Seemann, Erich 

Geburtsdatum/-ort: 15.01.1888;  Stuttgart
Sterbedatum/-ort: 10.05.1966;  Freiburg i. Br./Günterstal
Beruf/Funktion:
  • Volksliedforscher
Kurzbiografie: 1899-1908 Humanistisches Karlsgymnasium in Stuttgart
1908-1912 Studium von Germanistik, Nordistik und Mittellatein in München
1912 Promotion in Germanistik bei Hermann Paul, München, Thema „Hugo von Trimberg und die Fabeln seines Renners“
1915-1918 Militärdienst; nach Kriegsende verhindert die Emeritierung Pauls die geplante Habilitation; Privatgelehrter in Stuttgart
1926 Eintritt in das Deutsche Volksliedarchiv Freiburg i. Br. (Leiter: John Meier) als Assistent
1928 Mitherausgeber der Zeitschrift „Jahrbuch für Volksliedforschung“
1935 Mitherausgeber der historisch-kritischen Edition des Deutschen Volksliedarchivs „Deutsche Volkslieder mit ihren Melodien“
1950/51 Vorsitzender des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde
1951 Ernennung zum Honorarprof. für Volkskunde an der Universität Freiburg i. Br.
1953 Leiter des Deutschen Volksliedarchivs
1958 Bundesverdienstkreuz
1963 Ruhestand; Ernennung zum Ehrenmitglied des Verbandes der Vereine für Volkskunde (Deutsche Gesellschaft für Volkskunde)
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1944 Margarethe, geb. Winnecke
Eltern: Vater: Richard Seemann (1857-1930), Kunstmaler
Mutter: Julie, geb. Seiz (1863-1946)
GND-ID: GND/118760505

Biografie: Jürgen Dittmar (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 256-257

Seemann bewies schon in seiner Schul- und Studentenzeit volkskundliche Neigungen, den endgültigen Zugang zu Volkskunde und Volksliedforschung fand er aber erst, als nach Weltkrieg und Militärdienst der ursprüngliche Plan einer germanistischen Habilitation nicht mehr durchzuführen war. Während privater Studien in Stuttgart regte ihn der württembergische Volkskundler August Lämmle an, sich der Aufzeichnung und Erforschung schwäbischer Volkslieder zu widmen. Im Rahmen der systematischen Sammelarbeit, die ihn insbesondere in die Tübinger Gegend und in den schon mit dem Vater bereisten Ort Laufen an der Eyach führte, ergab sich auch die Notwendigkeit, die Sammlungen des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg i. Br. zu sichten. Dort lernte Seemann den Gründer und Leiter des Archivs, den Germanisten und Volksliedforscher John Meier kennen – eine Begegnung, die seinen zukünftigen beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang entscheidend beeinflussen sollte. Nachdem ihm Meier 1925 anläßlich der Stuttgarter Tagung des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde schon das Angebot gemacht hatte, in dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Deutsche Volkskunde“ das Kapitel „Volkslied“ zu übernehmen, verpflichtete er ihn ein Jahr später als Assistenten an das Deutsche Volksliedarchiv.
In Freiburg nun hat Seemann im Laufe von vierzig Jahren sein großes wissenschaftliches Lebenswerk geschaffen, das ihn zu einem führenden Vertreter des Faches Volksliedforschung werden ließ. Über den Auf- und Ausbau des noch nicht viel mehr als ein Jahrzehnt (seit 1914) bestehenden Instituts hinaus, das ihm auf dem Gebiet der Archivierung und Katalogisierung wesentliche Impulse und Neuerungen verdankt, war Seemann von Anfang an Mitarbeiter und Mitherausgeber bei allen Forschungsunternehmungen des Deutschen Volksliedarchivs. Die beiden Hauptveröffentlichungen des Hauses, die Zeitschrift „Jahrbuch für Volksliedforschung“ (gegründet 1928) und die historisch-kritische Edition der „Deutschen Volkslieder mit ihren Melodien“ (gegründet 1935), wurden, indem hier die Mehrzahl seiner grundlegenden Untersuchungen zu Volkslied und Volksballade erschien, dabei zu seinen wichtigsten Publikationsorganen. Sowohl in 45 Balladenkommentaren für das „Volksliedwerk“ des Deutschen Volksliedarchivs, wie auch in vielen umfangreichen Jahrbuch-Aufsätzen entwickelte Seemann seine die Geschichte des Faches außerordentlich prägende komparativistische Arbeitsmethode, die er in einer Fülle gesamteuropäischer Lied- und Motivvergleiche realisierte und die so zur Aufdeckung zahlreicher bisher unbekannter interethnischer Liedbeziehungen beitrug. Der zugrundeliegenden Forderung, daß, um Entstehung, Alter, Entwicklung und Verbreitung von Volksliedern zu ergründen, der Blick des Volksliedforschers über die Grenzen des eigenen Sprachgebietes hinausgehen muß, konnte Seemann insofern hervorragend gerecht werden, als er ausgezeichnete Kenntnisse des skandinavischen, romanischen, (alt- und neugriechischen, baltischen und – nachdem der Erwerb einer Sammlung unveröffentlichter Gottscheer Lieder die Erlernung des Slowenischen nötig gemacht hatte – besonders der slawischen Sprachen besaß. Bei seinen Untersuchungen von lied- und motivgeschichtlichen Verflechtungen und Zusammenhängen in ganz Europa, die der deutschen Volksliedforschung internationale Reichweite verliehen, verriet Seemann ausgeprägte Vorliebe und feines Gespür für das philologische Detail. Einen bis heute unverändert kräftig nachwirkenden Anstoß hat Seemanns Abhandlung über das sogenannte Zeitungslied geliefert, die erstmals eine genaue Beschreibung der an die Quellengattung des Flugblatts gebundenen „Neuen Zeitungen“ in Liedform aus dem 16./17. Jahrhundert unternimmt. Was Seemanns Volkslieddefinition anbelangt, so hinderte ihn die in jahrzehntelanger Zusammenarbeit bewährte Loyalität John Meier gegenüber nicht, dessen bekannte „Rezeptionstheorie“ in bestimmter. Hinsicht zu ergänzen: Während jene im Prinzip die Entwicklung des Volksliedes aus einer dichterischen Individualschöpfung zur Kollektivdichtung postuliert, „wurzeln“ andererseits nach Seemann „die Hochformen der Poesie alle irgendwie im Mutterboden tradierter Volksdichtung“.
Ein Blick über das Gesamtwerk von Seemann zeigt, daß er noch zu jenem umfassend gebildeten Gelehrtentyp gehörte, der in verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen – in diesem Falle Volkskunde, Germanistik, Musikwissenschaft, Literatur- und Sprachwissenschaft - zuhause war.
Werke: (in Auswahl) Hugo von Trimberg und die Fabeln seines Renners. Eine Untersuchung zur Geschichte der Tierfabel im Mittelalter, München 1923; Volkslieder aus Schwaben, gesammelt u. zur Guitarre gesetzt. 1. Heft, Stuttgart 1923; Die Volkslieder in Schwaben. Reihe 2. Aus dem Munde des Volkes aufgezeichnet, Stuttgart 1929 (= Schwäbische Volkskunde, Buch 5); "Newe Zeitung und Volkslied", in: Jb. für Volksliedforschung 3, 1932, 87-119; Wolfdietrichepos und Volksballade. Ein Beitrag zur Geschichte der mittelalterlichen Balladendichtung (1. Folge), in: A. für Literatur und Volksdichtung 1, 1949, 119-176; Das slovenische Kiltlied, in: "Angebinde, John Meier zum 85. Geburtstag ...", hg. von Friedrich Maurer, Lahr 1949, 131-167; Deutsch-litauische Volksliedbeziehungen, in: Jb. für Volksliedforschung 8, 1951, 142-211; Bergreihen. Eine Liedersammlung des 16. Jahrhunderts, hg. von Gerhard Heilfurth, E. S., Hinrich Siuts u. Herbert Wolf, Tübingen 1959 (= Mitteldeutsche Forschungen, 16); Die Gestalt des kriegerischen Märchens in den europäischen Volksballaden, in: Rheinisches Jb. für Volkskunde 10, 1959, 192-212; Die Gottscheer 'Kate'-Ballade. Ein Beitrag zu den Liedern von der 'Meererin', in: Rheinisches Jb. für Volkskunde 12, 1961, 63-79; European Folk Ballads. Ed. by E. S., Dag Strömbäck, Bengt R. Jonsson, Copenhagen 1967 (= European Folklore Series, 2); Die europäische Volksballade, in: "Handbuch des Volksliedes" 1, hg. von Rolf W. Brednich, Lutz Röhrich u. Wolfgang Suppan, München 1973, 37-56.
Nachweis: Bildnachweise: Foto in: Festschrift zum 75. Geburtstag von E. Seemann, 1964.

Literatur: (in Auswahl) Festschrift zum 75. Geburtstag von E. Seemann, hg. von Rolf W. Brednich, in: Jb. für Volksliedforschung 9, 1964 (darin R. W. Brednich, „Verzeichnis der Schriften Erich Seemanns“, 171-180); Rolf W. Brednich, E. Seemann (1888-1966) in memoriam, in: Schweizerisches A. für Volkskunde 62, 1966, 77-81; Wolfgang Suppan, E. Seemann in memoriam, in: Musikforschung 20, 1967, 5-7.
Suche