Geiger, Johannes (Hans) Wilhelm
| Geburtsdatum/-ort: | 30.09.1882; Neustadt an der Haardt (heute: Neustadt an der Weinstraße) |
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| Sterbedatum/-ort: | 24.09.1945; Potsdam |
| Beruf/Funktion: |
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| Kurzbiografie: | 1901 – 1906 Studium in Erlangen und München 1906 Promotion in Erlangen bei Eilhard Wiedemann 1906 – 1912 Assistent am Physikalischen Institut der Universität Manchester 1912 – 1925 Leiter des Labors für Radiumforschung an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin-Charlottenburg 1914 – 1918 Kriegsdienst als Artillerieoffizier 1924 Habilitation an der Universität Berlin 1925 – 1929 Direktor des Instituts für Experimentalphysik an der Universität Kiel 1928 Entwicklung eines Zählrohrs zur Erfassung radioaktiver Strahlung (zusammen mit seinem Doktoranden Walther Müller) 1929 – 1936 Professor für Experimentalphysik an der Universität Tübingen 1936 Direktor des Physikalischen Instituts der TH Berlin 1943 Rückzug aus dem Berufsleben aufgrund einer schweren rheumatischen Erkrankung |
| Weitere Angaben zur Person: | Religion: evangelisch Auszeichnungen: Ehrungen: „Hughes Medal“ der Royal Society (1929); Korrespondierendes Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (1932); Arrhenius-Preis der Universität Leipzig (1934); Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (1935); Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften (1936); „Duddell Medal“ der London Physical Society (1937). Verheiratet: 1920 (Berlin-Grunewald) Elisabeth, geb. Heffter (1896 – 1982) Eltern: Vater: Wilhelm (1856 – 1943), Professor für Indologie und Iranistik, Mitglied der Bayerischen Abgeordnetenkammer Mutter: Marie, geb. Plochmann (1858 – 1910) Geschwister: ein Bruder, drei Schwestern Kinder: drei Söhne |
| GND-ID: | GND/118538144 |
Biografie
| Biografie: | Ansbert Baumann (Autor) Aus: Baden-Württembergische Biographien 8 (2022), 120-123 Geigers Vater heiratete 1881 die aus einer Nürnberger Kaufmannsfamilie stammende Marie Plochmann. Beruflich war er ab 1880 als Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein in Neustadt an der Haardt tätig, ab 1884 in München. 1891 folgte er schließlich einem Ruf auf eine Professur für Indologie und Iranistik an der Universität Erlangen. Dort besuchte Geiger das humanistische Gymnasium und schrieb sich nach dem Abitur 1901 für das Universitätsstudium der Fächer Mathematik und Physik ein: Parallel dazu leistete er seinen Einjährig-Freiwilligen-Dienst beim in Erlangen stationierten 10. Feldartillerie-Regiment der Bayerischen Armee, den er im Rang eines Leutnants der Reserve beendete. Nach einem Semester in München kehrte er zum Wintersemester 1904/1905 nach Erlangen zurück, nicht zuletzt, weil er beim dort lehrenden Experimentalphysiker Eilhard Wiedemann eine Dissertation vorbereitete, die er im Sommer 1906 mit einer Arbeit über „Strahlungs-, Temperatur- und Potentialmessungen in Entladungsröhren mit starken Strömen“ abschloss. Auf Vermittlung seines Doktorvaters trat er unmittelbar danach eine Assistentenstelle bei Arthur Schuster am Physikalischen Institut der Universität Manchester an, die allerdings zunächst auf ein Jahr befristet war, da Schuster 1907 in den Ruhestand trat. Schusters Nachfolger, der Experimentalphysiker Ernest Rutherford überredete ihn allerdings dazu, weiterhin an der Universität Manchester zu bleiben. Bei Rutherford, der 1908 für seine richtungsweisenden Arbeiten zur Radioaktivität den Nobelpreis für Chemie erhielt, avancierte Geiger nach kurzer Zeit zu einem seiner engsten Mitarbeiter, sodass er an wichtigen grundlegenden Entdeckungen beteiligt war. Besonders bedeutsam waren dabei die Versuche über die Streuung von Alphateilchen in dünnen Metallfolien, welche zur Aufstellung der Rutherfordschen Streuformel und zum Rutherfordschen Atommodell führten, sowie die Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen der Reichweite von Alphastrahlen und der Halbwertszeit des Strahlers. Geigers Arbeiten fanden auch an deutschen Hochschulen Widerhall, weshalb er, als die Universität Tübingen 1911 einen Nachfolger für den verstorbenen außerordentlichen Professor für theoretische Physik Karl Waitz suchte, hinter dem Niederländer Peter Debye, der zu dieser Zeit eine Professur an der Universität Zürich innehatte, auf dem zweiten Platz der Berufungsliste stand und nach dessen Absage und positiven Verhandlungen kurz davorstand, die Professur in Tübingen anzutreten. In der Zwischenzeit hatte ihm allerdings die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Charlottenburg das Angebot unterbreitet, die Leitung eines neu einzurichtenden Laboratoriums für Radioaktivität zu übernehmen. Angesichts der Perspektive, weiterhin in seinem bisherigen Forschungsfeld tätig sein zu können, erteilte er der Universität Tübingen eine Absage und trat am 1. Oktober 1912 die Stelle in Charlottenburg an. Neben seiner Forschungstätigkeit war er dort auch als Privatdozent an der Königlichen TH Berlin tätig. Dabei hielt er seine guten Kontakte nach England aufrecht, was unter anderem dazu führte, dass der spätere Nobelpreisträger James Chadwick, mit der er noch aus seiner Zeit in Manchester bekannt war, 1913 an die Physikalisch-Technische Reichsanstalt kam, um mit ihm zusammenzuarbeiten. Der Kriegsausbruch von 1914 beendete diese fruchtbare Kooperation: Chadwick kam in ein Internierungslager, und Geiger wurde am 3. August als Leutnant zum 10. bayerischen Feldartillerie-Regiment eingezogen, wurde bei den Kämpfen an der Westfront eingesetzt und erst im Dezember 1918 entlassen. Als er Anfang des Jahres 1919 seine Tätigkeit an der Reichsanstalt wiederaufnahm, fiel es ihm nach eigener Aussage zunächst schwer, „wieder in wissenschaftlichen Schwung zu kommen“ (Swinne, 1988, 36). Hinzu kamen die schwierigen Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit, welche die Forschungstätigkeiten zunächst erschwerten; allerdings setzte schon nach wenigen Monaten wieder eine intensive wissenschaftliche Arbeit ein, nicht zuletzt, weil Geigers Assistent Walther Bothe 1920 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Berlin zurückgekehrt war. Mit ihm zusammen entwickelte Geiger die Methode der Koinzidenzmessung zur Untersuchung des Comptoneffekts, ein Verfahren, für welches Bothe 1954 den Nobelpreis für Physik erhielt. Ende des Jahres 1924 habilitierte sich Geiger an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin mit einer Sammlung von Arbeiten über Reichweitenmessungen von Alphastrahlen, was darauf hindeutet, dass er nun offenbar gezielt eine universitäre Laufbahn anstrebte. Dies stand möglicherweise auch im Zusammenhang mit privaten Veränderungen, da er im Februar 1920 Elisabeth Heffner, die Tochter des an der Berliner Universität tätigen Pharmakologen Arthur Heffter geheiratet und inzwischen zwei Söhne hatte. Tatsächlich erhielt er bereits im folgenden Jahr einen Ruf auf den Lehrstuhl für Experimentalphysik an der Universität Kiel und trat die Professur am 1. Oktober 1925 an. Obwohl er bislang über keine Lehrerfahrung verfügte, zeigte er von Anfang an herausragendes didaktisches Geschick und sorgte beispielsweise im Sommersemester 1926 mit einer „Großen Experimentalvorlesung“ für Aufsehen, in welcher er den Zuhörern nicht nur die aktuelle physikalische Forschung anregend erklärte, sondern auch spektakuläre Versuche einbaute. In dieser Zeit entwickelte er zusammen mit seinem ersten Doktoranden Walther Müller das Gerät, das bis heute mit seinem Namen verbunden ist – das Geiger-Müller- Zählrohr, besser bekannt als „Geigerzähler“, ein für die moderne Physik unentbehrliches und weit verbreitetes Hilfsmittel. Zum Wintersemester 1929/30 wechselte Geiger an die Universität Tübingen auf den dort freigewordenen Lehrstuhl für Experimentalphysik. Mit ihm zusammen kam auch sein Mitarbeiter Christian Gerthsen nach Tübingen, der als Privatdozent eine Oberassistentenstelle erhielt; dagegen lehnte Walther Müller die ihm angebotene Assistentenstelle ab und ging in die freie Wirtschaft. In Tübingen setzte Geiger seine bereits in Kiel begonnenen Arbeiten zur kosmischen Strahlung fort. Gleiches gilt für die Kooperation mit seinem Berliner Kollegen Karl Scheel, mit dem er zusammen seit 1921 die Zeitschrift für Physik und seit 1925 das 24-bändige Handbuch für Physik herausgab. Trotz der Anfang der 1930er Jahre von der ökonomischen Krise geprägten Rahmenbedingungen, unter denen auch die deutschen Universitäten zu leiden hatten, gelang es ihm, die Ausstattung des Tübinger Instituts kontinuierlich zu verbessern. Allerdings empfand er die mit der Institutsleitung verbundenen Verpflichtungen offenbar häufig als Belastung, welche seinen Forschungstätigkeiten im Wege standen. Immerhin konnte er aber im Frühjahr 1933 vier Wochen als Gastdozent an der Universität Cambridge verbringen und seine Kontakte zu im Ausland tätigen Kollegen weiterhin pflegen. Das internationale Renommee, welches er inzwischen erworben hatte, zeigte sich nicht zuletzt anhand zahreicher Auszeichnungen und Ehrungen, welche er im Laufe der 1930er Jahre erhielt. Dementsprechend betitelte es die Tübinger Lokalzeitung als schweren Verlust, als Geiger im Sommer 1936 den Ruf an die TH Berlin angenommen hatte. Gegenüber der Universitätsleitung begründete Geiger die Annahme des Rufs damit, dass „der enge Kontakt mit der Technik, der nur in einer Großstadt möglich ist, eine große Bereicherung“ und die „Leitung eines neu erbauten, großen Instituts eine besonders reizvolle Aufgabe“ (UA Tübingen, 117/904) für ihn sei. Somit wurde er am 1. Oktober 1936 zum Direktor des Physikalischen Instituts der TH Berlin- Charlottenburg berufen. Wenige Wochen später verstarb Karl Scheel, weshalb Geiger, der seit 1935 Mitglied des Vorstands der Deutschen Physikalischen Gesellschaft war, die alleinige Herausgeberschaft der Zeitschrift für Physik übernahm. Seine Lehrtätigkeiten an der Hochschule ergänzte er, wie schon in Tübingen, mit öffentlichen Vorträgen, die sich an interessierte Laien richteten und meistens gut besucht waren. So wurde er als Physiker auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Mit Kriegsbeginn 1939 erhielt Geiger einen Einberufungsbescheid, der ihn dazu verpflichtete, am „Energiegewinnungsprojekt der Uranmaschine“ mitzuwirken. Am 16. und 26. September 1939 nahm er an den ersten beiden Konferenzen der an dem „Uranprojekt“ beteiligten Physiker teil. Dabei sprach er sich nachdrücklich dafür aus, die entsprechenden Forschungen zu forcieren und nahm mit seinem Institut in der Folgezeit offiziell an dem Projekt teil. Als er sich im Februar 1942 mit Kollegen aus der „Arbeitsgemeinschaft Kernphysik“ über die Möglichkeiten austauschte, die Arbeiten zur Nutzung der Atomenergie noch weiter zu intensivieren, scheint er allerdings eine eher skeptische Haltung vertreten und sich dagegen ausgesprochen zu haben. Zu dieser Zeit war Geiger bereits gesundheitlich angeschlagen. Eine schwere rheumatische Erkrankung zwang ihn 1943, seine Lehrtätigkeit zu beenden und hinderte ihn zunehmend daran, sein Haus in Babelsberg zu verlassen. Als jenes nach Kriegsende, im Juni 1945, beschlagnahmt wurde, war er zusammen mit seiner Frau gezwungen, in ein Notquartier nach Potsdam überzusiedeln, wo der bedeutende Physiker am 24. September 1945 verstarb. Geiger war offensichtlich ein herausragend talentierter Universitätsdozent, der die Besucher seiner Lehrveranstaltungen durch seine mitreißende Vortragsweise und spektakuläre Versuche für sein Fachgebiet begeistern konnte. Seine Mitarbeiter schätzten neben seiner klaren Urteilskraft sein, wie es sein Doktorand Ernst Stuhlinger ausdrückte, „warmes menschliches Wesen und seine bescheidene, fast asketisch anmutende Zurückhaltung in persönlichen Dingen“ (Swinne, 1988, 86). Dementsprechend hielt er sich auch mit politischen Stellungnahmen zurück. Offensichtlich waren seine eher konservativ geprägte Grundhaltung und eine ausgeprägte Anglophilie. Ob er die guten Kontakte nach England während der NS-Zeit aber tatsächlich dazu nutzte, wie Stuhlinger später berichtete, um zur Flucht gezwungenen Kollegen eine Anlaufstation zu bieten, bleibt fraglich. Wie viele seiner Kollegen definierte er sich auch in dieser Zeit primär als Wissenschaftler. |
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| Quellen: | Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin, III. Abt., Rep. 59 (Nachlass); UA Tübingen; HStAS J 191; StadtA Neustadt an der Weinstraße; Archiv des Springer-Verlags, Heidelberg. |
Literatur + Links
| Literatur: | E. Fünfer, Geiger, Hans, in: NDB 6 (1971), 141 f.; P. Brix, Hans Geiger, ein Wegbereiter der Modernen Naturwissenschaft, in: Heidelberger Jahrbücher 27 (1983), 101 – 115; O. Haxel, Hans Geiger, in: W. Treue/G. Hildebrandt (Hgg.), Berlinische Lebensbilder. Naturwissenschaftler, Bd. 1, 1987, 289 – 297; E. Swinne, Hans Geiger. Spuren aus einem Leben für die Physik, 1988. |
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