Miller, Max 

Geburtsdatum/-ort: 17.10.1901;  Baustetten, Gemeinde Laupheim
Sterbedatum/-ort: 26.06.1973;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Oberstaatsarchivdirektor, Wissenschaftsorganisator
Kurzbiografie: 1915-1919 Obergymnasium und Konvikt Ehingen/Donau
1919-1924 Studium der Theologie und Geschichte Universität (Wilhelmsstift) Tübingen
1925 Priesterweihe
1925-1926 Vikar in Ulm
1926-1929 Spezialuntersuchungen zur Säkularisation in Württemberg
1929 Regierungsrat (später Archivrat) am Staatsarchiv
1930 Promotion zum Doktor der Philosophie
1940 Promotion zum Doktor der Theologie
1951 Archivdirektor und Leiter des Hauptstaatsarchivs Stuttgart
1952-1967 außerdem Referent für Archivwesen im Staatsministerium
1952-1969 Vorsitzender der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte bzw. (seit 1954) der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg
1956 Ritter, 1960 Komtur des Ritterordens vom Heiligen Grab
1958 Großes Silbernes Ehrenzeichen der Republik Österreich
1961 Professortitel des Landes Baden-Württemberg
1965 Ehrendoktor der Universität Fribourg (Schweiz)
1969 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1971 Päpstlicher Ehrenprälat
1971 Ehrenmitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg und des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Eltern: Vater: Johann Baptist Miller, Lehrer (geb. 1863)
Mutter: Katharina, geb. Schmid (geb. 1868)
GND-ID: GND/118733958

Biografie: Gregor Richter (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 236-240

Herkunft und Ausbildung des Priesters Miller entsprechen den typischen Verhältnissen, wie sie im Königreich Württemberg bestanden: Geboren als 5. von 11 lebenden Kindern eines Hauptlehrers und späteren Volksschulrektors, kam er mit 9 Jahren auf die Lateinschule, mit 14 in das Obergymnasium und das Konvikt zu Ehingen. 1919-1924 studierte er als Angehöriger des Wilhelmsstifts in Tübingen katholische Theologie. Die beiderseitigen Großeltern waren noch Bauern im schwäbischen Oberland gewesen. Vielleicht wirkte der Onkel Athanasius Miller, Professor am Internationalen Benediktinerkolleg zu Rom, als Vorbild für Miller bei der Wahl des Priesterberufs.
Der Aufnahme in das damals staatliche Konvikt hatte das sogenannte Landexamen vorauszugehen, das als landesweites Auswahlverfahren für die Vergabe der staatlichen Freiplätze an angehende Theologen in Schule, Konvikt und später an der Universität diente.
Die große Konkurrenz und der Numerusclausus-Charakter verliehen dem Landexamen naturgemäß eine erhebliche Bedeutung, zumal wenn es sich um Söhne aus kinderreichen Familien handelte. Daß Miller im Kriegsjahr 1915 im Landexamen als zweitbester Prüfling des Königreichs abschnitt, brachte den Eltern die willkommene materielle Entlastung in den Ausbildungskosten. Das Ergebnis ließ zugleich die große Begabung und die mit ihr gepaarten Tugenden wie Fleiß und Zielstrebigkeit erkennen. Diese trugen auch im weiteren Verlauf der Studien gute Früchte. So löste der junge Student, der sich eigenen Angaben zufolge neben den theologischen Fächern „von Anfang an der Geschichtswissenschaft“ gewidmet hat, bereits „im zweiten und dritten Semester mit Erfolg die von der Fürstbischöflichen Speyerschen Stiftung gestellte Preisaufgabe über die Lehre von den beiden Schwertern bis zur abendländischen Kirchenspaltung (1378)“. Wenn er im Fach Geschichte insbesondere bei dem kritischen Historiker Johannes Haller hörte und Seminare besuchte, so mag dies für die Aufgeschlossenheit des Studenten wie der Tübinger Fakultät sprechen. Miller bestand 1924 die theologische Prüfung mit der Note Ia, einem Ergebnis, das bei späterer Würdigung als „Jahrhundertexamen“ charakterisiert worden ist.
Wenn der 1925 zum Priester geweihte Miller dennoch keine herausragende kirchliche Karriere machte, sondern im Staatsdienst zu einem der bedeutendsten deutschen Archivare und Förderer landeskundlicher Forschung werden sollte, so hing dies wenigstens anfänglich mit kirchlichen Interessen zusammen. Denn als 1924 auch in Württemberg die Kirchen das Besteuerungsrecht erhielten, tauchte die Frage auf, ob die bisherigen Staatsleistungen an die Kirchen fortzugewähren seien oder ob nicht das einstige Kirchengut längst aufgebraucht wäre oder seinen Wert verloren hätte. Dies zu klären, hielt der Landtag historische Untersuchungen über den Umfang des in Württemberg nach § 35 Reichsdeputationshauptschluß säkularisierten Vermögens für angebracht, und das bischöfliche Ordinariat Rottenburg benannte dafür 1926 den in Ulm tätigen Vikar Miller, der zunächst im staatlichen und danach im bischöflichen Auftrag jeweils 1 1/2 Jahre solche Untersuchungen durchführte. Nebenher schrieb er die nach Anlage und Quellennähe mustergültige, inhaltlich noch immer grundlegende Dissertation über „Die Organisation und Verwaltung von Neuwürttemberg unter Herzog und Kurfürst Friedrich“. 1930 promovierte er damit zum Dr. phil.
Zwischenzeitlich brachte die erfolgreiche Bewerbung um eine freie Regierungsratstelle im Staatsarchiv eine berufsentscheidende Weichenstellung. Der Vorschlag der Archivdirektion, von den 12 Bewerbern Miller auszuwählen, berücksichtigte die guten Noten und die mehrjährigen Archivstudien zum Säkularisationsgut. Obwohl die Kabinettsentscheidung unter Ministerpräsident Eugen Bolz der „Königlichen Verordnung für den höheren Archivdienst ...“ vom 7. Juli 1905 entsprach, regte sich in der Presse Kritik wegen angeblichen Übergewichts der Katholiken im Staatsarchiv. Für das seinerzeitige konfessionelle Klima in Württemberg mag auch dies bezeichnend sein. Wie es nicht anders zu erwarten war, erledigte der junge Archivbeamte Miller mit Fleiß und Sachkenntnis seine Aufgaben, was ihm selbst im 3. Reich Anerkennung der Vorgesetzten einbrachte. Mehrere gewichtige Publikationen entstanden damals, und 1940 erwarb Miller sogar noch den Grad eines Dr. theol. der Universität Tübingen. Nicht alles gefiel den seinerzeitigen Ideologen. So hegte 1939 der Gauschulungsleiter der NSDAP aufgrund von Buchbesprechungen in der Zeitschrift „Die Arbeitslehrerin“ den Verdacht, der „frühere katholische Vikar ... scheint alle Möglichkeiten auszunutzen, um im konfessionellen Sinne zu arbeiten“. Der Parteiideologe empfahl daher „den Regierungsrat Max Miller der besonderen Aufmerksamkeit“ des Ministeriums, das tatsächlich die Einstellung der Mitarbeit in der genannten Zeitschrift verlangte.
Seine distanzierte Haltung gegenüber der NS-Ideologie zeigte Miller sowohl in der Abstinenz bezüglich der Mitgliedschaft in NS-Organisationen, von denen er nur der NS-Volkswohlfahrt und (durch kollektive Übernahme der höheren Archivbeamten) dem NS-Beamtenbund angehörte, sondern auch in seinen wissenschaftlichen Publikationen. Dies allerdings brachte ihm nicht bloß die „Aufmerksamkeit“ des Gauschulungsleiters, sondern in einer ausführlichen Besprechung seiner als Buch veröffentlichten theologischen Dissertation über „Die Söflinger Briefe und das Klarissenkloster Söflingen bei Ulm a. D. im Spätmittelalter“ von keinem geringeren als seinem eigenen Direktor den Vorwurf der Parteilichkeit, nämlich „von gewissen Prämissen aus zu urteilen“, ein, wobei auf den „Zwiespalt zwischen germanisch-deutschem und kirchlich-katholischem Ideal der Sittlichkeit“ verwiesen wurde (ZWLG 1941, 461, 463).
Trotz allem überstand Miller die NS-Zeit ebenso glimpflich wie den 2. Weltkrieg, an dem er von Februar 1943 an als Sanitätssoldat teilnahm, bis er Ende 1944 in englische Gefangenschaft geriet, aus der er im September 1945 zurückkehrte.
In den folgenden Jahren konnte er seine beruflichen Fähigkeiten voll entfalten. Unter dem von ihm wegen der wissenschaftlichen Leistungen und der menschlichen Integrität sehr geschätzten Direktor Dr. K. O. Müller organisierte er den Ausbau des Staatsarchivs Ludwigsburg und die Rückführung der in über 30 Stellen ausgelagerten württembergischen Archivalien. 1951 wurde er in Nachfolge von Archivdirektor K. O. Müller Leiter des Hauptstaatsarchivs und der Archivdirektion Stuttgart, von 1952-1967 war er außerdem Archivreferent im Staatsministerium. Nun ging er mit dem ihm eigenen Schwung an den Aufbau der Archivverwaltung in dem von ihm vorbehaltlos akzeptierten und geförderten neuen Bundesland an die Planung des Wiederaufbaus des kriegszerstörten Gebäudes des Hauptstaatsarchivs, die Verbesserung der Personalausstattung, die Einführung moderner Technik im Restaurierungs- und Fotobereich sowie an die Organisation laufbahnbezogener Ausbildungsgänge. Als Mitglied nationaler und internationaler Gremien wie als langjähriger Schatzmeister des Vereins deutscher Archivare wurde er bald zu einem gesuchten Gesprächspartner, Ratgeber und Gutachter.
Dies galt auch im Lande selbst, wann immer es um landesgeschichtliche oder archivfachliche Belange ging. So konnte er auf die Gestaltung des Landeswappens wesentlichen Einfluß nehmen, was auch bei manchen kommunalen Wappen gelang, dagegen nicht beim Namen des 1952 gegründeten Landes, für den er „Schwaben“ favorisierte. Neue Wege leitete er in der kommunalen Archivpflege ein, für die er den ausgebildeten Facharchivar empfahl und förderte.
Millers große Begabung in der Wissenschaftsorganisation zeigte sich im Hauptamt auch in seiner Publikationstätigkeit, sei es als Autor oder als Herausgeber fachwissenschaftlicher Veröffentlichungsreihen. Herausragend sind die unter seiner Leitung bearbeiteten und publizierten Bände der sogenannten Judendokumentation (Veröffentlichungen der staatlichen Archivverwaltung Bd. 16-20), die erstmals und beispielhaft in Deutschland die Verfolgung und die Schicksale jüdischer Mitbürger 1933-1945 dokumentarisch belegt, die Opfer erfaßt und der jüdischen Gemeinden gedenkt. In ihrer hilfswissenschaftlichen Rolle zeitübergreifend gültig bleiben wird die gleichfalls von Miller eröffnete „Sonderreihe“ „Die Wasserzeichenkartei Piccard im Hauptstaatsarchiv Stuttgart“, die der Publikation der Findbücher zu der unter wesentlicher Förderung durch Miller entstandenen Wasserzeichensammlung gewidmet ist. Und dies sind nur besonders markante Beispiele, die neben anderen von Miller betreuten Publikationsreihen und eigenen Werken stehen.
Als Chef genoß Miller großen Respekt, der vornehmlich auf der beispielgebenden eigenen Leistung und der fachlichen wie menschlichen Autorität fußte. Soweit ihm eine gewisse Strenge eignete, erreichte diese in den Erwartungen gegenüber den Mitarbeitern keineswegs die an sich selbst gestellten Anforderungen, und so sehr er im allgemeinen auf Pflichterfüllung und Leistung sah, so nachsichtig war er, wenn es sich um wirklich Schwachbegabte oder behinderte Menschen handelte. Im übrigen konnte er den vielfältigen Verpflichtungen nur gerecht werden, indem er sich den Mitarbeitern gegenüber auf klare Vorgaben und die Durchsicht der Arbeitsergebnisse beschränkte, was ein besonderes Vertrauensverhältnis voraussetzte und zugleich förderte.
Obwohl die dienstlichen Leistungen im Hauptamt das zu erwartende Maß überstiegen, entfaltete Miller auch als Vorsitzender der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte bzw. der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg eine außergewöhnliche Energie, die zu entsprechend herausragenden Ergebnissen führte. Allein die Gründung der neuen Kommission lediglich 2 Jahre nach der Errichtung des Landes, die wesentlich auf Miller zurückging und nach seinen Vorstellungen der Integration des Landes diente, ist so zu bewerten. Hinzu kommen weit über 100 unter seinem Vorsitz publizierte Veröffentlichungen der Kommission, darunter so gewichtige Werke wie das Landtagsbuch von Walter Grube, Werner Fleischhauers Bücher über die Renaissance bzw. den Barock im Herzogtum Württemberg, die Geschichte der Kartographie von Ruthardt Oehme oder die erste Lieferung zum inzwischen abgeschlossenen Historischen Atlas von Baden-Württemberg.
Bei alldem ist zu beachten, daß Miller nicht selten sogar Einzelheiten der sachlichen Aussagen oder der Formulierungen der zum Druck eingereichten Manuskripte überprüfte. Um so respektvoller blickt man auf die vielen Publikationen aus seiner eigenen Feder. Mit Ausnahme der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre gibt es zwischen 1928-1969 kein Jahr, zu dem seine Bibliographie (ZWLG 1971, S. 1-20) nicht wenigstens einen Titel nennt, überwiegend deren mehrere, zumeist veröffentlicht in Heimatblättern, in kirchlichen oder landesgeschichtlichen Zeitschriften, auch im Historischen Jahrbuch und in wissenschaftlichen Lexika. Unter den Buchpublikationen ragt neben den schon erwähnten Dissertationen heraus die 1951 erschienene Biographie über Eugen Bolz, den er dem Untertitel gemäß als „Staatsmann und Bekenner“ einfühlsam gewürdigt hat. Seine Monographie von 1935 zur „Auswanderung der Württemberger nach Westpreußen und dem Netzegau“ fußte auf ausgedehnten Archivstudien und erfuhr 1972 einen Nachdruck, was ihre fortdauernde Gültigkeit unterstreicht. Dies gilt für das gesamte wissenschaftliche Werk, das Urteilen keineswegs ausweicht und sich durchweg an den Quellen orientiert. Inhaltlich bildeten kirchengeschichtliche Themen einen ersten Schwerpunkt, darunter und daneben immer wieder biographische Studien, dann allgemein landesgeschichtliche Fragen, die Archivtheorie und -praxis.
Der Archivar und Historiker Miller war zugleich aktiver katholischer Priester. Aus den Personalakten ist ersichtlich, daß er sich schon vor dem Krieg zur Verwendung als Wehrmachtseelsorger zur Verfügung gestellt und vom Kriegsbeginn an bis zur Einberufung als Lazarettpfarrer – zumeist an den Wochenenden – Dienst getan hat. In der Gefangenschaft wirkte er als Lagergeistlicher, und auch in den folgenden Jahrzehnten half er, solange die Kräfte reichten, kontinuierlich in der Pfarr- und Altenseelsorge aus. Ja selbst auf Tagungen bot er den katholischen Teilnehmern Gelegenheit zum Besuch einer von ihm zelebrierten Sonntagsmesse. Wie ernst er die priesterlichen Verpflichtungen nahm, zeigte sich etwa dann, wenn er sich auf Dienstfahrten im Auto in das Brevier vertiefte.
Die außergewöhnlichen Leistungen brachten Miller viele Auszeichnungen ein, eine Festschrift der Kommission für geschichtliche Landeskunde zum 60. Geburtstag, Ehrenmitgliedschaften der Kommission, des Vereins deutscher Archivare und des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins. Von alledem wie von den im Vorspann aufgezählten hohen wissenschaftlichen, staatlichen und kirchlichen Ehrungen machte Miller selbst ebenso wenig Aufhebens wie von seiner großen Hilfsbereitschaft.
Der mit seiner Statur zumeist alle anderen überragende Miller erkrankte schwer nur 2 Jahre nach der um 12 Monate hinausgeschobenen Pensionierung. Er verstarb noch nicht 72jährig im katholischen Marienhospital Stuttgart.
Werke: Vgl. „Verzeichnis der Veröffentlichungen von Max Miller“, in: ZWLG XXX 1971, 6-20
Nachweis: Bildnachweise: Foto ZWLG XXX, 1971, 1 und in: Neue Beiträge zur südwestdeutschen Landesgeschichte, Festschrift für Max Miller (VKgLBW Reihe B 21. Bd.) 1962

Literatur: (Auswahl) E. Gönner, Max Miller zum Gedenken, in: Der Archivar 29, 1976, 157-164; W. Grube, In memoriam Max Miller. Sein Wirken als Forscher, Organisator und Publizist, in: Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, 1973, Nr. 53, 2; G. Haselier, Max Miller 1901-1973, in: Archivalische Zeitschrift 71, 1975, 77-88; W. Grube und E. Gönner, [Dem Max Miller gewidmeten Jahresband]. Zum Geleit, in: ZWLG XXX, 1971, 1-5
Suche