Lenard, Philipp Eduard Anton 

Geburtsdatum/-ort: 07.06.1862; Preßburg
Sterbedatum/-ort: 20.05.1947;  Messelhausen (Main-Tauberkreis, Baden)
Beruf/Funktion:
  • Physiker, Nobelpreisträger
Kurzbiografie: 1871-1880 Besuch der Domschule und später der Realschule in Preßburg
1880 Reifeprüfung
1881-1882 Studium der Naturwissenschaften in Wien und Budapest
1883-1886 Studium der Naturwissenschaften in Heidelberg, Berlin und wieder in Heidelberg
1886 Promotion in Heidelberg: Über die Schwingungen fallender Tropfen
1886-1889 Assistent am physikalischen Institut der Universität Heidelberg
1890-1891 Assistent am physikalischen Institut der Universität Breslau
1891-1894 Assistent am physikalischen Institut der Universität Bonn
1892 Habilitation für Physik in Bonn
1894-1895 außerordentlicher Prof. für theoretische Physik an der Universität Breslau
1895-1896 Assistent am physikalischen Institut der Technischen Hochschule Aachen
1896-1898 außerordentlicher Prof. für theoretische Physik an der Universität Heidelberg
1898-1907 ordentlicher Prof. für Physik an der Universität Kiel
1905 Königlich Preußischer Geheimer Rat
1905 Nobelpreis für Physik
1905 Preis der Berliner Akademie der Wissenschaften
1907 ordentlicher Prof. für Physik an der Universität Heidelberg
1932 Emeritierung
1944 Übersiedlung nach Messelhausen
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk. bis 1924
Verheiratet: Katharina, geb. Schlehner (1870-1946), Tochter des Oberamtsrichters Karl Schlehner
Eltern: Vater: Philipp Nerius Lenard von Lenardis (1812-1896), Weinhändler in Preßburg
Mutter: Antonie, geb. Baumann (1831-1865), Tochter des Gürtler- und Schwertfegermeisters Eduard Felix Baumann aus Seelbach bei Lahr
Kinder: 2 (1 Sohn, 1 Tochter)
GND-ID: GND/118779397

Biografie: Charlotte Schönbeck (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 184-187

Die Familie Lenard stammt aus Tirol. Um 1600 gibt es in der Nähe von Innsbruck einen Lenardhof. 1722 wird der Familie der erbliche Adelstitel verliehen; seit Ende des 18. Jahrhunderts wird dieser aber von den Nachkommen nicht mehr geführt.
Bereits in der Schule zeigt Lenard starkes Interesse für naturwissenschaftliche Fragen. Den Unterricht in Physik und Chemie bezeichnet Lenard selbst als „Oasen in der Einöde alles Übrigen“. Nach der Reifeprüfung folgen zunächst zwei unbefriedigende Studiensemester der Naturwissenschaften in Wien und Budapest und ein Jahr Mitarbeit im väterlichen Geschäft. 1883 beginnt Lenard, in Heidelberg bei G. H. Quincke und R. Bunsen Physik zu studieren. Nach einem Studiensemester in Berlin bei H. Helmholtz kehrt Lenard 1886 nach Heidelberg zurück und schließt seine Dissertation „Über die Schwingungen fallender Tropfen“ ab, die er bereits in Berlin angefangen hatte. Nach der Promotion arbeitet Lenard drei Jahre als Assistent Quinckes im physikalischen Institut und setzt während der Semesterferien in Preßburg seine Untersuchungen über Phosphoreszenz fort, die ihn zusammen mit seinem Lehrer V. Klatt bereits seit seiner Schulzeit beschäftigten. Diesem Thema widmet sich Lenard über 40 Jahre: von ihm stammen die ersten quantitativen Arbeiten über Lenard-Phosphore und deren Leuchtmechanismen. 1890 geht Lenard als Assistent zunächst nach Breslau und dann nach Bonn zu H. Hertz, bei dem er sich zwei Jahre später mit einer Arbeit „Über die Elektrizität der Wasserfälle“ habilitiert. Den Fragen der Wasserfallelektrizität (z. B. Lenard-Effekt) gelten viele Veröffentlichungen Lenards. Nach dem Tod von H. Hertz 1894 betreut Lenard die Herausgabe von Hertz' gesammelten Werken, insbesondere dessen „Prinzipien der Mechanik“. Das Hauptinteresse Lenards in Bonn liegt aber bei Untersuchungen über Kathodenstrahlen, auf die er bereits 1880 durch Veröffentlichungen von W. Crookes aufmerksam geworden ist.
Auf Bitten von H. Hertz führt Lenard die Hertz'schen Versuche über den Durchgang von Kathodenstrahlen durch dünne Metallschichten weiter und entwickelt 1892 die nach ihm benannte Entladungsröhre. Durch das „Lenardfenster“ besteht zum ersten Mal die Möglichkeit, Kathodenstrahlen unabhängig vom Entladungsvorgang, z. B. in Luft, im Vakuum oder anderen Materialien zu untersuchen. Lenards Experimente, die vor allem eine Klärung der Natur der Kathodenstrahlen bringen sollen, werden durch seine Übersiedlung nach Breslau – und kurz darauf nach Aachen – unterbrochen. Als er 1895 gerade wieder mit Untersuchungen der Kathodenstrahlen fortfahren kann, hört er von der Entdeckung C. Röntgens. Lenard ist darüber sehr deprimiert, da er überzeugt ist, daß ihn seine eigenen Experimente ebenfalls zu dieser Entdeckung geführt hätten. Hinzu kommt noch die Enttäuschung über das Verhalten von Röntgen: Lenard war ihm bei der Beschaffung geeigneter Entladungsröhren zu seinen entscheidenden Experimenten behilflich; aber Röntgen erwähnte Lenards Hilfe in den Veröffentlichungen nicht.
Bei der Deutung der Natur der Kathodenstrahlen geht Lenard zunächst von der Vermutung aus, daß es sich hier um Äthervorgänge handelt. Die Prüfung der elektrischen Eigenschaften der Kathodenstrahlen führt ihn 1898 aber zu der Überzeugung, daß Kathodenstrahlen aus negativ geladenen Korpuskeln bestehen. Zu Lenards Verbitterung ist diese Erkenntnis - nämlich die Entdeckung des Elektrons - bereits 1897 von J. J. Thomson veröffentlicht worden.
Nach zweijähriger Tätigkeit in Heidelberg nimmt Lenard 1898 den Ruf als Ordinarius der Physik in Kiel an. Hier stehen ihm – nach dem Neubau des physikalischen Instituts – zum ersten Mal gute experimentelle Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung. 1900 entdeckt Lenard fundamentale Gesetzmäßigkeiten des lichtelektrischen Effektes: bei wachsender Lichtintensität wächst zwar die Zahl der ausgelösten Elektronen, aber ihre Geschwindigkeit ändert sich nicht, diese ist ausschließlich von der Frequenz des eingestrahlten Lichtes abhängig. Die Deutung dieses Phänomens gelingt erst 1905 durch die Lichtquantenhypothese Einsteins. – Aus Absorptionsmessungen von Kathodenstrahlen aller Geschwindigkeiten entwickelt Lenard 1903 ein „Dynamidenmodell“ des Atoms. Die wesentliche Aussage dieses Atommodells ist die Vorstellung, daß sich die Wirkungszentren des Atoms nur auf ein Bruchteil des Atomvolumens konzentrieren und der größte Teil des Atoms „leer“ ist. Durch dieses „löchrige“ Atommodell bricht Lenard mit der demokritischen Idee des Atoms als massivem Gebilde. In dieser Hinsicht ist das „Dynamidenmodell“ ein wichtiger Vorläufer des Rutherfordschen Atommodells, das erst 1910/11 aus Streuversuchen mit Alphateilchen hergeleitet wurde. Lenards Arbeiten über Kathodenstrahlen werden 1905 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Zwei Jahre später wird Lenard Nachfolger von Quincke und Direktor des Instituts für Physik und Radiologie, das er bis zu seiner Emeritierung leitet. Neben den bereits erwähnten Fragenkreisen der Physik widmet sich Lenard in Kiel noch der Ionisierung der Luft durch ultraviolettes Licht (Lenard-Effekt), der Elektrizitätsleitung in Flammen und der Temperaturmessung in elektrischen Bögen, in Heidelberg entwickelt er die Bügelmethode zur präzisen Messung der Oberflächenspannung.
Die Jahre des 1. Weltkrieges bringen für Lenards Leben in verschiedener Hinsicht einschneidende Veränderungen. Seit dieser Zeit ist seine Arbeit nicht mehr primär auf experimentelle Forschung sondern „stark auf zusammenfassende Darstellungen von Arbeits- und Überlegungsergebnissen gerichtet“. Seine Artikel im „Handbuch der Physik“ und das historische Werk „Große Naturforscher“ (1929) sind Beispiele dafür. Zu der Entwicklung der modernen Physik, die durch Abstraktheit und komplexe mathematische Theorien gekennzeichnet ist, findet Lenard keinen Zugang. Seine ablehnende Haltung gegenüber dem immer stärkeren Einfluß theoretischer Überlegungen kommt am krassesten in seinen Auseinandersetzungen mit der allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins zum Ausdruck. Der Streit wird einerseits auf fachlicher Ebene, z. B. in Schriften über die Existenz eines Äthers und Uräthers (von 1910 bis 1925), andererseits aber auch in fanatischer und polemischer Weise in Zeitungsartikeln und Vorträgen von beiden Seiten ausgetragen. Den Höhepunkt bildet die Diskussion von Lenard und Einstein auf der Tagung der Naturforscher und Ärzte in Bad Nauheim 1920. Lenards Einstellung gegenüber den Arbeiten Einsteins hat neben physikalischen Vorbehalten auch politische Gründe: vor dem 1. Weltkrieg sind für Lenard politische Fragen ohne Belang, die Auswirkungen des verlorenen Krieges treiben ihn immer tiefer zu einem fanatischen Antisemitismus und Nationalsozialismus. In der Ideologie Hitlers, dessen Schriften er seit 1919 kennt und den er 1926 persönlich kennenlernt, sieht er für Deutschland die einzige Möglichkeit, wieder zu Ansehen zu gelangen. Das Verhalten Lenards in den späteren Jahren wird oft erst von seinem Antisemitismus her verständlich: 1922 lehnt es z. B. Lenard ab, die allgemeine Arbeitsruhe anläßlich des Staatsbegräbnisses von Rathenau im physikalischen Institut einzuhalten. Arbeiter und Studenten besetzten daraufhin – unter Führung von C. Mierendorff – das Institut. – Neben J. Stark wird Lenard zu dem Vertreter der „Deutschen Physik“. Diesen Titel gibt er auch seinem vierbändigen Lehrbuch der Experimentalphysik (1936 ff.), in dem er die Meinung vertritt, daß die wahre Naturerkenntnis nur von der arischen Rasse gewonnen werden kann und daß die Arbeiten Einsteins „Jahrmarktslärm, ein bloßes Blend- und Schauwerk, ein Judenbetrug“ sind. – Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges flieht Lenard nach Messelhausen, wo er 1947 stirbt.
Die Erinnerung an Lenards extreme politische Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus überschattet heute oft die Tatsache, daß seine genialen und vielseitigen experimentellen Arbeiten entscheidend für die Entwicklung der Physik in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gewesen sind.
Werke: Über Kathodenstrahlen (Nobelvortrag), 1906, 1920 2. Aufl. (auch in: Wiss. Abh. 3, 1944, 167 f.); Über Äther und Materie, 1910. 1911 2. Aufl.; England u. Deutschl. z. Z. d. gr. Krieges, 1914; Quantitatives üb. Kathodenstrahlen aller Geschwindigkeiten, 1918, 1921 2. Aufl.; Über Relativitätsprinzip, Äther u. Uräther, 1921, 1922 2. Aufl.; Kathodenstrahlen (mit A. Becker), in: Hdb. d. Experimentalphysik 14, 1927; Phosphoreszenz u. Fluoreszenz (mit F. Schmidt u. R. Tomaschek), ebd. 23 (1) 1928; Große Naturforscher. Eine Gesch. d. Naturforschung in Lebensbeschreibungen, 1929, 1941 4. Aufl. (engl. u. ungar. Übers.); Deutsche Physik, 4 Bde., 1936 f.; Wiss. Abh. a. d. J. 1886-1932, 3 Bde., 1942-1944; Zusammenstellg. v. Lenards Publikationen i. wissensch. Zeitschr. von A. Becker, Ph. Lenard u. seine Schule, in: Zs. f. d. ges. Naturwissenschaften, 8. Jg., 1942, 14 f.; Erinnerungen eines Naturforschers, der Kaiserreich, Judenherrschaft u. Hitler erlebt hat (unveröff. Autobiogr., Masch.-Ms., begonnen 1930, abgeschl. 1943, Kopie im Hist. Inst. d. Univ. Stuttgart, Instrumente u. Hss.slg. im Dt. Museum München.
Nachweis: Bildnachweise: Gemälde (München, Dt. Museum).

Literatur: A. Becker (Hg.), Naturforschung im Aufbruch. Reden u. Vorträge z. Einweihung d. P.-Lenard-Instituts d. Univ. Heidelberg, 1936; J. Stark, P. Lenard als deutscher Naturforscher, ebd.; W. Kossei, P. Lenard, der deutsche Naturforscher, Sein Kampf um nord. Forschung, 1937; ders., P. Lenard, der Vorkämpfer der deutschen Physik, in: Karlsruher Akad., Reden 17, 1937; L. Wesch, Zu Lenards 80. Geburtstag, in: Zs. f. d. ges. Naturwiss. 8, H. 2/3, 1942, 42 f.; J. Stark, ebd., 97 f.; A. Becker, ebd., 139-143 (W-Verz.); E. Brüche, in: Physikal. Bll. 1947, 161; ders. (mit H. Marx), Der Fall P. Lenard, Mensch u. Politiker, ebd. 1967, 262-267; C. Ramsauer, Physik – Technik – Pädagogik, Erfahrungen u. Erinnerungen, 1949, 106-119; ders., in: Physik. Bll. 13, 1957, 219-222, Zum zehnten Todestag P. Lenards 1862-1947; H. Benndorf, in: Almanach d. Wiener Ak. d. Wiss. 1948, 250-258; K. Keil, in: Hdb. d. Meteorol., 1950; F. Wolf, Zur 100. Wiederkehr d. Geburtstages v. P. Lenard, in: Naturwiss., 49, 1962, 245-247; Ch. Schmidt-Schönbeck, 300 Jahre Physik u. Astronomie a. d. Univ. Kiel, Diss. Kiel 1965; O. Glasser, W. C. Röntgen u. die Geschichte d. Röntgenstrahlen, 1958; W. Beier, W. C. Röntgen, 1970; A. Hermann, Lexikon d. Schulphysik VII (Gesch. d. Physik), 1972; ders., P. Lenard, in: Dict. of Scientfic Biogr. VIII, 1973, 180-183; ders., Weltreich d. Physik, 1981 2. Aufl.; ders., Die Jh.wissenschaft, 1977, 134 f.; ders., Wie die Wissenschaft ihre Unschuld verlor, 1982; 1984; A. Kleinen u. Ch. Schönbeck, Lenard u. Einstein, Ihr Briefwechsel u. ihr Verhältnis vor d. Nauheimer Diskussion v. 1920, in: Gesnerus 35, 1978, 318-333; Br. R. Wheaton, P. Lenard and the Photoelectric Effect, 1889-1911, in: Historical Studies in the Physical Sciences 9, 1978, 299-322; A. D. Beyerchen, Wissenschaftler unter Hitler, 1980; Ch. Schönbeck, Atommodelle um 1900, in: Atomvorstellungen im 19. Jh., hg. v. Ch. Schönbeck, 1982, 67-94; Ch. Schönbeck, P. Lenard, in: NDB (im Druck).
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