Nägele, Reinhold 

Andere Namensformen:
  • Naegele
Geburtsdatum/-ort: 17.08.1884;  Murrhardt
Sterbedatum/-ort: 30.04.1972;  Stuttgart, bestattet in Murrhardt
Beruf/Funktion:
  • Maler, Graphiker
Kurzbiografie: 1890-1899 Dillmann-Realgymnasium in Stuttgart
1899-1904 Lehre als Dekorationsmaler im Betrieb des Vaters
1902-1905 Besuch der Kunstgewerbeschule in Stuttgart
1905-1909 als Dekorations- und Kirchenmaler bei verschiedenen Betrieben in Berlin
1910-1911 Privatstipendium für einen Aufenthalt an der Kunstakademie München, Bekanntschaft mit der Schauspielerin Anna Eichholz (1868-1951), Stuttgart
Anfang 1914 Aufenthalt in Paris
1915 III.01. Kirchenmaler in Breslau; 1. Juli Einberufung zur 1. Kompanie des Ersatz-Bataillons des Grenadier-Regimentes Königin Olga Nr. 119; März 1916 Versetzung zur 2. Kompanie der Flieger-Ersatz-Abteilung 10, Böblingen; Februar 1917 Fliegerbeobachtungsschule West in Diest, Belgien
1919 ansässig in Murrhardt und Stuttgart
1923 Mitbegründer und stellvertretender Leiter der „Stuttgarter Secession“
1937 Ausschluß aus der Reichskammer der Bildenden Künste, seine Frau verliert die Approbation
1938 Berufs- und Ausstellungsverbot; Umzug von Stuttgart nach Murrhardt
1939 VIII.25. Emigration mit seiner Frau nach Großbritannien
1940 Internierung in verschiedenen Lagern, Emigration nach New York, USA: Alice Nägele als Krankenschwester, später als Sekretärin tätig
1943-1948 Anstellung in der Repro-Abteilung des Kunstverlages „Raymond & Raymond“
1944 Hunderte im Güterbahnhof Stuttgart eingelagerte Gemälde u. a. bei einem Bombenangriff zerstört
1945 Ablehnung einer Professur an der Hochschule für Bildende Künste Stuttgart
1952 erster Deutschlandbesuch nach dem Krieg: Besuch bei Theodor Heuss in Bonn, Verleihung des Professorentitels durch das Kultusministerium Baden-Württemberg, Anerkennung der Approbation Alice Nägeles in den USA: Anstellung als Schulärztin in New York
1954 Retrospektive im Stuttgarter Kunstverein zum 70. Geburtstag
1963 V Rückkehr nach Deutschland, Niederlassung in Murrhardt. Ehrenbürgerschaft der Stadt Stuttgart
1971 Bezug des Altenheims Sonnenberg, Stuttgart
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 29.10.1921 Stuttgart, Alice Sarah, geb. Nördlinger (1890-1961 in New York), israelitisch, Dr. med.
Eltern: Karl Friedrich Reinhold (1848-1940), Dekorationsmaler
Albertine Pauline, geb. Zügel (1862-1924)
Geschwister: 2 Schwestern aus 1. Ehe des Vaters
Otto (1886-1945), Dr. med.
Eugen (1887-1976), Kaufmann
Kinder: Kaspar (Caspar) David (1923-1966)
Thomas Ferdinand (geb. 1924), Maler und Graphiker, New York
Philipp Otto (geb. 1928), Musiker, lebt in USA
GND-ID: GND/11873783X

Biografie: Clemens Ottnad (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3 (2002), 270-272

Nach der Ausbildung zum Zimmer- und Schildermaler im Betrieb des Vaters in Murrhardt, und dem Besuch der Stuttgarter Kunstgewerbeschule bricht Nägele 1905 nach Berlin auf, um seine Berufserfahrungen im Handwerk der Dekorationsmalerei zu vertiefen. In der Berliner Zeit wendet sich Nägele vom Brotberuf des Anstreichers, der auf dem Baugerüst nach Rasterzeichnungen Fassadengestaltungen in Großflächen umsetzt, ab. Bereits 1909 kehrt er, nun „freier Maler“, nach Stuttgart zurück. Die Ölmalerei der Jugendzeit weicht rasch der Anwendung von schnell trocknenden Tempera-Farben auf kleinformatigen Karton- oder Holzgründen. Ein Stipendium des Schwäbisch Gmünder Fabrikanten Friedrich Hauber ermöglicht es Nägele, im Herbst 1910 nach München zu gehen. Die Münchner Kunstakademie scheint Nägele selten besucht zu haben, unter Anleitung des Künstlerfreundes Jakob Wilhelm Fehrle (1884-1974) eignet er sich druckgraphische Techniken, besonders die der Radierung an. Neben dem malerischen Werk und den Hinterglasbildern (1922/23 und vom Ende der 1950er Jahre an) entsteht so zwischen 1910 bis 1915 und von 1919 bis 1933 ein über 400 Arbeiten umfassendes Radierwerk! Die Radierungen werden bis 1930 von Hans und Ernst Fries gedruckt; ab 1954 stellen Poldi Domberger und zuletzt Paul Kälberer, um 1970, Abzüge von den alten Platten her. Unter kommerziellen Aspekten fertigt Nägele seit 1910 außerdem zahlreiche Ex-Libris-Radierungen und andere Gelegenheitsgraphik an. Die Druckgraphik der frühen Münchner Zeit ist von einer dem Jugendstil verpflichteten sphärischen Erotik durchwoben, die Elemente einer märchenhaft surrealen Vegetabilienwelt setzen sich jedoch bis in Nägeles Spätwerk fort. 1912 ist die erste Ausstellung Nägeles im Stuttgarter Kunsthaus Schaller nachweisbar.
Die Förderung durch militärische Vorgesetzte erlaubt Nägele auch während der Kriegszeit bildkünstlerische Betätigung. Gemalte Kasernen- und Lazarettinterieurs sowie die Arbeit an den Radierungen zum „Belgischen Schwarzweißbuch“ (1920) dokumentieren den soldatischen Alltag in der Etappe. Nägele setzt diesen Chronistenstil in seinen „Revolutionsbildern“ fort, in denen er sich auf die Unruhen im Jahr 1919 in Stuttgart, Berlin und Wien bezieht. Im November 1919 wird in Murrhardt der Rohbau des als ländliches Refugium konzipierten „Häusle“ fertiggestellt. Ausstattung und Farbgestaltung des kleinen Blockhauses sowie die Auseinandersetzung mit den Hand- und Bildwerken der Volkskunst vermitteln den ganzheitlichen Gedanken des „Gesamtkunstwerkes“, wie er zeitgleich in anderen Künstlergruppen, etwa in Worpswede oder im Umkreis des „Blauen Reiters“ in Murnau, wirkt. Nägele nimmt aber ebenso Anteil an dieser Privatarchitektur wie an städtebaulicher Entwicklung. Der Neubau des Stuttgarter Bahnhofes, der Tagblatt-Turm, die Weißenhof-Siedlung und andere Stuttgarter Großbaustellen spielen als Bildmotive im Verlauf der 1920er Jahre für Nägele die entscheidende Rolle. Hinter Heinrich Altherr wird Nägele im Frühjahr 1923 zweiter Vorsitzender der Stuttgarter „Secession“. 1924 und 1928 dokumentiert Nägele in verschiedenen Gemälden seine Tätigkeit in der Künstler-Jury, bei Aufbau und Eröffnung der Ausstellung. Der Stuttgarter Sammler Hugo Borst, der seit 1914 bis in die späten 1930er Jahre zahlreiche Werke Nägeles erwirbt, veranstaltet noch 1934 eine Gemeinschaftsausstellung von Arbeiten Nägeles und des Bildhauers J. W. Fehrle.
Das 1933 über Nägeles jüdisch-stämmige Frau Alice verhängte Verbot, ihren Beruf als Ärztin auszuüben, und das in dieser Folge 1938 von der Reichskammer der Bildenden Künste über Nägele als „jüdisch Versippten“ ausgesprochene Ausstellungs- und Berufsverbot führt zu einer existenziellen Zwangslage. Als Bild gewordener Rückzug ins Private können die seit 1935 vermehrt auftretenden Stilleben-Darstellungen gelten. Auch die Übersiedlung ins ländliche Murrhardt kann die Familie jedoch nicht dauerhaft vor dem Zugriff der Nationalsozialisten schützen, so daß die drei Söhne 1937 mit der Hilfe amerikanischer Verwandter Alice Nägeles nach Großbritannien gebracht werden. Das Ehepaar Nägele folgt erst Ende August 1939 nach! Über Kanada kommend erreicht Nägele mit seiner Familie 1940 New York, wo er in einer von der Abstraktion beherrschten Kunstszene nicht Fuß fassen kann. Mit der Arbeit in einem New Yorker Kunstverlag versucht Nägele den Lebensunterhalt für seine Familie zu verdienen. Die Vertreibung aus dem NS-Deutschland führt zunächst zu einer Heimat- und Verbindungslosigkeit, die Nägele mit Bildwiederholungen und Varianten schwäbischer Landschaftsmotive zu überwinden sucht. Im Lauf der 1940er Jahre setzt sich Nägele mit der amerikanischen Naturlandschaft in Vermont genauso wie mit der Architektur der skyscraper in New York (ab 1941) auseinander. Selbst Nägeles Leidenschaft für Bahnstrecken manifestiert sich in den New Yorker „Subway-Bildern“ (seit 1956) neu.
1946 lehnt Nägele eine Professur an der Hochschule der Bildenden Künste in Stuttgart ab, da Alice Nägele auf Dauer nicht mehr in Deutschland leben möchte. Nach dem Tod seiner Frau kehrt er 1963 jedoch in sein „Häusle“ nach Murrhardt zurück, wo noch wenige Hinterglasbilder, die um die Thematik Leben und Tod kreisen, entstehen.
Die Betonung des Linearen bleibt auch in Nägeles Gemälden deutlich sichtbar: Eisenbahn- und Straßenbahnschienen, Telegraphendrähte und -mästen, Brückenkonstruktionen und andere Architekturformen gliedern als Liniengeflechte die Landschaftskomposition. Daneben existieren die Architekturphantasien und Flugbilder auch als Nocturni. Darstellungen, in denen menschliche Figuren, so vorhanden, nur Staffagematerial in der Landschaft oder Architektur sind, Bahngeleise ohne die sie befahrenden Züge oder die „toten“ Gegenstände der Stilleben, die, plötzlich beseelt, ein Eigenleben entwickeln, lassen Nägeles Kunst als eigenwillige Ausprägung eines träumerischen Magischen Realismus erscheinen. In der Verbindung mit der großen Fabulierfreude im kleinen Format und seinem schwäbischen Mutterwitz führt Nägeles der Neuen Sachlichkeit nahestehender Zeichenstil oft zu surrealistischen Bilderfindungen. Die Vogelschau-Perspektiven, die letztlich auf die eigene auf hohen Malergerüsten verbrachte Lehrzeit verweisen, kennzeichnen das künstlerische Sehen und Schaffen Nägeles. Bilder einer phantastischen „Ballonfahrt“ (1929), die zahlreichen Zirkusbilder, insbesondere das Genre des Drahtseilaktes, und die Darstellungen der Achterbahn verschiedener Jahrmärkte, von der real erlebten in Cannstatt bis hin zum als solche allegorisierten „Parteipanorama“ (1925), belegen die Faszination, die diese Bewegungsmotive auf ihn ausüben. Noch eines der letzten Tempera-Bilder Nägeles ist die Darstellung der „Mondlandung“ von 1969.
Quellen: Rathaus Murrhardt; Staatsgalerie Stuttgart, Depositum der Nachkommen Reinhold Nägeles; DLA (Briefe und Photos in den Nachlässen Erwin Ackerknecht, Fritz Rahn, Franz Wolfgang Rath); Galerie der Stadt Stuttgart (Briefe und Bilderlisten); Th. F. Naegele, New York
Werke: Werkverzeichnis der Gemälde und Hinterglasbilder (B. Reinhardt) und Verzeichnis der Radierungen (D. Hannemann) bei Reinhardt 1984 (vgl. Literatur); Werkverzeichnis der Exlibris (1912-1924) in: Thomas Naegele (Zusammengestellt, mit Vorwort von Ulrich Ott, Einführung Elke Schutt-Kehm), Reinhold Nägele, Exlibris, Deutsche Schillergesellschaft, 1989, 27-82
Nachweis: Bildnachweise: Selbstbildnisse und Photographien aus verschiedenen Lebensaltern bei Reinhardt 1984 (vgl. Literatur)

Literatur: ThB 1931, 25, 326; Vollmer 1956, 3, 455; Brigitte Reinhardt, Reinhold Nägele. Mit Einführung von Thomas F. Nägele, Werkverzeichnisse von Brigitte Reinhardt und Dieter Hannemann, 1984 (ausführliche Bibliographie und Quellenangaben, Ausstellungsdaten, Nachweis von Arbeiten in öffentlichem Besitz); Brigitte Reinhardt, Reinhold Nägele und die „Stuttgarter Sezession“, in: Stuttgarter Sezession. Ausstellungen 1923-1932 und 1947, Bd. 1, Ausstellungskatalog Städtische Galerie Böblingen/Galerie Schlichtenmaier Grafenau (Red. Hans-Dieter Mück, Harry Schlichtenmaier) 1987, 81-83; Reinhold Nägele (im Künstlerverzeichnis detaillierte Angaben zu den in der Sezession Stuttgart 1923-1932 ausgestellten Arbeiten Nägeles), ebda, 153-156; Galerie Schlichtenmaier, Schloß Dätzingen (Hg.), Reinhold Nägele. Radierungen. Zeichnungen. Lagerkataloge, 1989 und 1990; Brigitte Reinhardt, Reinhold Nägele, in: Paul Kälberer, Kunst der Neuen Sachlichkeit in Schwaben. Ausstellungskatalog Kunstmuseum Hohenkarpfen/Dominikanermuseum Rottweil 1992, 43-49 (entnommen aus Reinhardt 1984); Helmut Götz (Zusammengestellt, mit Einführung von Thomas F. Nägele in Reimen), Reinhold Nägele. Das Radierwerk, Städtische Kunstsammlung Murrhardt, 1992; Reinhold Nägele. Bilder der Stadt, Ausstellungskatalog Städtische Galerie Böblingen und Städtische Kunstsammlung Murrhardt 1993/94; Clemens Ottnad, Reinhold Nägele – halb „Flieger“, halb „Maler“, in: Reinhold Nägele. Paul Kälberer. Radierungen, Ausstellungskatalog Städtische Galerie Albstadt 1995, 11-24
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