Heuss, Theodor 

Geburtsdatum/-ort: 31.01.1884;  Brackenheim/Württemberg
Sterbedatum/-ort: 12.12.1963;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Publizist, Politiker, Gelehrter; Präsident der Bundesrepublik Deutschland (1949-1959)
Kurzbiografie: 1892-1901 Volksschule, Karlgymnasium in Heilbronn, Abitur
1902-1905 Studium der Nationalökonomie und Kunstgeschichte an der Universität München (1902-1903), Berlin (1903-1905), München (1905), Dr. rer. pol. bei Lujo Brentano, Diss. „Der Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn am Neckar“
1903 Beitritt zur Freisinnigen Vereinigung, ab 1910 Fortschrittliche Volkspartei
1905-1912 Redakteur der Zeitschrift „Die Hilfe“ in Berlin, 1905-1912 und 1920-1926 Zweiter Vorsitzender des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller
1912-1918 Chefredakteur der „Neckarzeitung“ in Heilbronn
1918 Beitritt zur Deutschen Demokratischen Partei, ab 1930 Deutsche Staatspartei; Stadtverordneter in der Schöneberger Bezirksversammlung (bis 1933)
1918-1922 Redakteur der Zeitschrift „Deutsche Politik“ in Berlin
1919-1933 Dozent an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin
1924-1933 Mitglied des Reichstags als Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (04.05.1924-20.05.1928; 14.09.1930-06.11.1932; 05.03.1933-12.07.1933)
1929-1933 Stadtverordneter in der Stadtverordnetenversammlung Berlin
1933-1945 Journalist und Schriftsteller, 1943 Umsiedlung nach Heidelberg
1945 Mitlizenzträger der „Rhein-Neckar-Zeitung“, Heidelberg
1945-1946 Kultminister von Württemberg-Baden in Stuttgart
1946 Mitglied der Vorläufigen Volksvertretung und der Verfassunggebenden Landesversammlung von Württemberg-Baden, Vorsitzender der Demokratischen Volkspartei in der amerikanischen Besatzungszone
1946-1948 Mitglied des Württemberg-Badischen Landtags
1947 Honorarprofessor an der TH in Stuttgart
1948-1949 Erster Vorsitzender der Freien Demokratischen Partei der Westzonen
1948-1949 Mitglied des Parlamentarischen Rates in Bonn
1949 (14.08.-12.09.) FDP-Mitglied des 1. Deutschen Bundestages
1949-1959 Präsident der Bundesrepublik Deutschland
1959 Umsiedlung nach Stuttgart
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Auszeichnungen: Dr. theol. (Tübingen), Dr. phil. h.c. (Heidelberg), Dr.-Ing. E.h. (TH Stuttgart), Ehrensenator (Bonn); Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Abteilung der Bildenden Künste; Ehrenbürger von Heilbronn, Darmstadt, Köln und Stuttgart; Friedenspreis des deutschen Buchhandels (Frankfurt 1959); Stern zur Sonderstufe des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Inhaber vieler ausländischer Orden
Verheiratet: 1908 (Straßburg) Elly, geb. Knapp (1881-1952)
Eltern: Vater: Ludwig Heuss, Tiefbauinspektor (1853-1903)
Mutter: Elisabeth Auguste Friederike, geb. Gümbel (1853-1921)
Geschwister: 2 Brüder
Kinder: Ernst Ludwig (1910-1967)
GND-ID: GND/118550578

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 136-145

„Die Leute mögen mich“, sagte der 77jährige Altbundespräsident zu einem Begleiter, als ihn Straßenpassanten ehrfurchtsvoll grüßten. Heuss war der einzige in der respektablen Reihe der Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, der es sich leisten konnte, seine Landsleute – bei seiner Abschiedsrede am 12.9.1959 über alle deutschen Rundfunksender – mit „ihr“ anzusprechen, ohne daß dies von irgendjemand als Anbiederung empfunden worden wäre. Die Deutschen waren stolz darauf, einen so gelehrten Präsidenten zu haben (Golo Mann), und seine Volkstümlichkeit wurde keineswegs dadurch gemindert, daß er manchmal, präzeptorial dozierend, etwas über die Köpfe seiner Hörer hinwegredete. Er besaß in unverwechselbarer Weise das, was man heute „Bodenhaftung“ nennt, die zeitlebens nie unterbrochene Verbindung zu allen Bevölkerungsschichten. Aber welch eindrucksvoller und in seiner Folgerichtigkeit und Treue einzigartiger Lebensweg mit großen Höhen und Tiefen, vom „geistreichen schwäbischen Jüngling“ (Albert Schweitzer 1903) bis zum Pater patriae der Bundespräsidentenjahre lag 1959 hinter ihm!
Schon in frühen Jahren lernte er aus den Erzählungen seines Vaters, der „in die Seelen seiner Söhne die Legenden des Jahres 48 goß“ (Heuss), und später von seinem Vorbild und Mentor Friedrich Naumann (1860-1919) jenes seinen Lebensweg bestimmende Prinzip kennen, das er selbst „Demokratie als Lebensform“ nannte. In den Schul- und Universitätsjahren eignete er sich mit leichter Hand, scheinbar mühelos, ein weiteres die geistige Formung seines Lebens prägendes Potential an, die umfassende und bis ins hohe Alter immer abrufbare Kenntnis des Bildungsguts seiner Zeit, die Tradition der deutschen humanistischen Kultur. Eine dritte Leitlinie, die „national-soziale“, verdankte er wieder Friedrich Naumann; auch sie blieb dem „Reichsschwaben“ immer verbindliche Richtschnur.
Die politischen Aktivitäten entfalteten sich schon um die Jahrhundertwende; bereits der Achtzehnjährige hielt politische Reden. Eine Art parlamentarischen Husarenstücks gelang ihm im Jahre 1907, als er die liberaldemokratischen Verbände im Heilbronner Bezirk davon überzeugen konnte, daß der – ortsfremde – Pfarrer Naumann der geeignete Kandidat für die Reichstagswahl sei. Er gewann auch den Sitz, verlor ihn aber 1912 an die Sozialdemokraten. Naumann hatte den 21jährigen Dr. rer. pol. gleich nach Abschluß seines Studiums nach Berlin berufen, wo er als Redakteur der angesehenen Zeitschrift „Die Hilfe“ zunächst für deren literarischen Teil, ab 1907 auch für den politischen amtierte. In diesen Jahren baute er den Grundstock seiner publizistischen Erfahrung auf, nachdem er schon als Schüler sich in diesem Metier versucht hatte: die Leitartikel in beiden Heilbronner Zeitungen am Tag seines Abiturs stammten von ihm.
So wurde Heuss schnell zum glänzenden Stilisten, und seine literarische Erfahrung vertiefte und intensivierte sich im Jahre 1905, als er zum Zweiten Vorsitzenden des deutschen Schriftstellerschutzverbandes gewählt wurde. In den Jahren bis 1926 lernte er in dieser Funktion zahllose Schriftsteller und Journalisten kennen, im Dienst der Wahrnehmung ihrer Interessen. Zusätzlich übernahm er 1913 die Schriftleitung der von Ludwig Thoma und Hermann Hesse herausgegebenen Zeitschrift „März“. „Mit Vergnügen ließ ich mich auch in literarische Händel ein.“ So focht er, mit anderen, heftig gegen ein Buch des nachmaligen Literaturgewaltigen des „Dritten Reiches“ und besonderen Hitlergünstlings Adolf Bartels „Auch ein Heine-Denkmal“, in dem dieser seinem bösartigen Antisemitismus freien Lauf gelassen hatte. Bartels charakterisierte dann Heuss – neben Alfred Kerr – als einen gefährlichen Mann, „bei dem man sich versichern möge, ob man ... auch sein Messer bei sich habe“.
Im Naumannkreis hatte Heuss Elly Knapp kennengelernt, das Paar wurde 1908 von dem gemeinsamen Freund Albert Schweitzer in der Straßburger Wilhelmerkirche getraut. „Gärtnerin seines Lebens“ hat Heuss seine Frau genannt, und der von Naumann für seine Tischrede bei der Hochzeitsfeier gewählte Spruch Paul Gerhardts „Eines sei des andern Licht, wissen’s alle beide nicht“ sollte sich nicht oft wie in dieser Ehe erfüllen.
1912 kehrte Heuss auf Naumanns Wunsch nach Heilbronn zurück. Der 28jährige Chefredakteur der demokratischen „Neckar-Zeitung“ versuchte in diesem Jahr, einen Landtagssitz für die Fortschrittliche Volkspartei zu erlangen, die Kandidatur im Kreis Backnang war jedoch vergeblich. Soldat brauchte er nicht zu werden (1914); er war militäruntauglich, seit er sich, beim Sturz auf einer feucht-fröhlichen Abiturfeier, eine schmerzhafte und ihn ständig behindernde Schulterverletzung zugezogen hatte. Fast täglich erschienen in den Kriegsjahren seine Leitartikel, und die von ihm bewältigte Arbeitslast als Chefredakteur, Schriftleiter des „März“, seit 1908 als Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes und Mitarbeiter bei anderen Periodika, so dem einflußreichen „Kunstwart“, war ansehnlich. Im Werkbund lernte er unter anderen den Architekten Hans Poelzig kennen, den er für den begabtesten Baumeister seiner Zeit hielt. Eine weitere anspruchsvolle Aufgabe erwartete ihn wieder in der Reichshauptstadt: Sein Freund Ernst Jäckh übertrug ihm im Frühjahr 1918 die Schriftleitung der von Jäckh selbst, Paul Rohrbach und Philipp Stein herausgegebenen „Wochenschrift für Welt- und Kulturpolitik“, „Deutsche Politik“. Bis zur Revolution im Jahre 1918 waren Heuss’ Arbeitsbereiche im wesentlichen durch die publizistische Produktion bestimmt, jetzt rückte aber die Politik immer mehr in den Vordergrund. Wieder unterstützte er Naumann, dieses Mal bei dessen erfolgreichen Bemühungen um die Gründung der Deutschen Demokratischen Partei, als deren Vertreter Heuss, wiederum vergeblich, für die Weimarer Nationalversammlung kandidierte. Dafür wurde er zum Bezirksverordneten in Schöneberg und 1929 zusätzlich in die zentrale Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt. 1919 wurde er Dozent an der von Naumann gegründeten Deutschen Hochschule für Politik und blieb es bis 1933. Generationen von Publizisten, darunter auch sein späterer Biograph Hans-Heinrich Welchert, machten in diesen 14 Jahren die Bekanntschaft des nun ganz in der Politik aufgehenden Studienleiters. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg blies er auch „einen ersten Signalstoß in die Trompete“ (Heuss) in einer später brisanten Frage: in einer Rede in Stuttgart schlug er erstmals vor, mit den „Staatsgründungen aus Napoleons Vorzimmern“ Schluß zu machen und Württemberg und Baden – „mit ihren seltsam gegensätzlichen Figuren“ – einschließlich der Rheinpfalz zusammenzuschließen ...
Endlich gelang auch der Sprung in den Reichstag. Der Vierzigjährige war im Jahre 1924 das jüngste Mitglied seiner Fraktion. Er stürzte sich kopfüber in die Arbeit, zeitweise gehörte er nicht weniger als sieben Ausschüssen an. Der Schwerpunkt lag bei kulturpolitischen Fragen: Kunstförderung, Bildungspolitik, aber auch bei Kriegsopfer- und -schädenfragen. Eine berühmt gewordene Rede hielt er am 16.5.1925, als es um die definitive Einführung der Deutschen Einheitskurzschrift ging. Heuss, seit seiner Jugend – und bis ins hohe Alter – ein tüchtiger Stolze-Schrey-Stenograph, wurde von seiner Fraktion beauftragt, sich gegen Versuche, die Einführung der Einheitskurzschrift nochmals zu blockieren, zu wenden. „An diese Rede ... denke ich noch nach Jahrzehnten mit einem heiteren Behagen; sie hat, wenn ich so sagen darf, meinen ‚Ruf als Redner‘ begründet.“ Hier blitzte nun erstmals vor dem Forum der breitesten Öffentlichkeit die gescheite und ironische, immer von der engen Bindung an das Geistesleben, an Literatur und Kunst sprechende Rhetorik Heuss’ auf. Der Reichstag stimmte denn auch in seinem Sinne.
Seine Auseinandersetzung mit der tödlichen Gefahr des Nationalsozialismus – die er früher als andere als solche erkannte – begann in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre. Zum erklärten Gegner der Nationalsozialisten wurde er durch sein im Frühjahr 1932 erschienenes Buch „Hitlers Weg“, in dem er die Fadenscheinigkeit und Verwerflichkeit der NS-Ideologie anprangerte, vor den abzusehenden Folgen des Hitlerschen Judenprogramms warnte und nachwies, daß Hitlers Weg letztendlich in Krieg und Zerstörung enden müsse. Das Buch erreichte schnell acht Auflagen und wurde ins Holländische, Italienische und Schwedische übersetzt. Am 11.5.1932 trat Heuss in einer außenpolitischen Reichstagsdebatte für Brünings Außenpolitik ein und setzte sich bei dieser Gelegenheit mit Goebbels („Sie haben einmal die Freundlichkeit, Ihr erregtes Getue zu mäßigen, soweit Ihnen das möglich ist“), Göring und Frick auseinander: „Die Ausstattung des Dritten Reiches wird aus einem Großausverkauf von neulackierten und aufgeputzten Ladenhütern der wilhelminischen Epoche bezogen, und davon, meine Herren, haben wir, denke ich, genug gehabt.“
Die „Machtergreifung“ brachte zwangsläufig für den „Systempolitiker“ Heuss die Enthebung von seiner Dozentur an der Hochschule für Politik, am 12.7.1933 die Aufhebung des Reichstagsmandats mit sich. Im Mai 1933 wurden seine Bücher „Hitlers Weg“ und „Führer aus deutscher Not“ – mit anderen – zuerst in Berlin, dann auch in anderen deutschen Universitätsstädten öffentlich verbrannt. Viel erörtert wurde später Heuss’ Entscheidung, am 24.3.1933 Hitlers Ermächtigungsgesetz zuzustimmen (Willy Brandt: „Die kopflose Ermächtigung vom März 33 grämte ihn bis ins Sterbebett“); aber gar so kopflos war diese Entscheidung nicht. Ihr gingen langwierige und zähe Verhandlungen innerhalb der Fraktion voraus, und als sich Heuss und sein Kollege Hermann Dietrich von der Fraktionsmehrheit – Reinhold Maier, Ernst Lemmer, Heinrich Landahl – überstimmt sahen, fügten sie sich schweren Herzens der Fraktionsdisziplin.
Zur Emigration konnte sich Heuss nicht entschließen, obwohl ihm sein enger Freund Gustav Stolper dringend dazu riet, obwohl er nach dem totalen Verlust seiner Ämter vor einer bedrückenden finanziellen Situation stand und obwohl er nach wie vor von den braunen Machthabern scharf überwacht wurde. Selbstverständlich erschien er in dem berüchtigten Dokument des NS-Sicherheitsdienstes vom Juni 1939, das sich „Erfassung führender Männer der Systemzeit (Schriftsteller und Journalisten)“ nannte. Die „Hilfe“ konnte er noch bis 1936 herausgeben und war kühn genug, noch am 16.2.1935 in dieser Zeitschrift einen Nekrolog über den großen jüdischen Maler Max Liebermann zu veröffentlichen. Aber nun ergriff in der wirtschaftlich trostlosen Lage Elly Heuss-Knapp die Initiative – „was eigentlich nicht vorgesehen war“ (Heuss) –, etablierte sich als erfolgreiche Werbeberaterin großer Firmen und konnte dadurch den Lebensunterhalt der Familie und das Studium des Sohnes sicherstellen. Gelegentlich konnte man in diesen Jahren in Rundfunkwerbespots für Nivea oder Wybert die – später bundesweit wohlvertraute – Sarastrobaßstimme ihres Mannes hören, den sie als Sprecher einsetzte.
In der erzwungenen Muße dieser Jahre entstanden Heuss’ große Biographien: Friedrich Naumann (1937), Hans Poelzig (1939, Verkaufsverbot 1941), Anton Dohrn (1940) und Justus von Liebig (1942); die Biographie über Robert Bosch konnte erst 1946 publiziert werden. In der Frankfurter Zeitung schrieb er unter dem Pseudonym „Thomas Brackheim“ und konnte auch in der Deutschen Allgemeinen Zeitung, dem Berliner Tageblatt und der Neuen Rundschau gelegentlich Beiträge unterbringen. Die Mitgliedschaft in der „Reichsschrifttumskammer“ war nicht zu umgehende Voraussetzung für diese Publikationen. All dies bewegte sich auf dünnem Eis, wie etwa eine Haussuchung im Oktober 1939 und verschiedentlich wegen Beiträgen in der „Hilfe“ ergangene Warnungen zeigten.
Seine Verbindung zu Männern des Widerstandes – unter ihnen Carl Goerdeler, Otto Geßler, Walter von Haeften, Fritz Elsas, Walter Bauer – vermochte er so gut zu tarnen, daß die NS-Gauleitung Berlin der Reichsschrifttumskammer am 3.2.1941 auf Anfrage folgendes Zeugnis ausstellte: „Heute ist er (Heuss) Mitglied der NSV und beteiligt sich in entsprechender Weise an den sozialen Maßnahmen von Partei und Staat. Nach der Machtübernahme ist mir Nachteiliges in politischer Hinsicht über ihn nicht mehr bekannt geworden.“ Die Gestapo sammelte jedoch Material für einen Prozeß gegen Heuss, nach dem zeitweise gefahndet wurde; im Jahre 1943 fand sich eine „hilfreiche Hand“ (H.-H. Welchert), die das gesamte Dossier im Feuer einer Berliner Bombennacht verschwinden ließ.
Zur Übersiedlung nach Heidelberg bewog Heuss vor allem die sehr angegriffene Gesundheit seiner Frau. Im Hause einer Schwägerin in Handschuhsheim fand das Ehepaar eine bescheidene Unterkunft.
Sofort nach dem Zusammenbruch im Mai 1945 war Heuss zur Stelle, um seinen Beitrag zum Wiederaufbau auf der ihm vertrauten, nun völlig veränderten politischen Bühne zu leisten. Zwei Ziele standen zunächst im Vordergrund: die Gründung einer Sammelpartei des liberalen Bürgertums, aber auch mit christlich-sozialen und früheren Zentrumsmitgliedern, und zweitens, in der Erinnerung an das „Trompetensignal“ von 1919, der Zusammenschluß der Länder Württemberg und Baden, wobei Heuss die allein der Willkür der Besatzungsmächte zuzuschreibende Bildung des Landes Württemberg-Baden als Vorstufe des endgültigen Zusammenschlusses ansah und gegenüber der Militärregierung die ökonomische Berechtigung der Zusammenfassung der beiden Landesteile Nordwürttemberg und Nordbaden in einem Gutachten bestätigte. Das zweite Ziel, die Verschmelzung der früheren Länder Württemberg und Baden, wurde im Jahre 1952 erreicht – nach harten Kämpfen –, das erste, die Bildung einer Sammelpartei, verfolgte Heuss nach kurzer Zeit nicht mehr weiter, da sich die Widerstände gegen den „politischen Katholizismus“ im schwäbisch-altliberalen Lager als nicht überwindbar herausstellten. Es kam am 18.9.1945 in Stuttgart zur Gründung der DVP, auf deren erster Kundgebung am 3.11.1945 Heuss das Wort ergriff. Als sich die liberalen Parteien der britischen und amerikanischen Zone (Bizone) am 28./29.9.1946 zusammenschlossen, war Heuss’ Position schon so selbstverständlich, daß er ohne Gegenkandidaten zum Vorsitzenden gewählt wurde. Auch dem Vorstand der „Demokratischen Partei Deutschlands“ – des Zusammenschlusses der westdeutschen liberalen Parteigruppen – gehörte er an. Als der Zusammenschluß dieser DPD mit der Liberaldemokratischen Partei der sowjetisch besetzten Zone im Januar 1948 scheiterte, wurde am 11./12.12.1948 in Heppenheim/Bergstraße die FDP gegründet, und Heuss wurde zum Bundesvorsitzenden gewählt.
Am 5.9.1945 übertrug die amerikanische Militärregierung Heuss eine damals vielbegehrte Funktion: er wurde einer der Lizenzträger der neugegründeten „Rhein-Neckar-Zeitung“ und vermochte so für viele „Stützpunkt und Wegweiser“ zu werden – so drückte es einer seiner Mitarbeiter aus –, als die Deutschen nach einer Phase der Apathie und Verzweiflung daran gingen, nach neuen Formen des staatlichen Zusammenlebens zu suchen. Heuss’ Wirkungskreis weitete sich schnell aus; im Herbst 1945 wurde er Kultminister in der Landesregierung von Württemberg-Baden in Stuttgart. Als die amerikanischen Emissäre fragten, ob er das Amt annehme, trafen sie ihn beim Teppichklopfen an; seine Antwort „Ja, wenn Sie mir für ein Dienstmädle sorge“ ist längst in die Zeitgeschichte eingegangen. Aber die Verhältnisse auf dem Gebiet der Kultur waren so trostlos wie alles im Nachkriegsdeutschland, angefangen von einem Amtssitz, wo Lattenverschläge statt Türen und mit Pappe vernagelte Fenster, gelegentlich auch von der brüchigen Decke herabfallende Brocken die Szene „belebten“, bis zu den allenthalben zerstörten Schulen, Hochschulen, Bibliotheken, Theatern. Heuss versuchte, so gut es eben ging, die oft wirklichkeitsfremden Vorstellungen der amerikanischen „Kulturoffiziere“ zu korrigieren und erste Pflöcke auf dem Weg zu einer Normalisierung der Verhältnisse einzuschlagen. Der „gräßliche Schematismus der Fragebogen“ (Heuss) und der „Umerziehung“ ließen sich aber oft genug nicht überwinden. Immerhin gelang es ihm z.B. auf dem Gebiet der ihm besonders am Herzen liegenden systematischen Fortbildung der Lehrer, zentrale Akademien für diesen Zweck – Comburg, Calw – einzurichten. Aber schon nach einem Jahr ergab sich ein Wechsel in der Leitung des Ministeriums: aus den Landtagswahlen am 24.11.1946 war die DVP als drittstärkste Partei hervorgegangen und konnte so neben dem Amt des Ministerpräsidenten – Reinhold Maier – nicht noch ein weiteres Ministeramt fordern. Heuss, nobel und freiwillig, verzichtete zugunsten von Maier. Aber eine der entscheidenden Lebensaufgaben Heuss’ zeichnete sich bald danach am Horizont ab: der Landtag wählte das DVP-Mitglied Heuss neben drei CDU- und zwei SPD-Mitgliedern in die zum Parlamentarischen Rat entsandte Vertretung des Landes Württemberg-Baden.
Hier nun, im Kreise der 65 Abgesandten aus den Landtagen der späteren 11 Bundesländer, wurde Heuss als Fraktionsvorsitzender der fünf Liberalen, als Mitglied des Hauptausschusses und des Ausschusses für Grundsatzfragen und Grundrechte zu einer der die Szene dominierenden Persönlichkeiten. Das am 23. Mai 1949 vom Parlamentarischen Rat verabschiedete Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland trägt in vielen wichtigen Passagen seine Handschrift. Von größter Bedeutung für das Werden des Grundgesetzes wurde seine zwischen den beiden großen Parteien CDU und SPD – die sich in einer Pattsituation gegenüberstanden – vermittelnde Tätigkeit. Dabei ging er jedoch mit genau profilierten Vorstellungen ans Werk. Er sah die Schaffung des Grundgesetzes als eine Aufgabe in gesamtdeutscher Verantwortung an und wehrte sich des öfteren gegen die zu häufige Verwendung des Begriffs „provisorisch“: „Wir begreifen dieses Wort ‚provisorisch‘ natürlich vor allem im geographischen Sinne, da wir uns unserer Teilsituation völlig bewußt sind ...“ Es müsse aber etwas Stabileres geschaffen werden, das eine gewisse Symbolwirkung habe. Einen Zentralismus in Deutschland lehnte er ab, aber auch die vom Verfassungskonvent in Herrenchiemsee empfohlene Überordnung der Einzelländer über den Bund. Die Länder sollten zwar ihr Eigenleben führen, aber im Verband des Ganzen stehen. Statt der vom Konvent vorgeschlagenen Bezeichnung „Bund deutscher Länder“ setzte er sich für die Staatsbezeichnung „Bundesrepublik Deutschland“ ein. Auch die schlußendlich erreichte Einigung auf die traditionsreiche Flagge Schwarz-Rot-Gold ist Heuss zu verdanken. Von weittragender Bedeutung war die Einführung des – modifizierten – Verhältniswahlrechts statt des Mehrheitswahlrechts. Scharf wandte er sich gegen die Aufnahme plebiszitärer Elemente in die neue Verfassung; Volksbegehren seien eine „Prämie für jeden Demagogen“. Auch Heuss’ Vorstellungen von der Wahl des Bundespräsidenten fanden eine Mehrheit; die Bundesversammlung ist seine „Erfindung“. Selbstverständlich galt sein besonderes Interesse den kulturellen Fragen; Art. 7 des Grundgesetzes – Schulaufsicht des Staates, Recht der Errichtung von Privatschulen, Regelung des Religionsunterrichts – geht in vielen Formulierungen auf seine Anträge zurück. In der Präambel war er dagegen, „Gott zu bemühen für die Unzulänglichkeiten ... eines sehr menschlichen Werkes“, und dem konstruktiven Mißtrauensvotum stand er mit Reserve gegenüber wie auch der in Art. 5 stipulierten Abhängigkeit der Freiheit der Lehre von der Treue zur Verfassung. In diesen letzteren drei Punkten blieb er jedoch in der Minderheit. „Sein politischer Liberalismus war Ausfluß eines weltbürgerlichen Humanismus, der in allem den Menschen als Mittelpunkt des Geschehens sah, jedoch zugleich die Würde des Staates gewahrt wissen wollte“ (Carlo Schmid).
Das hohe Ansehen, das sich Heuss durch seine Mitwirkung an prominenter Stelle im Parlamentarischen Rat erworben hatte, führte nach der ersten Bundestagswahl am 14.8.1949 zu seiner Benennung als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Konkret geschah dies bei einer Absprache Adenauers mit dem bayrischen Ministerpräsidenten Ehard am 20.8.1949 in Frankfurt, bei der die ausschlaggebenden Weichenstellungen für die spätere Koalitionsregierung vollzogen wurden. „Das Bundespräsidentenamt war von vornherein in die personalpolitische Verfügungsmasse einbezogen“ (Hans-Peter Schwarz). Eine Reihe von Unionspolitikern, so etwa Kurt Georg Kiesinger, der Heuss 1949 als „liebenswerten Überrest aus dem 19. Jahrhundert“ bezeichnete, war damit nicht einverstanden. Dies kam in der Bundespräsidentenwahl durch die Bundesversammlung am 12.9.1949 dadurch zum Ausdruck, daß Heuss im ersten Wahlgang die erforderliche Mehrheit von 403 Stimmen um 26 verfehlte – seine Gegenkandidaten Kurt Schumacher (SPD) und Rudolf Amelunxen (Zentrum) erhielten 311 bzw. 28 Stimmen – und erst im zweiten Wahlgang mit 416 Stimmen das gesetzte Limit knapp überschritt. Aber gleich mit seiner Antrittsrede vor der Bundesversammlung, einem rhetorischen Meisterstück und zugleich einem die neue Bundesrepublik im Bewußtsein der Deutschen konstituierenden Akt, eröffnete er neue Horizonte auf dem Weg des sich nun formierenden Staates. Heuss wurde mit dieser Rede und der zweiten am Abend des gleichen Tages auf dem Bonner Marktplatz, wo er sich als „Repräsentant der Sehnsucht nach der Einheit Deutschlands“ vorstellte, sozusagen über Nacht in der breiten Öffentlichkeit bekannt und erreichte nach kurzer Zeit einen nicht wieder übertroffenen Popularitätsgrad. „Aussöhnung nach innen und nach außen war sein vornehmstes Ziel“ (Karl Carstens), und in den Dienst dieser Aufgabe stellte er all die grundlegenden Einsichten und Erfahrungen eines wechselvollen Politikerlebens, und als wirksamste Waffe in seinem täglichen Kampf um die Stabilisierung der jungen deutschen Demokratie setzte er Geist und Würde seiner Reden ein, bei denen ihm Formulierungen gelangen, die seit langem zum klassischen Repertoire der für den Neuaufbau der Bundesrepublik stehenden Texte gehören: zum 8. Mai 1945: „Wir waren erlöst und vernichtet in einem“; zur „Gnade des Vergessenkönnens“: „Meine Sorge ist, daß manche Leute in Deutschland mit dieser Gnade Mißbrauch treiben und zu rasch vergessen wollen“; nicht Kollektivschuld, sondern „Kollektivscham“; zur ohne Begeisterung begrüßten Aufstellung der Bundeswehr: „Nun siegt mal schön!“ In seiner Rede zum 10. Jahrestag des 20. Juli trat er ohne Umschweife für das Widerstandsrecht gegenüber Tyrannen ein. Heuss hat übrigens alle seine unzähligen Reden und Ansprachen vom ersten bis zum letzten Wort selbst verfaßt; eines Ghost- oder speechwriters bedurfte er nicht. Seine politische Ziehtochter Hildegard Hamm-Brücher (1946: „Mädle, Sie müsse in die Politik“) fand zwar, „Manches wirkt nachträglich etwas schwülstig, umständlich und aufgeblasen, manches nicht konkret genug“, aber der „wasch- und farbechte“ Heuss sei hinter der äußeren Form immer auszumachen. In der Kunst der freien Rede gab es nur ganz wenige, die es ihm gleichtaten.
„More power to you“ hatte ihm Thomas Mann unter dem Eindruck einer persönlichen Begegnung zugerufen, aber er wahrte geradezu peinlich die verfassungsmäßigen Grenzen seines Amtes. Erich Mende meint, in dieser strikten Wahrnehmung der Neutralität sei er manchmal zu weit gegangen, als er etwa Bedenken getragen habe, auf dem Höhepunkt der Saarkrise im Jahre 1954 eine unangemeldete Delegation saarländischer Bergleute zu empfangen, die ihm zum 70. Geburtstag gratulieren wollten. Nur knurrend ließ er sich umstimmen, und die Bergleute gratulierten mit einer Grubenlampe und einer Kiste Saarwein. Mende, der die Bergleute in die offizielle Gratulantenschlange eingefädelt hatte, bekam die Lampe; den Wein behielt er selbst. Auf diesem Gebiet der amtsimmanenten Neutralität hatte er zu Beginn seiner Bundespräsidentenzeit Erfahrungen zu sammeln, als er versuchte, in der Landespolitik seiner Partei mitzusprechen; diese Versuche wurden aber schnell eingestellt. Gelegentlich kam es natürlich zu Konflikten zwischen ihm und der anderen mächtigen Persönlichkeit in der ersten Dekade des Bestehens des neuen Staates: mit Konrad Adenauer. Im ganzen war wohl das Verhältnis beider von gegenseitigem Respekt, ja Bewunderung getragen, aber einige Male knirschte es vernehmlich: so als Heuss 1953 ankündigte, er werde die Ernennungsurkunde für den Bundesjustizminister Thomas Dehler nicht unterschreiben, oder als er 1952 ein Rechtsgutachten über die Verfassungsmäßigkeit der Westverträge beim Bundesverfassungsgericht anforderte. Als das Gericht daraufhin beschloß, daß das Gutachten beide Senate bei künftigen Entscheidungen binden werde, zog Heuss, der die angeforderte Stellungnahme des Gerichts lediglich als Material für seine Willensbildung ansah, die Anforderung zurück. Eine regelrechte Kontroverse mit Adenauer entstand, als Heuss in einer Neujahrsansprache den amerikanischen Diplomaten George Kennan, dessen Disengagementpläne die Bonner Westbindung konterkarierten, einen „behutsamen und geistvollen Mann“ nannte; Adenauer hielt ihn für einen „Kronzeugen der SPD“. Heuss’ Versuch der Einführung einer neuen Nationalhymne scheiterte, auch Adenauer lehnte ihn ab. 1952 einigte man sich dann in einem Briefwechsel auf die Haydn-Hymne und das Singen der dritten Strophe des durch das „Dritte Reich“ kompromittierten Textes von Hoffmann von Fallersleben.
In der umstrittenen Frage der äußeren Anerkennung von für das Gemeinwesen erbrachten Leistungen vollzog Heuss, in der Erinnerung an Erfahrungen aus der Weimarer Republik, mit der Stiftung des Bundesverdienstordens im Jahre 1951 einen die Staatlichkeit der Bundesrepublik nun auch äußerlich sichtbar machenden Akt. Im Jahre 1942 hatte Heuss in der Frankfurter Zeitung unter der Überschrift „Ein Areopag des Geistes“ der 1842 erfolgten Gründung der Friedensklasse des Pour le mérite durch Friedrich Wilhelm IV. gedacht, und zehn Jahre später regte er bei den drei noch lebenden Mitgliedern aus der Weimarer Zeit – unter ihnen Wilhelm Furtwängler – die Wiedergründung des Ordens an, der seither einen erlesenen Kreis von Gelehrten und Künstlern repräsentiert, die sich „durch weitverbreitete Anerkennung ihrer Verdienste einen ausgezeichneten Namen erworben haben“. Heuss selbst lehnte zweimal die ihm angetragene Mitgliedschaft ab.
Während bei der ersten Bundespräsidentenwahl im Jahre 1949 Heuss’ Kandidatur praktisch Bestandteil der Regierungsbildung war, stellte sich bei der zweiten Wahl am 17.7.1954 in der Berliner Ostpreußenhalle erst gar nicht die Frage eines Gegenkandidaten. Heuss erhielt im ersten Wahlgang 871 von 987 Stimmen, d.h. 88,24 % – ein Zeichen der überragenden Reputation, die er sich in seiner ersten Amtsperiode erworben hatte. Anders verlief die dritte Bundespräsidentenwahl im Jahre 1959. Das böse Spiel Adenauers mit dem höchsten Staatsamt – erst die eigene Kandidatur, dann der Versuch, den ungeliebten Wirtschaftsminister Erhard abzuschieben, und schließlich die Präsentation eines Verlegenheitskandidaten – veranlaßte Heuss zu der Bemerkung, „dieses reine Parteitaktieren wirkt allmählich staatsschädigend“, und als dann noch Adenauer mit seiner eigenen Kandidatur die Ankündigung verband, daß damit „dem Bundespräsidenten eigentlich erst der politische Rang gegeben werde“, kam am 9.4.1959 ein zorniger Brief aus der Villa Hammerschmidt, in dem es hieß, daß es eine Grenze gebe, „wo ich mir nichts gefallen lasse“. Am 7.8.1959 lenkte Adenauer ein. Auch Heuss zeigte sich versöhnlich; beim Abschied von Bonn im Herbst 1959 überreichte er Adenauer sein Porträt mit der Widmung „Dem Wanderkameraden durch zehn Schicksalsjahre, Konrad Adenauer, freundschaftlich zugeeignet, Theodor Heuss“.
Von vielen Seiten wurde eine dritte Kandidatur Heuss’ und damit eine Grundgesetzänderung erwogen. Daß Heuss dies von vornherein abgelehnt habe, ist eine der Legenden, die sich um große Männer ranken. Tatsache ist, daß Heuss zu dieser Frage ein vielseitiges Memorandum an Adenauer und die anderen Parteivorsitzenden schickte, das keineswegs ein klares Nein enthielt, wohl aber einen von seinem rechtskundigen Sohn entworfenen tafelfertigen Vorschlag zur Änderung des Art. 54 Abs. 2 des Grundgesetzes – Begrenzung der Präsidentschaft auf zwei Kandidaturen –, in dem das Erfordernis einer Zweidrittelmehrheit für eine dritte Amtszeit vorgesehen wurde. Die Angelegenheit erledigte sich durch die Aufstellung des SPD-Kandidaten Carlo Schmid, und die Regierungskoalition präsentierte Heinrich Lübke.
„Hinter schwäbischer Bonhommie verbarg sich ein bissiger Intellektueller und ein ziemlich illusionsloser Beobachter des Bonner Treibens“ (Hans-Peter Schwarz). So gerne er sich nach außen jovial gab, so schwäbisch-saugrob konnte er werden, wenn etwas seinen Vorstellungen zuwiderlief. Am 8.5.1949 herrschte er im Parlamentarischen Rat den kommunistischen Abgeordneten Heinz Renner an, der ihn mehrfach unterbrochen hatte: „Renner, halten Sie mal eine Zeit Ihr Maul und seien Sie ruhig!“ Paul Löbe, der frühere Reichstagspräsident und erste Alterspräsident des Bundestages, wies in der Schlußsitzung des Rates darauf hin, daß „selbst ein friedfertiger, gemächlich gewordener Karpfen manchmal scharf zuschnappen und dadurch den Hecht veranlassen kann, einen weiten Bogen um ihn zu schlagen“. Aus Zu- oder Abneigung machte Heuss kein Hehl, etwa im Verhältnis zu Stresemann: „Ich habe ihn menschlich nicht leiden können und darf vermuten, daß dies auf Gegenseitigkeit beruhte.“ Zu Hjalmar Schacht: „Ein Mann, der nicht im Schatten leben konnte.“ Carl Schmitt entlarvte er mit einem einzigen Satz: „Das eindrucksvolle Beispiel für den Weg eines klugen und selbstsicheren Menschen, der sich auf seiner Lebenswanderung der ärgerlichen Last des Gewissens entledigt hat.“ Durch sein „sich versteifendes Anti-Wagnertum, Anti-Bayreuth“ ärgerte er, laut eigener Bekundung, schon in seiner Jugend viele Freunde; er hat denn auch Bayreuth nicht betreten, auch nicht nach der Wiedereröffnung der Festspiele 1951. 1949 begründete er die von allen Bundespräsidenten seither fortgesetzte Tradition der Antrittsbesuche bei den Bundesländern. Anfangs der Fünfzigerjahre lagen allerdings, zur Zeit des Kampfes um den Südweststaat, in den Hauptstädten Stuttgart und Freiburg liebenswürdig ausgelegte Fallstricke für ihn bereit, denen er sich jedoch durch geschickte Betonung seiner präsidentiellen Überparteilichkeit entzog – jedermann wußte indessen, wofür sein Herz schlug...
1954, 35 Jahre nach dem ersten Stuttgarter „Trompetenstoß“, sprach Heuss, wieder in Stuttgart, im Blick auf den 1952 gebildeten Südweststaat Baden-Württemberg von einem „Modell deutscher Möglichkeiten“, die sich mit diesem Zusammenschluß eröffneten; wieder 38 Jahre später, in unserer Gegenwart (1992), steht Heuss’ Modell einsam und verlassen in der politischen Landschaft des wiedervereinigten Deutschlands mit nicht weniger als sechzehn Bundesländern ...
Von großer Bedeutung waren die auswärtigen Staatsbesuche nach Erlangung der Souveränität im Jahre 1955: Griechenland 1956, Türkei 1957, Rom/Vatikan 1957, USA/Kanada 1958, London 1958. Überall wurde er als der legitime Vertreter eines neuen Deutschland empfangen, und überall vermochte er durch die Urbanität seines Auftretens und die humorvolle Unbefangenheit, mit der er die strengen Grenzen des Protokolls auflockerte, Ansehen und Geltung des von ihm repräsentierten Staates zu erhöhen.
Schier unglaublich – in Anbetracht der gewissenhaften Wahrnehmung seiner Amtspflichten – ist der Umfang des von ihm während seiner Bonner Zeit verfaßten schriftstellerischen Werkes: 1953 erschienen seine Jugenderinnerungen „Vorspiele des Lebens“, denen 1963 „Erinnerungen 1905-1933“ folgten. Zu einem Bericht über seine beiden Amtszeiten ist es leider nicht mehr gekommen. 1959 erschien „Von Ort zu Ort – Wanderungen mit Stift und Feder“; Heuss war ein begeisterter Skizzenmaler, „Ferienzeichner“ nannte er sich. Schon 1957 war das fünfbändige Werk „Die großen Deutschen“ erschienen, das er zusammen mit Benno Reifenberg und Hermann Heimpel herausgab.
Nach der Heimkehr ins „Häusle“ in Stuttgart konnte er noch „Vor der Bücherwand. Skizzen zu Dichtern und Dichtung“ (1961) herausbringen, ehe ein schweres Leiden, das schließlich die Amputation des linken Beines erforderlich machte, dem Rastlosen die Feder aus der Hand nahm. Am 12.12.1963 folgte er seiner viel zu früh (1951) von ihm gegangenen Frau Elly, auf dem Waldfriedhof in Stuttgart wurde er am 17.12.1963 zur letzten Ruhe gebettet. Die Theodor-Heuss-Stiftung e.V., München, verleiht seit 1959 jährlich den Theodor-Heuss-Friedenspreis für „beispielhafte demokratische Gesinnung“.
Den unverrückbaren Platz des ersten Bundespräsidenten im Gedächtnis der Deutschen hat niemand schöner und treffender als der schwäbische Landsmann, Humanist und Latinist Josef Eberle beschrieben (1963):
THEODORO HEUSS
VIXIT/SED VIVET/POPULUS DUM VIXERIT IPSE/
INQUE SVIS FACTIS/CORDIBUS INQUE
PIIS.
Heuss ist gestorben. Doch lebt er, solang noch ein Deutscher am Leben, sei es im eigenen Werk, sei es im Herzen des Volks
Quellen: Literarischer Nachlaß im DLA Marbach, politischer im BA Koblenz: NL 221, 34 lfd. m (enthält auch Mikrofilme der im DLA verwahrten Nachlaßteile). – Deutscher Reichstag, Stenographische Berichte vom 16.05.1925 und 11.05.1932; Parlamentarischer Rat, Stenographische Berichte, 1.-12. Sitzung, 01.09.1948-23.05.1949; Deutscher Bundestag, Stenographisches Protokoll, 2. Sitzung (Bundesversammlung) vom 12.09.1949, Verhandlungen des Landtags von Baden-Württemberg, 14. Sitzung, 26.01.1954.
Werke: Die Hauptschriften sind im Text erwähnt. In Kürschners Deutschem Gelehrtenkalender, 1961, 763, Verzeichnis der von 1905-1959 verfaßten Werke. Eine Bibliographie der Reden und Schriften von Theodor Heuss und Elly Heuss-Knapp in: Boveri-Prinzing, Theodor Heuss (siehe Literatur). Ergänzend: Blick auf die Jahre 1949-1959, in: Zehn Jahre deutsche Politik 1949-1959, hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Wiesbaden 1960 (Abschiedsansprache vom 14.09.1959 über alle deutschen Rundfunksender); Ernte der Jahre. Reden, Aufsätze und Skizzen, Auswahl und Zusammenstellung von Hans Puknus (o.J., ca. 1960); Bei Gelegenheit. Außeramtliche, gelöste, nebenstündliche Produkte, Tübingen 1960; Lust der Augen. Stilles Gespräch mit beredtem Bildwerk, Tübingen 1960; Staat und Volk im Werden. Reden in und über Israel, München 1960; An und über Juden. Aus Schriften und Reden (1906-1963), zusammengestellt und hg. von Hans Lamm, Düsseldorf-Wien 1964; Bilder und Gestalten. Profile und Nachzeichnungen aus der Geschichte, 1964; Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965; Die großen Reden. Der Humanist, Tübingen 1965; Aufzeichnungen 1945-1947, hg. von Eberhard Pikart, 1966; Theodor Heuss und Lulu von Strauß und Torney. Ein Briefwechsel, 1966; Tagebuchbriefe 1955-1963, Eine Auswahl aus Briefen an Toni Stolper, hg. von Eberhard Pikart, Stuttgart 1970; Theodor Heuss-Lesebuch, hg. von Hans-Heinrich Welchert, Tübingen 1975; Die Machtergreifung und das Ermächtigungsgesetz. Zwei nachgelassene Kapitel der „Erinnerungen 1905-1933“, hg. von Eberhard Pikart, 1967; Theodor Heuss, Konrad Adenauer: Unserm Vaterland zugute. Der Briefwechsel. Bearb. von Hans Peter Mensing, Berlin 1989.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: H.-H. Welchert, Theodor Heuss, ein Lebensbild (siehe Literatur), und in vielen der in Werke und Literatur genannten Publikationen. Folgende Künstler schufen Gemälde, Zeichnungen, Lithographien oder Holzschnitte von Heuss: Albert Weisgerber (1905, 1906), Arthur Johnson (1928), Oskar Kokoschka (1950), Eugen Spiro (1954), Hans Jürgen Kallmann (1956), Arthur Pfeifer (1959), Hella Peters-Elbecke (1959), Oskar Kreibich (1961), Otto Dix (-->) (1961); Büsten: Gustav Stotz (1904), Adolf Amberg (1906), Alfred Lörcher (1950), Fritz Behn (1950), Zoltan Székessy (1950), Gerhard Marcks (1952), Rudolf Belling (1957), Hans Wimmer (1959), Karl Härtung (1959), Anna Woelfle-Fabricius (1959), Bernhard Heiliger (1959), Wilhelm Fehrle (1963).

Literatur: (Auswahl) Begegnungen mit Theodor Heuss, hg. von Hans Bott und Hermann Leins, Tübingen 1954; Margret Boveri und Walter Prinzing, Theodor Heuss, Stuttgart 1954; Horst Ferdinand, Zum 75. Geburtstag des Bundespräsidenten, in: Deutsche Stenografenzeitung Februar 1959, Wolfenbüttel; Friedrich Karl Fromme, Von der Weimarer Verfassung zum Bonner Grundgesetz, Tübingen 1960; Alfred Grosser, Die Bonner Demokratie, Düsseldorf 1960; Theo M. Loch, Theodor Heuss, In seiner Nähe ließ es sich leicht atmen, in: Demokraten, Profile unserer Republik, hg. von Claus Hinrich Casdorff, Königstein/Ts. 1963; Theodor Ellwein, Das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland, Köln-Opladen 1963; Gustav Stein, Theodor Heuss, in: Jahresring 64/65, Beiträge zur deutschen Literatur und Kunst der Gegenwart, hg. vom Kulturkreis im Bundesverband der deutschen Industrie, Stuttgart 1964; Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, München und Eßlingen 1964; Felix Hirsch, Abschied von Theodor Heuss, in: Ruperto Carola 15, Juni 1964; Karl Dietrich Bracher, Theodor Heuss und die Wiederbegründung der Demokratie in Deutschland, Tübingen 1965; Reinhold Maier, Erinnerungen 1948-1953, Tübingen 1966; Konrad Adenauer, Erinnerungen, Bde. 1-4, Stuttgart 1965-1968; Theodor Heuss, in: Paul Swiridoff/Günther Neske, Porträts aus dem geistigen Deutschland, Pfullingen 1968; Modris Eksteins, Theodor Heuss und die Weimarer Republik. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Liberalismus, Stuttgart 1969; Eberhard Pikart, Theodor Heuss, in: NDB 9, 1972, 52-56; Jürgen C. Heß, Theodor Heuss vor 1933. Ein Beitrag zur Geschichte des demokratischen Denkens in Deutschland, Stuttgart 1973; Wolfgang Wiedner, Theodor Heuss. Das Demokratie- und Staatsverständnis im Zeitablauf, Betrachtungen der Jahre 1902-1963, Ratingen 1973; Helmut Cron, Das Defilee der Fräcke und Orden. Wie die Prominenz mit Theodor Heuss seinen 75. Geburtstag feierte, in: ders., Signale im Zeitgeschehen, Stuttgart 1973; Clara Menck, Theodor Heuss ohne Legende. Eine Gedächtnisausstellung mit Bildern, Dokumenten und Zeichnungen in der Pfalzgalerie Kaiserslautern, in: FAZ vom 06.03.1974; Wilhelm Weber, Beziehungen von Theodor Heuss zur Kunst und zu Künstlern; Carl Georg Heise, Persönliche Erfahrungen mit Theodor Heuss, in: Pfalzgalerie Kaiserslautern, Theodor Heuss, Freund und Förderer der Kunst und der Künstler zum 90. Geburtstag, Ausstellung vom 9.2.1974-10.3.1974 (Ausstellungskatalog, o.J.); Eberhard Pikart, Theodor Heuss und Konrad Adenauer. Die Rolle der Bundespräsidenten in der Kanzlerdemokratie, Stuttgart-Zürich 1976; Hildegard Hamm-Brücher, Theodor Heuss, Demokrat der ersten Stunde, in: Glück gehabt mit Präsidenten, Kanzlern und den Frauen, eine Bonner Galerie, hg. von Werner Höfer, Stuttgart und Zürich 1976; Paul Sauer, Demokratischer Neubeginn in Not und Elend. Das Land Württemberg-Baden von 1945 bis 1952, Ulm 1978; Hans Maier, Theodor Heuss und die verlorene Liberalität, in: ders., Anstöße, Stuttgart 1978; Otto Borst, Die heimlichen Rebellen, Stuttgart 1980; Ingrid Wurtzbacher-Rundholz, Verfassungsgeschichte und Kulturpolitik bei Dr. Theodor Heuss bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland durch den Parlamentarischen Rat 1948/49 – mit Dokumentenanhang, Frankfurt a.M. 1981; Peter Blickle u.a., Von der Ständeversammlung zum demokratischen Parlament, Die Geschichte der Volksvertretungen in Baden-Württemberg, Stuttgart 1982; Paul Feuchte, Verfassungsgeschichte von Baden-Württemberg, Stuttgart 1983; Hildegard Hamm-Brücher/Hermann Rudolph, Theodor Heuss, Eine Bildbiographie, Stuttgart 1983; Jochen Bartel, Theodor Heuss, in: 100 große Deutsche, Leben und Werk, München 1983; Golo Mann, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1958, 1983; Hans-Peter Schwarz, Die Ära Adenauer 1949-1957, ders., Die Ära Adenauer 1957-1963, Theodor Eschenburg, Jahre der Besatzung 1945-1949, in: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in fünf Bänden, hg. von Karl Dietrich Bracher, Theodor Eschenburg, Joachim C. Fest, Eberhard Jäckel, Stuttgart 1981, 1983; Theodor Heuss 1884-1963, Festakt im Deutschen Bundestag anläßlich des 100. Geburtstags, hg. vom Deutschen Bundestag, Presse- und Informationszentrum, Bonn 1984; Erich Mende, Die neue Freiheit 1945-1961, München-Berlin 1984; Christian Zentner, Illustrierte Geschichte der Ära Adenauer, München 1984; Hans-Peter Schwarz, Adenauer, der Aufstieg: 1876-1952, Stuttgart 2. Aufl. 1986; So bist Du mir Heimat geworden: Eine Liebesgeschichte in Briefen aus dem Anfang des Jahrhunderts / Theodor Heuss, Elly Knapp, hg. von Hermann Rudolph, Stuttgart 1986; Theodor Heuss, Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, in: Reden, die die Republik bewegten, hg. und eingeleitet von Horst Ferdinand, Freiburg 1988; Hellmuth Auerbach, Heuss, Theodor, Publizist und Politiker, in: Wolfgang Benz und Hermann Graml, Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik, München 1988; Paul Ludwig Weinacht, Staatsrepräsentation im Nachkriegsdeutschland. Theodor Heuss als Bundespräsident in Baden (1951), in: ders. (Hg.), Gelb-rot-gelbe Regierungsjahre, Badische Politik nach 1945, Sigmaringendorf 1988; Alfred Kube/Thomas Schnabel, Südwestdeutschland und die Entstehung des Grundgesetzes, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg und dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen 1989; Die Väter der Republik, Ausgewählte Texte, hg. von Hans Christian Meiser, München 1989; Erich Straetling, Der Parlamentarische Rat 1948-1949, mit der „Parlamentarischen Elegie“ von Carlo Schmid, Pfullingen 1989; Adolf Kohler, Theodor Heuss 1949-1959 – Literat und Demokrat, in: ders., Der Republik ins Gewissen, Die Bundespräsidenten zur Besinnung in der Politik, Freiburg 1989; Hans-Peter Schwarz, Adenauer, der Staatsmann: 1952-1967, Stuttgart 1991; M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus, politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933-1945. Eine biographische Dokumentation, hg. und eingeleitet von Martin Schumacher, Düsseldorf 1991; Ursula Salentin/Lieselotte Hammerschmidt, Chronik der Villa Hammerschmidt und ihrer Bewohner, Bergisch Gladbach 1991; Der Weg zum Südweststaat, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Bearbeitung und Redaktion: Jörg Thierfelder und Uwe Uffelmann, Karlsruhe 1991; Rudolf Morsey, Das „Ermächtigungsgesetz“ vom 24. März 1933, Düsseldorf 1992. Weitere Beiträge: BWG 10 Nr. 10656-10693, 11 Nr. 5386-5395; LbBW 1 Nr. 6136-6142; 2 Nr. 8505-8508; 3 Nr. 9510-9512; 4 Nr. 11959-11961; 5 Nr. 12079-12082; 6 Nr. 15675-15708; 7 Nr. 6126-6128; 8 Nr. 6873-6874; 9 Nr. 7032/33; 10 Nr. 6491/92.