Flake, Otto 

Andere Namensformen:
  • Leo Kotta, Karel Manders
Geburtsdatum/-ort: 29.10.1880; Metz
Sterbedatum/-ort: 10.11.1963;  Baden-Baden
Beruf/Funktion:
  • Schriftsteller
Kurzbiografie: 1880-1885 in Saargemünd, dann Umzug zunächst nach Mühlhausen/Mulhouse im Elsaß und schließlich Colmar
1900 dort nach schwieriger Schulzeit, im Roman ‚Eine Kindheit‘ (1928) eindringlich dargestellt, Abitur und Beginn des Studiums in Straßburg (Sanskrit, Philosophie, Geschichte, Germanistik), das 1904 abgebrochen wird
1902 Erste Veröffentlichung in der Zeitschrift ‚Die Gesellschaft‘. Gründung des literarischen Zirkels und der „Halbmonatsschrift für künstlerische Renaissance im Elsaß“. ‚Die Stürmer‘ zusammen mit René Schickele. Mitarbeiter sind u. a. Ernst Stadler, Johannes Leonardes (= Hans Koch), Alfred Lickteig, Fritz Höpflinger. Die Zeitschrift bringt es auf 9 Nummern (01.07.-01.11.1902) und endet in einem Skandal um das Zola-Heft
1903 Nachfolge-Zeitschrift ‚Merker‘, ebenfalls zusammen mit Schickele gegründet, nach 3 Nummern wegen Majestätsbeleidigung eingestellt
1904 Umzug nach München und Berlin
1905 Rückkehr nach Straßburg; im Herbst Reise nach St. Petersburg (als Hauslehrer einer deutsch-russischen Familie), Meran und Italien
1906 Wiederaufnahmeversuch des Studiums im Fach Kunstgeschichte; eine geplante Dissertation scheitert durch einen gesundheitlichen Zusammenbruch. Ab November Feuilleton-Redakteur am ‚Leipziger Tageblatt‘
1908 Aufgabe der Redaktionsarbeit und Entscheidung für die Laufbahn als freier Schriftsteller; in der Folge häufig wechselnde Wohnorte und ausgedehnte Reisen
1909-1913 Korrespondent, zuerst in Paris, ab 1912 in Berlin
1914 Reise in die Türkei im Auftrag der ‚Neuen Rundschau‘; nach Rückkehr keine freiwillige Meldung bei Kriegsausbruch
1915 im November Einberufung; Abstellung nach Brüssel als Mitarbeiter im Zensurbüro der Politischen Abteilung bis Januar 1918; nähere Kontakte zu G. Benn, W. Hausenstein und C. Sternheim
1918 entzieht sich Flake der erneut drohenden militärischen Verwendung durch Übernahme einer Korrespondententätigkeit für die ‚Norddeutsche Allgemeine Zeitung‘ in Zürich; dort Kauf eines Hauses; Berührung mit dem DADA-Kreis. Publikation über Hans Arp
1919 zusammen mit Walter Serner und Tristan Tzara Herausgeber der letzten Züricher DADA-Publikation ‚Der Zeltweg‘
1920 Umzug nach München; anschließend weitere Umzüge und Reisen
1923-1924 Lektor in dem von Robert Müller geplanten ‚Atlantischen Verlag‘ in Wien. Flake reist ohne festen Wohnsitz in Deutschland, Schweiz und Italien
1926 im April Übersiedlung nach Klobenstein/Südtirol; im Dezember infolge politischer Kritik an Italien Ausweisung
1928 Übersiedlung nach Baden-Baden, wo er mit einigen Unterbrechungen und wechselnden Wohnungen bis zu seinem Tode lebt
1933 arrangiert sich Flake aufgrund familiärer Rücksichten mit dem Dritten Reich (im Oktober Unterzeichnung der Treueerklärung der deutschen Schriftsteller gegenüber dem Führer), behauptet aber eine intellektuelle Distanz zum Regime. Er gerät zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, bleibt aber in seinen Publikationsmöglichkeiten unbeschränkt
1945 Eintritt in den deutsch-französischen Kulturrat in Baden-Baden, aus dem er im März 1946 wieder austritt. Kontakt zu Alfred Döblin
1946-1948 Lektor im Baden-Badener Kepler-Verlag
1948 Medizinischer Ehrendoktor der Universität Düsseldorf
1950 im Oktober Aufnahme in die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung (Austritt 1952)
1954 Hebelpreis
1955 Großes Bundesverdienstkreuz
1960 Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste; Heimatpreis der Stadt Baden-Baden
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch-reformiert
Verheiratet: 1. 1907 Minna, geb. Mai, gesch. 1911
2. 1916 Antonie, geb. Herzog, gesch. 1916
3. 1921 Herrsching am Ammersee, Erna, geb. Brunn, gesch. 1922, 2. Heirat mit Flake 1928 Baden-Baden (gest. 1929)
4. 1932 Marianne, geb. Hitz (gest. 1945)
Eltern: Vater: Heinrich August Otto Flake (1851-1890) (Freitod), Verwaltungsbeamter an verschiedenen Orten in Elsaß-Lothringen
Mutter: Karoline, geb. Herzer (1857-1940), bäuerlicher Herkunft aus Kottweiler/Pfalz
Geschwister: Hedwig (geb. 1890)
Kinder: aus 1. Ehe Thomas (geb. 1908)
aus 3. Ehe Anna Eva Maria (geb. 1921)
GND-ID: GND/118533665

Biografie: Erich Kleinschmidt (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 85-88

Flake war ein vielseitiger Schriftsteller, dessen vor allem erzählerisches, aber auch essayistisches Werk literarisch ungleichen Gewichts ist. Trotz zeitweise engen persönlichen Kontakts zu führenden Vertretern der literarischen Moderne, den er auch zum Teil in den frühen Romanen um die autobiographische Figur Lauda verarbeitete (‚Die Stadt des Hirns‘ 1919 und ‚Nein und Ja‘ 1920), orientierte sich Flake selbst an den Traditionen realistischen Erzählens, wie sie das 19. Jahrhundert entwickelt hatte. Vorbild sind vor allem die Franzosen (Balzac, Flaubert, Stendhal), aber auch die Russen (Dostojevskij, Tolstoi) gewesen, deren psychologische Differenzierung er allerdings nicht erreicht. Der formale Konservativismus Flakes beeinflußte seine Wertung und bedingte auch seine Verdrängung aus dem literarischen Bewußtsein nach 1945. Erst in den 60er Jahren erlebte Flake eine durch R. Hochhuth eingeleitete Neurezeption, die sich indes nicht als dauerhaft zu erweisen scheint.
Schon die literarischen Anfänge im Straßburger Avantgarde-Kreis markieren das antibürgerliche Moment bei Flake, das ihn biographisch prägt, indes kaum die künstlerische Formung beeinflußt. Dem Expressionismus nähert er sich kaum. Der Versuch eines an „Abstraktion, Simultaneität und Unbürgerlichkeit“ orientierten Romanexperiments ‚Die Stadt des Hirns‘ (1919) scheitert an gestalterischen, von Döblin sarkastisch offengelegten Mängeln. Aber auch die Begegnung mit dem Dadaismus in Zürich führt nicht zum Anschluß an die erzählerische Moderne. Flake versucht intellektuell einen scheinbar unabhängigen Weg zu gehen, der von einer eigenwilligen, zwischen kulturkritischen und kosmopolitischen Positionen schwankenden Nietzsche-Rezeption bestimmt ist.
Soweit Flake sich an den literarischen, aber zum Teil auch politischen Debatten seiner Zeit beteiligt, gelingt es ihm nur bedingt, diese mit zu beeinflussen. Er bleibt trotz reicher und substantieller Produktion innerhalb der literarischen Kultur Deutschlands im 20. Jahrhundert faktisch doch ein eher randständiger, an Innovationen kaum beteiligter, wenn auch durchaus zeitweilig geschätzter Autor, der immerhin neben H. Mann und H. Hesse genannt wurde. Flake begriff sich selbst eher als Einzelgänger, Mahner und Unterweiser im Zeitalter des Massenmenschen.
Diese elitäre Anschauung verband sich bei ihm jedoch mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Wirkung seines Werks in der Nachfolge französischen Literatentums. Mit einer einfachen Schreibweise, die auf Effekte weitgehend verzichtet, versuchte Flake ein am Stilideal der Klarheit orientiertes Werk zu verwirklichen. Der formale Gewinn an Lesbarkeit paart sich erzählerisch mit der Tendenz zur linearen, chronologisch strukturierten Komposition, die sich bewußt von den komplexen Darstellungsprinzipien des modernen Romans abgrenzt.
Flake beherrschte die konventionelle Romanform souverän. Nach einem ersten, schon ambitionierten Versuch (‚Schritt für Schritt‘ 1912) begann er mit einem fünfteiligen Bildungsroman um die autobiographisch unterlegte Figur Ruland (‚Freitagskind‘ 1913 [Neufassung ‚Eine Kindheit‘ 1928]; ‚Ruland‘ 1922; ‚Der gute Weg‘ 1924; ‚Villa U.S.A.‘ 1926; ‚Freund aller Welt‘ 1928). Flake entwirft im Schnittfeld von Intellektualität und Erotik einen bürgerlichen Problem- und Entwicklungshorizont für die ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts. Trotz irritierender Phasen gelingt es dem Protagonisten, positive menschliche Werte zu behaupten. Flakes Angebote und Lösungen vermitteln zwar durchaus sensibel Denk- und Verhaltensweisen der Zeit, wirken jedoch in ihrer künstlerischen Präsentation spröde und begrenzt. Gleiches gilt auch für den recht erfolgreichen Roman ‚Horns Ring‘ (1916), der wie auch der ‚Ruland‘-Zyklus stark von den lebensideologischen Vermittlungstendenzen seines Autors bestimmt wird.
Sie erscheinen indes erzählerisch unterlegt von einer Suche nach humaner Identität in einer Epoche der Umbrüche und politischen Verwerfungen. Dies Thema durchzieht auch die anschließenden Gesellschaftsromane wie ‚Montijo oder Die Suche nach der Nation‘ (1931) und ‚Die Töchter Noras‘ (1934 [Neuausgabe ‚Kamilla‘ 1948]). Die Gefahr des Abgleitens in eine banale Stoffwelt des Liebe- und Eheromans ist zwischenzeitlich durchaus gegeben (‚Sommerroman‘ 1927 oder ‚Es ist Zeit ...‘ 1929).
Der 1928 neu gewonnene Lebensort Baden-Baden wirkt sich bei Flake auf die Darstellung einer neuen Gegenstandswelt aus. Er bedient sich des badischen Raums indes nicht wie in früheren Fällen nur als lokaler Folie für die autobiographisch fundierten Erzählprojektionen. Durch den Rückgriff auf fiktive historische Stoffe aus der Epoche des 19. Jahrhunderts erreicht Flake, wenn auch unter Beibehaltung einer biographischen Strukturierung, ein verbindlicheres, um Exemplarität bemühtes Erzählniveau. Die Romanreihe beginnt mit ‚Hortense oder Die Rückkehr nach Baden-Baden‘ (1933), setzt sich mit den zwei Bänden der ‚Badischen Chronik‘ fort (‚Die junge Monthiver‘ 1934 [Neuauflage ‚Die Monthiver-Mädchen‘ 1952] und ‚Anselm und Verena‘ 1935) und mündet in Flakes epischem Hauptwerk, dem historischen, welthaltigen Bildungsroman des Arztes ‚Fortunat‘ (1946). Hinter ihn fallen die späten Romane ‚Old man‘ (1947), ‚Die Sanduhr‘ (1950) und ‚Schloß Ortenau‘ (1955) zurück, die wiederum stark von lebensphilosophischen Theoremen geprägt sind und ältere Erzählmuster Flakes nur in variierter Form erneut aufgreifen.
Im ‚Fortunat‘ erweist sich Flake als Darsteller bürgerlicher Selbstbehauptung, die ihre Humanität nicht aus einem engen Lebenshorizont heraus gewinnen muß, sondern die weltbürgerlich leben kann. Die geschichtliche Einbettung des Biographischen dient bei Flake hier wie sonst nicht als imaginative Flucht aus den Miseren der Gegenwart, sondern Lebensmeisterung wie Scheitern sind immer als allgemeingültige Muster eines autonomen und verantwortlichen menschlichen Handelns entworfen.
Neben zwei unbedeutenden Dramen (‚Abenteurerin‘ 1918 und ‚Kaiserin Irene‘ 1921), einfallsreichen Märchen (‚Maria im Dachgarten‘ 1931 und ‚Der Straßburger Zuckerbeck‘ 1933), etlichen weiteren Erzählungs- und Romanbänden minderen Ranges (z. B. ‚Scherzo‘ von 1936 und ‚Das Quintett‘ von 1943) vermag Flakes umfangreiches essayistisches Werk durchaus zu bestehen. Ihn beschäftigten neben philosophischen, politischen und gesellschaftlichen Themen (nach 1945 zum Teil unter dem Pseudonym Leo Kotta publiziert) vor allem die großen Gestalten aus Literatur und Geschichte.
Diese zum Teil großen Arbeiten zu ‚Ulrich von Hutten‘ (1929), ‚Marquis de Sade‘ (1930), zur Französischen Revolution (1932), dem ‚Türkenlouis‘ (1937), den ‚Großen Damen des Barock‘ (1939) oder ‚Kaspar Hauser‘ (1950) erweisen Flake wie seine zahlreichen kleineren biographischen Studien zu Diderot, Stendhal, Flaubert, Wilde, Nietzsche u. a. als einen kompetenten Vermittler von abendländischer Kultursubstanz, der er auch als Herausgeber (u. a. der historisch-kritischen deutschen Montaigne-Ausgabe 1908-1911) und glanzvoller Übersetzer (16 Werke) ein Leben lang verpflichtet war. Er verstand sich dabei vor allem auch als ein Mittler zwischen Frankreich und Deutschland.
Das Werk Flakes, dessen räsonnierende Autobiographie ‚Es wird Abend‘ (1960) die Antriebe und Wirkungsmomente seines Schreibens nur bedingt offenlegt, gehört nicht zu den irritierenden Literaturleistungen des 20. Jahrhunderts. Wer wie er auf die schriftstellerischen Tugenden „Klarheit, Gelassenheit, Sinnlichkeit und Energie“ konzentriert war, repräsentiert aber eine aufklärerische und bildungsbürgerliche Tradition, an der festzuhalten und an die sich zu erinnern lohnt. Spezifisch bedeutsam bleibt Flake als erzählerischer Gestalter des oberrheinischen Kulturraumes in seinem europäischen Geschichtsbezug.
Quellen: Nachlaß in Stadtbücherei Baden-Baden
Werke: Über die in Buchform erschienenen Werke Flakes informiert bibliographisch zuverlässig P. Raabe, Die Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus, Stuttgart 1985, 137-143. Es fehlen dort die beiden unter dem Pseudonym Karel Manders veröffentlichten Kriminalromane ‚Ich suche einen Mörder‘ (Rastatt 1958) sowie ‚Endstation Fallbeil‘ (Rastatt 1959). Die bisher umfassendste Bibliographie zu Flake (einschließlich der Rezensionen und der Sekundärliteratur) bietet die Dissertation von W. M. Farm (siehe unten), 155-264. Die von R. Hochhuth und P. Härtling herausgegebene Werkausgabe in 5 Bänden (Frankfurt/M. 1973-1976) ist nur eine sehr begrenzte Auswahl, die nur einen Band Erzählungen, die späten „badischen Romane“ sowie einen Band Essays zugänglich macht. Sie wird ergänzt durch den von F. Gröbli-Schaub und R. Hochhuth herausgegebenen Band ‚Die Verurteilung des Sokrates‘ (Heidelberg 1976) mit den biographischen Arbeiten. Den Essay ‚Die erotische Freiheit‘ von 1928 gab P. Härtling neu heraus (Frankfurt/M. 1978). Ein Neudruck der ‚Ulrich von Hutten‘-Biographie erschien in Berlin (Ost) 1983. Eine Reihe von Romanen Flakes wie auch seine Autobiographie verlegte in den 80er Jahren S. Fischer als Taschenbücher.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in M. Bosch (vgl. Literatur)

Literatur: E. Moewe, Otto Flake. Leben, Werk, Gestalt, Beispiel, Leipzig 1931; N. M. Schoenberger-Darmon, Frauen und Erotik in Otto Flakes Romanwerk, Diss. University of Pennsylvania 1976; M. Farin, Otto Flakes Lauda-Romane ‚Die Stadt des Hirns‘ und ‚Nein und Ja‘. Dokumentation, Analyse, Bibliographie, Frankfurt/M. 1979; G. Stockebrand, Otto Flake und der literarische Expressionismus, Diss. phil. Würzburg 1986; Der Johann Peter Hebel-Preis 1936-1988. Eine Dokumentation von Manfred Bosch, Waldkirch 1988, 140-147 (mit Fotos). – Weitere Beiträge in: BbG 8 Nr. 48691-48700 und LbBW 3 Nr. 9129, 4 Nr. 11458, 6 Nr. 15014-15017, 8 Nr. 6644, 10 Nr. 6179-6181
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