Kampmann, Gustav 

Geburtsdatum/-ort: 30.09.1859; Boppard am Rhein
Sterbedatum/-ort: 12.08.1917; Godesberg (Freitod)
Beruf/Funktion:
  • Maler, Graphiker
Kurzbiografie: Nach Jugend in Schwaben und Schlesien
1873 Übersiedlung nach Karlsruhe
1878-1884 Schüler der Karlsruher Akademie. Nach Absolvierung der Antikenklasse kurze Zeit in der Klasse Hans Frederik Gudes (1825-1903), danach 1881-1884 bei dessen Nachfolger Gustav Schönleber sowie bei Hermann Baisch (1846-1894) Abschluß seiner Ausbildung als Landschaftsmaler. In diesen Jahren zahlreiche Aufenthalte in Grötzingen, um unmittelbar vor der Natur zu arbeiten
1884-1887 Aufenthalt in München mit seinem Freund Bernhard Buttersack (1858-1925); Reisen nach Oberbayern, Holland, Holstein und Ostpreußen
1887/88 Wohnhaft in Lübeck
1889 Übersiedlung nach Schleißheim bei München
1890 Endgültige Niederlassung in Grötzingen; Wohnsitz mit seiner Mutter und seiner Stiefschwester Jenny Nottebohm, der Braut des Malers Otto Fikentscher, im Schloß Augustenburg, das Fikentscher 1891 erwirbt
1891 Im Frühjahr Reise nach Holland
1896 Mitglied des Karlsruher Künstlerbundes
1898 Im Sommer dreimonatiger Studienaufenthalt in Hauenstein (Schweizer Jura)
1901 Reise nach Spanien und Marokko
1905 Nach Ablehnung eines Rufs an die Leipziger Akademie Verleihung des Professorentitels durch Großherzog Friedrich I. von Baden
1907/08 Errichtung eines Wohnhauses in Grötzingen
1914 Im Sommer Reise in die Schweizer Alpen
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1891 Anna, geb. Roth
Eltern: Vater: Wilhelm Kampmann, Arzt
Mutter: Elisabeth, geb. Schmitz, in zweiter Ehe mit August Nottebohm verheiratet. Aus dieser Ehe stammt die Zeichnerin und Lithographin Jenny Fikentscher
Geschwister: Bruder Hans Kampmann; Halbgeschwister Anna, Laura, Selma, Johanna, Jenny und Georg Nottebohm
Kinder: Hans Jürgen (1894-1970)
GND-ID: GND/119003147

Biografie: Rudolf Theilmann (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 145-148

Kampmanns rigorose Bildsprache seiner reifen Zeit bedeutete eine Negation des traditionell komponierten Landschaftsgemäldes. Mit logischer Konsequenz beschritt er den Weg vom realitätsbezogenen Abbild zur kürzelhaften Chiffre. Am Beginn seiner künstlerischen Entwicklung, in den 1880er Jahren, entstand eine Reihe von Gemälden, die noch deutlich den beherrschenden Einfluß seiner Lehrer Schönleber und Baisch verraten: „Abend an der holsteinischen Ostküste“ (1883, Verbleib unbekannt), „Vorfrühling, Wildpark in Karlsruhe“ (1884, Verbleib unbekannt), „Aus Langenpreising“ (1884, Verbleib unbekannt), „Morgenstimmung“ (1884, Verbleib unbekannt, ehemals im Besitz des Malers Carl Röchling, Berlin), „Herbstmorgen in Langenpreising“ (1885, Verbleib unbekannt), „Aus Tirol“ (1885, Verbleib unbekannt), „Im Lübecker Hafen“ (1888/89, Verbleib unbekannt). Es sind harmonisch gegliederte, mit Tier- und Figurenstaffagen belebte Landstriche. Diagonal geführte Pfade oder Flußläufe verbinden die detailfreudig durchgezeichneten Bildgründe und erschließen den Tiefenraum. Das Interesse am genau beobachteten und mit solidem maltechnischem Geschick umgesetzten Objekt kennzeichnet die Gemälde und Zeichnungen aus dieser Stilphase. Kampmann verfügte souverän über die konventionellen Ausdrucksmittel der Karlsruher Schule, ohne daß zu diesem Zeitpunkt bereits erste Signale seiner wenig später sich vehement artikulierenden schöpferischen Individualität zu vernehmen gewesen wären.
Die sich allmählich anbahnende Distanzierung von den überkommenen Regeln und Kompositionsformeln fällt mit dem Gründungsdatum der Grötzinger Malerkolonie zusammen (um 1890), einer unorganisierten, freiwilligen Vereinigung ehemaliger Karlsruher Akademieschüler, als deren stilistisch eigenwilligster und radikalster Repräsentant Kampmann in die Kunstgeschichte eingehen wird. Als der Künstler 1890 in diesem vor den Toren Karlsruhes gelegenen malerischen Flecken endgültig ansässig wurde, hatte er die für seine Weiterbildung wichtigen Studienreisen abgeschlossen. Die in den folgenden Jahren entstandenen Gemälde und Zeichnungen mit vorzugsweise aus der Umgebung Grötzingens oder aus dem Schwarzwald (z. B. Mühllehen, Königsfeld) gewählten Motiven unterscheiden sich in der Bildanlage wie auch in der Durchführung grundlegend von den Arbeiten des vorangegangenen Jahrzehnts. Ein Prozeß der systematischen Reduzierung linearperspektivischer Gestaltungsprinzipien kam in Gang und führte um die Jahrhundertwende zu bildparallelen Schichtungen stark abstrahierter Farbfelder. Ohne Rücksicht auf gängige ästhetische Erwartungshaltungen des Publikums oder offizielle akademische Lehrmeinungen demonstrierte Kampmann mit zäher Beharrlichkeit seine von inhaltlich-stofflichen Reizen oder bloß gefälligem Vortrag gereinigte Sicht der Natur. Aus der Fülle des Erscheinungsbildes filterte der Künstler die wesenhaften Grundstrukturen einer Landschaft und betonte ihren linearen Verlauf durch präzise Konturen. Das Ergebnis ist ein streifiger Flächenrhythmus, dem sensibel orchestrierte Farbklänge zugeordnet sind. Die Musikalität vornehmlich gedämpfter Akkordfolgen weckt einen getragenen, zuweilen schwermütigen Stimmungslyrismus, der in der Psyche des Künstlers begründet scheint (vgl. z. B. „Schneewolken“, um 1895; „Sommerwolken bei Mühllehen“, 1897; „Die Dausäcker bei Grötzingen“, 1900; „Regenschauer am Rittnertwald bei Durlach“, um 1900; „Nach Sonnenuntergang“, um 1900; „Mondnacht III“, 1910; „Gewitterstimmung“, um 1910). Die in diesen Kompositionen manifest gewordenen Empfindungsqualitäten sind weit entfernt von einer künstlich aufgesetzten Gefühlsromantik.
Man hat Kampmann völlig zu Unrecht der Gruppe deutschtümelnder Heimatmaler zugerechnet, die sich zu seiner Zeit als lautstarke Opposition gegen die unterstellte einseitige Bevorzugung französischer Kunst formiert hatte. Aber gerade die von ihm verfolgte und tradierte Sehgewohnheiten revolutionierende Landschaftsinterpretation, die Hans Linde zutreffend als „die Schule eines neuen Sehens“ charakterisierte, taugte nicht als Vehikel ideologischer Wertvorstellungen. Seine inhaltlich kargen, asketisch vorgetragenen Sujets entbehren der auf bloße Oberflächenreize abzielenden malerischen Bravour. Diese selbst erarbeitete, disziplinierte Formensprache, die geschmäcklerische, den Sinnen schmeichelnde Äußerlichkeiten vermied, fand anfänglich nur zögernde Zustimmung. Kampmann war ein überaus sensibler, unbestechlicher Beobachter wechselnder Tages- und Jahreszeiten. Ob brütende Sommerhitze, klirrende Kälte, gleißendes Sonnenlicht, diffuse Nebelschleier oder fahle Mondnächte: Stets vermochte er atmosphärische Stimmungswerte mit großem Einfühlungsvermögen und ausgeprägtem Sinn für nuancenreiche koloristische Differenzierungen festzuhalten.
Sein etwa 20 Radierungen und nahezu 100 Lithographien umfassendes druckgraphisches Œuvre korrespondiert in Stil und Inhalt mit seiner Malerei. Geeignete Motive fand er wiederum in der näheren und weiteren Umgebung seiner badischen Wahlheimat (Kraichgauer Hügelland, Rheinebene, Schwarzwald, Vogesen), durchstreifte auf der Suche nach passenden Vorwürfen aber auch die urtümlich-herbe vulkanische Eifel. Zweifellos angeregt durch Abbildungen in der englischen Zeitschrift „The Studio“, befaßte sich Kampmann seit 1896 intensiv mit der Farblithographie und zählte zu den Pionieren einer maßgeblich von Karlsruhe aus initiierten Bewegung, die diese Technik als vollgültiges künstlerisches Medium akzeptierte und mit Nachdruck durchsetzte. Es war die Zeit, als der Karlsruher Künstlerbund ins Leben gerufen wurde, eine gegen die Karlsruher Kunstgenossenschaft opponierende Sezessionsgruppe, zu deren 24 Gründungsmitgliedern Kampmann gehörte. Die Wiederbelebung des Steindruckverfahrens hing eng mit den von Politikern und Kunsthistorikern wie Friedrich Naumann oder Alfred Lichtwark intellektuell und publizistisch propagierten Ideen der kunstpädagogischen Reformbestrebungen zusammen. Gemeinsam mit den beiden Leipziger Verlagen Teubner und Voigtländer wurde die weithin beachtete Reihe „Künstlerischer Wandschmuck für Haus und Schule“ begründet, ein Unternehmen, das sich gegen die gleichzeitige Massenproduktion geschmackloser Öldrucke richtete. Ziel der teilnehmenden Künstler und engagierten Verleger war es, einem breiten Publikum den Erwerb von „Original-Künstler-Steinzeichnungen“ zu einem niedrigen Preis zu ermöglichen.
Karlsruhe spielte im Rahmen dieser Zusammenarbeit eine führende Rolle in Deutschland. So hatten Kampmann und viele seiner Kollegen vom Künstlerbund für die Hälfte der bei Teubner und Voigtländer verlegten Blätter die Entwürfe geliefert. Kampmanns Vorliebe für große aussagekräftige Form- und Farbflächen, seine Abneigung gegen das beiläufige Detail prädestinierte ihn zum Lithographen. Tages- und jahreszeitlich bedingte Stimmungen wie auch charakteristische Landschaftsstrukturen erfahren im schöpferischen Nachvollzug eine gesteigerte Sublimierung und Transparenz. Wie bei den Gemälden führen Zucht und Ökonomie im Einsatz der künstlerischen Mittel zu eindringlich verdichteten Kompositionen von verblüffender Suggestion (vgl. z. B. „Winterabend“, 1900; „Abendwolken“, 1902).
Ein höchst eindrucksvolles zeichnerisches Œuvre begleitet das malerische und druckgraphische Werk. Die stilistische Entwicklung von der konventionell-naturnahen Landschaftswiedergabe – vornehmlich während seines Aufenthalts in Bayern 1884-1887 – bis hin zu den auf formelhafte Grundmuster und knappe Motivzitate reduzierten Meisterblättern der Spätzeit um 1910 läßt sich am überkommenen Zeichnungsbestand lückenlos verfolgen (vgl. z. B. „Am Waldrand“, 1909; „Tauwetter“, 1910; „Waldrand mit Wolken“, 1910; „Bewaldete Bergkuppen“, 1911).
Kampmann rechnet zu den kreativsten Künstlerpersönlichkeiten seiner Epoche. Weit überragt er die Masse der um 1900 in Deutschland tätigen Landschafter. Aber er war kein Interpret, der sich am gewöhnlichen Geschmack breiter Käuferschichten orientieren wollte und konnte. Die Unbestechlichkeit und Geradlinigkeit seines lauteren Charakters war ein wesentlicher Grund dafür, daß er von den 446 im Werkverzeichnis aufgeführten Gemälden nur etwa 125 verkaufen konnte, obwohl jedes Bild nach der Vollendung auf durchschnittlich 20 bis 30 Ausstellungen gezeigt und sein Beitrag für die Pariser Weltausstellung 1900 von offizieller Seite mit einer „mention honorable“ gewürdigt wurde.
Werke: Fast alle der insgesamt 446 Gemälde des Künstlers in Privatbesitz. Nur acht Bilder gelangten zu seinen Lebzeiten in öffentliche Sammlungen (Staatl. Kunsthalle Karlsruhe, Museum Folkwang Essen, Gemäldegalerie Wien, städt. Galerien in Danzig, Zwickau, Koblenz und Dortmund). Eine umfangreiche und repräsentative Auswahl des zeichnerischen Œuvres sowie den nahezu kompletten Bestand an Lithographien und Radierungen im Kupferstichkabinett der Staatl. Kunsthalle Karlsruhe.
Nachweis: Bildnachweise: Akat., Die Grötzinger Malerkolonie ..., Abb. S. 22, 25.

Literatur: Akat., Die Grötzinger Malerkolonie. Die erste Generation, Staatl. Kunsthalle Karlsruhe, 1975/76, 14/15, 23, 24, 25/26, 28, 30, 35, 56-61, 101-110, 125, 127, 129, 197-239 (mit ausführlichen Angaben der bis 1975 erschienenen wichtigsten Literatur 102 f.); NDB 11, 1977, 93/94 – Beringer-Theilmann, 145f, 255 (mit Angaben der zwischen 1976 und 1979 erschienenen Literatur); Hans Linde, G. Kampmann Anmerkungen zu Leben und Werk. Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „G. Kampmann (1859-1917)“ am 4. Oktober 1979 in der Künstlerhaus-Galerie Karlsruhe (hektographiertes Maschinenmanuskript); Akat. Kunst in Karlsruhe 1900-1950, Staatl. Kunsthalle Karlsruhe, 1981, 22, 24, 154, Nr. 143, 144 mit Farbtafel 69 und Abb. 38; G. Brandenburger, G. Kampmann (1859-1917). Ein Beitrag zur deutschen Landschaftskunst um 1900, Diss. phil. Karlsruhe 1988.
Suche