Rothfels, Hans 

Geburtsdatum/-ort: 12.04.1891; Kassel
Sterbedatum/-ort: 22.06.1976;  Tübingen
Beruf/Funktion:
  • Historiker, Verfolgter des NS-Regimes
Kurzbiografie: 1900-1909 Königliches Friedrichs-Gymnasium Kassel
1909-1914 Studium der Geschichte an den Universitäten Freiburg i. Br., München, Berlin
1910 Übertritt zur evangelischen Kirche
1914-1917 im Felde und im Lazarett
1917/18 Studium der Geschichte und Politik in Heidelberg
1918 Dr. phil. Heidelberg („Carl von Clausewitz, Politik und Krieg. Eine ideengeschichtliche Studie“, Berlin 1920; ND 1980)
1920-1924 Archivrat am Reichsarchiv Potsdam
1923 Habilitation in Berlin („Bismarcks englische Bündnispolitik“, Stuttgart 1924)
1924-1926 Privatdozent Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin
1926-1934 ordentlicher Professor Albertus-Universität Königsberg i. Pr.
1934-1936 erzwungenes Ende der Königsberger Lehrtätigkeit, Emeritierung, Entzug der Lehrbefugnis, Übersiedlung nach Berlin-Nikolassee
1939 VIII St. John’s College, Oxford; Internierung auf der Isle of Man
1940-1946 Gastprofessor Brown University, Providence R. I.
1946-1951 Full Professor University of Chicago
1951 Berufung an die Eberhard-Karls-Universität Tübingen (und Lehrtätigkeit in Chicago 1953 und 1956)
1954 Ruf nach Göttingen abgelehnt
1959 Emeritierung; Vertretung des Lehrstuhls bis zum Antritt des Nachfolgers 1961
1953-1976 Herausgeber der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (mit Th. Eschenburg u. a.); Vorsitzender des Beirats des Instituts für Zeitgeschichte, München; Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, des Johann Gottfried Herder-Forschungsrates, der Baltischen Historischen Kommission, des Beirats für das Theodor Heuss-Archiv, des Max Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, der Parteienrechtskommission des Bundesministeriums des Innern, der Kommission zur Herausgabe der Dokumentation der Vertreibung
1958-1962 Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands
1960 deutscher Haupteditor des internationalen Herausgeberkollegiums für die Veröffentlichung der Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik; Mitglied der Heidelberger Akademie, Korrespondierendes Mitglied der Göttinger Akademie
1961 Orden pour le mérite für Wissenschaft und Künste; Dr. jur. h. c. (Freiburg), Bundesverdienstkreuz, mit Stern 1964
1971 Hölderlin-Plakette der Stadt Tübingen
1976 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
Weitere Angaben zur Person: Religion: mosaisch, evangelisch
Verheiratet: 1. 1918 Hildegard, geb. Consbruch
2. 1963 Adelaide, geb. Freiin von dem Bussche-Ippenburg
Eltern: Vater: Max Rothfels (1855-1934), Rechtsanwalt und Notar
Mutter: Clara, geb. Wallach (1862-1914)
Geschwister: 1 Schwester, 1 Bruder
Kinder: aus 1. Ehe 3 Söhne, 1 Tochter
GND-ID: GND/118749943

Biografie: Bernhard Mann (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 306-309

„Zur Krise des Nationalstaats“ – unter diesem Titel faßte Rothfels im November 1952 den geistigen Ertrag seines intensiv erlebten und erlittenen Lebens zusammen. Ungewöhnlich war der Anlaß, die Antrittsvorlesung eines bald 62jährigen, außergewöhnlich die Person, eindrucksvoll und bezaubernd durch das Fehlen jeder Prätension bei höchstem geistigen und sittlichen Anspruch. Liberaler Amerikaner und konservativer Deutscher, gläubiger evangelischer Christ aus jüdischer Familie, geprägt vom Geist des östlichen Deutschland und Warner vor einer Abkehr vom Westen, Preuße und Bürger des altwürttembergischen Tübingen, das er sich zur Heimat machte – diese Stichworte bezeichnen die Spannungen, die er für sich fruchtbar machte und zu deren Erkenntnis er seine Hörer und Leser bringen wollte.
Sein eigentlicher Lehrer im Studium 1909 bis 1914 in Freiburg, München und Berlin und noch lange danach war Friedrich Meinecke, auch wenn er 1918 von Hermann Oncken in Heidelberg promoviert wurde. Wie Meinecke in seinem bahnbrechenden Werk über „Weltbürgertum und Nationalstaat“ (1907 u. ö.) verstand Rothfels unter „Politik“ nicht ihr Getriebe, die Techniken von Machterwerb, Machterweiterung und Machterhalt, sondern „eine zugleich erkenntnis- und willensmäßige Bemühung um überindividuelle Aufgaben“, eine „in wechselnden Formen erneute Hingabe an den Reichtum und den Ernst der Probleme, die den großen Raum zwischen Einzelpersönlichkeit und Ewigem füllen“. So jedenfalls formulierte es der junge Historiker, der nach kurzem Kriegsdienst und schwerer Verwundung, Amputation eines Oberschenkels und jahrelangem Lazarettaufenthalt in seiner Dissertation die Analyse der Grundprobleme seines Staates während des Weltkriegs zu bewältigen versuchte. Sie haben Rothfels zeitlebens beschäftigt, wie er denn seine Themen überhaupt immer wieder neu aufgriff und immer differenzierter und präziser zu bearbeiten suchte.
Erst recht gilt das für seine Beschäftigung mit der größten, vielschichtigsten und umstrittensten Gestalt der jüngeren deutschen Geschichte, mit Bismarck. Die Erforschung seiner Sozialpolitik war Rothfels als Archivar am Reichsarchiv (1920-1924) aufgegeben, über seine Außenpolitik habilitierte er sich 1923 in Berlin, über seine Staatsanschauung gab er 1925 ein Lesebuch aus den Quellen heraus. 1926 als ordentlicher Professor nach Königsberg berufen, kam er dort bald zu einer ganz neuen und vertieften Deutung seiner Politik. Der Nationalstaat, der vorigen Generation noch die Erfüllung der deutschen Geschichte, wurde Rothfels fragwürdig, noch bevor Hitler und der Nationalsozialismus ihn outrierten, heillos diskreditierten und schließlich in den moralischen und physischen Untergang trieben. Der Kampf gegen „Versailles“, in den er sich gleichzeitig einreihte (wie fast alle deutschen Neuhistoriker jener Jahre), gegen die einseitige Zurechnung der Schuld am Kriege an die Verlierer und gegen die ebenso einseitige Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker auf ihre Kosten, schien ihm kein Widerspruch dazu; er sah in der Neuordnung des Ostens nach 1918/19 vor allem die Machtpolitik Frankreichs am Werk, während Bismarck aus tieferer Einsicht sich dezidiert gegen eine solche nationale Organisation dieser „Ostzone“ gewandt hatte, die zu ihrer permanenten Revolutionierung führen müsse. Auch innenpolitisch habe sich Bismarck dem westlichen Modell versagt und mit seiner Sozialpolitik versucht, die Gesellschaft nicht von der Nation, sondern vom Staat her zu organisieren. Zusammen mit seinen Studenten lernte er von Königsberg aus die von Westeuropa grundsätzlich verschiedene Struktur Osteuropas begreifen, wo die Nationen in meist unentwirrbarer Gemengelage zusammenlebten und Nationalstaaten deshalb nur um den Preis der Unterdrückung nationaler Minderheiten möglich waren. Deutlicher als im übrigen „Reich“ war hier die tiefe Krise der überkommenen Ordnung zu spüren, ohne daß schon klar zu sehen war, wo eine neue zu suchen sein würde. Studienfahrten zu den Deutschen der jungen baltischen Staaten, die Beschäftigung mit ihrer Geschichte, die Auseinandersetzung mit der polnischen Politik und Geschichte, die historische Erforschung dessen, was man heute die „Politische Kultur“ Ostpreußens und dieser Länder nennen würde, all das wies Rothfels je länger je mehr darauf, Nationszugehörigkeit im kulturellen Sinne von der Staatszugehörigkeit im politischen ebenso zu trennen wie etwa das religiöse Bekenntnis und sie ähnlich zu organisieren. Auf dem letzten freien Historikertag 1932 in Göttingen konnte er den Ertrag seiner Studien in einem vielbeachteten Vortrag über „Bismarck und der Osten, ein Beitrag zu einigen Grundfragen deutscher Geschichtsauffassung“ noch zusammenfassen.
Die nun an die Macht kommenden Nationalsozialisten begannen alsbald damit, den Schwerkriegsbeschädigten Frontoffizier und konservativen Historiker als „Juden“ aus dem Amt zu drängen. Seine enge Gemeinschaft mit seinen Studenten, in die auch seine Frau und seine vier Kinder einbezogen waren, ermöglichte ihm zunächst ein Widerstehen, sein Mut und die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Nationalsozialismus sein Weiterkämpfen um Arbeits- und Wirkungsmöglichkeiten auch nach der erzwungenen Emeritierung und Ausweisung nach Berlin 1934 bis 1939. Nur Tage vor Kriegsbeginn emigrierte Rothfels nach England und dann nach den USA, wo er sich mit großer Anstrengung einen neuen Wirkungskreis aufbauen konnte, zunächst als Gastprofessor in Providence (R. I.), 1946 bis 1951 als Lehrstuhlinhaber in Chicago. Er wurde amerikanischer Bürger, ohne Deutschland hinter sich zu lassen. Der Clausewitz-Forscher bekämpfte die „unconditional surrender“-Formel als Abdankung der Politik und die verbreitete Identifizierung aller und alles Deutschen mit dem Nationalsozialismus. Erste und bleibende Frucht dieser Bemühungen war ein Vortrag und dann ein Buch über „The German Opposition to Hitler“ (1947/48) aufgrund der damals zugänglichen Zeugnisse.
Eine Rückkehr nach Deutschland hielt er zunächst nicht für möglich, weil seiner Überzeugung nach das Wirken eines Hochschullehrers auf einer engen Erfahrungs- und Erlebnisgemeinschaft mit seinen Studenten beruhte; Rufe nach Erlangen und Heidelberg 1947 lehnte er ab. Als es zwei Jahre später, nach verschiedenen Gastvorlesungen und Kolloquien und einem wiederum aufsehenerregenden Bismarck-Vortrag auf dem ersten Nachkriegs-Historikertag 1949 in München um Tübingen ging, nahm er nach einigem Zögern an; vom Sommer 1951 an hat er dort zehn Jahre lang die vollen Lehrverpflichtungen an einer schon damals überfüllten Universität höchst engagiert und gewissenhaft erfüllt. Ohne darüber viele Worte zu verlieren, analysierte er die deutsche Katastrophe nicht von außen und oben, sondern als einer, der den Weg in und durch sie von Anfang bis zu Ende mitgemacht hatte und sich der Verantwortung dafür stellen mußte. Seine Autorität war natürlich und groß, groß war aber auch seine in festen Überzeugungen gegründete Liberalität; seine Schüler schrieben ihre eigenen Arbeiten, nicht die des Lehrers. Er formulierte abgewogen und trotzdem unmißverständlich. Bloße Restauration, wie man sie der Ära Adenauer vorzuwerfen liebt, lag auch ihm fern, aber ebenso lehnte er ein Sich-Fortstehlen aus der Geschichte ab. Die zwölf Jahre hatten ihn gelehrt, daß Deutschland zum Westen gehörte, seine historisch-politische Erfahrung ließ ihn die Überzeugung aussprechen, daß an eine Wiedervereinigung des geteilten Landes so lange nicht zu denken sei, als die Politik der Sowjetunion in der Teilung Deutschlands einen größeren Vorteil sah als in der Einheit. Eine erneuerte sittliche Grundlage, ohne die ihm der staatliche Wiederaufbau unmöglich schien, suchte er zu gewinnen durch die immer klarere Erkenntnis der nationalsozialistischen Verbrechen wie der Gegenkräfte, die nur scheinbar vergebens gegen sie aufgeboten worden waren. Dem dienten neben seiner Lehrtätigkeit sein Buch über „Die deutsche Opposition gegen Hitler“, an dem er von Auflage zu Auflage weiterarbeitete, seine Bemühungen um die Begründung und Festigung des Faches „Zeitgeschichte“, seine Arbeit für und durch das Münchener „Institut für Zeitgeschichte“ und dessen „Vierteljahrshefte“, die er bis zu seinem Tode höchst engagiert redigierte. Unermüdlich und unter Hintanstellung anderer Vorhaben – er hat weder das große Buch über Bismarck und seine Sozialpolitik noch das über das Nationalitätenproblem seit 1789 noch auch das über „Gesellschaftsform und auswärtige Politik“, für die er ein Leben lang gearbeitet hatte, geschrieben – diente er dieser von ihm als vordringlich eingestuften Aufgabe, als Mitherausgeber der „Dokumentation der Vertreibung“, deutscher Hauptherausgeber der „Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945“, in einer ausgedehnten publizistischen und Vortragstätigkeit inner- und außerhalb der Universität. Er engagierte sich in vielen Kommissionen, Kollegien und Gremien: im „Verband der Historiker Deutschlands“, dessen Vorsitzender er von 1958 bis 1962 war, in der Heidelberger Akademie, im Orden pour le mérite (seit 1961) – um nur diese zu nennen. Ganz frei von persönlicher Eitelkeit war er doch stolz darauf, daß er berufen wurde, 1965 vor dem Deutschen Bundestag Bismarck zu seinem 150. Geburtstag zu würdigen.
Die deutsche Geschichtswissenschaft freilich lenkte in jenen Jahren in Bahnen ein, die er für letztlich am Wesentlichen vorbeiführend hielt. Nicht bereit, sich selbst historisch zu sehen, bestand er auf dem, was er „perspektivische Objektivität“ nannte und für das einzige Heilmittel gegen die „Anarchie der Werte“ eines relativistischen Historismus hielt: „den Fragen seines eigenen Lebens tieferen Sinn zu geben und zugleich an das Geschichtliche Fragen zu stellen, die nicht auf Beliebiges, sondern das jeweils Wesentliche gerichtet sind, nicht auf wertindifferentes Geschehen und auch nicht auf Beweismittel für Parteidoktrinen, sondern auf den Menschen in seiner Beziehung zur Menschlichkeit“.
Quellen: Nachlaß im BA Koblenz, NL 213 (3 lfm.)
Werke: (Auswahl) Verzeichnis der Veröffentlichungen in: Aspekte deutscher Außenpolitik im 20. Jahrhundert, hg. von Wolfgang Benz und Hermann Graml, Stuttgart 1976, 287-304. Carl von Clausewitz, Politik und Krieg, Berlin 1920, ND 1980; Bismarcks englische Bündnispolitik, Stuttgart 1924; Theodor Lohmann und die Kampfjahre der staatlichen Sozialpolitik (1871-1905) Berlin 1927; Bismarck und der Osten, Leipzig 1934; Ostraum, Preussentum und Reichsgedanke, Leipzig 1935; The German Opposition to Hitler. An Appraisal, Hinsdale/Ill., 1948 dt.: Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung. Krefeld 1949, 2. Aufl. 1951, 3. Aufl. 1958, 4. erweiterte Ausgabe 1969, Neuausgabe 1994 durch Friedrich Freiherr Hiller von Gärtringen; Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Vorträge und Aufsätze, Göttingen 1959; Bismarck. Vorträge und Abhandlungen, Stuttgart 1970
Nachweis: Bildnachweise: Büste von Peter Steyer (1968) im Gästehaus der Universität Tübingen; Fotos in den Festschriften und in Attempto (vgl. Literatur)

Literatur: Deutschland und Europa [Festschrift für Hans Rothfels, hg. von Werner Conze], Düsseldorf 1951; Geschichte und Gegenwartsbewußtsein. Festschrift für Hans Rothfels hg. von Waldemar Besson und Friedrich Freiherr Hiller von Gärtringen, Göttingen 1963; Hans Mommsen, Geschichtsschreibung und Humanität – Zum Gedenken an Hans Rothfels, in: Aspekte deutscher Außenpolitik im 20. Jahrhundert, hg. von Wolfgang Benz und Hermann Graml, Stuttgart 1976, 9-27; ders., in: Deutsche Historiker, hg. von Hans-Ulrich Wehler, Bd. 9, Göttingen 1982, 127-147; Bernhard Mann, Hans Rothfels zum Gedächtnis, in: Attempto 59/60 (1977) 116-118; Werner Conze, Hans Rothfels, in: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1977, 55-58; ders., in: HZ 237 (1983) 311-360
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