Hess, Gerhard 

Geburtsdatum/-ort: 13.04.1907;  Lörrach
Sterbedatum/-ort: 30.06.1983;  Konstanz
Beruf/Funktion:
  • Romanist, Gründungsrektor der Universität Konstanz und Wissenschaftspolitiker
Kurzbiografie: 1926-1931 Studium der Romanistik an den Universitäten Basel, Berlin und Heidelberg
1931 Promotion an der Universität Berlin
1931-1935 Assistent am Romanischen Seminar der Universität Berlin
1938 Habilitation an der Universität Berlin
1940-1941 Mitarbeiter in der Leibniz-Kommission der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin
1941-1948 Vertretung des Lehrstuhls für Romanistik an der Universität Heidelberg
1948-1964 Ordinarius für Romanische Philologie an der Universität Heidelberg
1950 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
1951-1952 Rektor der Universität Heidelberg; Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz
1952-1954 Stellvertretender Vorsitzender des Hochschulverbandes
1955-1964 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft; Vizepräsident der Alexander von Humboldt-Stiftung
1956-1963 Vorsitzender des Gemischten Ausschusses des Deutsch-Französischen Kulturabkommens
1957 Ehrensenator der Universität Freiburg
1958-1965 Stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftsrates
1960 Großoffizierskreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik
1961 Offizierskreuz des französischen Ordens der Ehrenlegion der Französischen Republik
1964-1966 Vorsitzender des Gründungsausschusses für die Universität Konstanz
1964 Dr. Ing. E. h. der Technischen Universität Berlin
1964 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1966-1972 Rektor der Universität Konstanz
1972 Emeritierung; Ehrenbürger der Universität Konstanz
1973 Vorsitzender des Planungsstabes zur Gründung einer Hochschule in Luzern
1977-1979 Vizepräsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Konstanz
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1931 Johanna Eva, geb. Schabert (1897-1985), Tochter des Oskar Schabert, Pastor in Riga
Eltern: Vater: Ernst Hess (1874-1953), Fabrikdirektor in Lörrach, zuletzt wohnhaft in Lörrach
Mutter: Clara, geb. Brian
Geschwister: Bruder Oscar Hess (1903-1980), Dr.-Ing., Schwester Ruth-Eva Hess (1909-1979)
Kinder: 1 Tochter
GND-ID: GND/118550322

Biografie: Horst Sund (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 132-135

Hess war einer der bedeutendsten Vertreter in der Welt der Wissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland hat er die neu entstehenden Strukturen der Forschungsförderung und Wissenschaftsverwaltung entscheidend mitgeprägt und seine langjährigen Erfahrungen in diesen Bereichen schließlich der Universität Konstanz als ihr Gründungsrektor zugute kommen lassen. Wie kaum ein anderer verantwortete er die Reformkonzeptionen, die sich mit dem Namen Konstanz verbinden und die weit über die eigene Institution hinaus Einfluß auf die deutsche Universitätslandschaft gewannen.
Hess, Bürger Deutschlands und der Schweiz, in Lörrach geboren, ging dort ins humanistische Gymnasium und studierte an den Universitäten Basel, Heidelberg und Berlin. Berlin blieb er lange treu. Er promovierte dort 1931 bei Eduard Wechssler, der ihn zwar auf den Weg der Romanistik wies, aber dennoch nicht der Mann war, der Hess' wissenschaftliches Leben bestimmen sollte. Diese Rolle fiel in weit stärkerem Maße Groethuysen zu, von dem Hess in seiner Antrittsrede zur Aufnahme in die Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1950 sagte, „derjenige, der meine wissenschaftlichen Versuche und mehr noch den wissenschaftlichen Habitus, die wissenschaftliche Gesinnung, wenn Sie das Wort erlauben, am stärksten geprägt hat, war ohne Zweifel Bernhard Groethuysen“. Im preußischen Klima Berlins blieb Hess seiner alemannischen Heimat immer eng verbunden, insbesondere dem alemannischen Dichter Johann Peter Hebel, den er in seiner Rede zum Hebeltag 1953 ganz besonders würdigte. Groethuysen war es, der ihn in einer Zeit, in der noch die idealistische Philologie vorherrschend war, zur Literatursoziologie hinführte, sein Interesse für den Zusammenhang zwischen Literatur und Gesellschaft weckte.
Die Habilitation erfolgte 1938, in einer Zeit, die für Teile der Wissenschaft sehr fruchtbar war. Es ist die Zeit, in der Domagk die Sulfonamide und Fleming das Penicillin entdeckten und in der Otto Warburg seine bahnbrechenden Arbeiten über die biologische Wasserstoffübertragung beenden konnte. Dem stand aber die politische Realität gegenüber, und das von Hess wahrlich ungeliebte Regime der Nationalsozialisten war auch der von ihm vertretenen Wissenschaft wenig zugetan. Damit hängt es wohl zusammen, daß sich seine wissenschaftliche Karriere nicht so, wie er es sich gewünscht hatte, entwickelte. Erst 1946 wurde er außerplanmäßiger und 1948 Ordinarius für Romanistik in Heidelberg.
Hess war in zwei großen Wirkungsbereichen tätig: jenem innerhalb der Universität, dem eine ununterbrochene Kette immer verantwortungsvollerer Ämter außerhalb der Universität gegenübersteht.
In seiner Wissenschaft ging Hess von der Gegenwart aus, von der französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, und diese Tätigkeit führte ihn dann später zu seinem Interesse für die französische Kultur des 17. und 18. Jahrhunderts und zu dem Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft. Wie nicht allein seine publizierten Schriften, sondern auch die hinterlassenen Vorlesungsskripten bezeugen, nahm er in seinen Forschungen Ansätze von Groethuysen wieder auf, um Epochenschwellen zwischen Renaissance, Späthumanismus und französischer Klassik in ihren sozial-, stil- und wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten zu erfassen und in eine umfassende Geschichte der europäischen Moralistik einzubauen. Ihr Seitenstück hätte eine Geschichte der erzählenden Prosa werden können, die als Ergänzung, aber auch als Korrektur von Erich Auerbachs Geschichte des abendländischen Realismus konzipiert war. Von diesem Konzept konnte Hess nur seine Baudelaire-Studien vollenden. Sie geben den besten Begriff von der ihm eigentümlichen Weise, die Kunst der Werkinterpretation zum ästhetischen Urteil zu führen und sie hernach für die Erschließung latender Zusammenhänge von Dichtungs- und Gesellschaftsgeschichte nutzbar zu machen.
Die andere Richtung seines Forschens und Tuns beschäftigte sich mit der Hochschulreform, mit der Forschungsförderung und, immer im Zusammenhang damit stehend, mit der Forschungsfinanzierung. Die Stationen dieses zweiten Weges waren: 1950/51 Rektor der Universität Heidelberg und gleichzeitig Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, 1952 bis 1954 stellvertretender Vorsitzender des Hochschulverbandes, 1955 bis 1964 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es ist bezeichnend für das Wirken von Hess, daß er zweimal zum Präsidenten dieser Institutionen wiedergewählt wurde. Hess war sich wohl bewußt, daß diese Tätigkeit in der Forschungsförderung und Wissenschaftsverwaltung dazu führte, daß er seine eigenen Forschungsprojekte zurückstellen mußte.
Mit seinem Aufsatz „Ein langfristiger Plan für die Wissenschaft“, der am 5. Juli 1956 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien, wurde Hess zum Anreger der Gründung des Wissenschaftsrates. In diesem Gremium, dem er von 1957 ab angehörte, war er ganz wesentlich beteiligt an den ersten Empfehlungen zur Gründung neuer Hochschulen und insbesondere an den „Anregungen zur Gestalt neuer Hochschulen“ aus dem Jahre 1962. Die Anregungen des Wissenschaftsrates wurden Arbeitsgrundlage des 1964 eingerichteten Gründungsausschusses für die Universität Konstanz, dessen Vorsitz Hess von dem damaligen Kultusminister Storz mit der Frage angetragen wurde, ob er „Lust hätte“, das Amt zu übernehmen.
Die Arbeit des Ausschusses endete am 2. Juni 1965 mit der Vorlage des Gründungsberichtes für die Universität Konstanz. Nach seiner Wahl durch den Großen Senat erhielt Hess am 28. Februar 1966 die Ernennungsurkunde zum Gründungsrektor der Universität Konstanz. Dieses Amt hatte er bis 1972 inne, es endete mit seinem Rücktritt. Die Umstände dieses Rücktritts waren schmerzlich für Hess. Die Vorstellungen des Kultusministers über die weitere Entwicklung von Konstanz entfernten sich mehr und mehr von seinen eigenen, und seine Kompromißbereitschaft erreichte schließlich eine Grenze, die er nicht überschreiten wollte.
Die Zeit, in der Hess im Wissenschaftsrat und im Gründungsausschuß tätig war, fällt zusammen mit der Zeit der großen Methodendiskussion seines Faches. Hess war immer ein wenig methodenskeptisch und in dieser Beziehung schreibt er einmal über sich: „Methodische Fragen haben mich relativ wenig beschäftigt. Schließlich bedarf die Lehre vom Wort, seinen Gestaltungen und Erscheinungsformen aller Methoden, um ihren Gegenstand auszuschöpfen; sie müssen nur das Erwartete leisten. So meine ich, daß so disparate Weisen der Erklärung wie die soziologische und die stilistische gleicherweise Heimatrecht besitzen, weil mit ihnen viel zu erarbeiten ist. Vielleicht liegt der Gleichgültigkeit gegenüber der Methodologie ein Instinkt des wissenschaftlichen Selbstschutzes zugrunde. Philologie ist gewiß eine Wissenschaft, aber sie ist auch eine Fertigkeit, eine Kunst. Praktisch in der Ausübung des Forschens und Lehrens bewegt man sich leicht vom einen ins andere und hat, im Glücksfall, gute Frucht davon. Die Theorie dieses Doppelwesens der Philologie kann zu unbehaglichen Konsequenzen führen. Aber das berührt eine Grundfrage, eine Existenzfrage der Geisteswissenschaften.“ Diese Überlegungen und die Entwicklung seines Faches haben dazu geführt, daß mit der Gründung der Universität in Konstanz eine neue Literaturwissenschaft entstehen konnte.
Neun Jahre Deutsche Forschungsgemeinschaft und sieben Jahre Konstanzer Universität sind eine lange Zeit, in der Hess diese Institutionen geprägt hat. Sein Wirken ist dadurch gekennzeichnet, daß er mit sicherer Hand und mit viel Einfühlungsvermögen geführt, Naturwissenschaften gleichermaßen wie Technik, Geisteswissenschaften und Medizin gefördert und die Entwicklung dieser Wissenschaften mitgestaltet hat.
Seine Anregungen wurden überall gehört und aufgegriffen, sie waren gestützt auf große Sachkunde. Er war umsichtig, besonnen, tolerant, immer bemüht, interne Spannungen abzubauen, beharrlich und auf Ausgleich bedacht. Ihm lag es zu sprechen, zu diskutieren, zu interpretieren bis hin zum Fabulieren. „Das Wesen der Interpretation, dieser Erzkunst der Philologie, mag es mit sich bringen“, so Hess, „daß der Weg vom mündlichen Deuten zum schriftlichen Fixieren etwas weit ist.“
Die Maximen seines Handelns, die für den, der eng mit ihm zusammenarbeiten konnte, ersichtlich wurden, waren stets geprägt durch das Suchen nach der rechten Form, in der das Erstrebte Aussicht hat, angenommen und durchgesetzt zu werden.
Die Reformuniversität Konstanz nahm Gestalt an in einer Zeit, da man im politischen Bereich des Reformeifers überdrüssig wurde. Der Spielraum für Experimente war eingeengt. Im Rückblick wird sich mancher die Frage stellen, ob alle zum Teil mit Erbitterung geführten Auseinandersetzungen innerhalb der jungen Universität der aufgewandten Mühe wert waren. Doch der Mut zu Experimenten war damals von Konstanz ausdrücklich gefordert. Es ist nicht gesagt, daß Neues besser sein muß. Doch, um das zu wissen, muß man es erproben.
Im Laufe seines Lebens wurde Hess mehr und mehr ein Förderer von Forschung und Lehre im allgemeinen und ein Organisator für die deutschen Hochschulen und die Forschungsinstitute. Im Blick auf seinen Lebensweg erscheint die Übernahme der Konstanzer Aufgabe folgerichtig. Er war eine hervorragende und gewinnende Persönlichkeit, die für die deutsche Wissenschaft Großes geleistet hat, er hat ein Stück deutscher Wissenschaftsgeschichte gestaltet: „Man würde aber die Tätigkeit von Gerhard Hess nicht ausreichend umreißen, wenn man ihn als Wissenschaftsverwalter und Wissenschaftsmanager einstufen würde. Wissenschaftsdiplomat wäre wohl die Bezeichnung, die ihm am ehesten gerecht wird“ das war die treffende Charakterisierung, die Heinz Trabandt in seinem Nachruf formulierte. Hess war ein Grandseigneur auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Politik.
Mit der baulichen Verwirklichung der Gründungsidee der Universität Konstanz hat sich Hess ein bleibendes Denkmal gesetzt. Alle, die Hess kannten und die von ihm gegründete Universität Konstanz, werden stets ehrend an ihn zurückdenken.
Werke: (Selbständige Schriften): Alain in der Reihe der französischen Moralisten. Ein Beitrag zum Verständnis des jüngeren Frankreich, Berlin, Inaug.-Diss., 1932, 303 S. (Romanische Studien, 30); Französische Philosophie der Gegenwart, Berlin 1933, 95 S. (Philosophische Forschungsberichte, 16); Pierre Gassend, Der französische Späthumanismus und das Problem von Wissen und Glauben, Jena-Leipzig 1939, 199 S. (Berliner Beiträge zur romanischen Philologie, Bd. IX, 3/4); Leibniz korrespondiert mit Paris. Übertragen und eingeleitet von G. Hess Hamburg 1940, 93 S. (Geistiges Europa, I, 80); La Bruyère, Die Charaktere oder die Sitten des Jahrhunderts. Übertragen und hg. von G. Hess, Leipzig 1940, XIX, 443 S. (Sammlung Dieterich, 43); Madame de La Fayette, Die Prinzessin von Clèves. Übertragen und eingeleitet von Eva und G. Hess, Wiesbaden, 1949 2. Aufl., 255 S. (Sammlung Dieterich, 18); Die Landschaft in Baudelaires „Fleurs du mal“, Heidelberg 1953, 158 S. (Sitzungsberichte der Heidelberger Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl., Jg. 1953, Abhandlung 1); Rede auf Hebel, Schriftenreihe des Hebelbundes, Lörrach 1953; Zur Entstehung der „Maximen“ La Rochefoucaulds, Köln-Opladen 1957, 35 S. (Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Geisteswissenschaft, 67); Die Förderung der Forschung und die Geisteswissenschaften, Köln-Opladen 1964, 25 S. (Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Geisteswissenschaften, Heft 116); Probleme der deutschen Hochschulen und die Neugründungen, Konstanz 1966, 25 S. (Konstanzer Universitätsreden Nr. 1); Die Universität Konstanz – Reform als ständige Aufgabe, Konstanz 1968, 31 S. (Konstanzer Universitätsreden Nr. 16); Die integrierte Gesamthochschule Konstanz (G. Hess und Christoph Schneider), Beilage zu Konstanzer Bll. für Hochschulfragen, Konstanz 1970, 60 S.; Sieben Jahre Universität Konstanz 1966-1972, Konstanz 1973, 91 S.; Zukunft der Universität – Zukunft der Jugend, Konstanz 1973, 26 S. Konstanzer Universitätsreden Nr. 60); außerdem 44 literaturhistorische und wissenschaftspolitische Aufsätze sowie Rezensionen.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in Lit. und in Nachrufen.

Literatur: Gesellschaft – Literatur – Wissenschaft (Gesammelte Schriften 1938-1966, hg. von Hans Robert Jauß und Claus Müller-Daehn, Festschrift zum 60. Geburtstag), München 1967; G. Hess und die Entwicklung der Universität Konstanz (Festgabe zum 60. Geburtstag. Bearb. von Brigitte Weyl), Konstanz 1967, 60 S. mit Abb.; Gebremste Reform: Ein Kapitel deutscher Hochschulgeschichte – Universität Konstanz 1966-1976 (hg. von Hans Robert Jauß und Herbert Nesselhauf), Konstanz 1977; G. Hess zum 70. Geburtstag (Reden und Bilder). Beilage zu Konstanzer Bll. für Hochschulfragen, Konstanz 1978; Karlheinz Stierle, Sprache und menschliche Natur in der klassischen Moralistik Frankreichs, Vortrag zum Gedächtnis von G. Hess, mit einem Nachruf auf G. Hess von Hans Robert Jauß, Konstanz 1985, 64 S. (Konstanzer Universitätsreden Nr. 151).<br /> Nachrufe: Eugen Seibold, in: Forschung, Mitt. der DFG, Heft 3/1983; Horst Sund, in: Konstanzer Bll. für Hochschulfragen XXII, 1985, 5-11; Heinz Trabandt, in: Mitt. der Alexander von Humboldt-Stiftung, Heft 42/1983.
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