Hartmann, Erich 

Geburtsdatum/-ort: 19.04.1922;  Weissach, Landkreis Böblingen
Sterbedatum/-ort: 20.09.1993;  Weil im Schönbuch
Beruf/Funktion:
  • Jagdflieger und Oberst
Kurzbiografie: 1924-1927 Mit den Eltern in Tschangscha, China, wo Vater praktischer Arzt
1927-1937 Volksschule Weil im Schönbuch
1931-1936 Realreform-Gymnasium Böblingen
1936-1937 Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NAPOLA) Rottweil
1937-1939 Segelflugscheine A, B, 1939 Segelflugschein C
1937-1940 Internat Gymnasium Korntal
1940 Freiwilliger, Luftwaffenausbildungsregiment 10 in Neukur/Ostpreußen, Reifevermerk (Abitur) Gymnasium Korntal
1941 III Fahnenjunker-Gefreiter, Luftkriegsschule 2, Berlin-Gatow; (VIII) Militärflugzeugführerschein B2
1941 IX-1942 II Jagdfliegervorschule 2, Lachen-Speyersdorf (VI-VIII)
1942 VI-IX Jagdfliegerschule 2 Zerbst, (III) Leutnant, (VIII/IX) Ergänzungsjagdgruppe Ost Gleiwitz
1942 X-1943 V Flugzeugführer 7. Staffel, III. Gruppe, Jagdgeschwader 52 Ostfront
1942 XI.05. 1. Luftsieg
1943 V-VIII Staffelführer 7./III. Jagdgeschwader 52; IX.20. 100. Luftsieg
1944 VI Oberleutnant; VIII.24. 300. Luftsieg; Hauptmann; X-XI Staffelkapitän 7./III. Jagdgeschwader 52 und stellvertretender Gruppenkommandeur
1944 XII-1945 I Gruppenkommandeur II. Jagdgeschwader 52
1945 II-V Gruppenkommandeur I. Jagdgeschwader 52 (dazwischen im März Kommando zur Versuchsgruppe 262 (Düsenjäger Me 262)); V.08. 352. Luftsieg nach insgesamt 1404 Fronteinsätzen und 852 Luftkämpfen Kapitulation bei Pisek, Tschechoslowakei, amerikanisches Gefängnis; V.24. gemäß amerikanisch-sowjetischer Vereinbarung als Kriegsgefangener an die Russen ausgeliefert
1945-1955 Kriegsgefangenschaft in 10 verschiedenen Lagern der UdSSR, 2. Verurteilung zu 25 Jahren Zwangsarbeit 1950
1955 X 15 Heimkehr; danach Erholung
1956 VIII.01 Eintritt in die Bundeswehr, Luftwaffe, vorläufig Rang Major; XII Major und Berufssoldat
1957 Jet-Ausbildung in Fürstenfeldbruck erfolgreich abgeschlossen; Gunnery Training, Luke Air Force Base, Arizona, USA
1958 I-1959 I Einsatzoffizier bei der Waffenschule 10 der Luftwaffe in Oldenburg, danach Ausbildung zum Düsenjagdflugzeugführer, dann mit der Führung der Geschäfte als Kommodore des neu aufzustellenden Jagdgeschwaders 71 beauftragt
1960 VIII 1 Kommodore Jagdgeschwader 71; XII.08. Oberstleutnant
1962 VI.01. Versetzt zur Inspektion der Kampfverbände der Luftwaffe, Gruppe Jagdflieger, Luftwaffenamt, Leiter taktische Auswertung
1967 VII.27. Oberst
1970 IX.30. Freiwilliges Ausscheiden aus der Bundeswehr
1970-1973 Segel- und Motorfluglehrer Weil im Schönbuch
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Auszeichnungen: Eisernes Kreuz II. Klasse, Frontflugspange in Bronze und Silber (1942 XI)
Frontflugspange in Gold (1942 XII)
Frontflugspange in Gold mit Anhänger (1943 V)
Eisernes Kreuz I. Klasse, Deutsches Kreuz in Gold (1943 VIII)
Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes (1943 X.29.)
Eichenlaub zum Ritterkreuz (1944 III.02.)
Schwerter zum Eichenlaub des Ritterkreuzes (1944 VII.02.)
Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern (1944 VIII.25.)
Flugzeugführer-Abzeichen in Gold mit Brillanten (1944 IX)
Ungarisches Ritterkreuz (1945 I)
Verheiratet: Bad Wiessee, Ursula Elisabeth Therese Auguste, geb. Paetsch (1924-1996)
Eltern: Dr. med. Alfred (1894-1952)
Elisabeth, geb. Machtholf (1897-1990)
Geschwister: Alfred (geb. 1923), Dr. med.
Kinder: 1 Sohn (1945-1948)
1 Tochter (geb. 1957)
GND-ID: GND/118701827

Biografie: Horst Boog (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 127-130

Hartmann wurde als Sohn eines Landarztes und einer sportlich engagierten Mutter geboren. War der Vater gutmütig, warmherzig und nachsichtig, so war die Mutter vital, lebens- und abenteuerlustig. Sie war Sportfliegerin mit einem eigenen Motorflugzeug, führte ihren Sohn frühzeitig an die Fliegerei heran und hat ihn offenbar mehr geprägt als der Vater. Als Schüler fiel der flachsblonde Hartmann durch sein offenes Wesen, lässiges Selbstbewußtsein, Individualismus, durch sportliche Leistungen, schnelle Reaktionsfähigkeit, manchmal kompromißlose Direktheit und durch Ablehnung formaler Zwänge auf, so daß er gern die NAPOLA Rottweil gegen das Internat Korntal eintauschte. Er hatte eine mehr praktische als intellektuelle Veranlagung, zeigte Initiative und Mut und hatte Freude am Segelfliegen. Die Fliegerleidenschaft führte ihn zur Luftwaffe, zu der er sich noch vor Erteilung des Reifevermerkes freiwillig meldete.
Als Soldat liebte er keine großen Worte und Gesten, war kameradschaftlich und erwarb sich wegen seines jugendlichen Aussehens und seiner jungenhaft-saloppen Art den Beinamen „Bubi“, der ihm sein Leben lang anhing. Als Jagdflugzeugführer, zuletzt in der Dienststellung als Gruppenkommandeur im erfolgreichsten deutschen Jagdgeschwader, dem JG 52, war er ein instinktsicherer, „begnadeter Schießer“, der bei seinen Kameraden und Untergebenen ein gewisses Charisma besaß. Mit seinen 352 Luftsiegen in nur zweieinhalb Jahren und zu einer Zeit, als die zahlenmäßige Überlegenheit der sowjetischen Luftstreitkräfte immer erdrückender wurde, schoß er sich zum bei weitem erfolgreichsten Jagdflieger der Welt empor, weit vor seinen Kameraden Gerhard Barkhorn mit 301 und Günther Rall mit 275 Abschüssen und vor seinen russischen Gegnern I. N. Koschdub mit 62 und A. I. Pokryschkin mit 59 Luftsiegen wie auch vor dem erfolgreichsten amerikanischen Jagdflieger in Europa, Oberst Francis S. Gabreski, mit 28 Abschüssen. Hartmann war einer von zwölf Angehörigen der 1943/44 über zwei Millionen Soldaten zählenden deutschen Luftwaffe bzw. einer von siebenundzwanzig Angehörigen der insgesamt etwa 15 Millionen Mann zählenden Wehrmacht, denen die bis Ende 1944 höchste deutsche Tapferkeitsauszeichnung verliehen wurde, die Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern. An manchen Tagen schoß er gleich ein halbes Dutzend und mehr, einmal sogar zehn Feindflugzeuge ab. Sein Erfolgsrezept, zu dem, völlig unabhängig, auch der russische Oberst Pokryschkin gelangt war, war einfach. Man mußte möglichst unbemerkt, von hinten aus der Überhöhung und mit der Sonne im Rücken mit großer Geschwindigkeit bis auf etwa 50 m an den Gegner herankommen und dann aus allen Rohren feuern, wie es auch Manfred von Richthofen im I. Weltkrieg getan hatte. Dann konnte man kaum danebenschießen und sparte Munition. Allerdings erforderte diese Taktik großen Mut und vor allem ein sehr gutes Auge, weil man den Gegner zuerst und schon aus großer Entfernung erkennen mußte. Nur so konnte die Überraschung gelingen.
Dabei kümmerte sich Hartmann auch um seinen Rottenflieger und hat nie einen verloren. Ein Sieg auf Kosten seines Rottenkameraden wäre für ihn eine schwere Sünde gewesen. Seine Verbundenheit mit seinen Untergebenen zeigte sich, als sein erster Wart sich anschickte, ihn nach einem Abschuß hinter den feindlichen Linien von dort zu holen. Er hatte sich aber selbst schon zu den eigenen Linien durchgeschlagen. Hartmann hatte das Glück, nie verwundet zu werden. Die organisatorische und verwaltungsmäßige Führung seines Verbandes delegierte er gern. „Mut vor Königsthronen“ bewies Hartmann auch gegenüber Hitler, dem man nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 nur unbewaffnet unter die Augen treten durfte. Anläßlich der Verleihung der Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub und Schwertern am 25. August 1944 ließ er Hitlers Luftwaffenadjutanten, Oberst von Below, vorher wissen, er verzichte auf die Brillanten, wenn der „Führer“ kein Vertrauen zu seinen Frontoffizieren hätte. Es wurde ihm erlaubt, den Sperrkreis mit umgeschnallter Pistole zu betreten, und so begleitete er Hitler auch zum Essen.
Trotz Befehls von General Seidemann bei der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945, sich als Höchstdekorierter der Gefangennahme und möglichen Mißhandlungen durch die Sowjets zu entziehen und mit seinem Kommodore, Oberst Graf, nach Dortmund zu fliegen und sich in englische Hände zu begeben, ließ H. seine Truppe mit den etwa 2000 zivilen Angehörigen nicht im Stich, sondern zog mit ihnen zu den Amerikanern, die allerdings die ganze Gruppe gemäß vorheriger Vereinbarung vierzehn Tage später an die Russen auslieferten. Die vor den wehrlosen Kriegsgefangenen bei der Übergabe stattfindenden Vergewaltigungen und Morde an Frauen und Kindern durch russische Soldaten zählten zu den schlimmsten Erfahrungen seines Lebens.
Hartmann überstand die zehneinhalbjährige, unmenschlich harte Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion mit einer allen Respekt verdienenden außergewöhnlichen persönlichen Standhaftigkeit und Integrität. Seine innere Stärke beruhte auf seinem unbändigen Willen, durchzustehen, und auf seinem starken Gefühl der Verbundenheit mit seiner jungen Frau. Er pochte mutig auf seine Rechte als Kriegsgefangener und Offizier und widerstand in innerer Ablehnung des sowjetischen Unterdrückungssystems allen physischen und psychischen Schikanen des sowjetischen Geheimdienstes, der ihn zur Arbeit für die Sowjets zu gewinnen suchte, sei es als Kameradenspitzel, Propagandist oder Offizier der neu aufzubauenden Luftstreitkräfte der DDR. Für seine Integrität ging er in den Hungerstreik und erduldete Zwangsernährung und monatelange Einzelhaft in dunklen, engen Bunkern. Zweimal wurde er völkerrechtswidrig und gegen seinen Protest zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die erste Verurteilung beruhte auf der in jeder Hinsicht unhaltbaren Begründung, er habe am Angriff gegen die Sowjetunion – als habe dies in seinem Ermessen gelegen – teilgenommen und dreieinhalbhundert sowjetische Flugzeuge vernichtet, die Produktion einer Brotfabrik durch Luftangriff beträchtlich reduziert und bei einem Angriff auf ein Dorf siebenhundertachtzig Zivilisten durch Beschuß aus der Luft getötet. Hartmann betonte demgegenüber, das Zerstören von Feindflugzeugen sei im Krieg Pflicht eines jeden Soldaten. Er habe nur auf Flugzeuge, nicht auf Zivilisten geschossen. Überdies hätte seine Munition zur Tötung so vieler Menschen bei einem Angriff gar nicht gereicht. Die zweite Verurteilung geschah nach einem gewaltlosen, von Hartmann angeführten Protest gegen das Verhalten einer Lagerleitung, den die Zivilbevölkerung teilweise durch Zurufe von außen unterstützte. Sie wurde mit angeblicher Aufhetzung der Zivilbevölkerung gegen die Sowjetregierung begründet. Beide Urteile standen schon vor den jeweiligen (Schein-) Verhandlungen fest. Die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft in Moskau hat Hartmann inzwischen voll rehabilitiert und die Verurteilungen als grundlos bezeichnet. Die sowjetische Kriegsgefangenschaft hat Hartmann nicht zerbrochen, aber die Umstände des jahrelangen Eingesperrtseins und Beobachtetwerdens, des psychischen Drucks und der Ungewißheit über die Zukunft waren der gerade in den formativen jungen Jahren so wichtigen Entfaltung zwischenmenschlicher Beziehungen nicht förderlich und haben seine Persönlichkeit verändert.
Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft fühlte sich Hartmann als 33jähriger Verheirateter mit einer Tochter – seinen nur drei Jahre alt gewordenen Sohn hatte er nie kennengelernt – zur Aufnahme eines Studiums zu alt. Am 1. August 1956, ein Dreivierteljahr nach seine Heimkehr, trat er auf Drängen seiner alten Kriegskameraden in die Bundeswehr ein, obwohl er militärisches Leben mit dem Zwang zur Einordnung in Hierarchien und Verhaltensweisen nicht besonders liebte. Er durchlief die Ausbildung zum Düsenjägerpiloten und wurde als der erfolgreichste Jagdflieger der Welt mit 36 Jahren mit der Aufstellung des ersten deutschen Düsenjagdgeschwaders, des JG 71 „Richthofen“ betraut, dessen Kommodore er 1960 wurde. Es war für ihn nicht leicht, nachzuholen, was eine fehlende reguläre Offizierausbildung im Kriege und das lange Abgeschnittensein von der politisch-publizistischen Entwicklung in Deutschland, insbesondere hinsichtlich der Wandlung des Soldatenbildes in das eines „Bürgers in Uniform“, an Defiziten hinterlassen hatten. Dennoch gelang ihm der Aufbau des Geschwaders in Rekordzeit. Seine saloppe, direkte und nicht anpasserische Art und seine offene Kritik an Dingen, die er nicht für richtig hielt – z. B. die in seinen Augen voreilige Beschaffung des für deutsche Verhältnisse technisch damals zu fortgeschrittenen Düsenjägers F 104 „Starfighter“ mit der aufsehenerregenden Unfallserie – machten ihm nicht nur Freunde. 1962 wurde er in das Luftwaffenamt als Leiter einer taktischen Auswertergruppe versetzt, die die fliegerischen Leistungen der Verbände bei NATO-Übungen bewertete (NATO-Tac-Eval). 1967 zum Oberst befördert, schied der schon 1970 auf eigenen Wunsch aus der Bundeswehr aus, um bis zu seinem Tode in der ihm eigenen Unabhängigkeit als Fluglehrer einer privaten Flugsportschule zu wirken. Auch im Gemeinderat seiner Heimatgemeinde Weil im Schönbuch war er tätig. Hartmann der dem im Krieg am stärksten dezimierten Jahrgang 1922 angehörte und einer Generation, die Prüfungen ausgesetzt war wie kaum eine andere, starb am 20. September 1993 und wurde von vielen Freunden und Kameraden des In- und Auslandes betrauert.
Quellen: Personalakte Erich Hartmann, Oberst, BA-MA Pers. 1/103524
Nachweis: Bildnachweise: Zahlreiche Photos in allen o. a. Publikationen, insbesondere in den Büchern von Toliver/Constable und U. Hartmann/Jäger

Literatur: Raymond F. Toliver/Trevor J. Constable, Holt Hartmann vom Himmel! Die Geschichte des erfolgreichsten Jagdfliegers der Welt, 1972; dies., Horrido! Fighter Aces of the Luftwaffe, Bantam War Book, 1968, 2. Aufl. 1979 (deutsch, Das waren die deutschen Jagdflieger-Asse 1939-1945), 3. Aufl. 1973; Assi Hahn, Ich spreche die Wahrheit. Sieben Jahre Kriegsgefangener in Rußland, 1951, 218-251; Nico Fast, Jagdgeschwader 52, 6 Bde., 1988-1992 (insbes. IV, 225-229, VI, 40-51); Ernst Obermaier, Die Ritterkreuzträger der Luftwaffe. Jagdflieger Erich Hartmann 1939-1945, 1966, 34; Ursula Hartmann/Manfred Jäger, Der Jagdflieger. Bilder und Dokumente, 1978; Anton Weiler, „Wir trauern um Erich Hartmann. Abschied von einem unserer größten Jagdflieger“; Raymond F. Toliver/Trevor J. Constable, Eine einzigartige Persönlichkeit in der Militärfliegerei. Weltweite Trauer um Erich Hartmann, beides im Jägerblatt 5/1993, November 1993; Colonel Erich Hartmann, in: Daily Telegraph, 21.10.1993; Peter Jochen Winters, „Rußland rehabilitiert Opfer politischer Verfolgung – Willkürjustiz gegen Kriegsgefangene und Internierte – Der Fall Hartmann, in: FAZ 19.05.1995; Erich Hartmann war grundlos verurteilt, in: Jägerblatt, Offizielles Organ der Gemeinschaft der Jagdflieger e. V., Nr. 3/XLIV, Juni/Juli 1995
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