Gröber, Conrad 

Geburtsdatum/-ort: 01.04.1872;  Meßkirch
Sterbedatum/-ort: 14.02.1948;  Freiburg, beigesetzt im Münster ULF Freiburg
Beruf/Funktion:
  • Erzbischof von Freiburg i. Br.
Kurzbiografie: 1891 Abitur am Gymnasium in Konstanz
1891-1893 Studium der katholischen Theologie an der Universität Freiburg
1893-1898 Fortsetzung des Studiums an der Gregoriana-Universität Rom als Alumne des Collegium Germanicum Hungaricum
1897 (28. 10.) Priesterweihe (in der Kollegskirche) in Rom
1898 Dr. theol. (Rom)
1898 Vikar in Ettenheim
1898 Kaplan in Karlsruhe (St. Stephan)
1901 Rektor des erzbischöflichen Konvikts „Konradihaus“ in Konstanz
1905 Pfarrer in Konstanz (Dreifaltigkeit)
1922 Münsterpfarrer in Konstanz
1925 Domkapitular in Freiburg
1931 (9. 1.) Ernennung zum Bischof von Meißen (Bischofsweihe 1. 2. 1931 in Freiburg)
1932 (21. 5.) Ernennung zum Erzbischof von Freiburg (20. 6. 1932 Inthronisation)
1947 Päpstlicher Thronassistent; Dr. phil. h. c. der Universität Freiburg; Ehrenbürger der Städte Freiburg, Konstanz, Meßkirch
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Eltern: Vater: Alois Gröber, Schreinermeister in Meßkirch
Mutter: Martina geb. Jörg aus Sauldorf (gest. 1923)
Geschwister: 4
GND-ID: GND/118542346

Biografie: Hugo Ott (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 1 (1982), 144-148

Gröber stammte aus handwerklich-bäuerlicher Familie, die seit Generationen in Meßkirch (väterlicherseits), der alten badischen Amtsstadt mit reicher geschichtlicher Vergangenheit, bzw. in dem nahen Sauldorf (mütterlicherseits) beheimatet war; er wuchs in diesem sozialen Umfeld im Kreis von drei Vollgeschwistern und einem viel älteren Halbbruder heran, durchaus einbezogen in die Arbeitswelt der Eltern und eingebettet in den durch religiöses Brauchtum gekennzeichneten Jahresrhythmus. Bleibendes Kindheitserlebnis auf dem kirchlichen Sektor war die Erfahrung des Altkatholizismus, der in Meßkirch dominierte und auch zu gesellschaftlicher Differenzierung führte. Die römisch-katholische Gemeinde blieb auf eine Notkirche verwiesen. Gröber, der in seinem „Römischen Tagebuch“ und in anderen literarischen Arbeiten immer wieder auf Kindheit und Jugend zurückblickte, dokumentierte recht anschaulich die wichtigsten Phasen der Adoleszenz, die durch eine besonders innige Beziehung zur Mutter bestimmt war, die später im Priesterhaushalt bei ihrem Sohn bis zum Lebensende wohnte.
Der Weg zu höherer Schulbildung, wohl aufgezeigt vom Ortsgeistlichen und von Verwandten, zu denen auch ein Onkel, der Pfarrer war, gehörte, führte zunächst über das Gymnasium in Donaueschingen, wo Gröber bei nahen Verwandten unterkam, und dann 1884 nach Wiedereröffnung des Konradihauses in Konstanz an das dortige Gymnasium, an dem Gröber 1891 das Abitur mit dem Prädikat „gut“ ablegte, wobei seine Stärken in den sprachlichen und historischen Fächern lagen. Die Konstanzer Schulzeit war nicht nur von der dichten Kulturlandschaft des Bodenseeraumes geprägt – Gröber sollte zeitlebens mit diesem kulturellen Erbe verbunden bleiben –, sondern auch durch seine Lehrer am relativ weltoffenen Konstanzer Gymnasium, besonders jedoch durch die Erzieher und Mitalumnen des Konradihauses. Von seinen Mitschülern sind Konrad Beyerle und der dichterisch tätige Wilhelm von Scholz zu erwähnen, mit dem Gröber eine Geistesverwandtschaft verbunden hat, da Gröber, musisch hoch veranlagt, selbst literarische und künstlerische Ambitionen hegte, die ihn durch das ganze Leben geleiteten. Die Ferienzeiten boten Gelegenheit, den Schwarzwald kennenzulernen, da er oft bei seinem Pfarronkel in Wieden/Belchen weilte, und immer wieder in Beuron einzukehren, dessen Kunstrichtung auf den jungen Gröber einen nachhaltigen Einfluß ausübte, dem er sich erst später in einer gewissen Distanzierung entziehen konnte.
Gröber scheint schon früh der Berufung zum Priestertum geradlinig gefolgt zu sein, jedenfalls stand das Ziel in der Gymnasialzeit ziemlich klar fest, so daß Gröber nach dem Abitur den vorgeschriebenen Kurs (Studium der Philosophie und der katholischen Theologie, Immatrikulation zum WS 1891/92 in Freiburg und Eintritt in das theologische Konvikt) einschlug, in Freiburg in erster Linie von Andreas Schill, Direktor des theologischen Konvikts und Professor der Apologetik, und von Franz Xaver Kraus, dem Kirchen- und Kunsthistoriker, beeindruckt, welch letzterer für Gröber die geistige Grundlage der folgenden römischen Studienzeit im besonderen Maße schuf. Die Aufnahme Gröbers in das Germanikum befürwortete vornehmlich der bischöfliche Kaplan Lorenz Werthmann, dessen karitative und soziale Arbeit Gröber in hohem Maß in der späteren pastoralen Tätigkeit beeinflußte. Gröber ist durch den Romaufenthalt in theologischer (Neuthomismus), aber auch in kunsthistorischer Hinsicht in hohem Maß geprägt worden. Dazu kamen enge persönliche Bindungen zu Germanikern, die später Gröbers Mitbrüder im bischöflichen Amt waren. Ein Wesenszug Gröbers lag in der Suche nach menschlicher Beziehung, die zu tiefen Freundschaften, aber auch zu Gegnerschaft, ja Feindschaft führen konnte. Die Gediegenheit der wissenschaftlichen Ausbildung und des Selbststudiums der römischen Kunst legte die Basis für die pastorale und kirchenpolitische Karriere Gröbers, der eine wissenschaftliche Laufbahn nur von ungefähr erwogen hatte.
Auf dem Weg der pastoralen Arbeit ist die Station St. Stephan in Karlsruhe, wo Gröber über zwei Jahre wirkte, hervorzuheben, weil die spezifischen Probleme der Großstadtseelsorge in der Residenz- und Industriestadt im ganzen Spektrum aufgetan wurden und er auf Mitkapläne traf, die wie Heinrich Feurstein zum Freund oder wie August Stumpf zum innerkirchlichen Gegner oder wie Heinrich Mohr zum haßerfüllten Feind werden sollten.
Mit der Ernennung zum Rektor des Konstanzer Konradihauses 1901 begann für den noch jungen Geistlichen eine fast ein Vierteljahrhundert währende Wirksamkeit in der alten Bischofsstadt, zu deren historischen Erhellung Gröber in zahlreichen wissenschaftlichen und publizistischen Arbeiten im Nebenamt gewissermaßen beigetragen hat. Vor allem als Pfarrer hat Gröber das volle Programm damaliger Pastoralarbeit entfaltet, sehr intensiv die Standesseelsorge entwickelt und sich besonders als Prediger einen Namen geschaffen. Die Macht über das Wort, in der Kunst der freien Rede, korrespondierte dem literarischen Können Gröbers, wie sein umfangreiches Schriftenverzeichnis ausweist. Als Kanzelredner ist Gröber zeitlebens, gerade im volkstümlichen Sinn, mitreißend geblieben. Sein Kunstverständnis befähigte ihn zu den anstehenden grundlegenden Restaurierungsarbeiten in Dreifaltigkeit (ehemalige Augustinerkirche, deren spätmittelalterliche Fresken Gröber freilegen ließ und deren Barockensemble er komplettierte) und später des Konstanzer Münsters, wobei Gröber sehr behutsam die Akzente setzte. In der Konstanzer Zeit entfaltete Gröber auch eine engagierte Tätigkeit mit politischer Ausrichtung, zunächst durchaus im Rahmen der kirchlichen Vereinsarbeit, wobei er als Gegenbild das kirchenpolitisch liberale Konstanz vor Augen hatte und sich selbst in der Tradition der katholischen Politiker der Kirchen- und Kulturkampfzeit sah; später betrat Gröber als Stadtverordneter des Zentrums auch die kommunalpolitische Bühne. Gröber hat sich bei dieser politischen Aktivität vor allem publizistisch profiliert, so daß er weit über den Bodenseeraum bekannt wurde, nicht zuletzt deswegen, weil er immer wieder aktuelle Vorgänge aufgriff und gegebenenfalls kämpferisch parierte. Zum hohen Bekanntheitsgrad trugen auch die von Gröber konzipierte 800-Jahrfeier der Heiligsprechung des Bischofs Konrad von Konstanz (1923) und seine herausragende Mitarbeit auf der Diözesansynode (1921) bei.
Die Ernennung zum päpstlichen Geheimkämmerer (1923) präludierte gewissermaßen der nächsten Stufe von Gröbers kirchlichem Aufstieg, der Wahl zum Domkapitular, in der Biographie Gröbers der wohl entscheidenste Einschnitt, da sie nicht nur den Abschied von Konstanz, seiner eigentlichen geistigen Heimat, markierte, sondern auch mit der diözesanweit angelegten kirchlichen Verwaltung ein neues Betätigungsfeld brachte, dem Gröber nicht sonderlich zugetan war, das jedoch unabdingbar für eine weitere Karriere erschien. Mit dem Referat für Liturgie und Kirchenmusik war zudem nicht das spezifische Begabungszentrum Gröbers getroffen, dem das Bau- und Kunstressort eher behagt hätte. Indes arbeitete sich Gröber rasch in den Aufgabenbereich ein, in dessen Mittelpunkt die Neufassung des Diözesangesangbuchs, des „Magnifikat“, stand. Mit der ihm eigenen Behutsamkeit und dem Gespür für Qualität löste Gröber das nicht einfache Problem, nämlich das 1892 erschienene und nicht populär gewordene Gesangbuch so umzugestalten, daß es nach der Einführung 1929 große Resonanz fand. Durch die Übernahme wesentlicher Elemente des alten wessenbergianischen Gesangbuchs der Konstanzer Diözese (1812) mit den deutschen Liedern und vor allem den deutschen Vespern traf Gröber wohl den richtigen Ton, dabei eher dem Stilempfinden der Mehrheit der katholischen Bevölkerung verpflichtet als der Avantgarde der liturgischen Bewegung der zwanziger Jahre. In der Freiburger Zeit übernahm Gröber auch den Auftrag der Rundfunk-Predigt, das neue Medium sehr geschickt seiner rhetorischen Begabung anpassend und sich auf diese Weise noch stärker profilierend, wie überhaupt Gröber weiterhin literarisch ungemein produktiv blieb. In die Domkapitular-Ära fiel der Freiburger Katholikentag 1929 und damit die sich sehr intensiv gestaltende Begegnung Gröbers mit dem päpstlichen Nuntius Eugenio Pacelli, dem nachmaligen Kardinalstaatssekretär und Papst Pius XII., den Gröber auf einer mehrtätigen Reise durch den Schwarzwald ins Donautal, in seine Heimat und an den Bodensee begleitete, auf einer Reiseroute, die durch die Jugendstationen Gröbers gekennzeichnet war. Diese so persönliche Komponente darf nicht unterschätzt werden, da sie diesem zentralen Zusammentreffen, das für Gröbers weitere Laufbahn sich bald auswirken sollte, einen besonderen Akzent verlieh.
Die Ernennung Gröbers zum Bischof von Meißen (1931, Sitz in Bautzen), was die Übernahme eines ausgesprochenen Diasporabistums im sächsischen Industrierevier bedeutete, ist, auch wenn die Akten noch nicht zugänglich sind, mit Sicherheit in den eben dargelegten Zusammenhang zu bringen. Gröber folgte in Meißen seinem römischen Studienfreund Christian Schreiber nach, der das neuerrichtete Bistum Berlin übernahm. Mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit kann angenommen werden, daß das Meißener Bischofsamt Gröber für wichtigere Aufgaben in der Hierarchie qualifizieren sollte, wohl für die Nachfolge in Freiburg, die dann sehr bald durch den Tod von Erzbischof Carl Fritz (gest. Dezember 1931) aktuell wurde. Gröber konnte sich in der kurzen Zeit in Meißen kaum entfalten, obwohl er tatkräftig die Aufgaben anging, die durch die auf ihren Höhepunkt zutreibende Weltwirtschaftskrise dem finanziell karg ausgestatteten und mit besonderen sozialen Problemen belasteten Bistum aufgebürdet waren.
Daß Gröber vom Vatikan für das Erzbistum Freiburg favorisiert wurde, war offenes Geheimnis. Angesichts der umstrittenen Rechtslage bei der Einweisung in dieses hohe Kirchenamt (die römische Kurie vertrat die Auffassung, mit dem Ende des Großherzogtums Baden seien die staatskirchenrechtlichen Vereinbarungen, damit auch das Wahlrecht des Domkapitels, erloschen und die Ernennung des Erzbischofs von Freiburg ausschließlich Sache Roms geworden) und in Anbetracht der weit fortgeschrittenen Verhandlungen über ein badisches Konkordat, in dem auch die Besetzung der hohen Kirchenämter neu geregelt werden sollte, akzeptierte die badische Staatsregierung ausnahmsweise den römischen Standpunkt. Indes erwuchs Gröber eine Fronde aus Geistlichen der Erzdiözese, die seine Ernennung zum Erzbischof zu hintertreiben suchte und auch nach seiner Inthronisation, jetzt mittels schwerster Intrigen, gegen den neuen Erzbischof arbeitete und sich nach der Machtübernahme durch Hitler nicht scheute, der NSDAP „belastendes“ Material zuzuspielen, das der Gauleiter von Franken, Julius Streicher, 1935 noch einmal bei seinem berüchtigten Redefeldzug durch den Gau Baden ausschlachtete.
Kirchenpolitisch schaltete sich Erzbischof Gröber noch in die Schlußverhandlungen über das badische Konkordat ein, dessen politische Linie freilich durch den geistlichen Zentrumsführer Ernst Föhr bestimmt blieb. Immerhin konnte Gröber sich in die Konkordatsprobleme einarbeiten und sich auch mit der kurialen Konkordatspolitik vertraut machen.
Nach Hitlers Regierungserklärung am 23. 3. 1933, in der ein positives Bekenntnis zum Christentum und die Bereitschaft der Zusammenarbeit des Reiches mit den Kirchen deutlich artikuliert wurde, ist Gröber in einer Serie von überaus positiven Stellungnahmen zum Dritten Reich in der Öffentlichkeit hervorgetreten, die sich bis zur Überschwenglichkeit gesteigert haben, wie etwa auf der Katholikenversammlung in Karlsruhe am 9. 10. 1933. Gröber hat sich in diesem Verhalten, das einem Überoptimismus entsprang, nicht unerheblich von Teilen seiner Mitbischöfe entfernt und auch isoliert. Gröber war überzeugt, daß die neue politische Situation von der katholischen Kirche in einer spezifischen Weise gemeistert werden müsse und griff deswegen die sich abzeichnende Möglichkeit eines Reichskonkordats in ganz persönlicher Form auf: Gröber wurde früh von den Überlegungen und ersten Entwürfen informiert und zwar durch den mit ihm seit langem befreundeten Prälaten Ludwig Kaas, der als Führer des deutschen Zentrums nach der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz nach Rom ging und zentral in die Gestaltung der Konkordatsmaterie eingebunden worden ist. Gröber war von der Überzeugung durchdrungen, die neue politische Konstellation biete die einmalige Chance, eine friedlich-gütliche Regelung des Verhältnisses von Staat und Kirche im Reich herbeizuführen, und verstand es, alsbald als Experte und Vertrauensmann der kurialen Kreise sich in die Konkordatsverhandlungen einschalten zu lassen, nicht zuletzt in der Funktion als Verbindungsbischof zwischen Rom und Berlin. Ganz auf dem Boden staatskirchenrechtlichen Denkens stehend, zudem vertraut mit den Fragen des badischen Konkordats, hoffte Gröber, die katholische Kirche Deutschlands so abzusichern, daß sie in den Stürmen der nationalen Revolution ungefährdet überstehen und auch nach Stabilisierung der politischen Lage in ihrer Existenz unangetastet weiterleben könne. Er hat in den entscheidenden Phasen der Konkordatsverhandlungen bis zur Ratifizierung und auch der Durchführung trotz eigener Bedenken und trotz erheblicher Spannungen innerhalb der deutschen Bischofskonferenzen unbeirrbar an dem Ziel, nämlich der Sicherung des Reichskonkordats festgehalten. Die Erklärung für diese optimistische Grundhaltung, die bei Gröber bald bitterer Enttäuschung weichen sollte, ist wohl darin zu finden, daß Gröber bis in das Jahr 1934 hinein keine Einsicht in das latent vorhandene totalitäre Regime Hitlers besaß und nicht im entferntesten Strategie und taktische Manöver der Regierung und der Partei durchschaute. Gröber war bereit, den politischen Katholizismus – im Reichskonkordat faßbar im sogenannten Entpolitisierungsartikel 32 – zu opfern gegen die Zusicherung einer weithin ungehinderten Arbeit der Kirche in den Vereinen und kirchlichen Organisationen, obwohl ihm noch vor der Ratifizierung die Brüchigkeit der von der Reichsregierung gemachten vagen Zusagen bewußt geworden ist. Das Reichskonkordat ist gerade in der Frage der Gewährleistung der kirchlichen Verbandsarbeit nicht positiv ins Ziel gebracht worden, worin der eigentliche Pferdefuß der Reichskonkordatsproblematik verborgen ist: die vielfältige kirchliche Vereins- und Verbandsarbeit sowie die Möglichkeiten der Tätigkeit von Vereinigungen, die der Kirche nahestanden, wurde durch die neuen Machthaber rigoros und brutal abgeschnitten, und damit war ein über viele Jahrzehnte fruchtbar bestelltes Feld brachgelegt worden, das auch nach dem Ende des Dritten Reiches trotz euphorischer Aufbrüche nie mehr völlig erschlossen werden konnte.
Gröber bezog ein Gutteil seiner späteren Ernüchterung aus diesen Erfahrungen, die er bei den Konkordatsverhandlungen gewonnen hatte, er zog sich Ende 1934 mehr und mehr aus der Mitarbeit zurück und machte seit 1935 einen regelrechten Lernprozeß durch, da die Nadelstiche, die er aus Berlin und aus Karlsruhe beziehen mußte, und die Agitation, die auf den verschiedenen Ebenen gegen seine Person, gegen Geistliche und gegen die Kirche ablief, immer stärker konturiert worden sind. Gröber hat die Dimensionen des Unrechtsstaates erkannt, zunächst sich darauf beschränkt, Gegenpositionen im weltanschaulichen Verständnis zu beziehen, dabei wieder stark seine noch verbliebenen publizistischen Möglichkeiten – besonders Rundschreiben und Hirtenworte, aber auch die Predigt – einsetzend und fand dabei zu einer für ihn spezifischen Art des Widerstandes, wobei er freilich nie den durch das Reichskonkordat gesteckten Rahmen verließ.
In den frustrierenden Auseinandersetzungen mit der Regierung und Parteileitung in Karlsruhe und dem Reichskirchenministerium in Berlin beharrte er durchweg auf der völkerrechtlichen Gültigkeit des Reichskonkordats wie des badischen Konkordats, an welche Verträge er sich gebunden fühlte, die Kirchenbehörde und den Klerus voll einbeziehend. Ohnmächtig und immer nur auf verbale Proteste verwiesen, mußte Gröber hinnehmen, daß das öffentliche Schulwesen Zug um Zug entkonfessionalisiert wurde, daß die katholische Lehrerbildung beendet wurde, daß die Schule nahezu total jeglichem kirchlichem Einfluß entzogen wurde, ja daß schließlich die katholischen freien Schulen verstaatlicht oder aufgehoben wurden. In gleicher Weise ohnmächtig stand Gröber der sich verstärkenden antikirchlichen Verhetzung der Jugend gegenüber, und er mußte letztlich die unglaublichen Verleumdungskampagnen Streichers im Gau Baden 1935 gegen seine eigene Person erdulden.
Auf diesem Hintergrund hat sich Gröber in einer schweren Zeit mehr und mehr als ein entschieden opponierender Oberhirte profiliert, ohne daß es ihm gelungen wäre, innerkirchlich, vor allem im Episkopat, die Vorbehalte auszuräumen, die aus den Anfangsjahren des Dritten Reiches gegen ihn erwachsen waren. Obwohl Gröber in der Öffentlichkeit, z. B. nach Kriegsausbruch in den berühmt gewordenen Silvesterpredigten im Freiburger Münster – sie führten zu nervöser Aktivität des Reichssicherheitshauptamtes –, massiven Protest gegen Maßnahmen der politischen Führung einlegte, blieb er im Letzten auch diesem pervertierten Staat gegenüber loyal, da er unter Respektierung der staatskirchenrechtlichen Elemente das Überleben der Kirche erhoffte. Diese ambivalent anmutende Einstellung Gröbers, die aus vielen Quellen gespeist war, führte schon in der Zeit des Dritten Reiches, erst recht aber in der Nachkriegszeit zu Mißverständnissen, Fehldeutungen und Schwierigkeiten in der Einschätzung seines Weges, da man Gröber vorwarf, er habe sich z. B. nicht genügend für den aus der Diözese Rottenburg vertriebenen Suffraganbischof Johannes Baptista Sproll eingesetzt. Exemplarisch ist diese Ambivalenz am Verhalten Gröbers im Falle des Freiburger Diözesangeistlichen Dr. Max Josef Metzger, des Gründers des Meitinger Christkönigsbundes, Pazifisten und Ökumenikers, aufzuweisen: es wurde Gröber vorgehalten, er habe sich nach dem durch den Volksgerichtshof verhängten Todesurteil in feiger Weise von Dr. Metzger distanziert. Gröber war nun in besonderer Weise mit Dr. Metzger verbunden, der in Gröbers Zeit als Rektor des Konradihauses sein Schüler gewesen war. Die Akten und die behutsame historische Interpretation der Gesamtzusammenhänge haben ergeben, daß Gröber sich mit dem Verurteilten solidarisiert hat und daß er aus taktischen Erwägungen heraus, das letzte Mittel, nämlich sich von Metzger zu distanzieren, einsetzte, um die Umwandlung der Todesstrafe in eine Freiheitsstrafe zu erreichen. Es sei zugegeben, daß auch ein solcher Beweis nicht schlüssig zu führen ist, was überhaupt für die gültige Bewertung der kirchenpolitischen Haltung Gröbers gilt.
Die Form der Opposition, zu der Gröber gefunden hat, unterschied sich deutlich vom offen gezeigten Widerstand, der etliche Geistliche der Erzdiözese Freiburg in Konflikt mit den Machthabern brachte und zur Einweisung in das Konzentrationslager Dachau führte. Gröber konnte sich mit solchem Widerstand nicht identifizieren, wenn er auch zutiefst erschüttert war über das Schicksal, das sein Freund Heinrich Feurstein in Dachau erleiden mußte. Aber auch nach der Verhaftung des schwerkranken Feursteins ging Gröber in seinem schriftlichen Protest nur soweit, daß er androhte, durch eine Kanzelverkündigung in Donaueschingen die katholische Bevölkerung aufzuklären.
In den Erschütterungen der letzten Kriegsjähre, in denen u. a. mit dem Bombenangriff auf Freiburg auch das erzbischöfliche Palais zerstört wurde, in den Erschütterungen des Zusammenbruchs und der schweren Nachkriegszeit, in der das Erzbistum Freiburg durch zwei Besatzungszonen geteilt war, hat Gröber sein Hirtenamt mit großer Sicherheit und Bestimmtheit versehen. Er war die von den beiden Besatzungsmächten anerkannte Autorität, was ihm die Möglichkeit vielfältiger Hilfe in den materiellen Nöten einräumte. Die Umrisse seines Einsatzes – Gröber verstand sich immer auch als Caritas-Bischof – werden jetzt erst sichtbar, nachdem Dokumentationen vorliegen, wie z. B. die vom Deutschen Caritasverband herausgegebene Darstellung über die humanitäre Auslandshilfe für Deutschland, bei deren organisatorischer Bewältigung auch an die Freiburger Kirchenbehörde hohe Anforderungen gestellt wurden.
Der alternde Gröber vermochte mit kluger Politik viele Wunden zu lindern. Er war bemüht, die Grundelemente des kirchlichen, aber auch des gesellschaftlichen und staatlichen Wiederaufbaus mitzugestalten. Gröber war in der Nachkriegszeit auch damit befaßt, die unmittelbare Vergangenheit aufzuarbeiten und seine eigene Position in der Kirchenpolitik darzustellen. Ein apologetischer Grundzug scheint bei solchem Tun sehr deutlich durch. Auch heute noch nach Vorlage eines umfangreichen Aktenmaterials ist es schwierig, Gröber zureichend zu würdigen, was die letzte, freilich auch die schwierigste Strecke seines Lebensweges angeht.
Werke: Genaues Werk Verzeichnis in: Erwin Keller, Conrad Gröber 1872-1948. Erzbischof in schwerer Zeit, Herder, Freiburg i. Br. 1981.
Nachweis: Bildnachweise: Porträtgemälde 1939 von Adolf Schmidlin im erzbischöfl. Palais Freiburg, Kopie von 1944 im Freiburger Rathaus; Bronze-Relief von Prof. Henselmann im Freiburger Münster, zahlreiche Porträt-Fotos im Erzbischöfl. A Freiburg

Literatur: Umfassende Zusammenstellung bei E. Keller a. a. O.
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