Frank, Ludwig 

Geburtsdatum/-ort: 23.05.1874;  Nonnenweiher, Ortenaukreis
Sterbedatum/-ort: 03.09.1914; Nossoncourt bei Baccarat, Lothringen
Beruf/Funktion:
  • Rechtsanwalt und SPD-Politiker
Kurzbiografie: 1893 Abitur Gymnasium Lahr
1893 Militärdienst in Freiburg i. Br. als „Einjähriger“
1894-1896 Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg und Berlin
1896-1899 Rechtspraktikant
1899 Promotion Dr. jur. Universität Freiburg, Thema: Über die Entwicklung der Innungen in Baden
1900 Niederlassung als Anwalt in Mannheim
1904 Stadtverordneter
1905 Mitglied des badischen Landtags, Wahlkreis 41 Karlsruhe 1
1907 Mitglied des Reichstags, Wahlkreis 11 Baden-Mannheim
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Eltern: Vater: Samuel Frank, Handelsmann (gest. 1915)
Mutter: Fanny, geb. Frank (gest. 1926)
GND-ID: GND/11923923X

Biografie: Heinrich Walle (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 89-92

Am 3. September 1914 fiel Frank, Mannheimer Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordneter der SPD, als kriegsfreiwilliger Landsturmmann bei seinem ersten Gefecht in Nossoncourt bei Baccarat in Lothringen. Er und Hans von Meding, Abgeordneter der Deutsch-Hannoverschen Partei, waren jene beiden Reichstagsabgeordneten, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben für das Vaterland geopfert haben.
Franks Persönlichkeit war von einer tiefen Prägung durch das Judentum und von hohem Idealismus gekennzeichnet. Dies haben ihm schon 1914 die Zeitgenossen in Nachrufen bestätigt. Besonders eindrucksvoll zeigt sich seine Haltung in einem Brief vom 23. 8. 1914, den er wenige Tage vor dem Abmarsch an die Front geschrieben hatte. Dieser Brief wurde sozusagen als Franks Vermächtnis im Israelitischen Familienblatt, der damals größten überregionalen Zeitung der deutschen Judenheit, veröffentlicht. Ohne nationalistisches Pathos schreibt Frank, daß er als 40jähriger Rekrut die Strapazen des Wehrdienstes willig für sein bedrängtes Vaterland auf sich genommen hatte. „Ich bin in der Kaserne einquartiert und schlafe auf dem harten Feldbett wie mein Stammvater Jakob 'zu Häupten den Stein' ... der feste Vorsatz, sich einzuordnen und auch in kleinen und kleinlichen Pflichten das große Ziel nicht aus dem Bewußtsein zu verlieren, hilft über alle Hemmnisse hinweg.“ Mit leiser Selbstironie heißt es dann weiter: „Ich stehe an der Front wie jeder andere, ich werde von allen (Mannschaften wie Offizieren) mit größter Rücksicht (protzig ausgedrückt: Ehrerbietung!) behandelt. Aber ich weiß nicht, ob auch die französischen Kugeln meine parlamentarische Immunität achten.“
Durch seinen patriotischen Einsatz als Soldat an der Front wollte der jüdische Sozialdemokrat die politische Gleichberechtigung aller Bürger in Deutschland erreichen. In dem Brief heißt es dazu weiter: „Ich habe den sehnlichen Wunsch, den Krieg zu überleben und dann am Innenbau des Reiches mitzuschaffen. Aber jetzt ist für mich der einzig mögliche Platz in der Linie in Reih und Glied, und ich gehe wie alle anderen freudig und siegessicher.“
Frank entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie aus Mittelbaden. Die Eltern waren nach seinem eigenen Zeugnis tiefreligiöse Juden, die dem Sohn unter großen Mühen eine akademische Ausbildung ermöglicht haben. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Ludwig Haas hat er sich nicht als Vorkämpfer für das Judentum empfunden, jedoch seine innere Bindung und Verwurzelung hieran nie verleugnet. Schon aus Rücksicht auf seine Eltern, an denen er mit inniger Liebe hing, kam für ihn eine Trennung vom Judentum nicht in Frage.
Er wuchs unter Bauern auf und kannte die Sorgen und Nöte der einfachen Leute und konnte mit ihnen reden. Bereits als Schüler fand er Zugang zur Arbeiterbewegung. Nach dem Abitur, bei dem er durch seine Abiturientenrede („Die Bedeutung Lessings in seiner Zeit“) einen landesweiten Pressewirbel auslöste, leistete er seinen Wehrdienst als „Einjähriger“ in Freiburg ab. Dem anschließenden Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg und Berlin folgten die üblichen Ausbildungsjahre eines Rechtspraktikanten bei verschiedenen badischen Behörden. Nach der Promotion zum Dr. jur. wurde er Referendar in Mannheim, wo er sich 1900 als bald vielgefragter Rechtsanwalt niederließ.
In Freiburg war er während seiner Studienzeit Mitbegründer des sozialwissenschaftlichen Studentenvereins und widmete sich seit 1903 neben seiner Anwaltspraxis ganz der politischen Tätigkeit in der SPD. Als Delegierter auf dem internationalen Sozialistenkongreß in Amsterdam empfing er 1904 die Anregung zur Gründung des „Vereins junger Arbeiter“. Dieser breitete sich schnell von Mannheim über Süddeutschland aus. Das von ihm begründete und redigierte Verbandsorgan „Junge Garde“ mußte 1908 eingestellt werden, als das Reichsvereinsgesetz eine Umbildung der Jugendorganisation erzwang.
Seit 1904 war er Mannheimer Stadtverordneter und bald auch zweiter Vorsitzender der badischen SPD, deren Fraktionsvositzender im Landtag Wilhelm Kolb war. Seit 1905 vertrat er den Wahlkreis Karlsruhe I im badischen Landtag und seit Januar 1907 erhielt er als drittes Mandat die Vertretung des Wahlkreises 11, Baden-Mannheim, im Reichstag.
Innerhalb der SPD profilierte sich Frank, nachdem der bayerische Sozialistenführer Georg von Vollmar aus Krankheitsgründen seine politische Tätigkeit einschränken mußte, zu einem führenden Reformisten. Dabei war er kein Theoretiker oder Eschatologe, sondern eher ein Pragmatiker und Nonkonformist. Seine politische Hauptaufgabe sah dieser tolerante und zutiefst überzeugte Demokrat, der sich nur seinem Gewissen verpflichtet fühlte, darin, der Arbeiterklasse materielle und kulturelle Verbesserungen zu verschaffen. Dies wollte er keineswegs auf revolutionärem Wege, sondern unter Benutzung bestehender Institutionen erreichen. So trat er als einer der herausragenden Köpfe der badischen Sozialdemokraten, die nach der Wahlrechtsreform vom 15.7.1904 durch die Einführung des direkten und gleichen Wahlrechtes bessere politische Handlungsfähigkeiten als die Preußen hatten, wo noch das Dreiklassenwahlrecht galt, für ein Zusammengehen mit den Nationalliberalen im sogenannten „Großblock“ ein und stimmte für die Budgetbewilligung in den süddeutschen Staaten. Sein Bemühen, durch Zusammengehen der SPD mit einer bürgerlichen Partei konstruktive Politik zu betreiben, brachte ihn in starke Gegensätze zu seinen norddeutschen Parteigenossen. Hierin zeigte sich seine tiefe Verwurzelung in der politisch toleranten Tradition Badens.
Die Vornehmheit seiner Gesinnung und die Toleranz auch gegenüber dem politischen Gegner wird von den Zeitgenossen gerühmt. Der großgewachsene Mann, dem Hansjakob schon als Student eine glänzende Zukunft prophezeit hatte, war ein mitreißender Redner, dem jedoch übertriebenes Pathos oder die persönliche Diffamierung des politischen Gegners fremd waren. Er verkehrte mit dem jungen Theodor Heuss, der Frank bewunderte und den dieser Sozialist nicht zu „bekehren“ versuchte. Auch zu seinem Kollegen Haas, dem Abgeordneten der Fortschrittlichen Volkspartei, einer liberalen Gruppierung, unterhielt er Kontakte, die von gegenseitiger Achtung gekennzeichnet waren, wie seine Vertraute Hedwig Wachenheim das Reichsbanner in Mannheim berichtete.
Dennoch vertrat er unbeirrt seinen politischen Standpunkt, dem – nach E. Matthias - der offizielle Radikalismus der deutschen Sozialdemokratie als eine „Politik der Phrase“ erschien, die Frank durch eine „Politik der Tat“, die das Gewicht der Partei machtpolitisch zum Einsatz bringen sollte, ersetzt zu sehen wünschte. Der Inhalt einer solchen elastischen, realistisch den jeweiligen Umständen angepaßten Politik, konnte für ihn nur ein unermüdlicher, zielstrebiger Kampf um den Staat sein.
Als Reichstagsabgeordneter kämpfte er vornehmlich für die Reform des Wahlrechtes, was ihn angesichts der andersgearteten innenpolitischen Verhältnisse Preußens nicht davon abhielt, dort 1912/13 für den politischen Massenstreik als Kampfmittel gegen das Dreiklassenwahlrecht einzutreten.
Für den Patrioten Frank war es daher eine selbstverständliche Pflicht, als Kriegsfreiwilliger und als Mannschaftsdienstgrad mit dem 2. Badischen Grenadier-Regiment Kaiser Wilhelm I. Nr. 110 ins Feld zu ziehen. Frank hatte aus der gleichen Haltung auch am 4. August 1914 zusammen mit seinen Fraktionskollegen im Reichstag für die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt. Fest glaubte er an die unausweichlichen politischen Auswirkungen des Krieges: „Statt des Generalstreiks führen wir für das preußische Wahlrecht einen Krieg“. Dieser Patriotismus entsprach seiner Auffassung von politischem Führertum, wie es aus seiner von Hedwig Wachenheim überlieferten Äußerung deutlich wird: „Mein Motiv war lediglich, durch die Tat zu beweisen, daß es der Sozialdemokratie mit der Pflicht der Landesverteidigung ernst ist, und daß ihre Haltung vom 4. August aus einer inneren Notwendigkeit, nicht aus einem äußeren taktischen Zwang entsprungen ist.“
Wie kaum ein anderer Politiker hatte er sich vor Kriegsausbruch für die Förderung der deutsch-französischen Verständigung eingesetzt. Die Interparlamentarischen Konferenzen zu Bern im Jahre 1913 und in Basel im folgenden Jahr kamen hauptsächlich auf seine Anregung hin zustande. Theodor Heuss schrieb über ihn bereits 1914: „Die deutsche Sozialdemokratie verlor einen ihrer fähigsten Köpfe, die badische ihr Haupt ... Die deutsche Volkszukunft verlor einen ihrer stärksten Führer.“
Nach dem Krieg hat ihm die Stadt Mannheim ein würdiges Denkmal gesetzt. Es gehörte zu den Sinnlosigkeiten der Zeit nach 1933, daß dieses Monument für einen Patrioten, der als Sozialdemokrat wie als Jude verhaßt war, demoliert wurde.
Am Vorabend zu seinem 100. Geburtstag wurde die Mannheimer Lüttich-Kaserne, aus der er im August 1914 ins Feld ausgerückt war, in „Ludwig-Frank-Kaserne“ umbenannt. Für die Soldaten der Bundeswehr ist dieser deutsche Jude ein Vorbild als Demokrat und Soldat, der mit 1873 Toten in dem 1963 gestalteten Kameradengrab auf dem deutschen Friedhof Reillon in Frankreich ruht.
Werke: Die bürgerlichen Parteien des Deutschen Reichstages, Stuttgart 1911; ders., Aufsätze, Reden und Briefe, ausgew. u. hrg. von Hedwig Wachenheim, Berlin 1924.
Nachweis: Bildnachweise: Gedächtnispostkarte (s. Lit.: Waeldin/Richter/Rese/ Blass), Bronzebüste (s. Lit. Haebler, L Frank, 1962/63, 151), Foto (s. Lit. Brucker).

Literatur: Nachrufe: Franks letzter Gruß, in: Israelit. Familienblatt, Nr. 38 vom 17. 9. 1914; Leonie Meyerhof, L. Frank als Jude, in: Israelit. Familienblatt, Nr. 45 vom 5. 11. 1914; A. L., L. Frank, ein deutscher Jude, in: Im Deutschen Reich, Zs. des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, 20. Jg., Nr. 10/12, 1914, 274 ff.; Theodor Heuss, An und über Juden, hg. von Hans Lamm, Düsseldorf 1964, 33, S. 43: Nachdruck des Nachrufes von 1914; Johannes Timm, Reichstagsabgeordneter L. Frank, in: Süddeutsche Monatshefte, XII, Nr. 10, Oktober 1914, 122 ff.; Simon Grünebaum, L. Frank. Ein Beitrag zur Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie, Heidelberg 1914; Rolf Gustav Haebler, In Memoriam L. Frank. Ein Beitrag zur Geschichte der badischen und der deutschen Sozialdemokratie und des internationalen demokratischen Sozialismus, Mannheim 1954; Erich Matthias, L. Frank, in: NDB 5, 1961, 343; Rolf Gustav Haebler, L. Frank, in: Geroldsecker Land, 5, 1962/63, 151-155; Hedwig Wachenheim, L. Frank, in: Mannheimer Hefte 1964, Nr. 2, 28 ff.; O. Waeldin, H. Richter, H. Rese, Th. Heuss †, Ein deutscher Patriot, persönliche Erinnerungen an L. Frank, in: Geroldsecker Land, 10, 1967/68, 43-50; Hedwig Wachenheim, Vom Großbürgertum zur Sozialdemokratie, Memoiren einer Reformistin, Beihefte zur internationalen wissenschaftlichen Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Bd. 1, Berlin 1973; Theodor Heuss, L. Frank, in: Profile, Nachzeichnungen aus der Geschichte, Tübingen 1964, 236 ff.; Carlo Schmid, Tätiger Geist. Gestalten aus Geschichte und Politik, Hannover 1964, 141 ff.; Ernest Hamburger, Juden im öffentlichen Leben Deutschlands, Regierungsmitglieder, Beamte und Parlamentarier in der monarchischen Zeit 1848-1918, Tübingen 1968, 444 ff.; Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914, hg. von Werner E. Mosse, Tübingen 1976; Hildegard Kattermann, geb. Becker, Geschichte und Schicksale der Lahrer Juden, hg. v. d. Stadtverwaltung Lahr 1976, bes. 40 ff.; Werner T. Angress, Between Baden and Luxemburg. Jewish Socialists on the Eve of the First World War, in: Year Book XXII des Leo Baeck Instituts, London-Jerusalem-New York 1977, 1 ff.; Philipp Brucker, Schicksal am Oberrhein, in: Kriegsgräberfürsorge. Stimmen und Weg, Nr. 4, 1984, 18 f.; Heinrich Walle, Deutsche jüdische Soldaten 1914-1945, in: Deutsche jüdische Soldaten 1914-1945, Katalog zur Wanderausstellung, hg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Herford-Bonn 1983, 28; ders., Deutsche jüdische Soldaten aus dem Großherzogtum Baden im Ersten Weltkrieg, zur Erinnerung an Ludwig Frank und Ludwig Haas, in: Juden in Baden 1809-1984, hg. v. Oberrat d. Israeliten Badens, Karlsruhe 1984, 173 ff.
Suche