Henselmann, Josef 

Geburtsdatum/-ort: 16.08.1898;  Laiz
Sterbedatum/-ort: 19.01.1987; München, beigesetzt in München
Beruf/Funktion:
  • Bildhauer, Akademieprofessor und Präsident
Kurzbiografie: 1905-1914 Volksschule Laiz und Gymnasium Sigmaringen
1914-1916 Lehre als Bildhauer in der renommierten „Werkstätte für Kirchliche Kunst“ Franz Xaver Marmon in Sigmaringen-Gorheim
1916-1918 Kriegsdienst als Gebirgsartillerist; schwere Verwundung an der rechten Hand; Eisernes Kreuz II. Klasse
1920-1921 Schüler der Westenrieder-Schule in München
1921-1925 Studium an der Bayerischen Akademie der Künste; Prof. Hermann Hahn fördert besonders Henselmanns Liebe zur Holzschnitzerei und zur Darstellung des Menschen
1925 Großer Preußischer Staatspreis der Preußischen Akademie der Künste für die eingereichten Arbeiten „Karl Eisele“ (Pappel), „Lenerl“ (Pappel) und „Kreuzchristus“ (Eiche)
1930 Villa Romana-Preis für den aus einem Birnbaum-Stamm gehauenen „Waldgott Sylvanus“. Der Jury präsidierte Karl Hofer
1932 Professor an der Staatsschule für angewandte Kunst in München
1946 Lehrstuhl für Plastik an der Bayerischen Akademie der Künste
1948-1957 Präsident der Bayerischen Akademie der Künste in München, erneut 1963-1966
1958 Ehrenbürger des Heimatortes Laiz zum 60. Geburtstag
1960 Bayerischer Verdienstorden
1981 Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst
1984 Kulturpreis der Stadt München
1986 Komturkreuz des Päpstlichen Gregoriusordens
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1932 München, Marianne, geb. Euler (1902-2001), Malerin
Eltern: Hugo, Müller und Landwirt in Laiz
Mathilde, geb. Henselmann
Geschwister: keine
Kinder: Rupert, Dr.-Ing. (geb. 1933)
Margret, Dr. med. (geb. 1935)
GND-ID: GND/118710567

Biografie: Heinrich Bücheler (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 146-148

Wie schon viele Bildhauer kam auch Henselmann vom Handwerk zur Kunst und nicht durch Studium der Kunstgeschichte. Seine Lehrzeit in der angesehenen Sigmaringer Werkstätte war für den heimat- und naturverbundenen Oberschwaben von größter Bedeutung. Er erhielt eine solide kunsthandwerkliche Ausbildung, vor allem als Holzbildhauer, aber auch in der Steinbildhauerei und in allen Bereichen der Ornamentik und Skulptur. Lehrmeister war Franz Xaver Marmon (1878-1963), der besonders talentierte jüngste Sohn des Werkstattgründers. Nach kurzer Gehilfentätigkeit 1919/20 in seiner Lehrwerkstätte nahm der 22jährige Bildhauer von dem an Klöstern, Kirchen und Kapellen wie an Wald und Fels überreichen Oberen Donautal die für ihn zentrale religiöse Thematik mit nach München, dazu die Liebe zum Holz als dem ihm wichtigsten Material zur künstlerischen Gestaltung. In München wurde Henselmann Schüler der Westenrieder-Schule, die alle kunsthandwerklichen Disziplinen lehrte. Prägender Lehrer wurde Prof. Karl Killer, der Henselmann zur Aufnahmeprüfung an der Akademie ermutigte, die er mit einem kleinen Hausaltärchen aus Zirbelholz bestand. An der Bayerischen Akademie der Künste wirkten die nach ruhiger Klarheit verlangenden Formgesetze des Neuklassizisten Adolf von Hildebrand über Prof. Hermann Hahn dann auch auf Henselmann. Seine künstlerische Welt blieb stets eine Welt der geistigen und formalen Ordnung. Der Große Preußische Staatspreis (1925) brachte früh den entscheidenden Durchbruch. Statt des damit verbundenen Studienaufenthaltes in Italien wählte Henselmann eine Studienfahrt durch Deutschland.
Als künstlerischer Schwerstarbeiter war Henselmann primär ein Bildhauer, der, wie Michelangelo, seine Skulpturen durch kraft-voll-hämmerndes „Wegnehmen“ aus den ungefügen Massen der Baumstämme und Steinblöcke „befreite“. Aus der Vielzahl der Hölzer und Steine fand Henselmann für die Geschöpfe seines Meditierens und inneren Sehens stets das geeignetste Medium, vom weicheren Holz bis zur harten Eiche, vom heimischen Jurakalk bis zum grünschwarzen Granit aus Uruguay. Dem heroisierenden Stil der NS-Zeit blieb Henselmann fern und erhielt auch keine Aufträge vom Regime. In dieser Zeit vertiefte er sich besonders ins Religiöse und Familiäre. Für die St. Pius-Kirche in München schuf er 1935 ein Chorkreuz aus Akazie und im gleichen Jahr für die Franziskanerkirche St. Ludwig in Nürnberg einen Hl. Franziskus aus Kalkstein. Die Fähigkeit zur Nachbildung der Schöpfung Gottes verband Henselmann mit einer tiefen inneren Frömmigkeit. Das Gottesbild und das Menschenbild blieben ihm zentralste Anliegen. Der Hochaltar im Dom zu Passau, die Steinigung des Hl. Stephanus darstellend, beschäftigte ihn von 1947-1954, wobei der eigentlichen bildhauerischen Arbeit stets eine meditative Phase vorausging, in welcher Henselmann sich intensiv mit der Örtlichkeit und Thematik des Auftrags vertraut machte.
Wie Dürer sah Henselmann die Hauptaufgabe jeder bildenden Kunst in der Darstellung der Passion Christi. Von der Kreuzabnahme im „Kleinen Hausaltärchen“ 1921 bis zur letzten monumentalen Kreuzigung 1986 für das Bischöfl. Priesterseminar Augsburg hat Henselmann den Höhepunkt der Passion Christi immer wieder in Holz, Stein und Bronze dargestellt. Als Hauptwerke seiner sakralen Kunst gelten nach dem Passauer Hochaltar das Triumphkreuz im Münchener Liebfrauendom 1954 aus Eiche, sowie der Hochaltar im Dom St. Maria in Augsburg 1955/56 in Bronze über einer Granitmensa. Ebenso lebenslang beschäftigte Henselmann das Menschenbild – „die bohrende Neugier gegenüber dem Menschen in der Einmaligkeit persönlicher Prägung“ (K. Baur). Vor allem nach dem II. Weltkrieg war Henselmann auch ein gefragter Portrait-Künstler. Neben Kirchenausstattungen, zu denen außer Altären auch Kreuzwege, Mensen, Tabernakel und Taufsteine gehörten, erhielt Henselmann viele Aufträge für Grabmale und Ehrenmale: so für das Bronzeepitaph des Erzbischofs Wendelin Rauch im Freiburger Münster, für ein Bronzerelief des Kardinals Wendel auf dem Domberg in Freising, für eine Rundplastik des Papstes Johannes XXIII. im Roncallihaus in Wiesbaden u. a.
In der Tradition Hildebrands schuf Henselmann zahlreiche Brunnen, wobei er die mit der jeweiligen Örtlichkeit verbundene Tierwelt gern einbezog und auch ein bedeutender Tierplastiker wurde. Bekannte Henselmann-Brunnen sind u. a. in München der Rinderbrunnen am Rindermarkt aus uruguayer Granit, der Mosesbrunnen an der Maxburg, in Baden-Württemberg der Vier-Jahreszeiten-Brunnen in Sigmaringen und der Trompeter-Brunnen vor dem Schloß in Säckingen. Trotz seiner Erfolge und Auszeichnungen legte Henselmann nie Wert auf ein vollständiges, datiertes Werkverzeichnis, so daß der Gesamtumfang seines Werkes nur geschätzt werden kann. Von 1932 bis 1968 wirkte Henselmann auch als beliebter Lehrer. Viele seiner Schüler sind heute Professoren an Kunstakademien, so in München Hans Ladner, Erich Koch, Otto Kallenbach, in Kaiserslautern Gernold Rumpf. Als Präsident der Bayerischen Akademie der Künste hat Henselmann vor allem den Wiederaufbau der durch Bomben zerstörten Gebäude geleitet. Bei der Auseinandersetzung zwischen der abstrakten und gegenständlichen Kunstrichtung wirkte Henselmann ausgleichend und blieb stets auf Qualität bedacht.
Quellen: Nachlaß: Auskünfte von Frau Marianne Henselmann, München, und Herrn Hans Joachim Dopfer, Sigmaringen-Laiz
Werke: Mehrzahl in Kirchen und Klöstern sowie auf Friedhöfen und öffentlichen Plätzen, vor allem in Bayern und Baden-Württemberg. So in Bad Tölz, Bad Buchau, Biberach, Ehingen, Heiligkreuztal, Hechingen, Memmingen, Riedlingen, Scheer a. d. Donau, Saulgau, Waldkraiburg u. a. Orten. Vereinzelt in Städt. und Staatlichen Sammlungen in München sowie in Privatbesitz an den Orten der wichtigsten Henselmann-Ausstellungen: Passau (1954), Augsburg (1962), Biberach (1981), Sigmaringen (1978, 1982, 1988) u. a.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in Familienbesitz München sowie von Preisverleihungen im Besitz des Bayerischen Ministeriums für Unterricht und Kultus; letztes Selbstbildnis (Ego ipse) lebensgroß in Birnbaum in Privatbesitz

Literatur: Vollmer (1955), 2. Bd., 423 (mit Bibliographie); Bruno Effinger, Prof. Josef Henselmann – 80 Jahre, in: Hohenzollerische Heimat 28 (1978), 34-37; Josef Henselmann. Leben und Werk. Vorwort von Karl Baur, 2. Aufl. 1983, Bildtexte von Josef Henselmann; Gisela Linder, Der Bildhauer Josef Henselmann und der Landkreis Biberach. In: Heimatkunde für den Kreis Biberach 6 (1983), 3-7; Manfred Herrmann, Kunst im Landkreis Sigmaringen. Plastik. Hg. Hohenzollerische Landesbank Sigmaringen (1986); Josef Henselmann (1898-1987), in: Heilige Kunst 23 (1986/87) 407-414; Josef Henselmanns jüngste Arbeiten im und am Augsburger Dom, in: Steinmetz und Bildhauer 2 (1987); Josef Henselmann, Unda-Film des Bayerischen Rundfunks (1987), Spieldauer 25 min.
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