Hoffmann, Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 21.04.1901; ohne Angabe
Sterbedatum/-ort: 27.03.1986;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Theologe, Bibliothekar
Kurzbiografie: 1907-1915 Karls-Gymnasium Stuttgart
1915-1919 evangelisch-theologische Seminare in Maulbronn und Blaubeuren
1919-1923 Studium der evangelischen Theologie in Tübingen (Stift) und Marburg
1923 theologische Dienstprüfung
1923-1926 Studentischer Geschäftsführer der Tübinger Studentenhilfe
1926-1928 Studium der Geschichte und Pädagogik in Berlin und Tübingen
1928 Promotion in Tübingen mit Dissertation „Die Idee der deutschen Universität in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ bei Eduard Spranger
1928-1931 Geschäftsführer der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Deutschen Studentenwerk in Dresden
1931 Bibliotheksreferendar an der Württembergischen Landesbibliothek (WLB), 1933 Bibliotheksassessor ebd.
1937 01.11. Bibliotheksrat. Fachgebiete Theologie, Philosophie und Pädagogik, württembergische Geschichte; seit 1938 Verwalter der Handschriften-Sammlung, seit 1942 Leiter des neu gegründeten Hölderlin-Archivs
1945 (Dezember)-1969 Direktor der WLB
1946-1951 Kommissarischer Direktor der UB Tübingen
1954-1979 Präsident der Deutschen Schillergesellschaft
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1928 Elfriede Frances, geb. Müller (1898-1974)
Eltern: Dr. Konrad Hoffmann (1867-1959), Oberhofprediger, Prälat von Heilbronn und Ulm
Agnes Margarethe, geb. Lang (1873-1962)
Geschwister: Margarete (geb. 1904), verh. seit 1926 mit Dekan Dr. phil. Eberhardt Dieterich
Hildegard (1906-1970), verh. seit 1937 mit Prof. Dr. Otto Pfleiderer
Konrad (geb. 1910), Oberstudienrat, verh. seit 1938 mit Helga Westerkamp, Lehrerin
Kinder: Prof. Dr. Peter Conrad Werner (geb. 1930), Historiker, Professor an der McGill University in Montreal (Kanada)
Claus-Wilhelm (geb. 1932), Jurist, Rechtsanwalt, Richter, Oberbürgermeister a. D. in Biberach a. d. Riß
GND-ID: GND/118705989

Biografie: Hans-Peter Geh (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 230-233

Hoffmann entstammte einem württembergischen Pfarrhaus, das geprägt war von liberaler Theologie und einem wahrhaft christlichen Humanismus. Der Vater war der letzte württembergische Oberhofprediger und später Prälat in Heilbronn und Ulm.
Hoffmann besuchte die evangelischen Seminare in Maulbronn und Blaubeuren und trat dann in das Tübinger Stift ein, wo er auch – unterbrochen von einem kurzen Studienaufenthalt an der Universität Marburg – 1923 seine erste theologische Dienstprüfung ablegte. Obwohl der Weg zum Pfarramt durch diese Stationen eindeutig vorgezeichnet zu sein schien, übernahm er keine Pfarrstelle, sondern wandte sich, seiner sozialen Neigung folgend, der Tübinger Studentenhilfe zu, deren Geschäftsführung er von 1923-1926 übernahm.
Danach begann er ein zweites Studium der Geschichte und Pädagogik in Berlin und Tübingen, auf den Spuren Eduard Sprangers wandelnd, der für sein geistesgeschichtliches Interesse bestimmend wurde. Bei ihm promovierte Hoffmann auch mit einer Arbeit über „Die Idee der deutschen Universität in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“.
Nach der Promotion wurde er Geschäftsführer der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Deutschen Studentenwerk in Dresden, eine herausfordernde Aufgabe, die er bis 1931 wahrnahm. Eduard Spranger schrieb zu Hoffmanns 60. Geburtstag über dessen so erfolgreiche Tätigkeit für den akademischen Nachwuchs: „Sorgfältige Sorge, der wichtiges auferlegt ist: die des ständigen Dienens an der Sache, der Fürsorge für den Menschen ... Das Schönste, was dem Menschen gelingen kann: immer da zu sein für eine Arbeit, durch die – was sie auch sonst leiste – Menschen veredelt werden.“
Erst im Alter von 30 Jahren wandte sich Hoffmann dem bibliothekarischen Beruf zu, in dem seine breitgestreuten Interessen, sein hohes Maß an Bildung, sein Ideenreichtum und sein Durchsetzungsvermögen mittels Überzeugung voll zum Tragen kommen sollten.
Nach der bibliothekarischen Ausbildung an der Württembergischen Landesbibliothek und der Deutschen Staatsbibliothek in Berlin übernahm Hoffmann ab 1933 zahlreiche Fachreferate in der WLB und ab 1936 auch die Betreuung der überaus reichen und wertvollen Handschriftenbestände. Ihnen und den anderen bedeutenden Sondersammlungen der Bibliothek galt auch während des Krieges seine besondere Fürsorge, in dem er entschieden dafür eintrat, durch Verlagerung der Bestände diese vor den drohenden Gefahren zu schützen.
Als Leiter der Handschriftenabteilung oblag ihm aber auch die Verwaltung der Stuttgarter Hölderlin-Handschriften. In diesem Zusammenhang wurde er zum Mitinitiator der Stuttgarter Hölderlin-Gesamtausgabe, die Friedrich Beißner und Adolf Beck im Juni 1941 nach der konstituierenden Sitzung der Zweckvereinigung Stuttgarter Hölderlin-Gesamtausgabe zu bearbeiten begannen. Er selbst unternahm, mitten im Krieg geistige Brücken über politische Grenzen hinweg schlagend, u. a. Reisen in die Schweiz, um Hölderlin-Handschriften für die Ausgabe leihweise nach Stuttgart zu bringen, beteiligte sich an Aufrufen an alle Besitzer von originären Hölderlintexten und fühlte sich auch für die Finanzierung des Unternehmens mitverantwortlich.
Mit Beginn der historisch-kritischen Ausgabe wurde aber auch die Einrichtung eines Hölderlin-Archivs an der Württembergischen Landesbibliothek als Arbeitsstätte für die Stuttgarter Ausgabe geschaffen. Ausgabe und Archiv empfand Hoffmann als die schönste Aufgabe des jungen Bibliothekars, und auch in späteren Jahren war er um die ständige Vermehrung der Hölderlinhandschriften und relevanter Nachlässe eifrig bemüht, um sie der Forschung zugänglich zu machen.
Nachdem Hoffmann im Dezember 1945 vom damaligen Württembergischen Kultusminister Theodor Heuss zum Direktor der WLB berufen worden war, erklärte er: „Ich sehe meine Hauptaufgabe in dem Wiederaufbau der im September 1944 schwer zerstörten Bibliothek und möchte sie mehr als bisher als lebendigen geistigen Mittelpunkt der Allgemeinheit dienstbar machen.“ Neben dieser alle Kräfte beanspruchenden und schwierigen Aufgabe hat Hoffmann auch noch zusätzlich die Tübinger Universitätsbibliothek von 1947-1951 kommissarisch geleitet. Um die nach dem 2. Weltkrieg entstandene geistige Leere zu füllen, diente auch die von Hoffmann initiierte Gründung der Württembergischen Bibliotheksgesellschaft. Im Oktober 1945 wurde der Plan, der in den Kriegsjahren gereift war, Kultusminister Theodor Heuss vorgetragen, der sich auf Bitten Hoffmanns bereit erklärte, Protektor der Gesellschaft zu werden. Als Präsident konnte Staatsrat Prof. Dr. Carlo Schmid gewonnen werden.
Ziele der Gesellschaft waren die Förderung des Wiederaufbaus der Württembergischen Landesbibliothek und ihrer vielfältigen Aufgaben, Vorträge, Studienfahrten und große Sonderveranstaltungen.
Darüber hinaus schuf Hoffmann 1952 in der WLB ein Lesezimmer für Zeitfragen zur „Anteilnahme am Geistesleben der Gegenwart und für den Anschluß an die gute Tradition“, wie er es formulierte.
Aber Hoffmann konzentrierte sich nicht nur auf Stuttgart und Tübingen, sondern hat als erster deutscher Bibliothekar das Tor zum Ausland wieder geöffnet, indem er Kontakte zu mehreren Ländern knüpfte und schon bald systematisch den Buchaustausch ins Werk setzte. 1946-1948 führte die WLB den Publikationstausch der deutschen Bibliotheken mit der Schweiz durch und ab 1948 auch mit anderen Ländern, nachdem die Unesco dafür ihre Unterstützung zugesagt hatte. 1949 wurde diese zentrale Buchtauschstelle nach Wiedergründung der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft – der späteren DFG – von dieser übernommen. Verstopfte Auslandskanäle für das deutsche Bibliothekswesen wieder geöffnet zu haben, müssen Hoffmann als großes Verdienst angerechnet werden. Gebührende Anerkennung fanden diese Aktivitäten durch die Wahl Hoffmanns zum Vorsitzenden des Bibliotheksausschusses der Notgemeinschaft, ein Amt, das er von 1949-1952 innehatte. In dieser Funktion hat Hoffmann zur Lösung vieler drängender Probleme des deutschen wissenschaftlichen Bibliothekswesens nach dem 2. Weltkrieg ganz wesentlich beigetragen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch zu erwähnen, daß Hoffmann einige Jahre später nach dem Wiederbeginn der Handschriftenkatalogisierung an der Württembergischen Landesbibliothek auch als maßgeblicher Förderer des DFG-Programms zur Handschriftenkatalogisierung, das ab 1959 zum Tragen kam, gewirkt hat.
Über den Bereich der Stuttgarter Landesbibliothek weit hinausgreifend hat er somit dem deutschen Bibliothekswesen als einem bedeutenden Stück deutscher Wissenschaftspflege wichtige Impulse gegeben und zugleich Wesentliches für die Kulturpolitik des Landes geleistet. Dies gilt in ganz besonderer Weise auch für Marbach.
1954-1979 trug er als Vorsitzender und Präsident die Verantwortung für die Geschicke der Deutschen Schiller-Gesellschaft. Schon ein Jahr nach seiner einstimmigen Wahl entwickelte Hoffmann bei der Sitzung des Ausschusses der Deutschen Schiller-Gesellschaft erstmals Pläne für eine Erweiterung des Schiller-Nationalmuseums zu einem Deutschen Literaturarchiv. Am 12. Mai 1956 wurde ein entsprechender Beschluß gefaßt, und dies war die Geburtsstunde für die bedeutendste Sammel- und Forschungsstätte für neuere und neueste deutsche Literatur.
Nicht unerwähnt bleiben sollten in diesem Zusammenhang die von Hoffmann initiierten Großveranstaltungen zu den Schillerjahren 1955 und 1959, die nationale und internationale Beachtung fanden.
Daneben war Hoffmann als Vorstandsmitglied der Goethe-Gesellschaft über politische Grenzen hinweg bemüht, die Beziehungen zu Weimar nicht abreißen zu lassen, sondern sie zu festigen und freundschaftliche Bande zu knüpfen.
Neben Hölderlin hat sich Hoffmann auch Stefan George zugewandt. Als der Erbe Stefan Georges, Robert Boehringer, der aus dem nahen Winnenden stammte und 1933 in die Schweiz nach Genf emigrierte, 1959 die Stefan-George-Stiftung als Nachlaßverwalterin und Rechtsnachfolgerin ins Leben gerufen hatte, wurde er in den Stiftungsrat aufgenommen. Nach dem Tode Boehringers im Jahre 1974 ist die Württembergische Landesbibliothek Sitz des Archivs in geistiger und räumlicher Nähe Hölderlins und des Hölderlin-Archivs geworden. Bis in seine letzten Lebenstage hat sich Hoffmann diesem Archiv und der neuen Stuttgarter Stefan George-Ausgabe (Stefan George. Sämtliche Werke) in bewundernswerter Weise gewidmet.
So hat sich Hoffmann für Wissenschaft und Literatur vielfältig eingesetzt und Bedeutendes erreicht. Hinzu traten Aktivitäten in der Kommission für Geschichtliche Landeskunde, im Ausschuß für Württembergische Kirchengeschichte, im Beirat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und im Kuratorium der Vetus-Latina-Stiftung, um nur einige weitere Betätigungsfelder zu nennen.
Zurückkommend auf die Württembergische Landesbibliothek wurden Hoffmanns langjährige und intensive Bemühungen um den Wiederaufbau bzw. Neubau in den 60er Jahren von Erfolg gekrönt. Nachdem er die Pensionsgrenze um über vier Jahre überschritten hatte, konnte er Anfang 1970 den nahezu fertiggestellten Bau, in dem er seine Idee „des Lebens mit Büchern“ zu verwirklichen vermochte, seinem Nachfolger übergeben.
Zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen wurden Hoffmann zuteil, von denen nur die Ehrensenatorwürde der Universität Tübingen (1961), der Titel Professor (1966), die Verleihung der Verdienstmedaille Baden-Württemberg (1978) und die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes (1980) erwähnt seien.
Hoffmann war ein vielseitig engagierter und begeisterter Bibliothekar und ein ideenreicher Homme de lettres, dem das Land Baden-Württemberg viel zu verdanken hat.
Quellen: Nachlaß in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, Auskünfte der Söhne Prof. Dr. Peter Hofmann, McGill University, 855 Scherbrooke Street West, Montreal, PQ, Canada H3A 2T7, und Claus-Wilhelm Hoffmann, Schloßstraße 11/1. D-88441 Mittelbiberach
Werke: (Auswahl) Hoffmann als Verfasser: Bebenhausen. Ein Plan zur Wiederbelebung, in: Robert Boehringer. Eine Freundesgabe. 1957, 295-323; Bibliothek – Archiv – Literaturarchiv. Vortrag auf dem Bibliothekartag in Berlin am 24. Mai 1956, in: ZfBB 4, 1957, 23-34; Die Bibliotheken in Baden-Württemberg. Ein Überblick, in: Beiträge zur Landeskunde 2, 1964, 5-13; Öffentliche und private Bibliotheken, in: Baden-Württemberg. Staat, Wirtschaft und Kultur. 1963. 401-414; Museale Bibliothekserwerbungen, erläutert am Beispiel der WLB Stuttgart, in: Librarium 8, 1965, 109-126; Die Schweizer Bücherhilfe, in: ZfBB 6, 1959, 2-10; Dichter-Archive in Schwaben, in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. Frankfurter Ausgabe 19, 1963, 348-353; Erinnerungen an und um König Wilhelm II. von Württemberg anläßlich seines 60. Todestages am 2. Oktober 1981. Vortrag, in: ZWLG, 1983, 304-321; Grundlagen und literarischer Niederschlag der klassischen Universitätsidee. Phil. Diss. Tübingen 1930. 48 S.; Neuere Handschriften und Nachlässe, in: Zur Katalogisierung mittelalterlicher und neuerer Handschriften. ZfBB/Sonderheft 1963. 36-54; Fünfundsiebzig Jahre Deutsche Schillergesellschaft, 1895-1970. Eine Geburtstagsrede, gehalten im Schiller-Nationalmuseum Marbach/Neckar am 10. November 1970. 1971. 36 S.; Nach der Katastrophe. Tübingen und Stuttgart 1946. 138 S.; Ernst Kyriss zum 80. Geburtstag, in: Festschrift Ernst Kyriss, 1961. 7-16; Über den Neubau der WLB, insbesondere im Hinblick auf die Verwendung des Neuen Schlosses. 1955. 13 S.; Theodor Pfizer. Lebensweg und Amtsführung, in: Tradition und Wagnis, 1972. 9-23; Der Psalmenkommentar des Petrus Lombardus in einer Bildhandschrift der WLB, in: Neue Heidelberger Jahrbücher, Jg. 1939; Regionalbibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland, in: ZfBB/Sonderheft 11, 1971, 254-263; Vom Sammeln und Bewahren. Gedanken über Dichter-Archive in Schwaben, in: Bibliotheca docet. Festschrift für Carl Wehmer. 1963. 287-294; Eberhards Sammlung deutscher Handschriften, in: Graf Eberhard im Bart von Württemberg im geistigen und kulturellen Geschehen seiner Zeit. 1938. 45-64
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in Bildnissammlung der WLB

Literatur: Glückwunsch aus Bebenhausen. Wilhelm Hoffmann zum fünfzigsten Geburtstag am 21. April 1951. Stuttgart 1951 (Bibliographie 69-80); In libro humanitas. Festschrift für Wilhelm Hoffmann zum sechzigsten Geburtstag, 21. April 1961. 1962; Johanne Autenrieth, Laudatio auf Wilhelm Hoffmann Zum 80. Geburtstag am 21. April 1981 gewidmet, in: Die Handschriften der WLB. 1981. IX-XII; Hans-Peter Geh, Wilhelm Hoffmann 1901-1986. Nachruf, in: ZfBB, 33, 1986, 316-318; ders., Wilhelm Hoffmann, der Spiritus rector der WLB-Gesellschaft, in: ZfBB, XVIII, 1971, 179-180
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