Adler, Friedrich 

Geburtsdatum/-ort: 29.04.1878;  Laupheim
Sterbedatum/-ort: 01·1943-12-31.01.1941; Auschwitz
Beruf/Funktion:
  • Bildhauer, Designer
Kurzbiografie: 1884–1894 Besuch der jüdischen Volksschule, der Lateinschule Laupheim und der Internatsschule Miltenberg/Main
1894–1898 Studium an der Kunstgewerbeschule München
1898–1902 freier Künstler in München
1902 Studienjahr an der Lehr- und Versuchsanstalt für angewandte und freie Kunst (Debschitz-Schule) in München
1903–1907 Lehrtätigkeit an der Debschitz-Schule u. a. für Stucktechnik
1907–1933 Lehrtätigkeit an der Kunstgewerbeschule Hamburg u. a. für ornamentische Gestaltung
1910–1913 Leitung von Meisterkursen am Bayerischen Gewerbemuseum Nürnberg
1914–1918 Weltkriegsteilnehmer (Offiziersstellvertreter)
1926 Ernennung zum Prof. an der Kunstgewerbeschule Hamburg
24. April 1933 Beurlaubung
31. Okt. 1933 Zwangspensionierung
1934–1941 Kunstgewerbelehrer beim Jüdischen Kulturbund
11. Juli 1942 Deportation nach Auschwitz
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Verheiratet: 1. 1907 Bertha, geb. Haymann (1882–1918),
2. 1920 Frieda Erika, geb. Fabisch (1898–1968)
Eltern: Vater: Isidor Adler (1828–1916), Konditormeister
Mutter: Karoline Frieda, geb. Sommer (1841–1921)
Geschwister: 5
Kinder: 7: Hermann (1908–1982); Max Wolfgang (1910–1999); Ingeborg (* 1912); Paul Wilhelm (1915–1943); Rina (* 1918); Amaranth (* 1925); Kurt-Michael (* 1937)
GND-ID: GND/119155958

Biografie: Angela Borgstedt (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2, 2-3

„In Laupheim wusste man von Kunst in meiner Jugend wenig“, schrieb Friedrich Adler rückblickend über sein heimatliches Umfeld. Und doch förderte der Vater, der eine Konditorei, später auch einen Lebensmittelgroßhandel betrieb, das musische Talent nicht nur dieses Sohnes. Unter die künstlerisch Begabten der weitläufigeren Verwandtschaft zählte der nachmalige Stuttgarter Direktor des Konservatoriums für Musik, Karl Adler. Dass Friedrich Adler, der in Laupheim die jüdische Volksschule, die dortige Lateinschule und schließlich das Internat in Miltenberg besucht hatte, sehr früh Beachtung und Anerkennung durch die Fachpublizistik erfuhr, zeigt die Resonanz auf erste Arbeiten des 20-jährigen Absolventen der Münchener Kunstgewerbeschule. Gleichwohl entschloss sich Adler 1902 zu einem Zweitstudium an der neuen Lehr- und Versuchsanstalt für angewandte und freie Kunst des Malers Wilhelm von Debschitz und des Bildhauers Hermann Obrist. Bereits im Folgejahr übernahm Adler dort einen Lehrauftrag wohl deshalb im Bereich der Stucktechnik, weil er sich auf der internationalen Ausstellung für dekorative Kunst 1902 in Turin mit Entwürfen für Deckenstuck, Türeinfassungen und Täfelungen entsprechend ausgewiesen hatte. Seine Lehrtätigkeit war freilich von Anbeginn weit umfassender. 1907 wechselte Adler, der inzwischen die Laupheimer Lehrertochter Berta Haymann geheiratet und bald eine Familie zu versorgen hatte, in das Lehramt für ornamentische Gestaltung der Hamburger Landeskunstschule. Hier wurde Adler 1926 schließlich zum Professor ernannt. In die ersten Hamburger Jahre fällt die Übernahme von Meisterkursen der bayerischen Gewerbeanstalt in Nürnberg 1911 bis 1913. Nürnberg, Heilbronn sowie das heimische Laupheim waren wiederum die Orte, an denen Adler vielfach seine Entwürfe von lokalen Kunsthandwerkern ausführen ließ.
Adler widmete sein gestalterisches Schaffen den verschiedensten Objekten und Werkstoffen. Er entwarf Schmuck aus Edelmetall und Edelstein ebenso wie Elfenbeinarbeiten. Insbesondere gestaltete er dekorative Kunst, darunter einen fünfarmigen Leuchter aus vergoldetem Zinn, der sich heute im Badischen Landesmuseum Karlsruhe befindet. Auf der großen Industrie-Ausstellung 1914 in Lyon präsentierte er eine Prunkbowle aus Silber und Elfenbein, die nach Kriegsausbruch beschlagnahmt und später versteigert wurde. Gleichfalls aus Silber und Elfenbein entstand eine heute im Gewerbemuseum Nürnberg befindliche Tischlampe „Frauenlob“. „Ihre weichen, fließenden Formen“, so die Fachkritik über Adlers Gebrauchsgegenstände aus Zinn, „geben dem Metall die Möglichkeit, alle Nuancen seines Glanzes zu entfalten.“ Solche Alltagskunst und Innenausstattung, darunter der Entwurf kompletter Zimmereinrichtungen, gehörte von Anbeginn zu Adlers künstlerischem Œuvre. Auf der Hamburger Ausstellung bemalter Wohnräume 1910 präsentierte er beispielsweise ein detailliert durchkomponiertes Tee- und Gesellschaftszimmer.
Wenngleich ihn erst der Judenhass der Nationalsozialisten der jüdischen Religion näher brachte, nahm die Sakralkunst und die jüdische zumal von Anbeginn einen gewichtigen Teil in seinem Werk ein. So entwarf er noch als Debschitzschüler zwei Buntglasfenster für die Synagoge seiner Heimatstadt, für die große Kölner Werkbundausstellung 1914 gestaltete er den Innenraum eines jüdischen Gotteshauses. „Den drei Konfessionen wurden gewissermaßen als Beispiele einer künstlerischen Neuorientierung nebeneinander drei Gotteshäuser errichtet, vielmehr Innenräume dargeboten“, und zwar bis hin zu Kultgeräten wie ein aus Silber getriebener Kidduschbecher, eine Sederplatte nebst Schalen. Weniges nur hat die Zerstörung durch die Nationalsozialisten überdauert, darunter etwa 20 Grabsteine aus gut 30 Jahren seines Schaffens, darunter aber insbesondere die Synagogenfenster des Markenhofs in Kirchzarten, die wie die Kölner Ausstellungsfenster die 12 Stämme Israels thematisierten, aber schon 1925 nach Palästina gekommen waren.
In den 1920er Jahren wandte sich Adler, der nach dem frühen Tod seiner Frau Berta seine Schülerin Frieda Erika Fabisch geheiratet hatte, intensiv textilen, später auch neuentwickelten chemischen Werkstoffen zu. Er rezipierte die aus Java stammende Technik des Batikdrucks und entwickelte Verfahren für die Hand- und Maschinenfertigung. Zudem zählte er zu den frühen Designern für Gebrauchsgegenstände wie Schalen oder Besteck aus Kunststoff. Der Versuch, seine Textilentwürfe auch über eine eigene Herstellerfirma zu vermarkten, schlug allerdings fehl.
Die nationalsozialistische Diktatur zerstörte Adlers berufliche und künstlerische Existenz, sie nahm ihm die Familie und zuletzt das Leben. Trotz Frontkämpfereigenschaft wurde er am 24. April 1933 von der Landesschulbehörde beurlaubt, hatte binnen weniger Tage sein Atelier zu räumen und die Schlüssel abzuliefern. Die Zwangspensionierung erfolgte zum 31. Oktober 1933. Da nun auch Aufträge ausblieben, Entwürfe einmalig, aber nicht mehr die vermarkteten Produkte vergütet wurden, geriet er rasch in Geldnot. Hinzu kamen familiäre Sorgen und Schicksalsschläge. Seine erwachsenen Kinder betrieben jetzt, sofern sie nicht schon vor der sogenannten „Machtergreifung“ ausgewandert waren, ihre Emigration in die USA oder nach Palästina. Anfang 1934 ging auch Adlers Frau mit der jüngsten Tochter ins Exil nach Zypern. Er sollte sie einzig anlässlich eines längeren Palästinabesuchs noch einmal sehen. 1935 nahm sich Adlers Bruder Jakob aus Verzweiflung über Pressionen, Hetze und den wirtschaftlichen Niedergang das Leben. „Unser Leben wäre armselig, wenn uns nicht die Einbildungskraft, die Phantasie eingeboren wäre“, schrieb der zunehmend Vereinsamte Ende 1937 in den „Monatsblättern des Jüdischen Kulturbundes“. Er hielt Vorträge, gab Kurse im Rahmen des „Jüdischen Kulturbundes Hamburg“ und erteilte einzelnen Schülern Privatunterricht. Zudem publizierte er kunsttheoretische Beiträge in den genannten Monatsblättern des Kulturbundes. Obwohl sich sein Freundeskreis durch Emigration stetig verkleinerte, bemühte er sich selbst erst spät, zu spät um eine Auswanderung. Von seiner letzten, gettoisierten Bleibe im sogenannten „Judenhaus“ in der Hamburger Innocentiastraße wurde Adler am 11. Juli 1942 mit vorwiegend älteren Menschen nach Auschwitz deportiert und mutmaßlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Der nach 1945 weitgehend vergessene Künstler zwischen Jugendstil und Art Déco wurde 1994 mit einer großen Werkausstellung im Münchener Stadtmuseum gewürdigt, die erstmals die ganze Bandbreite seines Schaffens vor Augen führte.

Literatur: Ernst Schäll, Friedrich Adler (1878–1942). Ein Künstler aus Laupheim, in: Schwäbische Heimat N. F. 32 (1981), 46–61; ders. Prof. Friedrich Adler. Geboren 1878 in Laupheim, ermordet 1942 in Auschwitz, in: Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach 17 (1994), H. 2, 37–46; Brigitte Leonhardt, (Hg.), Spurensuche. Friedrich Adler zwischen Jugendstil und Art Déco, 1994; Hermann Althaus, Friedrich Adler, ein jüdischer Künstler in der Zeit des Jugendstils 1878–1942, in: Badische Heimat 80 (2000), 254–258; Ernst Schäll, Friedrich Adler – Leben und Werk, 2004.
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