar, Der ganze oder nur der gute Otto Dix?, Zum 100. Geburtstag Große Retrospektive der Galerie der Stadt Stuttgart, in: Die Welt vom 04.09.1991; Marion Leske, Warum sind seine Akte so begehrt?, Alle preisen Otto Dix – und reden nicht von den Preisen: Was der Kunstmarkt bietet, was er verlangt, in: Die Welt vom 21.09.1991; Hans Kinkel, Skizzen, Studien, Zeichnungen, Die Galerien Valentien und Remmert und Barth zeigen Otto Dix, in: FAZ vom 28.09.1991; Stephan Ferdinand, Das Otto Dix-Haus in Hemmenhofen, SDR-Sendung vom 01.11.1991; Andrea Hollmann, Otto Dix; Sabine Fehlemann, Bildnis der Tänzerin Anita Berber, Selbstbildnis 1922, in: Sonderpostwertzeichen 44/1991, hg. von der Generaldirektion Deutsche Bundespost POSTDIENST. Weitere Beiträge in: BbG 8 Nr. 48458-48466 (42 Veröffentlichungen) und LbBW 1 Nr. 5958-5959, 2 Nr. 3322-3323, 3 Nr. 8995-8997, 4 Nr. 8459 und 11176-11183, 5 Nr. 11379-11391, 6 Nr. 14758-14770, 7 Nr. 5845-5848, 8 Nr. 6565-6566, 9 Nr. 6623-6625, 10 Nr. 6050-6059
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