Frommel, Gerhard 

Geburtsdatum/-ort: 07.08.1906;  Karlsruhe
Sterbedatum/-ort: 22.06.1984;  Filderstadt bei Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Komponist
Kurzbiografie: 1922-1924 Tonsatz- und Kompositionsstudium bei Hermann Grabner in Heidelberg
1924-1926 Fortsetzung des Unterrichts bei Grabner am Konservatorium in Leipzig
1926-1929 Schüler der Meisterklasse (Preußische Akademie der Künste) Hans Pfitzners in Unterschondorf am Ammersee
1929 Examen am Leipziger Konservatorium als Kompositions- und Theorielehrer
1929-1932 Tonsatz- und Klavierlehrer an der Folkwang-Schule in Essen
1933-1945 Kompositions- und Theorielehrer an Dr. Hoch’s Konservatorium (später: Staatliche Hochschule für Musik) in Frankfurt am Main
1939-1940 Wehrdienst, Teilnahme am Frankreich-Feldzug
1942-1944 Wehrdienst an der Heeresmusikschule in Frankfurt am Main
1945-1947 Kompositionslehrer am Hochschulinstitut für Musikerziehung in Trossingen
1947-1956 Kompositionslehrer an der Musikhochschule Heidelberg
1956-1960 Kompositionslehrer an der Musikhochschule Stuttgart
1958-1961 Dirigent des Stuttgarter Orchestervereins
1959-1979 Vorsitzender der Sektion Baden-Württemberg des Deutschen Komponistenverbandes und Mitglied des Rundfunkrats des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart
1960-1971 Professor an der Musikhochschule Frankfurt am Main
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1930 Gertrud, geb. Neuhaus
Eltern: Vater: Otto Frommel (1871-1951), Pfarrer, Schriftsteller und Universitätsprofessor
Mutter: Helene, geb. Helbing
Geschwister: 2 Brüder
Kinder: 2 Söhne
1 Tochter
GND-ID: GND/118536427

Biografie: Wolfgang Osthoff (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 98-100

Frommel gehört der Komponistengeneration vom Beginn des 20. Jahrhunderts an, die es – besonders in den totalitären Staaten (Rußland, Italien, Deutschland) – aus äußeren und inneren Gründen schwer hatte, hinsichtlich Stil und Aufgabenstellung ihren eigenen Weg zu finden und sich durchzusetzen. Die vorwiegend südwestdeutsche Herkunft, die vom Vater verkörperte weltoffene protestantische Theologentradition und die ebenso von der Mutter bestimmte künstlerische Atmosphäre seines Elternhauses haben Frommel wesentlich geprägt, wie weit auch seine eigene geistige Entwicklung später darüber hinausgreifen mochte. In Anbetracht einer früh hervortretenden musikalischen Begabung brach Frommel seine gymnasiale Ausbildung schon 1922 ab. Neben dem Unterricht bei H. Grabner komponierte er um 1923 kleine Schauspielmusiken für das Heidelberger Stadttheater. Seine entscheidende künstlerische Fundierung erfolgte erst in den Jahren bei Pfitzner, dessen Musik er zeitlebens treu blieb. Allerdings wirkten ihr von vorneherein andere Eindrücke entgegen, wodurch eine eigentümliche Spannung entstand, welche die spezifische Qualität der Kunst Frommels hervortreten ließ. Im fachlichen Bereich waren dies seine bis zuletzt auch durch Vorträge und Schriften bekundete Liebe zur romanischen Musik (Bizet, Fauré, Bellini, Puccini u. a.) und die sich daran anschließende Bewunderung der frühen und mittleren Werke Strawinskys. In allgemein künstlerisch-geistiger Beziehung war es die Begegnung mit der Dichtung Stefan Georges, aus der auch Frommels frühes Liedwerk – eine Hauptregion seines Schaffens – fast ausschließlich erwuchs. Wesentliche Komponenten dieser Begegnung waren die menschlichen Bindungen Frommels an seinen Bruder Wolfgang (1902-1986) und den Humanismusforscher Percy Gothein, einen Schüler des Dichters. Der Einfluß Strawinskys trat in Frommels Werken seit 1935 (Suite, 2. Klaviersonate) hervor und gipfelte 1937 in dem Bekenntnis zu ihm mit der Schrift „Neue Klassik in der Musik“, die 1938 in der Düsseldorfer Ausstellung „Entartete Musik“ angeprangert wurde.
Ungeachtet dessen brachte Frommel in seinem Frankfurter „Arbeitskreis für neue Musik“ die damalige Moderne, soweit sie nicht direkt verboten war, zu Gehör – gelegentlich auch als Klavierspieler. Nach der Essener Uraufführung der Kantate „Herbstfeier“ (1936) bedeutete die Uraufführung seiner 1. Symphonie durch die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler Ende 1942 den Höhepunkt von Frommels künstlerischer Laufbahn. Nach Proklamierung des „totalen Krieges“ kam es jedoch nicht zu einer kontinuierlichen Auswirkung dieses Erfolges. Von 1940 bis 1950 entstanden – nach der 1. Symphonie, seinem ‚Hauptwerk‘ – Frommels bedeutendste Instrumentalkompositionen, in denen eine suggestive melodisch-thematische Erfindung und eine mitreißende rhythmische Gestaltungskraft Gebilde lyrischer Besinnlichkeit und überschäumender Heiterkeit, aber auch dramatische Abläufe hervortreibt, die von einem selten starken Formwillen zusammengehalten sind und den Eindruck des Organischen vermitteln.
Gerade mit solcher Haltung gelang Frommel aber kein eigentlicher Durchbruch, zumal er den Stilwandel um 1950 aus innerer Überzeugung auch nicht ansatzweise mitvollziehen konnte. Er blieb zwar gegenüber allem Neuen in Musik, Literatur und Kunst ungemein aufgeschlossen und scheute auch keine intensive Auseinandersetzung mit aktuellen oder für ihn aktuell werdenden geistigen Richtungen, so mit der Anthroposophie (eine Spur davon zeigt die Widmung seiner Messe von 1948 an den Erzengel Michael). Doch seine umfangreichen ‚surrealistischen‘ musikdramatischen Arbeiten der 50er und 60er Jahre harren noch heute ihrer Aufführung. Neben ihnen konzentrierte sich Frommel in seinen letzten Jahrzehnten auf die Vollendung und Revision der Reihe seiner 7 Klaviersonaten, die er als besonders repräsentativ für seine Musik ansah. In umgekehrtem Verhältnis zu Frommels allmählichem Verstummen als Komponist stand die Anerkennung, die er als Hochschullehrer und öffentlicher Sachwalter in Komponistenverband und Rundfunkrat fand. Nicht nur die ungewöhnlich intensive Ausstrahlung des Menschen, Lehrers und Freundes Frommel, sondern auch ein zunehmendes Interesse an seinem eigenwüchsigen und kommunikationsfähigen Werk spiegeln sich in den verschiedenen Formen der Rezeption nach seinem Tode: Gedenkkonzerten und -sendungen, der Wiederaufnahme der „Herbstfeier“, Edition der Schriften und ungedruckten Kompositionen, Studien über seine Musik und der Ausstellung im Heidelberger Rathaus im Sommer 1987.
Werke: Kompositionen Hauptwerke (in Auswahl): Neun Gedichte aus SÄNGE EINES FAHRENDEN SPIELMANNS von Stefan George für eine Singstimme mit Begleitung eines Kammerorchesters, Berlin 1928 (op. 1); LIEDER I-VI aus DER SIEBENTE RING von Stefan George für tiefe Singstimme und 8 Instrumente op. 2 (1928), Berlin 1988; Tag-Gesang I-III aus „Der Teppich des Lebens“ von Stefan George op. 3, Heidelberg 1942 (entstanden 1929); Lieder der Stille op. 4, Heidelberg 1942 (entstanden 1928/29); Vier Gesänge nach Gedichten von Stefan George op. 5, Heidelberg 1942 (entstanden 1928/29); 1. Klaviersonate fis-moll op. 6, Heidelberg 1942 (entstanden 1930, revidiert 1984); Variationen über ein eigenes Thema für Orchester op. 7, Berlin 1933 (entstanden 1931); Herbstfeier, Kantate nach Worten aus dem „Fränkischen Koran“ von Ludwig Derleth für Baß, gemischten Chor und Orchester op. 8, Heidelberg 1943 (entstanden 1932-1936); 2. Klaviersonate F-Dur op. 10, Mainz 1936; Suite für kleines Orchester op. 11, Mainz 1936; „Der Gott und die Bajadere“, Tanzlegende nach Goethe, Mainz 1940 (entstanden 1936); 1. Symphonie E-Dur op. 13, Mainz 1942 (entstanden 1937-1939); Caprichos für Klavier op. 14, Mainz 1941; 3. Klaviersonate E-Dur op. 15, Kassel 1993 (entstanden 1940, revidiert 1962 und 1980); Vier Gesänge nach Gedichten von Baudelaire-George op. 16, Heidelberg 1942; 15 Konzertstücke für Klavier op. 17 (1942); 4. Klaviersonate F-Dur op. 21, Heidelberg 1949 (entstanden 1943); Symphonisches Vorspiel für Orchester op. 23, Mainz 1944 (entstanden 1943); 2. Symphonie g-moll op. 25, Heidelberg 1948 (entstanden 1944/45 und 1948); Rhapsodische Streichermusik op. 26, Heidelberg 1949 (entstanden 1945/46, Umarbeitung für großes Orchester 1980); 1. Violinsonate G-Dur op. 30 (1947); Missa in E in honorem St. Michaelis Archangeli für vierstimmigen gemischten Chor a cappella op. 31, Heidelberg 1951 (entstanden 1948); 2. Violinsonate a-moll op. 32 (1950); 5. Klaviersonate Es-Dur (1951, revidiert bis 1976); „Begegnung in der Eisenbahn“, Eine Szene aus dem Alltag für Sopran, Tenor, gemischten Kammerchor und Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Cello, Klavier, Schlagzeug. Text von Dieter Wyss, Heidelberg 1954; 6. Klaviersonate B-Dur (1956/57, revidiert bis 1975); „Der Mond auf der Gardine“, Ballett Chanté von Dieter Wyss für Sopran, Tenor, Sprecher, Kammerchor und Orchester (1956/57); „Der Technokrat“, Oper in 3 Akten, Text von Dieter Wyss (1957-1962); Trio c-moll für Klarinette, Englischhorn und Fagott (1958); 7. Klaviersonate C-Dur (1966, revidiert bis 1982).<br /> Schriften: Antike und Klassik in der Musik, in: Vom Schicksal des deutschen Geistes Erste Folge: Die Begegnung mit der Antike ..., hg. von Wolfgang Frommel, Berlin 1934, 68-78; Wiederabdruck in: Musik in Antike und Neuzeit ..., hg. von Michael von Albrecht und Werner Schubert (Quellen und Studien zur Musikgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart 1), Frankfurt/Bern/New York 1987, 9-16. Neue Klassik in der Musik – zwei Vorträge, Darmstadt 1937; daraus Wiederabdruck von „Neue Klassik in der Musik“ in: Colloquium Klassizität, Klassizismus, Klassik in der Musik 1920-1950 (Würzburg 1985) (Würzburger Musikhistorische Beiträge 10), Tutzing 1988. Stefan George – drei Maximen über Dichtung, in: Castrum Peregrini 89, 1969, 6-40. Autobiographische Skizze, in: Gerhard Frommel – Der Komponist und sein Werk (siehe Literatur), 29-51. Traditionalität und Originalität bei Hans Pfitzner, in: Symposium Hans Pfitzner Berlin 1981, Tutzing 1984 (Veröffentlichungen der Hans Pfitzner-Gesellschaft 3), 175-188. Tradition und Originalität – Schriften und Vorträge zur Musik. Unter Mitwirkung von Wolfgang Osthoff herausgegeben von Michael von Albrecht (Quellen und Studien – siehe oben, 13), Frankfurt/Bern/New York 1987
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: vgl. Literatur P. Cahn und Katalog 1987

Literatur: Gerhard Frommel – Der Komponist und sein Werk, hg. von Peter Cahn, Wolfgang Osthoff und Johann Peter Vogel, Tutzing 1979 (dort 191 f. die ältere Literatur); Peter Cahn, Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main (1878-1978), Frankfurt am Main 1979, 305 f.; Wolfgang Osthoff, Gerhard Frommel †, in: Mitteilungen der Hans Pfitzner-Gesellschaft 47, 1985, 43-48; Komponisten der Gegenwart im Deutschen Komponisten-Verband ..., hg. von Wilfried W. Bruchhäuser, Berlin 1985, 205; Gerhard Frommel 1906-1984 – Ein Heidelberger Komponist. Eine Ausstellung des Stadtarchivs Heidelberg 2. Juni-30. September 1987 [Konzeption: Wolfgang Osthoff] Katalog Heidelberg 1987, 45 S.; Wolfgang Osthoff, Symphonien beim Ende des Zweiten Weltkriegs (Strawinsky-Frommel-Schostakowitsch), Acta Musicologica LX, 1988, 62-104. Süddeutsche Komponisten im 20. Jahrhundert, hg. von Alexander L. Suder, München 1992, 108-110
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