Hemmerle, Klaus (eigentlich Nikolaus) 

Geburtsdatum/-ort: 03.04.1929;  Freiburg i. Br.
Sterbedatum/-ort: 23.01.1994; Aachen, 30.01.1994 Beisetzung in der Bischofsgruft des Aachener Doms
Beruf/Funktion:
  • Religionsphilosoph, Bischof von Aachen
Kurzbiografie: 1939-1947 Bertholdsgymnasium in Freiburg, Abitur
1947-1952 Studium der Philosophie und Theologie an der Universität Freiburg, 25.04.1952 Priesterweihe im Freiburger Münster
1952-1954 Vikar in Donaueschingen, Kollnau, Rheinfelden
1954-1956 Studienurlaub, 1957 Dr. theol. bei Bernhard Welte an der Universität Freiburg (Dissertation: „Franz von Baaders philosophischer Gedanke der Schöpfung“)
1956-1961 Direktor der neugegründeten Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg
1961-1968 Assistent bei Bernhard Welte, 1967 Habilitation („Gott und das Denken in Schellings Spätphilosophie“)
1968-1974 Geistlicher Direktor des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, seit 1974 Geistlicher Assistent
1968-1975 Berater der deutschen Bischofskonferenz
1969-1970 Privatdozent für Christliche Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn
1970-1973 Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Bochum
1973-1975 Ordinarius für Christliche Religionsphilosophie an der Universität Freiburg
1975-1994 Bischof von Aachen, 1987-1990 Mitglied des Rates der Bischofssynode in Rom
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Auszeichnungen: Komturkreuz mit Stern des Ritterordens vom Heiligen Grab (1982)
Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1984)
Dr. phil. h. c. der TH Aachen (1988)
Eltern: Franz Valentin (1896-1968), Kirchenmaler
Karoline, geb. Hummel (1896-1990)
Geschwister: keine
GND-ID: GND/119174871

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 141-146

Im Erinnerungsblatt eines Klassenkameraden (A. Kohler, s. Quellen), wird Hemmerle als grundgescheit, sehr zerbrechlich und sportlich völlig unbedarft geschildert, als ein liebevoll-hilfsbereiter und geduldiger Kamerad.
Aus dem Elternhaus brachte der Hochbegabte drei Lebenselemente mit: eine selbstverständliche und festgegründete Frömmigkeit, Liebe zur Musik und malerisches Talent und Kunstverstand. Vermittelt wurden ihm diese Gaben durch die fromme Mutter, den Künstler-Vater und den Onkel Franz Philipp, den bekannten Komponisten, in dessen Haus die Familie Hemmerle nach der Ausbombung im November 1944 eine Unterkunft fand. Frömmigkeit – nicht so sehr religiöse Innerlichkeit als Ehrfurcht vor dem trinitarischen Schöpfergott und seinem Werk, den geschaffenen Dingen und den Menschen und der menschlichen Gemeinschaft. Liebe zur Musik – von früh auf wußte er sich zu Mozart, Beethoven und Bach hingezogen, und noch in den schweren letzten Lebenstagen fand er am Klavier Freude und Trost an deren Kompositionen. Malerisches Talent – in seinen kargen Urlaubsstunden in Sardinien entstanden mit sicherer Hand hingetupfte Aquarelle von der dortigen ihn immer wieder begeisternden Landschaft.
Am 25. April 1952 wurde er nach fünfjährigem Studium der Philosophie und Theologie als Jüngster seines Jahrgangs – er war gerade 23 Jahre alt – im Freiburger Münster zum Priester geweiht. Während seines Studiums interessierten ihn von vornherein die Grenzfragen von Philosophie und Theologie, hierin gefördert von seinen Lehrern Bernhard Weite und Max Müller und besonders beeinflußt durch Edmund Husserl und Martin Heidegger. Die übliche Vikarzeit blieb auf zwei Jahre begrenzt; sein Mentor Weite hatte die außergewöhnliche wissenschaftliche Begabung Hemmerles erkannt und veranlaßte, daß ihm ein zweijähriger Studienurlaub gewährt wurde, den er mit der Promotion abschloß. Damit war sein weiterer Weg zunächst vorgezeichnet. Erzbischof Eugen Seiterich ernannte ihn zum Direktor der 1956 als Wanderakademie neugegründeten Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg. In jenen Nachkriegsjahren wurden in den meisten deutschen Diözesen solche Akademien gegründet, in denen Repräsentanten von Kirche und Welt die drängenden Zeitfragen diskutierten, auf der Ebene der Wissenschaft und von keinerlei Begrenzungen hinsichtlich der Themenauswahl eingeengt. Hier war der junge Gelehrte, der sich schnell in seinen neuen weitgespannten Aufgabenkreis hineinfand, in seinem Element: im Umgang mit den aus den verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens kommenden Seminarteilnehmern konnte er seine sachliche Kompetenz, seinen Humor und seine intellektuelle Brillanz entfalten. Gelegentlich mußte er sich allerdings bei Besuchen in Pfarrhäusern wegen seines wenig direktorialen jugendlichen Aussehens erst einmal ausweisen.
So reich auch der Schatz an Erfahrungen war, die er in den fünf Jahren als Leiter der Akademie sammelte, so sehr er sich bei den in die Zukunft weisenden Fragestellungen engagierte und so erfüllend sich diese Tätigkeit im Zeichen jener spannungsreichen Jahre der Öffnung der Katholischen Kirche im Blick auf das bevorstehende II. Vatikanum gestaltete, die „reine“ Wissenschaft ließ ihn nicht los. Volle sechs Jahre war er von 1961 an bei Bernhard Weite Assistent und schrieb in dieser Zeit seine Habilitationsschrift. Nach kurzem Intermezzo als Privatdozent an der Bonner Universität folgte er 1970 einem Ruf nach Bochum, wo er zwei Jahre lang Fundamentaltheologie lehrte, und danach übernahm er den Freiburger Lehrstuhl für christliche Religionsphilosophie des damals emeritierten Bernhard Weite. Damit waren wohl alle Wünsche, die er in jener Zeit hegen konnte, erfüllt: er war wieder in der geliebten Freiburger Heimat und konnte an der ihm seit vielen Jahren vertrauten Theologischen Fakultät als Nachfolger seines hochverehrten Lehrers das Fach unterrichten, dem seine besondere Neigung galt. Eine reiche und fruchtbare wissenschaftliche Laufbahn schien sich zu eröffnen. Aber es kam alles anders.
Hemmerle hatte schon in seiner frühen Tätigkeit als Akademiedirektor viel Resonanz in der kirchlichen Öffentlichkeit gewonnen, und das erworbene Ansehen wurde noch erhöht in einer Schlüsselstellung innerhalb des deutschen Katholizismus, dem Amt des Geistlichen Direktors des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, in dem er u. a. für die geistige Ausrichtung der deutschen Katholikentage verantwortlich zeichnete. Man darf sagen, daß alle Katholikentage zwischen 1968 und 1994 den Stempel seiner Persönlichkeit tragen. Er blieb auch, als die Bürde der akademischen Ämter schwer wurde und er die Funktion des Geistlichen Direktors aufgeben mußte, dem Zentralkomitee als Geistlicher Assistent verbunden. Schließlich wurde ihm 1968 ein weiteres wichtiges Amt verliehen, das eines Beraters der Deutschen Bischofskonferenz. So war es für die Eingeweihten keine Überraschung, als Paul VI. Hemmerle im Jahre 1975 zum Bischof von Aachen ernannte. Es darf bezweifelt werden, daß Hemmerle diesem Ruf gerne und ohne weiteres folgte. Hatte er sich doch gerade wieder in seiner angestammten Heimat etabliert, nahm mitten in den theologischen Auseinandersetzungen der Nachkonzilsjahre eine führende Position ein – etwa während der Würzburger Synode –, dozierte in Freiburg mit Lust und Liebe und betreute eine große Zahl von Schülern und Doktoranden. Aber das bei der Priesterweihe abgelegte Gelübde des Gehorsams stand für ihn nie zur Diskussion. Er ging nach Aachen.
So weit die äußeren Daten einer, wenn man so will, erfolgreichen und in der Logik der Entwicklung beeindruckenden Laufbahn. Nicht weniger bedeutsam als die laufbahnmäßigen Stationen waren jedoch die Phasen des inneren Reife- und Werdeprozesses. Im Priesterseminar St. Peter war er, vermittelt durch den dortigen Spiritual Dr. Rudolf Herrmann, mit der Fokolarbewegung in Berührung gekommen und nahm erstmals 1958 an einem Treffen der Bewegung in Fiera di Primiero teil, in der sich „das erste Kennenlernen und gegenseitige Gewonnenwerden ereignete“ (Paul Sumser), auf der Basis übrigens des von Hemmerle elegant gesprochenen Italienisch. Im Programm dieser Gemeinschaft, einen Beitrag zur Einheit der Menschheit in Kirche, Ökumene und Gesellschaft im Ganzen zu leisten, fand er ein schon während des Studiums gesuchtes Ziel, jene Einheit, die am Familienherd (focolare) beginnt und sich in allen nur denkbaren Richtungen in Kirche und Welt hinein fortsetzt. Eines der Leitworte der Bewegung, die zu seiner geistlichen Heimat wurde, „Laß alle eins sein, damit die Welt glaube“ (Joh. 17,21), wurde denn auch zu seinem bischöflichen Wahlspruch. So wichtig aber dieser Einheitsgedanke für ihn war, er bedeutete bei ihm niemals Gleichordnung, Nivellierung, Egalität. Gegen die zeittypische Neigung zu diesen Haltungen stellte er fest: „Unterscheidung ist nicht mehr Unterscheidung des einen vom anderen, sondern Unterscheidung des So vom Anders“. Diese Einstellung schließe durchaus auch den Blick auf das – verlorengegangene – Ganze, auf die Einheit, in sich und biete die Chance, „das Unselbstvertändliche neu aus sich selbst her zu gewinnen“.
Hemmerles Bestreben, von der Philosophie her zu einer Erneuerung der Theologie beizutragen, wird besonders deutlich bei einer Betrachtung des Ausgangs- und Zentralbegriffs seines Philosophierens, des Denkens. „Überall wo er etwas näher betrachtete, kam es unter der Zauberkraft seines Denkens zu einem ursprünglichen Leuchten längst vertrauter, gewohnter und auch verbrauchter Dinge“ (Karl Lehmann). Wie sein Lehrer Weite ging auch er als Theologe an die Grenzen des Denkbaren. Die eindrucksvollsten Stunden bei Weite seien gewesen, „wenn er uns auf dem Weg der Phänomene bis dorthin führte, wo es nicht mehr weiter ging, ... wo alles Denken abbrach und wir in die Aporie stürzten, in der Bernhard Weite dann leise die Stimme der Hoffnung, die Stimme, die uns umblicken ließ, vernahm und vernehmbar machte“ (Hemmerle). Wo sich in dieser Grenzerfahrung die Stimme der Hoffnung meldete und wohin diese Stimme führt, hat Hemmerle in einer Abhandlung über „Das Heilige und das Denken. Philosophische Phänomenologie des Heiligen“ (Werke) aufgezeigt, hier tauche das Heilige, das Geheimnis Gottes auf. „Einen der geistvollsten Denker der Nachkonzilszeit“ nannte ihn sein Freund Peter Hünermann.
Untrennbar verbunden mit den Denken ist die Grundfunktion des menschlichen Geistes, die Sprache, die sprachliche Erfassung dessen, was gedacht wird: „Doch ... unser Denken weiß, daß es sich unabschließbar und je nur im Gespräch der Geschichte, im Horizont von Mitmenschlichkeit und Zeitlichkeit ereignet, im Gespräch der Sprache“ (Hemmerle). In dieser Kunst des sprachlichen Erfassens war Hemmerle Meister. Es gelang ihm, „das Spiel von Unterschiedenheit und Einheit aller Wirklichkeit, von Freiheit, Unableitbarkeit und Notwendigkeit“ (Peter Hünermann) immer neu zu durchdenken und in allen seinen Facetten immer neu darzustellen.
Meister der Sprache: davon zeugen über 800 Veröffentlichungen, davon zeugen vor allem seine Predigten, in denen er, wie auch in seinen Vorlesungen, meist völlig frei sprach, allenfalls mit Unterstützung einiger auf einen Zettel gekritzelter Stichworte. Über die Faszination seiner Aachener Predigten berichteten Besucher, jeder einzelne im immer überfüllten Dom habe sich während der Verkündigung des Gottesworts von Hemmerle persönlich ins Auge gefaßt und angesprochen gefühlt. Fast alle Bischofspredigten sind auf Band festgehalten, Zeugnisse eines spirituellen Reichtums ohnegleichen.
Ähnlich wie in der Malerei, wo sich sein Talent gelegentlich auch der fröhlichen Karikatur zuwandte, äußerte sich die sprachliche Virtuosität zuweilen in witzigen Sprachspielereien und vor allem in Schüttelreimen, die Hemmerle auch als bevorzugtes Ausdrucksmittel zum Entspannen prekärer Situationen bevorzugte. Seine ganze Sprachmeisterschaft kommt in den freien Rhythmen seiner Gedichte zum Vorschein, wenn er etwa in einer Betrachtung zur Erinnerung an die Mutter seiner sardischen Gastgeber den Kaiserthron im Aachener Dom mit dem Stuhl der Mutter in Alghero, Via Misericordia 17, vergleicht: „Mich in Aachen auf den Kaiserthron im Dom setzen:/ Das geht mir nicht übers Herz“. Aber genausowenig mag er sich auf den Stuhl der Mutter neben der Haustür setzen: „Knotenpunkte der Geschichte“ müssen heilig bleiben./ Und heilig ist auch der Ort,/ an dem eine Mutter/ jahrzehntelang/ saß, gedachte, erzählte,/ Leid in Gebet und Freude in Dank/ verwandelnd./ Laßt den Platz diesen Müttern frei“. Mit seiner eigenen Mutter war Hemmerle eng verbunden. Sie begleitete ihn auf allen seinen Lebensstationen und leitete noch mit 90 Jahren seinen Haushalt.
Als er am 8. November 1975 zum Bischof von Aachen geweiht wurde, kam er in eine ihm wenig vertraute Umgebung. Übergangsschwierigkeiten blieben nicht aus. Hemmerle hat später schmunzelnd erzählt, wie ihn, den Alemannen mit einem temperierten Freiburgerisch, eine ältere Dame nach einer der ersten Predigten aufgefordert habe: „Reden Se doch mal dö-itsch“! Aber solche Schwierigkeiten ließen sich schnell beheben, das gewinnende und manchmal nonchalante Wesen des neuen Bischofs verschaffte ihm schnell einen festen Platz in den Herzen seiner „Diözesanen“. Wie er Gottes Wort verkündete, konnte „die Marktfrau genausogut wie der Professor der Technischen Hochschule verstehen“ (Karl Lehmann). Seine besondere Zuwendung gehörte den Kindern, den kleinen Leuten und den vom Leben Benachteiligten, und mit Nachdruck war er darum bemüht, die Kluft zwischen Kirche und Arbeiterschaft zu schließen. In Zechen und Gruben war er ein oft gesehener Gast. Dabei kam ihm zu Hilfe, daß ihm gespreizte Würde fremd war. Er war alles andere als ein „Kirchenfürst“. Seelsorge war der Primat seiner Bischofsjahre.
Weil er weder Funktionär noch Machtmensch war – seine Abneigung gegen bürokratische Strukturen war ausgeprägt; seine Besuche in kirchlichen Amtsstuben beschränkten sich auf das Notwendigste –, sprach er auch nie ein bischöfliches Machtwort. Dies wurde ihm zuweilen als „Führungsschwäche“ und „Mangel an Durchsetzungsvermögen“ ausgelegt. Aber Zwang und Gewalt schieden bei ihm in der Wahrnehmung seines Amtes aus, er setzte auf die Einsicht des jeweiligen Gesprächspartners und den Zuspruch des Heiligen Geistes. „Hilflos wurde er nur, wenn er auf Arroganz und breitbeinigen Machtsinn stieß (auch innerhalb der Diözese)“ (Hans Maier).
Vom ersten Tag seiner Amtsübernahme an bemühte sich der Bischof um die Verwirklichung seiner Wahlspruchs „Laß alle eins sein“ auf den verschiedenen Ebenen: der Diözese, der Ökumene und der Weltkirche.
Auf der Bühne der Aachener Diözese setzte er mit der Begründung einer Weggemeinschaft den Prozeß einer pastoralen Erneuerung in Gang, an dessen Ausgangspunkt für ihn das Verständnis des Verhältnisses von Gott und Mensch und von Mensch zu Mensch stand: „Weil der trinitarische Gott selbst Austausch = Gespräch der drei Personen ist, liegt die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott in der Fähigkeit eines fruchtbaren Miteinanders, eines helfenden Füreinanders und eines problemlösenden Aufeinander zu“ (Achim Besgen). Bedingung einer solchen Weggemeinschaft sei ein versöhntes Miteinander, sagte Hemmerle, andernfalls würde sie zur Phrase werden.
„Laß alle eins sein“ war für den Bischof auf dem Gebiet der Ökumene schon von seiner durch die Fokolarbewegung geprägten Spiritualität her ein selbstverständliches Gebot. Nur ein Beispiel: Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Nordelbischen Landeskirche, Ulrich Wilckens, berichtet über eine Einladung Hemmerles für ihn und seine Ehefrau zu einer ökumenischen Begegnung mit der Fokolarbewegung verbundenen Bischöfen in Castel Gandolfo und die dort erlebte Kollegialität und Gemeinschaft der Bischöfe verschiedener Kirchen. Sehr eng verbunden war Hemmerle mit der Aachener Griechisch-orthodoxen Kirche; eine Woche vor seinem Tod schleppte sich der Todkranke noch zur Weihe seines Freundes Evmenios Tamiokakis zum Vikarbischof der Griechisch-orthodoxen Metropolie von Deutschland in der katholischen Sankt-Michaels-Kirche in Aachen. In seiner Predigt über das brüderliche ökumenische Miteinander erinnerte Hemmerle an den Philipperbrief, „daß wir die Gabe des anderen je höher schätzen sollen als die eigene und die Not des anderen je ernster nehmen sollen als die eigene. Das ist geschehen, das möge weiter geschehen.“
Während seiner Tätigkeit im Zentralkomitee der deutschen Katholiken hatte Hemmerle den Gesprächskreis „Juden und Christen“ mitbegründet, und einer der jüdischen Mitbegründer dieses Kreises, Ernst-Ludwig Ehrlich, sagte über Hemmerle, er sei sich voll bewußt gewesen, welche Schuld die Kirche an den Juden gehabt habe, und habe sich mit großem Einsatz um eine Wende auf diesem Gebiet bemüht.
Hemmerle wies darauf hin, „daß meine Welt eben nicht mehr nur die europäische ist“. Man müsse mit radikalem Ernst realisieren, daß die wahre Einheit der Welt nicht auf einem weltverbindenden technischen Kommunikationsnetz beruhe, sondern „zwischen uns, zwischen der Kirche Asiens, Afrikas, Europas, Lateinamerikas und Ozeaniens ... muß es einen Dialog, muß es ein Lernen voneinander, muß ein gegenseitiges Sich-lieben geben, in dem diese Liebe Weltgestalt wird“. In diesem Sinne knüpfte er enge Beziehungen zu seinen kolumbianischen Mitbischöfen.
Die deutsche Bischofskonferenz wählte Hemmerle zum Vorsitzenden einer ihrer wichtigsten Kommissionen, der für geistliche Berufe, und drei Jahre lang war er Mitglied des Rates der Bischofssynode in Rom.
Im Frühjahr 1993 ereilte ihn die tödliche Krankheit, ein Prostata-Karzinom. Nur noch neun Monate waren ihm beschieden. Es war eine Zeit schweren Leidens, die er tapfer und in der tiefgläubigen Zuversicht auf die ihm bevorstehende Ankunft des neuen Jerusalems bestand. Am 23. Januar 1994 wurde er erlöst. Bei den Exequien predigte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Karl Lehmann. Er schloß mit folgenden Sätzen: „Aber vielleicht hat – ja ich bin gewiß – in Klaus Hemmerle, ohne daß wir es so recht merkten, ein heiligmäßiger Priester und Bischof unter uns gelebt. Wenn wir es nicht wahrgenommen haben, ist es noch nicht zu spät. Das entschiedene christliche Zeugnis unseres Lebens wäre der größte Dank an ihn.“
Quellen: Mitteilungen von Dr. phil. Adolf Kohler, Umkirch, Dr. med. Rudi Schwarz, Freiburg i. Br., und Pfarrer Paul Sumser, Garmisch-Partenkirchen
Werke: Im Verlag Herder, Freiburg i. Br., erschien 1996 eine fünfbändige Auswahl der Schriften Klaus Hemmerles: I. Auf den göttlichen Gott zu denken; II. Unterwegs zu dem dreieinen Gott; III. Die Alternative des Evangeliums zu gesellschaftlichen Fragen; IV. Spielräume Gottes und der Menschen; V. Gemeinschaft als Bild Gottes. – Eine Auswahl aus Hemmerles Schriften: Franz von Baaders philosophischer Gedanke der Schöpfung, 1963; Offene Weltformel, 1969; Unterscheidungen, 1972; Im Konkurrenzkampf der Weltanschauungen, 1972; Theologie als Nachfolge. Bonaventura, ein Weg für heute, 1975; Das Wort für uns, 1975; Thesen zu einer trinitarischen Ontologie, 1976, 2. Aufl. 1992; Vorspiel zur Theologie. Einübungen, 1976, 2. Aufl. 1979; Der Himmel ist zwischen uns, 1977; Glauben – wie geht das? Wege zur Mitte des Evangeliums, 1978, 2. Aufl. 1986; Christus nachgehen. Jungen Menschen den Weg finden helfen, 1980; Wegmarken zu Einheitlicher Theologie. Reflexionen zur Spiritualität der Fokolar-Bewegung, 1982; Brücken zum Credo. Glaubenswege, 1984; Arbeiterpastoral – eine Herausforderung für Theologie und Kirche, in: Arbeiterfragen 3/1986; Dein Herz an Gottes Ohr. Einübung ins Gebet, 2. Aufl. 1987; Wegzeichen zur Neuen Stadt. Geistliche Spuren von Heiligtumsfahrten und 89. Deutscher Katholikentag 1986 (fünf Beiträge), 1987; Die leise Stimme. Ulrika Nisch – ihr Weg und ihre Botschaft, Nachwort von Oskar Saier, 3. Aufl. 1988; Und das Wort ist Kind geworden. Gedanken zur Weihnacht. 5 Abb. von Michel Pochet, 2. Aufl. 1992; Wo Gott aufgeht. Das „Neue“ in der Spiritualität von Mutter Clara Fey – Gedanken zu Texten von Mutter Clara Fey. Vorwort von Leonie Kessler, Hg.: Generalrat der Schwestern vom armen Kinde Jesu, 1993; Karlheinz Collas (Hg.), Hirtenbriefe – Klaus Hemmerle 1994; Wie Glauben im Leben geht. Schriften zur Spiritualität, 1995; Uns ist ein Kind geboren. Gedanken zu Advent und Weihnachten, 1995; Leben aus der Einheit. Eine theologische Herausforderung, hg. von Peter Blättler, 1995; Gottes Zeit – unsere Zeit. Gedanken für jeden Tag, hg. von Erich Strick, 2. Aufl. 1995; Karlheinz Collas (Hg.), Nicht Nachlaßverwalter, sondern Wegbereiter. Klaus Hemmerle, Predigten, 1993, 3. Aufl. 1995<br /> Mitautor: Theologie als Wissenschaftliche Methode (mit Bernhard Casper und Peter Hünermann), 1970; Besinnung auf das Heilige (mit Bernhard Casper und Peter Hünermann, Festschrift für Bernhard Welte), 1966; Der Ort der Akademie in der Kirche, in: Fragestellungen einer Akademie, hg. von Dietmar Bader, 1981; Aufgabe der Universalität – Aufgabe der Identität, Fragen kirchlicher Akademiearbeit, in: Universität als Auftrag des Glaubens, hg. von Dietmar Bader, 1982; Herbert Falken, Bilder des Überlebens (mit Frank G. Zehnder), 1989; Elite – Dienst aus Verantwortung. Referate, Resolutionen und Diskussionsbeiträge aus der Verbandsarbeit der Jahre 1979 bis 1981 (mit Heribert Blens, Heiner Geissler, Fred Kramer, Wilhelm Lampen, Norbert Trippen, Wilhelm Wöste, hg. von Wilhelm Wessenberg), 1982; Ludwig Schaffrath, Oasen in Glas und Stein (mit Philipp Boonen, Adam C. Oellers, hg. von Philipp Boonen), 1986; Wir wollen Dich preisen. Meditationen zu Marienfesten während des Kirchenjahres (mit Joseph Höffner, Franz Hengsbach, Emmanuel Heufelder, Wilhelm Janssen, Heinrich Spaemann, Heinrich Tenhumberg), 2. Aufl. 1980; Mut zur Zukunft. Über den sinnvollen Umgang mit den Lebensmöglichkeiten auf der Erde (mit Marianne Gamberger, Rudolf Lösch, Rainer Mackensen, Hans Ch. Binswanger, Hans K. Schneider, Wolfgang Sassin, Rudolf Schulten, Hans J. Einbrodt, hg. von Heinrich J. Schulte-Vieting, Vorwort von Philipp Boonen), 1983; Orden als Lebensmodell. Erwartungen – Ansprüche – Tendenzen (mit Waltraud Herbstrith, Gisbert Greshake, P. Lippert, P. Schnell, Anna M. Strehle, Friedrich F. Wulf, W. Zeller), 1983; Mut zum Denken, Mut zum Glauben. Bernhard Welte und seine Bedeutung für eine künftige Theologie (mit Bernhard Casper, Ingeborg Feige, Peter Hofer, Hubert Lenz, Jean C. Petit, Wolfgang Schneider, Helmut Vetter, Pietro de Vitis, hg. von Ludwig Wenzler), 1994<br /> Herausgeber: Sag mir, was du glaubst. Zwölf Bischöfe der Weltkirche über das Glaubensbekenntnis, 1984; Symposion. Philosophische Schriftenreihe, begründet von Max Müller, Bernhard Welte, Erik Wulf, hg. v. Robert Spaemann, Klaus Hemmerle, Alexander Hollerbruch; ab Bd. 101 hg. von Maximilian Forschner, Ludger Honnefelder, K. Alber<br /> Stichworte „Androgyn“ und „Franz von Baader“ in Bd. 12 LThK; „Bernhard Welte“ in BWB 1 378
Nachweis: Bildnachweise: in: das prisma, Sonderheft 1994 (Literatur)

Literatur: (Auswahl) Klaus Hemmerle, in: das prisma, Sonderheft 1994, mit Beiträgen von Wolfgang Baader, Chiara Lubich, Michael Albus, Achim Besgen, Ernst-Ludwig Ehrlich, Herbert Falken, Wilfried Hagemann, Hanspeter Heinz, Peter Hünermann, Leo Jansen, Friedrich Kronenberg, Martin Kruse, Hanna-Renate Laurien, Karl Lehmann, Hans Maier, Annette Schawan, Evmenios Tamiolakis, Ulrich Wilckens; Chiara Lubich, Bis wir alle eins sein werden, 1990; Hanspeter Heinz, Immer eine Nasenlänge voraus. Zum vierzigsten Jahrestag der Priesterweihe von Bischof Klaus Hemmerle, in: Konradsblatt vom 24.05.1992; Sabine Rother, Engagierter Seelsorger, Ratgeber und Wissenschaftler – Viele Gläubige nehmen Abschied von Bischof Klaus Hemmerle – Exequien Samstag – Jeden Abend Totenwache, in: Aachener Volkszeitung (AVZ) vom 24.01.1994; dies., „Er zeigte, was es heißt, wenn man sich von Gott geliebt fühlt“ – Stimmen zum Tod des Bischofs: Hoffnung auf die Weggemeinschaft; Gegen die Hoffnungslosigkeit – Auch in den letzten Tagen suchten noch viele den Bischof auf, in: AVZ vom 24.01.1994; Peter Pappert, Das Bistum Aachen trauert um Bischof Klaus Hemmerle – Aachener Oberhirte starb gestern nach langer schwerer Krankheit; ders., Die Kraft des Glaubens, in: AVZ vom 24.01.1994; Hans Siemon, Ein frommer Gelehrter und guter Hirte – Bischof Klaus Hemmerle wird den Menschen seines Bistums und der ganzen Kirche fehlen; „Eine der markantesten Gestalten der Kirche“ – Zum Tode von Bischof Hemmerle äußerten sich hohe Geistliche und auch Ministerpräsident Rau, in: AVZ vom 24.01.1994; Sabine Rother, Tiefe Stille herrschte im Dom – Sarg des Bischofs wurde gestern Abend in die Chorhalle überführt, in: AVZ vom 19.01.1994; Hans Maier, Geprägt von der Freiheit der Erben Gottes, in: Rheinischer Merkur vom 28.01.1994; Klaus Behne, Trauer um Bischof Klaus Hemmerle – Nach langem Leiden im Alter von 64 Jahren an einer Krebserkrankung verstorben – Bischof Lehmann: Ein wahrer Hirte – Erzbischof Saier: Tief betroffen, in: Konradsblatt vom 30.01.1994; Sabine Rother/Michael Jaspers, Abschied mit „Dank, Trauer und Wehmut im Herzen ...“ – Kardinal Meisner bei Auferstehungsfeier für Bischof Klaus Hemmerle; Nach der Predigt gab es spontanen Applaus – Bischof Lehmann begeisterte die Gläubigen; dies., Meisner und Vogel erinnern sich – Nach der Beisetzung: Begegnung und Gespräch in der Domsingschule; in: AVZ vom 31.01.1994; dies., Ergreifender Abschied von Bischof Klaus Hemmerle – Auferstehungsfeier im Aachener Dom – Lehmann: Kraft der Verkündigung, in: AVZ vom 31.01.1994; Klaus Behne, Hemmerle hatte ein Herz für die Menschen – Trauerfeier für Bischof Klaus Hemmerle im Aachener Dom/Lehmann: Ein großer Bischof, in: Konradsblatt vom 06.02.1994; Peter Hünermann, Das weite Zelt. Zum Gedenken an Klaus Hemmerle, in: Christ in der Gegenwart 7/1994; Thomas Maier, Brückenbauer im Glauben. In memorian Klaus Hemmerle: Ein Meister der Spiritualität, der glaubhaft die Einheit von Amt und Charisma bezeugte, in: Konradsblatt vom 19.02.1995; Kurt Janssen, Wegbegleiter, Das letzte Buch von Klaus Hemmerle, in: Christ in der Gegenwart 13/1995; Manfred Plate, Die Zukunft der Theologie. Anläßlich eines Buches über Bernhard Welte, in: Christ in der Gegenwart 10/1995; Peter Hünermann, „Klaus Hemmerle“, in 3 LThK; Bernd Trocholepczy, Nicht ins Getto. Zu den „Ausgewählten Schriften“ von Klaus Hemmerle, in: Christ in der Gegenwart 5/1996; Munzinger Archiv 16/1994; LbBW 9, 10
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