Erb, Karl 

Geburtsdatum/-ort: 13.07.1877;  Ravensburg
Sterbedatum/-ort: 13.07.1958;  Ravensburg
Beruf/Funktion:
  • Sänger
Kurzbiografie: 1883-1891 Volksschule Ravensburg
1891-1894 Verwaltungslehrling in Ravensburg und Wolfegg
1894-1907 Beamtenanwärter, Beamter, Hauptkassier des Städtischen Gas- und Wasserwerks in Ravensburg
1907-1908 Hofoper Stuttgart (Probejahr als Tenor)
1908-1910 Stadttheater Lübeck
1910-1912 Hofoper Stuttgart
1912-1925 Hof- bzw. Staatsoper München
1918 Königlich bayrischer Kammersänger
1925-1930 Bühnengastspiele und Konzerte in den europäischen Musikzentren
1930 Abschied von der Opernbühne und Rückkehr nach Ravensburg, Fortsetzung der Konzerttätigkeit
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1921 Maria, geb. Ivogün, Sängerin (1891-1986, gesch. 1931)
Eltern: Mutter: Marie Erb
Kinder: keine
GND-ID: GND/118530682

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 73-74

Kein Geringerer als Thomas Mann hat das Unverwechselbare in der Kunst Erbs am gültigsten beschrieben, als er ihn, den Evangelisten in 370 Aufführungen der Matthäuspassion, in der (fiktiven) Aufführung eines Oratoriums „Apocalipsis cum Figuris“ („Doctor Faustus“) porträtierte: „Man nehme den testis, den Zeugen und Erzähler des grausamen Geschehens, ... – diese Partie, die traditionsgemäß einem Tenor, diesmal aber einem solchen von fast kastratenhafter Höhe zugeschrieben ist, dessen kaltes Krähen, sachlich, reporterhaft, in schauerlichem Gegensatz zu dem Inhalt seiner katastrophalen Mitteilungen steht ... Die äußerst schwierige Partie wurde von einem Tenoristen eunuchalen Typs namens Erbe gesungen, dessen durchdringende Ansagen sich tatsächlich wie ‚neueste Berichte vom Weltuntergang‘ ausnahmen.“
In der Dürftigkeit armseliger Behausungen, darunter eines „Wanzennestes erster Ordnung“, hatte Erbs Leben begonnen, wurde er geboren von einem zwanzigjährigen Mädchen, „das nichts besaß und keine andere Mitgift in die Wiege legen konnte als die Kraft seiner Liebe“ (M. Müller-Gögler). Sein Leben lang hat Erb der (damalige) Makel der unehelichen Geburt verfolgt, lebenslang währte aber auch die Treue zu seiner verehrten Mutter. Ein ungeliebter Stiefvater machte die durch gesellschaftliche Vorurteile belasteten Jugendjahre noch freudloser, als sie es ohnehin waren. Aber schon in den Kinderjahren fiel Erbs reiner, glockenheller Sopran auf; er führte ihn in den Partimsbubenchor, der den musikalischen Part von Beerdigungen zu bestreiten hatte. Sieben Jahre sang er dort, für ein jährliches „Honorar“ von 15 Mark.
Als er die Volksschule verließ – mit dem besten Klassenzeugnis –, war sein erstes Ziel der Ausbruch aus der Armseligkeit des bisherigen Daseins, eine Beamtenstellung schien die erstrebte Sicherheit zu verbürgen, und tatsächlich wurde er nach Lehrzeit und bestandener Prüfung übernommen, Salär: 100 Mark monatlich. Seine Stimme, jetzt einen hohen Tenor, ließ er oft und gerne in Gesangvereinen und örtlichen Veranstaltungen aller Art erklingen.
Der lebensentscheidende Umschwung kam, zufällig, im Jahre 1907, als er dem Stuttgarter Hofopernintendanten Baron J. zu Putlitz bei Gelegenheit eines Gastspiels der Oper in Ravensburg vorsang. Putlitz engagierte ihn sofort mit einer Jahresgage von 5 000 Mark; aber Erb brauchte lange, ehe er die Scheu vor dem Unbekannten überwand und schließlich am 14.6.1907 als „Evangelimann“ (Kienzl) in Stuttgart debütierte. Mehrfach angebotene Gesangsstunden lehnte er strikt ab, und als er während des Probejahres 30 Aufführungen erfolgreich absolviert hatte, ließ er sich durch nichts und niemand von seiner Überzeugung abbringen, daß nur er selbst sein kostbares Material bilden könne. Mißgunst von Kollegen spielte bei seinem Entschluß mit, einem Angebot aus Lübeck zu folgen, und dort – wie auch später – arbeitete er unablässig an der Erweiterung und Vervollkommnung seines Repertoires weiter.
Nach der Rückkehr in die schwäbische Heimat entwickelte er sich zu einem der berühmtesten Tenöre seiner Zeit und folgte 1912 dem Ruf Bruno Walters nach München. Einmal stand Enrico Caruso in der Kulisse, als Erb den Turiddu sang („Cavalleria rusticana“, 1913), und klatschte ihm Beifall: „Bravissimo, bravissimo!“. 1914 war er der erste Münchener Parsifal, aber als absoluten Höhepunkt seiner Opernkarriere – „die Summe meines Lebens und Singens“ – betrachtete er stets die Uraufführung des „Palestrina“ (Pfitzner) am 12.6.1917.
Die Gestalt des alten Meisters, „still, sittsam, schlicht, ohne Anspruch auf ‚Leidenschaft‘, gedämpft und gefaßt, im Innern wund, voll leidend-würdiger Haltung“ (Th. Mann), entsprach der eigenwilligen, immer gefährdeten und menschenscheuen Persönlichkeit Erbs mehr als alle anderen von ihm verkörperten Opernfiguren. Als H. Knappertsbusch 1925 seinen Vertrag nicht verlängerte, ging Erb zusammen mit seiner Frau, der gefeierten Sopranistin, nach Berlin. Oft traten sie gemeinsam auf; viele Platten bezeugen noch heute Meisterschaft, Ausdrucksreichtum und hohe musikalische Intelligenz des Künstlerpaars. 1930 nahm er nach mehreren Unfällen von der Bühne Abschied, als Florestan in einer von W. Furtwängler geleiteten Fidelio-Aufführung. Der trotz seiner schweren Jugend mit der Heimat treu verbundene Schwabe kehrte nach Ravensburg zurück – es war etwas aus ihm geworden ... Außer der Heimatliebe besaß er übrigens noch eine weitere urschwäbische Eigenschaft: er konnte sehr genau rechnen; eines Agenten bedurfte er nicht.
Nun hatte ihn der Konzertsaal ganz. In den folgenden Jahrzehnten erlangte seine Interpretation des Kunstlieds, insbesondere Schuberts, und der Oratorienpartien europäische Geltung. Die „Dringlichkeit der Ansagen“ erreichte eine einzigartige Höhe der Gestaltung. Unglaublich, daß der silberne, jünglingshafte Glanz seiner Stimme im Alter eher noch heller wurde und nichts von seiner suggestiven Intensität verlor. Der Atem freilich wurde knapper und der Vortrag zuweilen „skandierender“ (J. Kesting) als zuvor; aber noch der Achtzigjährige sang „herzbewegend“ (D. Fischer-Dieskau).
Nachweis: Bildnachweise: in: M. Müller-Gögler a. a. O.

Literatur: Maria Müller-Gögler, Karl Erb, Das Leben eines Sängers, Offenburg (1948) 190 S., Sigmaringen 1980, 209 S.; Jürgen Kesting, Die großen Sänger Bd. 2 (Düsseldorf 1986); Karl-Josef Kutsch/Leo Riemens, Großes Sängerlexikon, Erster Band (Bern/Stuttgart 1987). – Weitere Beiträge vgl. BWG 10 Nr. 9938/9 und LbBW 3 Nr. 9068, 4 Nr. 11370
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