Rüstow, Alexander 

Geburtsdatum/-ort: 08.04.1885; Wiesbaden
Sterbedatum/-ort: 30.06.1963;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler
Kurzbiografie: 1903 Abitur, Bismarck-Gymnasium Berlin
1903-1908 Studium der Mathematik, Physik, Philosophie, Psychologie, klassische Philologie und Nationalökonomie an den Universitäten Göttingen, München und Berlin
1908 Promotion Universität Erlangen, Dissertation: „Der Lügner: Theorie, Geschichte und Auflösung“
1908-1914 wissenschaftliche Abteilungsleiter des B. G. Teubner-Verlags Leipzig
1914-1918 Teilnahme als Offizier am I. Weltkrieg (Eisernes Kreuz 1. und 2. Klasse, Hausorden der Hohenzollern)
1919-1924 Referent im Reichswirtschaftsministerium, Pläne zur Nationalisierung der Schlüsselindustrien, federführend für die „Verordnung gegen den Mißbrauch wirtschaftlicher Machtstellung“ (1923)
1924-1933 Syndikus und Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung des Vereins deutscher Maschinenbauanstalten (VdMA)
1933-1949 Prof. Wirtschaftsgeographie und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Istanbul
1949-1963 Prof. der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Heidelberg
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1. 1908 Mathilde, geb. Herberger
2. 1926 Anna, geb. Bresser
3. 1933 Lorena, geb. Gräfin Vitzthum von Eckstädt
Eltern: Vater: Hans Adolf August Rüstow, General-Leutnant der Artillerie (1858-1943)
Mutter: Bertha Ottilie, geb. Spangenberg (1862-1940)
Geschwister: 4 Schwestern
1 Bruder
GND-ID: GND/118750291

Biografie: Gottfried Eisermann (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 230-232

Rüstow wuchs in verschiedenen Garnisonsstädten unter der Obhut eines strengen, später zum General aufgestiegenen Vaters und einer kränklichen Mutter mit pietistischen Neigungen hauptsächlich in Berlin als ältestes von fünf Geschwistern auf. Schon in seiner Schulzeit, sogar als Mitträger, wurde er geistig und charakterlich von der deutschen Jugendbewegung geprägt, die lebenslange wissenschaftliche und freundschaftliche Bindungen für ihn schuf, auch nachdem er sich organisatorisch (1913) von ihr gelöst hatte. Eine vielseitige Begabung ließ ihn sich frühzeitig wissenschaftlichen Neigungen zuwenden, die zunächst in seiner Dissertation über den bekannten antiken Fangschluß des kretischen „Lügners“ gipfelten, die als „wahrlich bahnbrechend“ bezeichnet wurde, aufgrund derer ihn „die zeitgenössische wissenschaftliche Geschichte der Logik als ihren ersten Forscher ehren“ kann (Bocheński). Die Arbeit an der Herausgabe der jedem Gymnasiasten gut erinnerlichen Bibliotheca Scriptorum Graecorum et Romanorum vertiefte für immer seine Beziehung zur Antike, die ständige Spuren in seinem wissenschaftlichen Werk hinterließ. Seine in den Jahren 1911 bis 1914 vorbereitete Habilitation mit einer Arbeit über Parmenides an der Universität München scheiterte indes am Ausbruch des I. Weltkrieges. Im Krieg selbst bewährte er sodann fast wider Willen die ererbten Offizierstugenden als mehrfach verwundeter und hochdekorierter Reserveleutnant der Feldartillerie und Erkundungsoffizier.
Seine Tätigkeit im Reichswirtschaftsministerium, damals noch überzeugter Marxist und Sozialist, verschaffte ihm das Erlebnis der gescheiterten Sozialisierungsbestrebungen, aber auch die Einsicht, daß es durchaus von der Wirtschaftspolitik des Staates abhinge, ob dem Unternehmer die Flucht ins Monopol offenstünde oder nicht. Mit der für ihn charakteristischen Offenheit bekundete er später, selbst einmal im Bann dieser Heilslehre gestanden zu haben, und daß es ihm nicht leichtgefallen sei, diesen Bann zu brechen (Ortsbestimmung, III, 648). Seine Tätigkeit beim Verein deutscher Maschinenbauanstalten in den Jahren 1924-1933 vertiefte diese Abkehr, so daß er sich mehr und mehr die Auffassung zu eigen machte, es bliebe „uns nichts anderes übrig, als mit dem Mut der Verzweiflung nach dem ,dritten Weg' zu suchen, der zwischen dem zusammengebrochenen historischen Liberalismus und dem drohenden Kollektivismus die Menschheit zu einer neuen Möglichkeit führt, als Mensch menschlich und menschenwürdig zu leben“ („Versagen des Wirtschaftsliberalismus“, 1945, 90). Im Herbst 1932, als es in Deutschland fünf Millionen Arbeitslose gab und die wirtschaftliche Not ihren politischen Ausdruck in der tiefreichenden Erschütterung der Weimarer Republik fand, als sich der Verein für Socialpolitik vor seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten zu seiner letzten Tagung 1932 in Dresden versammelte, trat Rüstow als erster mit seinem grundlegenden Referat auf, das die Grundlinien der später, auf seine Anregung hin, sogenannten „neoliberalen Schule“ entwickelte (Interessenpolitik oder Staatspolitik?, in: Schriften des Verein für Socialpolitik, Band 187, 1933). Es folgte die freiwillige Emigration, zunächst nach Zürich, von wo er durch Vermittlung der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft an die Universität Istanbul berufen wurde. Hatte er einst unter dem Einfluß des philosophischen Rationalismus von Leonard Nelson (1882-1927) gestanden, der die Erkenntnistheorie des Kantschülers Jacob Friedrich Fries wiederzubeleben suchte, so fand er am Bosporus nach den freundschaftlichen Anregungen durch Gerhard Colm, Adolf Löwe und Eduard Heimann einen anregenden Kreis gleichfalls emigrierter deutscher Kollegen vor, von denen die namhaftesten der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin Ernst Reuter, der Finanzwissenschaftler Fritz Neumark und der gleichgesinnte Wilhelm Röpke waren, mit dem in intensiven Gesprächen das Konzept des „Neoliberalismus“ gegenüber dem „Paläoliberalismus“ – ebenfalls eine Wortschöpfung von Rüstow – immer weiter entwickelt wurde. Dennoch verbrachte er nach dem Weggang seiner meisten Freunde in die Vereinigten Staaten den größten Teil seiner Exiljahre mit Ausnahme eines längeren Aufenthalts in Genf von 1939 bis 1940 in relativer Isolation in Kadiköy in seinem Arbeitszimmer mit seiner herrlichen Bibliothek am Eingang zum Marmarameer gelegen. Durch emsige Korrespondenz schuf er dennoch hier die Verbindung zu einer Gruppe gleichgesinnter Ökonomen, die später als die neoliberale Schule bekannt wurde und deren hervorragendstes Mitglied der spätere Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard wurde. Diese relative Isolation verschaffte ihm zugleich aber auch die Muße, seine verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen, teilweise auf stark divergierenden Gebieten, auszuarbeiten, deren wichtigste der zunächst schmale Entwurf, der immer voluminöseren Umfang annehmen und schließlich drei Bände umfassen sollte, zu seiner „Ortsbestimmung der Gegenwart“. Es handelt sich hierbei um nicht mehr und nicht weniger, als dem wirtschaftspolitischen Konzept der neoliberalen Schule das geschichts- und kultursoziologische Fundament zu schaffen.
In der Tradition der Heidelberger kultursoziologischen Schule, als deren „Vollender“ in dem Hegelschen Doppelsinn man ihn zu sehen hat, wiewohl ganz und gar originärer geistiger Herkunft, weder den Einfluß von Karl Marx noch von Max Weber verleugnend, in deren Nachfolge er sich sah, zielte Rüstow hier auf eine genetisch-geschichtssoziologische Totalanalyse der „Vitalsituation“ der gegenwärtigen Menschheit. Auf umfassende ethnologische, prähistorische, archäologische, ökonomische und universalhistorische Forschungen gestützt, die zwangsläufig zugleich die Kritik der respektiven Fachgelehrten herausfordern mußten, erneuerte er höchst eindrucksvoll die Gumplowicz-Oppenheimersche soziologische Staatstheorie, indem er zugleich den Nachweis ihrer weit über den politisch-staatlichen Bereich hinausgehenden Bedeutung zu erbringen suchte. Seine „Überlagerungssoziologie“ sieht so den eigentlichen „Sündenfall“ in der blutigen Überwältigung und „Überlagerung“ von friedliebenden und seßhaften Bauernvölkern durch kriegerische Nomaden, woraus für die Folgezeit trotz der Ermöglichung der Hochkulturen die Beherrschung und Ausbeutung der Mehrheit der Menschen durch eine jeweilige Minderheit resultierte. „Als Erbfluch und Ursünde lastet sie, und sei es auch noch so verborgen, auf allem, was aus ihr entsprang“.
Diese Erkenntnisse bildeten gleichzeitig die Belege für das „Gesetz der Kulturpyramide“, das man deutlicher das „Gesetz der Verhältnismäßigkeit zwischen Grundflächenbreite und möglicher Spitzenhöhe der Kulturpyramide“ nennen könnte. Andererseits mußte Rüstow die nach dem Tod von P. Wilhelm Schmidt eingetretene Krise der Wiener kulturhistorischen Schule, deren Theorien zu einem wesentlichen Teil das Fundament seiner eigenen Auffassungen bildete, schmerzlich treffen. Auch dadurch wurde natürlich seine schwierige Position innerhalb der Philosophischen Fakultät der Heidelberger Alma Mater nicht erleichtert, gerade weil seinem Hauptwerk „eine empiristisch-voluntaristische Geschichtsphilosophie“ zugrunde liegt (Ortsbestimmung, II, 477).
Von alledem unbeirrt blieb seine fundamentale Überzeugung von der Konstanz der menschlichen Natur, der er am liebsten mit dem Ausspruch des Apostels Paulus von den fleischernen Tafeln des Herzens Ausdruck verlieh (2. Korinther 3,3 und Römer 2.14-15). Hieraus zog Rüstow die Folgerung, daß jede soziologische Analyse auf den einwandfrei vorgewiesenen Wertungen des Verfassers beruhen müsse. Aus dieser grundsätzlichen methodologischen Überzeugung zog er die Folgerung, keinerlei Zweifel zu lassen über das, „was ich in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bejahe und verneine. Ich bejahe die Freiheit und verneine die Herrschaft, ich bejahe die Menschlichkeit und verneine die Barbarei, ich bejahe den Frieden und verneine die Gewalt. Und diese Gegensatzpaare sind demgemäß die größten Polaritäten, zwischen denen sich für mich die Weltgeschichte abspielt“ (Ortsbestimmung I, 18/19). Folgerichtig bleibt Rüstow auch keineswegs bei der Diagnose stehen, sondern zielt nach vielen Richtungen auf die Therapie der wahrgenommenen Schädigungen. So wurde er Mitbegründet und erster Vorsitzender der „Vereinigung für die Wissenschaft von der Politik“ und nach seiner Emeritierung (1955) Gründer und Vorsitzender der „Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft“. Wirtschaftspolitisch hieß das, daß ein freier Markt nicht nur frei sein muß von gleichgewichtsstörenden Staatsinterventionen wie Zöllen, Subventionen usw., sondern vor allem auch von den nicht weniger störenden Einflüssen privater Monopole und Oligopole. Diesen Aufgaben widmete sich Rüstow daher nach seiner Emeritierung 1955, anläßlich deren ihm das Große Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, nicht nur durch eine Vielzahl weiterer Publikationen, sondern auch durch eine rege Vortragstätigkeit, wie er überhaupt die schlagfertige Diskussion liebte, durch die er seinen Auffassungen praktische Anwendung zu verschaffen suchte. Der Freiherr-vom-Stein-Preis und die Ehrendoktorwürden der Universität Erlangen sowie der Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaft Nürnberg waren äußere Zeichen der Anerkennung. 1985 brachte die Stadt Heidelberg an seinem ehemaligen Wohnhaus eine Gedenktafel an.
Quellen: Nachlaß im BA Koblenz.
Werke: in Auswahl, vollständige Bibliographie in: Rede und Antwort, Ludwigsburg 1963; Freie Wirtschaft – starker Staat: Die staatspolitischen Voraussetzungen des wissenschaftspolitischen Liberalismus, in: Schriften des Verein für Socialpolitik, Bd. 187, 1933; Vereinzelung: Tendenzen und Reflexe, in: Gegenwartsprobleme der Soziologie, Alfred Vierkandt zum 80. Geburtstag, hg. v. G. Eisermann, Potsdam 1949; Ortsbestimmung der Gegenwart, 3 Bde., Erlenbach-Zürich 1950-1957; Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus als religionsgeschichtliches Problem (1945), 2. Aufl., Bonn-Bad Godesberg 1960; Von Abraham bis Paulus: Alt- und Neutestamentliches in profangeschichtlicher Sicht, in: Schweizer Monatshefte, Januar 1963; Freedom and Domination, Princeton 1981.
Nachweis: Bildnachweise: Photo in: A. Rüstow: Rede und Antwort Ludwigsburg 1963 (vgl. Werke)

Literatur: Wirtschaft und Kultursystem, hg. von Gottfried Eisermann, Erlenbach-Zürich und Stuttgart 1955; Wilhelm Röpke, A. Rüstow, in: Dt. Rundschau 81, 1955, 357-361; Wirtschaftsordnung und Menschenbild, Geburtstagsgabe für A. Rüstow, hg. von Gottfried Eisermann, Köln 1960; Helmut Thielicke, Ortsbestimmung der Gegenwart – der Weg und das Lebenswerk A. Rüstows, in: Universitas 16, 1961, 967-978; Gottfried Eisermann: Alexander Rüstow, in KZSS, 15. Jg. (1963), H. 4 (mit Bild); ders., A. Rüstow, in: Bedeutende Soziologen, Stuttgart 1968, ders. A. Rüstow, in: Die westdeutsche Wirtschaft und ihre führenden Männer, Lesebuch der deutschen Industrie, Land Baden-Württemberg, Teil IV, Frankfurt am Main 1966; ders., A. Rüstow, in: Intern. Soziologenlexikon, 2. Aufl., Stuttgart 1980; Dankwart A. Rüstow, A. Rüstow (1885-1963): Eine biographische Skizze, in: KZSS, Sonderheft 23, 1986.
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