Hahn, Kurt Martin 

Geburtsdatum/-ort: 05.06.1886; Berlin
Sterbedatum/-ort: 14.12.1974;  Hermannsberg bei Salem, bestattet in Salem
Beruf/Funktion:
  • Reformpädagoge, Gründer der Schule Schloß Salem, Gegner des NS-Regimes
Kurzbiografie: 1904 Abitur am humanistischen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Berlin
1904-1906 Studium der Philosophie, Klassischen Altertumswissenschaften, Psychologie, Pädagogik und Nationalökonomie in Oxford
1906-1910 Studium in Berlin, Heidelberg, Freiburg i.Br. und Göttingen u.a. bei Windelband, Willamowitz, Husserl, Jaffe, Schultze-Gaevernitz, Leonardé Nelson
1911-1914 Studium in Oxford (Christ Church) (u.a. bei G. Murray, J. A. Stewart)
1910 Erscheinen des Schulromans „Frau Elses Verheißung“
1914-1918 Englischer Lektor bei der „Zentralstelle für Auslandsdienst“ im Auswärtigen Amt unter Paul Rohrbach und Oberst von Haeften
1915ff. Teilnahme an internationalen Friedenskonferenzen in Den Haag; Zusammenarbeit mit Anhängern eines Verständigungsfriedens, vor allem mit H. Delbrück, C. Haussmann, F. Naumann, G. Wolff-Metternich, Max Warburg, Fürst Lichnowsky
1917 Februar: Begegnung mit Prinz Max von Baden, dessen politischer Berater und Vertrauter er wird. Weitere Reisen nach Den Haag und Stockholm
1918 Denkschriften zur Beendigung des Krieges, Entwicklung des außenpolitischen Programms „Ethischer Imperialismus“. Oktober-November: Privatsekretär des Reichskanzlers Prinz Max von Baden. Dezember: Verhandlungen mit amerikanischen Diplomaten in Kopenhagen und Bern, zwecks Beendigung der „Hungerblockade“ gegen Deutschland
1919 Februar: Gründungsinitiator der „Heidelberger Vereinigung“, einer politischen Arbeitsgemeinschaft von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft (u.a. Prinz Max von Baden, Max Weber, Robert Bosch) zwecks Erlangung eines auf den Wilsonschen 14-Punkten beruhenden „Rechtsfriedens“. April-Mai: Teilnahme an der Friedenskonferenz in Versailles als Berater von Außenminister Graf Brockdorff-Rantzau. Juli: Übersiedlung nach Salem
1920 April: zusammen mit Prinz Max von Baden und dem Schulreformer Karl Reinhardt Eröffnung der Schule Schloß Salem; später Eröffnung der Zweigschulen Hermannsberg bei Salem (1925), Spetzgart bei Überlingen (1929), Hohenfells bei Stockach (1931) und Birklehof bei Hinterzarten im Schwarzwald (1932; 1934 Loslösung von Salem)
1923 zusammen mit Max Warburg, C. Melchior, Prinz Max von Baden u.a. Initiator des „Instituts für Auswärtige Politik“ in Hamburg (heute „Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“, Bonn). November: Attentat auf Hahn vereitelt; die drei nationalsozialistischen Täter (1924) verurteilt
1927 Edition der „Erinnerungen und Dokumente“ des Prinzen Max von Baden (1928 erscheint englische Fassung)
1931 Dezember: „Salemer Tagung“ über politische und ökonomische Zeitfragen, mit Leopold Ziegler, E. W. Eschmann, H. Zehrer u.a.
1932 Gespräche mit den Reichskanzlern Brüning und von Papen. September: Öffentliche Stellungnahme gegen die nationalsozialistische Gewaltpolitik
1933 Februar: Reden über „Staatsbürgerliche Erziehung“ in Hamburg, Berlin, Göttingen. März: Verhaftung durch die Nationalsozialisten, „Schutzhaft“ in Überlingen, Verbannung aus Baden; bis Mai vergebliche politische Widerstandsaktivitäten in Berlin. Juli: Emigration von Heringsdorf an der Ostsee über Holland nach Großbritannien. November: Gründung der ersten „British Salem School“ Gordonstoun bei Elgin, Morayshire, Schottland, mit Erzbischof William Temple, R. M. Barrington-Ward, George M. Trevelyan, Sir Percy Nunn, J. Wheeler-Bennett u.a., später Errichtung der Zweigschulen Wester Elchies (1937), Aberlour (1946), Altyre (1951); während des Krieges Evakuierung nach Wales
1936 Einrichtung des „Moray Badge“. Leistungsabzeichen zur Förderung körperlicher Fitneß; später Weiterentwicklung zum „County Badge“ (1940) und „Duke of Edinburg Award“(1956)
1938 Erste Laienpredigt in der Kathedrale von Liverpool über die Nächstenliebe; weitere Ansprache ebd. (1943) „Quinquagesima“, über das Mitleid
1941 Zusammen mit dem Reeder Lawrence-Holt Gründung der ersten „Outward Bound Sea School“ in Aberdovey, Wales
1948 Zusammen mit dem amerikanischen Hochkommissar John McCloyd und dessen Frau Ellen, dem württemberg-badischen Kultusminister Theodor Bäuerle, Hermann Nohl u.a. Gründung der „American-British-Foundation for European Education“, ab 1951 als „Deutsche Gesellschaft für Europäische Erziehung“, München
1949 Mitinitiator von weiteren Internatsschulen, z.B. Louisenlund, Schleswig-Holstein, Anavryta, Griechenland; später Battisborough, Großbritannien (1955), Athenian School, Kalifornien, USA (1965)
1953 Ehrendoktor der Universität Edinburgh – Rücktritt als Leiter von Gordonstoun, Heimkehr auf den Hermannsberg bei Salem
1956 Ehrendoktor der Universität Göttingen
1958 Einrichtung der „Trevelyan Scholarships“, Studienstipendien für die Universitäten Oxford und Cambridge (bis 1965)
1961 Ehrendoktor der Universität Tübingen – Großes Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
1962 Zusammen mit Air Marshall der Nato Sir Lawrence Darvall Eröffnung des ersten „United World College“, des „Atlantic College“ in St. Donat’s Castle, Wales; später auch in Singapur (1973), Kanada (1974), Swasiland (1979), den USA (1982), Italien (1982) und Venezuela (1986). Berater der Genfer UNESCO-Kommission bei der Erstellung des IB-Programms für die Gründung der Schulen mit dem „Internationalen Bakkalaureat“ (heute weltweit über 350). Freiherr-vom-Stein-Preis, Hamburg
1963 Mitbegründer der „Medical Commission on Accident Prevention“
1964 London Commander of The Most Excellent Order of The British Empire (C.B.E.), Großbritannien
1966 Zum 80. Geburtstag: Gründung der „Round Square Conference“ (R.S.C.). Stiftung des „Kurt-Hahn-Preises“ durch die „Altsalemer Vereinigung“ (ASV) für herausragende Rettungs- und Hilfsdienste von Schülern der R.S.C.-Schulen. Ehrendoktor der Freien Universität Berlin, Professorentitel vom Land Baden-Württemberg
1968 Foneme Preis, Mailand
1983 Einrichtung des „Kurt Hahn Award“ durch die amerikanische „Association for Experimental Education“
1984 Einrichtung der „Kurt-Hahn-Stiftung“ (Kapitalstiftung unter dem Dach des Stifterverbands der Deutschen Wissenschaft) zur Förderung und Unterstützung der Schulen Schloß Salem und anderer Hahnscher Erziehungseinrichtungen
1986 Stiftung der „Kurt-Hahn-Gedächtnis-Stipendien“ für deutsche Studenten der Philosophie und Geisteswissenschaften an der Universität Cambridge. 11. Oktober: anläßlich des 100. Geburtstags Großer Festakt in Salem
1990 Verleihung des ersten „Outward Bound Preises“ für herausragende Projekte und Programme im Sinne der Hahnschen Erlebnistherapie, unter der Schirmherrschaft des niedersächsischen Kultusministers
Weitere Angaben zur Person: Religion: Erziehung im jüdischen Glauben, 1945 Übertritt in die Anglikanische Kirche
Verheiratet: unverheiratet
Eltern: Oskar Hahn, Stahl-Industrieller
Charlotte, geb. Landau
Geschwister: 3
GND-ID: GND/118544845

Biografie: In: Baden-Württembergische Biographien 2, 182-187
Werke: (Auswahl) Erziehung zur Verantwortung. Reden und Aufsätze (Aus den deutschen Landerziehungsheimen H. 2) 1958 u.ö.; Erziehung und die Krise der Demokratie. Reden, Aufsätze, Briefe eines politischen Pädagogen. Hg. von Michael Knoll, 1986; Reform mit Augenmaß. Ausgewählte Schriften eines Politikers und Pädagogen. Hg. von Michael Knoll, 1998 (mit ausführlicher Bibliographie)
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in Kurt-Hahn-Schule Schloß Salem

Literatur: (Auswahl) Hermann Röhrs (Hg.), Bildung als Wagnis und Bewährung. Eine Darstellung des Lebenswerkes von Kurt Hahn 1966; W. A. C. Stewart, The Educational Innovators, Vol. 2: Progressive Schools 1881-1967, 1968, 183-209; Karl Schwarz, Die Kurzschule Kurt Hahns. Ihre pädagogische Theorie und Praxis, 1968; Robert Skidelsky, Hahn at Gordonstoun, in: ders., English progressive Schools, 1968 (deutsch, Hahn und Gordonstoun, in: ders., Schulen von gestern für morgen, „Fortschrittliche Erziehung“ in englischen Privatschulen, 1975); Gernot Gonschorek, Kurt Hahn - Salem, Gordonstoun, Atlantic College, in: ders., Erziehung und Sozialisation im Internat. Ziele, Funktionen, Strukturen und Prozesse komplexer Sozialisationsorganisationen, 1979, 156-195; Hermann Röhrs, Die pädagogische Provinz im Sinne Kurt Hahns, in: ders., Die Reformpädagogik, Ursprung und Verlauf in Europa, 1980, 144-155; Rüdiger von Treskow, Schloß Salem oder wenn der Markgraf grollt. Das Internat im Streit, in: BZ (Magazin) Nr. 122 vom 28.05.1988; Jörg Ziegenspeck, Kurt Hahn: Erinnerungen, Gedanken, Aufforderungen, 1987; Anja Pielorz, Die Wertpädagogik Kurt Hahns, oder: Erziehung zur Verantwortung, in: dies., Werte und Wege der Erlebnispädagogik. Schule Schloß Salem, 1991, 99-185; Jörg Ziegenspeck, Erlebnispädagogik, Rückblick, Bestandsaufnahme, Ausblick, 1992; Ilse Miscoll und Bernhard Bueb, Heike Bueb, Christian H. Freitag, Martin Kölling, Gertrud Kupffer, Dieter Plate, Hartmut Rahn, Schule Schloß Salem. Chronik, Bilder, Visionen. Geschichte und Geschichten einer Internatsschule, 1995, 216 S. Weitere Beiträge vgl. LbBW Bde. 2, 4, 5, 7, 8, 12, 13
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