Franck (-Bernoulli), Richard August Adolf 

Geburtsdatum/-ort: 03.01.1858; Köln
Sterbedatum/-ort: 22.01.1938;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Komponist und Pianist
Kurzbiografie: bis 1867 Grundschule in Bern
1867-1878 Humanistisches Gymnasium Berlin, Abitur, gleichzeitig Besuch des Sternschen Konservatoriums
1878-1880 Konservatorium Leipzig, zugleich Studium der Philosophie an der dortigen Universität
1880-1883 Klavierlehrer an der Allgemeinen Musikschule Basel, zahlreiche Aufführungen eigener Werke
1883-1887 Vorübergehende Tätigkeit am Konservatorium Frank Kullak in Berlin, dann Lehrer und Pianist in Magdeburg
1887-1900 Kassel, Königlich-Preußischer Musikdirektor, Dirigent des Lehrergesangvereins, weiter vielfache Aufführungen eigener Werke
1900-1938 Heidelberg, Lehrer für Klavier und Musikästhetik am Konservatorium
1910 Letztes öffentliches Auftreten (Aufführung des Klavierkonzerts e-Moll op. 50 in Potsdam)
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1885 (Basel) Marie Emilie geb. Bernoulli (1864-1946)
Eltern: Vater: Prof. Dr. h. c. Eduard Franck, Komponist und Pianist (1817-1893)
Mutter: Cäcilie Tony, geb. Thiedemann, Pianistin
Geschwister: 2
Kinder: 2
GND-ID: GND/11913814X

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 78-80

Der Sohn des berühmten Komponisten-Vaters – des Schülers Mendelssohns und Freundes Robert Schumanns und des britischen Komponisten Sir William Sterndale Bennett – wuchs wie selbstverständlich, angeleitet und gefördert von den Eltern, in den späteren Musikerberuf hinein. Nach dem Abitur setzte er das schon während der Schulzeit begonnene Musikstudium fort, nach dem Sternschen Konservatorium in einer der renommiertesten Talentschmieden des 19. Jahrhunderts, am Königlichen Konservatorium in Leipzig unter der Ägide des gestrengen Carl Reinecke; namhafte andere Lehrer waren Salomon Jadassohn (Komposition, Instrumentation), Ernst Friedrich Eduard Richter (Theorie) und Wilhelm Rust (Komposition). „Alle Lehrer erwiesen mir viel Interesse und machten mir das Musikstudium zum größten Vergnügen“ (Franck). Philosophische Studien, u. a. bei Wilhelm Wundt, an der Leipziger Universität rundeten seine dem Standard der Epoche und der Herkunft entsprechende hohe allgemeine Bildung ab.
Seine erste Stellung trat der 22jährige – auf Empfehlung Reineckes – als Klavierlehrer an der Allgemeinen Musikschule in Basel an, der Stadt, in der er sich schnell einen Namen machte und in der er die wohl ertragreichsten Jahre seines kompositorischen und öffentlichen Wirkens verbrachte. Die folgenden beruflichen Stationen in Zentren des damaligen Musiklebens – Berlin, Leipzig – erweiterten den Horizont des jungen Talents, und 1900 folgte er einem ehrenvollen Ruf nach Kassel, wo er, in der Hierarchie des Kaiserreiches von Bedeutung, mit einem klingenden Titel ausgezeichnet wurde. Heidelberg wählte das Ehepaar aus gesundheitlichen und klimatischen Gründen als Alterssitz; Franck unterrichtete noch einige Jahre am dortigen Konservatorium, bevor er sich ins Privatleben zurückzog und nur noch in einem Kreis ausgewählter Schüler lehrte.
Die Fähigkeiten des Pianisten Franck müssen außerordentlich gewesen sein; schon während der Schulzeit beherrschte er das klassische Repertoire, insbesondere die Beethoven-Sonaten. Noch im hohen Alter wußte er die Zuhörer durch die Meisterschaft seines Vortrags zu beeindrucken. Leider wurde er in allen seinen öffentlichen Aktivitäten lebenslang durch ein chronisches Magenleiden beeinträchtigt, das ihn auch dazu bewog, in der Heidelberger Zeit auf öffentliches Konzertieren zu verzichten.
Für den Komponisten Franck war Reger wohl in vielem das Leitbild. Viele Strukturelemente des Franckschen Schaffens weisen darauf hin: die harmonische Differenzierung, chromatische Rückungen und Sequenzen und, in den Spätwerken, die Fugentechnik. Auch der Einfluß Griegs ist unverkennbar, und der Feststellung Franck Feldmanns (siehe Literatur), daß die Reinecke-Schule sein „künstlerisches Lebenselement“ geblieben sei, ist hinzuzufügen, daß über allem der Geist des großen Mendelssohn schwebt. Es wäre aber nicht angemessen, Franck als Eklektiker einzustufen. In vielen seiner Kompositionen erweist er sich dank der bei ihm immer wieder gerühmten „Natürlichkeit der Erfindung“, der „blühenden Melodik“, der „Eleganz der Linienführung, verbunden mit rhythmischer Verve und Temperament“ als durchaus eigenständiger und im ganzen – mit nur wenigen Ausnahmen – dem Charakterstück (und nicht dem „Genre“) zugewandt. Dafür spricht auch, daß er die seinerzeit beliebten Modetonarten Es-, As- und Des-Dur mied. Effekthascherei war ihm fremd. Hinsichtlich der Virtuosität auf „seinem“ Instrument, dem Klavier, gibt es in seinen Werken einige wenige Konzessionen in Richtung Zeitstil, die dann in Rezensionen als „fast quecksilbrige Beweglichkeit“ oder „glatte gefällige Form“ auftauchen. Überblickt man jedoch das Gesamt-Œuvre des Komponisten, kommt man zum Ergebnis, daß sich seine 58 Opera durch „feinsten Klangreiz, vornehme Melodik und tiefen inneren Gehalt“ (Heidelberger Neueste Nachrichten vom 9. 1. 1933) auszeichnen. Im Zentrum seines kompositorischen Schaffens stand wohl die Kammermusik: Trios, Klavierquintette, Violin- und Violoncello-Sonaten, Flötenstücke. Aber auch bedeutende Orchesterwerke belegen die schöpferische Vielfalt des Komponisten, etwa die Dramatische Ouvertüre C-Dur op. 37, die Concert-Ouvertüre für großes Orchester („Des Meeres und der Liebe Wellen“) op. 21, die Symphonische Phantasie für großes Orchester op. 31, die Suite (Präludium, Marsch, Reigen, Finale) op. 30, die Tondichtung für großes Orchester „Liebesidyll“ („Amor und Psyche“) op. 40, „Worte der Liebe“ für vierstimmigen gemischten Chor und Orchester op. 27, die Serenaden C-Dur und A-Dur für Violoncello – op. 24 – und Violine – op. 25 – und Orchester, das Konzert D-Dur für Violine und Orchester op. 43 und schließlich das Konzert e-Moll für Klavier und Orchester op. 50. Hier entstand Bleibendes und der Wiederentdeckung Wertes.
In seinen späten Jahren konnte er sich noch an Übertragungen seiner Werke im Rundfunk erfreuen, so einer Aufführung seines Es-Dur-Trios op. 32 im Schweizer Radio am 27. 11. 1935. In einer Kritik dazu hieß es: „Die originelle Thematik und gediegene, vornehme Durchführungskunst, in der namentlich ein vorzüglicher Klaviersatz eine führende Rolle spielt, heben seine Arbeiten weit über den Durchschnitt der Tagesproduktion hinaus.“ Diesem aristokratisch-konservativen Bild – Franck war gewiß kein „Neutöner“ – entsprachen übrigens auch die Sportarten, denen er sich verschrieben hatte und in denen er es auch zur Meisterschaft brachte, dem Bergsteigen und dem Reiten. Einen gescheiten und humorvollen Einblick in die ganz und gar versunkene gesellschaftliche Atmosphäre des 19. Jahrhunderts vermitteln seine Lebenserinnerungen (siehe Werke).
Quellen: Mitteilungen von Prof. Paul Feuchte, Stuttgart (dem Enkel des Komponisten). Der gesamte musikalische Nachlaß, der eine Reihe von ungedruckten Manuskripten enthält, ist im Besitz P. Feuchtes.
Werke: Ein ausführliches gedrucktes Werkverzeichnis in der Kurzbiographie Franck R., von P. Feuchte (in: Rheinische Musiker Heft 111, 1977). Dort werden genannt: 7 Orchesterwerke, 1 Violin- und 1 Klavierkonzert, 9 Kammermusik- und 24 Klavierwerke, 2 Chorkompositionen u. 3 Opera mit Klavierliedern. – Schriften: Musikalische und unmusikalische Erinnerungen, Heidelberg 1928. Franck gab außerdem als Privatdruck „Kritiken über Compositionen von R. F.“ heraus, Basel o. J. Das Heft enthält Rezensionen a. d. Magdeburger und Baseler Zeit.
Nachweis: Bildnachweise: In: Allgem. Musikal. Rundschau, vgl. Lit.

Literatur: Allgem. Musikal. Rundschau Berlin vom 1.3.1903; H. J. Moser, Das neue Musiklexikon, 1920; H. Albert, Illustr. Musiklexikon, 1927; Dt. Musiklexikon, hg. von E. H. Müller, 1929; Neue Illustrierte Ztg., Wien, 5.3., 5.9., 30.12.1935 und 10.7.1936; Heidelberger Neueste Nachrichten vom 9.1.1933 (75. Geb.); F. Feldmann, Franck, R., in: MGG 4, 1955, Sp. 656 f.; Kurzgefaßtes Tonkünstlerlexikon, begründet von P. Frank, neu bearb. u. ergänzt von W. Altmann, 1971; G. Heldt, Das dt. nachromantische Violinkonzert von Brahms bis Pfitzner, 1973; Paul Feuchte, Andreas Feuchte, Die Komponisten Eduard Franck und Richard Franck, Leben-Werk-Dokumente-Quellen, 1993.
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