Birch-Pfeiffer, Charlotte Karoline Johanna 

Andere Namensformen:
  • Franz Fels, Willibald Waldherr
Geburtsdatum/-ort: 23.06.1800;  Stuttgart
Sterbedatum/-ort: 25.08.1868; Berlin
Beruf/Funktion:
  • Schauspielerin, Theaterleiterin, Schriftstellerin
Kurzbiografie:

1806 Umzug der Familie von Stuttgart nach München

1812 Beginn der Bühnenausbildung

1813 Schauspieldebut

1813 – 1818 verschiedene Gastspiele (auch in Prag)

1818 – 1826 Engagement am Hoftheater München, Gastspielauftritte

1826 – 1828 verschiedene nationale und internationale Gastspiele (Danzig, Königsberg, Riga, St. Petersburg)

1828 Debut als Dramatikerin mit „Herma und die Söhne der Rache“

1828 – 1830 Engagement am Theater an der Wien

1830 – 1834 verschiedene nationale und internationale Gastspiele (Deutschland, Österreich, Schweiz, Holland und Russland)

ab 1830 Arbeit als Autorin für Giacomo Meyerbeer, Friedrich von Flotow, Conradin Kreutzer, Gustav Schmidt und Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha

1834 – 1835 Engagement am Königsstädtischen Theater in Berlin

1835 – 1837 verschiedene nationale und internationale Gastspiele (Österreich, Schweiz, Holland und Russland)

1837 – 1843 Direktorin des Aktien-Theaters Zürich

1844 – 1865 Engagement am Königlichen Schauspielhaus Berlin

Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Auszeichnungen: Ehrungen: 50-jähriges Bühnenjubiläum 1863. Aus diesem Anlass Ausgabebeginn der „Gesammelten dramatischen Werke“ im Reclam-Verlag Leipzig. 23 Bänden (abgeschlossen 1880); Gedenktafel am Schauspielhaus Zürich (2011).
Verheiratet:

1825 Dr. Christian Andreas Birch, dänischer Dramaturg und Theaterkritiker (1795 – 1868)


Eltern:

Vater: Ferdinand Friedrich (1759 – 1833) aus Pfullingen, württembergischer Hof- und Domänenrat, ab 1806 bayerischer
Oberkriegsrath

Mutter: Johanna Ernestine Henrica, geb. Heinzmann (1768 – 1847) aus Wien


Geschwister:

acht


Kinder:

sechs, fünf davon früh verstorben. Jüngste Tochter: Wilhelmine (1836 – 1916), Dichterin und Schauspielerin, heiratete 1857 den badischen Juristen Hermann v. Hillern (1817 – 1882). In dieser Familientradition auch deren Tochter Hermine Diemer (1859 – 1924)

GND-ID: GND/118658875

Biografie: Brigitte Heck (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 8 (2022), 33-35

Die 1800 in Stuttgart geborene und 1868 in Berlin gestorbene Birch-Pfeiffer wuchs neben acht Geschwistern in einer wohlsituierten Beamtenfamilie auf. Sie wurde stark von ihrem Vater geprägt, der ein Mitschüler Friedrich Schillers gewesen war und seiner Tochter eine besondere Neigung zur Literatur und speziell zum Drama vermittelte. Ihre Ambition und Begabung für das Theater förderte der Unterricht bei Hofschauspieler Franz Anton Zuccarini (1755 – 1823) in München, der sie bis 1818 in seine Obhut nahm. So feierte sie schon mit 13 Jahren ihr Schauspieldebut am Münchner Hoftheater am Isartor. Von 1818 an stand sie in mehreren langen Engagements an bedeutenden deutschen Sprechtheatern: dem Münchner Hoftheater, dem Wiener „Theater an der Wien“ sowie dem Berliner Hoftheater. Sie spielte alle großen Heroinnen der Bühne, aber auch eine Vielzahl von Lustspielrollen und betrieb die Schauspielerei bis zum Lebensende.

Während ihres Wiener Engagements beim Theaterpatron Karl Carl (1787 – 1854) entdeckte Birch-Pfeiffer ihr schriftstellerisches Talent, und ihr Erfolg als Bühnenautorin übertraf schon bald jenen als Schauspielerin. Ihr Engagement als Direktorin des Züricher Stadttheaters von 1837 bis 1843 nahm Birch-Pfeiffer dann zum Anlass, eigene Stücke auch noch selbst zu inszenieren und deren Akzeptanz zu erproben. Mit ungeheurem Elan brachte Birch-Pfeiffer in Zürich 263 verschiedene Inszenierungen auf die Bühne, die meisten davon Theaterstücke und unter diesen auch neun eigene Werke. Dass auf dem Zürcher Aktien-Theater damals Komödien, Possen- und Singspiele überproportional häufig vertreten waren, lag nicht alleine an Birch-Pfeiffer Die leichte Muse war das, wonach das damalige Theaterpublikum nicht nur in Zürich verlangte, und dies begünstigte ihren furiosen Aufstieg zur erfolgreichsten Bühnenautorin des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. Vielfach werden die Jahre zwischen 1840 und 1868 auch die „Birch-Pfeiffer-Ära im deutschen Theater“ genannt. Nach ihrer Rückkehr aus Zürich konsolidierte Birch-Pfeiffer diesen Erfolg während ihres festen Engagements am Königlichen Schauspielhaus Berlin in den Jahren 1844 bis 1865. Sie trug nicht unerheblich zum wirtschaftlichen Erfolg der preußischen Vorzeigebühne bei, denn zwischen 1830 und 1885 waren dort unter der Leitung zweier Generaldirektoren 40 ihrer Werke in insgesamt 910 Aufführungen auf die Bühne gekommen. Einen vergleichbaren Erfolg erzielte auch Heinrich Laube (1806 – 1884), der als Direktor des Wiener Burgtheaters zwischen 1849 bis 1867 mit Birch-Pfeiffers Stücken ebenfalls breiten Zuspruch fand.

Etwa ein Drittel der 74 von Birch-Pfeiffer publizierten Bühnenwerke waren keine Originalstücke, also nicht ihrer eigenen schöpferischen Fantasie entsprungen, sondern Adaptionen. Sie übernahm erfolgreiche Stoffe vielgelesener Autoren wie Berthold Auerbach, Charlotte Brontë, Wilkie Collins, Charles Dickens, Alexandre Dumas, George Eliot, Victor Hugo oder George Sand und dramatisierte diese. Sie konzipierte ihre Stücke gerne als ‚Rührtheater‘ an den jeweiligen saisonalen Vorlieben ihres Publikums und damit am Erfolg orientiert. Meist waren dies so genannte „Tagesproduktionen“, die sich im Repertoire nicht lange hielten und nach wenigen Aufführungen vom Spielplan verschwanden. Wurde Birch-Pfeiffer einerseits von den Theaterintendanten geschätzt und bevorzugt, so etikettierten die Autoren des „Jungen Deutschland“ wie Heinrich Heine und Karl Gutzkow ihren außerordentlichen Publikumserfolg als „Geschäftstheater“ und bekämpften die Autorin rigoros. An ihrem Erfolgsstück „Dorf und Stadt“ von 1847 hatte sich diese Konkurrenz exemplarisch entzündet und mündete in einen bemerkenswerten Dichterstreit mit Berthold Auerbach (1812 – 1882), auf dessen kurz zuvor erschienener Erfolgsnovelle „Die Frau Professorin“ Birch-Pfeiffers Dramatisierung gründete: Freunde hatten Auerbach das Bühnenskript von „Dorf und Stadt“ besorgt, denn es lag weder gedruckt vor, noch war es öffentlich zugänglich. Birch-Pfeiffer vertrieb ihre Werke im Selbstverlag und stellte sie in limitierten Abschriften jenen Theatern zur Verfügung, die bei ihr die Lizenz zur Aufführung der Stücke erworben hatten. Sie achtete akribisch darauf, dass ihre Stücke nicht gedruckt vorlagen, da sie sonst ihre Ansprüche auf Tantiemen verloren hätte. Denn nach gesetzlicher Regelung des Deutschen Bundes waren gedruckte Stoffe für die Dramatisierung auf der Bühne gemeinfrei. Die Bühnenautoren hingegen konnten sich zur gleichen Zeit die Urheberrechte an ihren Werken und damit geschützte Übernahmehonorare samt Aufführungs-Tantiemen sichern. Dies regelte das 1844 eingeführte Tantiemenrecht. Auerbach bezichtigte Birch-Pfeiffer nun des Plagiats und zog vor Gericht. Im maßgeblichen juristischen Gutachten vom 7. Oktober 1848 konnte Birch-Pfeiffer jedoch nicht nachgewiesen werden, dass sie den Text Auerbachs in großen Teilen wörtlich übernommen habe (Theisohn, 2009, 348). Am Ende stand ein Vergleich: Gegen Übernahme der Gerichtskosten durch Birch-Pfeiffer erklärte sich Berthold Auerbach bereit, seine Vorwürfe zurückzunehmen.

Die Wirkungsmacht von Birch-Pfeiffers Bühnenerfolg und damit ihre enorme öffentliche Präsenz hingen stark an der damals herausgehobenen gesellschaftlichen Bedeutung der Theater-, Opern- und Konzerthäuser. Zu ihren Lebzeiten hatte gerade das Theater dem gesellschaftlich und politisch immer einflussreicher werdenden Bürgertum zunächst Gelegenheit geboten, sich neben dem Salon ein weiteres Unterhaltungs- und Kommunikationsmittel zu erschließen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dieses dann gar zum Leuchtturm bürgerlichen Gesellschaftslebens.

Zu Lebzeiten schienen distanzlose Bewunderung oder entschiedene Ablehnung schematische Reaktionsmuster auf Birch-Pfeiffers Werk zu sein. Jenseits des Theaterpublikums hatten ihre Stücke eine stark polarisierende Wirkung – vor allem auf Feuilleton, Theaterkritik und Schriftstellerkollegen. Denn je erfolgreicher diese Frau agierte, umso vielstimmiger und entschiedener traten Kritiker auf den Plan und sogar Gegner in Aktion. Auf Seiten der Autorin standen dagegen ein außerordentliches Selbstbewusstsein, Talent, handwerkliches Können als Schauspielerin und Schriftstellerin wie auch unternehmerisches Gespür, die zur Basis ihres Erfolges wurden und Birch-Pfeiffer dabei halfen, über die ihr angestammte bürgerliche Frauenrolle weit hinauszudenken und zu handeln. Als Schauspielerin, Theaterdirektorin wie auch als Bühnenautorin und Werkagentin verstand sie es wie keine zweite, ihr adliges und bürgerliches Publikum aufs verlässlichste zu unterhalten und zugleich ihren finanziellen Vorteil daraus zu ziehen. Birch-Pfeiffers weitreichende briefliche Korrespondenz weist sie als begnadete Kommunikatorin und Netzwerkerin aus. Jedoch – oder konsequenter Weise – endeten Breitenwirkung und künstlerische Omnipräsenz der Theaterpatronin fast abrupt mit ihrem Tod. Und mit Ausnahme ihrer drei erfolgreichsten Stücke „Dorf und Stadt“ (nach Berthold Auerbach, erschienen 1847), „Die Waise aus Lowood“ (nach Charlotte Brontë, erschienen 1853) und „Die Grille“ (nach George Sand, erschienen 1856) verschwand ihr Werk vollständig aus dem Theaterrepertoire.

Birch-Pfeiffer brach Strukturen und Routinen auf, indem sie mit ihrer schauspielerischen, dramaturgischen und schriftstellerischen Arbeit rigoros und mutig eigene Interessen verfolgte. Sie brüskierte damit manchen Kollegen, erwarb sich zugleich aber auch die Anerkennung vieler und die Zuneigung ihres Publikums. Ihr Leben war das einer Theaterfrau: reich an persönlichen und künstlerischen Höhen und Tiefen, an Triumphen und Schicksalsschlägen. So grell sich ihre Karriere im Rampenlicht des Theaters entwickelt hatte, so still war es um sie und ihr Werk geworden, nachdem der letzte Vorhang gefallen war.

Quellen:

Hauptnachlass im Deutschen Theatermuseum München; Teilnachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach; Werkmanuskripte, Korrespondenz und Geschäftspapiere an diversen Belegorten.

Werke: Gesammelte Dramatische Werke, 23 Bde., 1863 – 1880; Gesammelte Novellen und Erzählungen, 3 Bde., 1863 – 1865; Charlotte Birch-Pfeiffer und Heinrich Laube im Briefwechsel. Auf Grund der Originalhandschriften dargestellt von A. von Weilen, 1917; G. Ebel (Hg.), „Das Kind ist tot, die Ehre ist gerettet“. Ein Briefwechsel aus dem 19. Jahrhundert zwischen Charlotte Birch-Pfeiffer […] ihrer Tochter Minna von Hillern […] und dem Kammerjunker und Hofgerichtsrat Hermann von Hillern über ein zur Unzeit geborenes Kind, 1985.
Nachweis: Bildnachweise: Zeitungsausschnitt aus: G. Horn, Charlotte Birch-Pfeiffer, in: Gartenlaube, 1861, 693 (Holzstich: Stecher Benedict H., Zeichner Aarland Johann Carl Wilhelm).

Literatur:

R. Förster, Charlotte Birch-Pfeiffer, in: ADB 2 (1875), 654 – 656; Die Kgl. Theater in Berlin. Statistischer Rückblick auf die künstlerische Thätigkeit und die Personal-Verhältnisse während des Zeitraums vom 5. Dezember bis 31. Dezember 1885, zusammengestellt von C. Schäffer und C. Hartmann, 1886; E. Müller, Eine Glanzzeit des Züricher Stadttheaters. Charlotte Birch-Pfeiffer 1837 – 1843, 1911; E. Hes (seit 1926: E. Rabin), Charlotte Birch-Pfeiffer als Dramatikerin. Ein Beitrag zur Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts, 1914; R. Ziersch, Charlotte Birch-Pfeiffer als Darstellerin, 1930; K. Richter, Charlotte Birch-Pfeiffer, in: NDB 2 (1955), 252 f.; G. Meske, Die Schicksalskomödie. Trivialdramatik um die Mitte des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Erfolgsstücke von Charlotte Birch-Pfeiffer, 1971; S. Kord, Ein Blick hinter die Kulissen. Deutschsprachige Dramatikerinnen im 18. und 19. Jahrhundert, 1992, 97 – 106; A. Günter/D. Fuchs, Charlotte Birch-Pfeiffer (1800 – 1868). Denn diese Frau war eine Macht, in: B. Knorr/R. Wehling (Hgg.), Frauen im deutschen Südwesten, 1993, 58 – 64; C. Caduff, Charlotte Birch-Pfeiffer. Direktorin des Zürcher Theaters 1837 bis 1843, in: E. Ryter u. a. (Hgg.), Und schrieb und schrieb wie ein Tiger aus dem Busch. Über Schriftstellerinnen in der deutschsprachigen Schweiz, 1994, 95 – 111; H. Kraft, Ein Haus aus Sprache. Dramatikerinnen und das andere Theater, 1996, 50 – 74; I. Hiort af Ornäs, „In meinem Lottchen ist doch halt ein Junge verloren“. Charlotte Birch- Pfeiffer als Dramatikerin. Eine Studie zu Erfolgs- und Trivialdrama des 19. Jahrhunderts, 1997; B. Pargner, Zwischen Tränen und Kommerz: Das Rührtheater Charlotte Birch-Pfeiffers (1800 – 1868) in seiner künstlerischen und kommerziellen Verwertung. Quellenforschung am Handschriften-NL, 1999; dies., Charlotte Birch-Pfeiffer Eine Frau beherrscht die Bühne, 1999; H. Dauer, Das Rührtheater, 2001, online: https://www.iaslonline.lmu.de/index.php?vorgang_id=2039 [Zugriff 16. 1. 2021]; R. van Stipriaan Pritchett, The art of comedy and social critique in nineteenth-century Germany. Charlotte Birch-Pfeiffer (1800 – 1868), 2005; Ph. Theisohn, Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte, 2009; A. Aurnhammer/N. Detering, Berthold Auerbachs Frau Professorin. Revisionen und Rezeptionen von Charlotte Birch-Pfeiffer bis Gottfried Keller, in: J. Reiling (Hg.), Berthold Auerbach (1812 – 1882). Werk und Wirkung, 2012, 173 – 220.

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