Piccard, Gerhard August Karl 

Andere Namensformen:
  • eigentlich Bickert
Geburtsdatum/-ort: 15.07.1909; (Berlin-)Friedenau
Sterbedatum/-ort: 21.07.1989; Burgthann
Beruf/Funktion:
  • Wasserzeichenforscher und Papierhistoriker
Kurzbiografie: 1915-1925 (?) Siemens-Oberrealschule einschließlich Vorklassen in Charlottenburg/Berlin-Charlottenburg; Konservatorium für Musik in Berlin (Konservatorium Klindworth-Scharwenka?)
1925 (?)-1930 Studium Klavier und Harmonielehre an der Hochschule für Musik in Berlin-Charlottenburg, Konzertpianist
1927 Abitur, Oberrealschule in Landsberg/Warthe
1930-1942 Selbststudium in Zeichnen, Aquarell und Öl, Studium der Bildenden Künste in Berlin (Vereinigte Staatsschulen für freie und angewandte Kunst/Staatliche Hochschule für Bildende Künste?) und Tarragona (Spanien), freischaffender Kunstmaler und Graphiker, 1936 in Spanien (u. a. Ibiza) und 1937 in Oberbayern (u. a. Berchtesgaden)
1942-1946 Militärdienst, sowjetische Kriegsgefangenschaft, Flucht nach Berlin (West), dort Rekonvaleszenz
1947-1948 Stuttgart, Arbeitssuche
1948-1951 Karlsruhe, Gelegenheitsarbeiten, Beginn der systematischen Wasserzeichenstudien und des Aufbaus der Wasserzeichenkartei als Privatforscher (1949 18. Mär.)
1951-1989 Angestellter, ab 1952 freier Mitarbeiter (Werkvertrag) des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, wohnhaft 1951-1959 Stuttgart, 1959-1974 Ruit (bei Stuttgart), Landkreis Esslingen, 1974-1989 Los Castillos/Arucas, Gran Canaria, Spanien, 1989 Burg Grünsberg/Altdorf, Landkreis Nürnberger Land, Altenheim Mimberg in Burgthann
1970 Berufung zum Korrespondierenden Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg
1980 Verleihung des Titels „Professor“ durch den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1959 (Kassel) Rosalie Moog, geb. Tomeczek (1915-1978)
Eltern: Vater: Gustav Hermann Bickert, Oberpostsekretär (1867-1959)
Mutter: Elsa Luise Clara, geb. Ventz (1879-1955)
Geschwister: Edith, verheiratete Moebes (geb. 1905)
Kinder: keine
GND-ID: GND/11931729X

Biografie: Hermann Bannasch (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 261-266

Piccard gilt als der bedeutendste Wasserzeichenforscher und Papierhistoriker des 20. Jahrhunderts. In der kritischen Auseinandersetzung mit Charles Moïse Briquet, Les filigranes. Dictionnaire historique des marques du papier dès leur apparition vers 1282 jusqu'en 1600, 1907, 1923 2. Aufl., stellte er die Wasserzeichenforschung auf eine wissenschaftlich gesicherte Grundlage. Er bahnte ihr damit den Weg in den Kreis der etablierten historischen Hilfs- oder Grundlagenwissenschaften und in das Repertoire der akademischen Fachbücher.
Seine Leistung ragt in zweifacher Hinsicht heraus: Er hat wissenschaftlich begründet, dass ältere, bis um die Mitte des 17. Jahrhunderts verwendete Papiere ungeachtet ihrer Herkunft aus einer bestimmten Papiermühle mit Hilfe ihrer Wasserzeichen datiert werden können. Zugleich schuf er in Gestalt der Wasserzeichenkartei Piccard und der Reihe der Findbücher zur Wasserzeichenkartei Piccard im Hauptstaatsarchiv Stuttgart geeignete Hilfsmittel für die praktische Anwendung dieser Datierungsmethode.
Piccards Familienname lautet eigentlich „Bickert“. Das Pseudonym legte er sich einst als Kunstmaler in jungen Jahren zu und behielt es lebenslang bei. Unter diesem sind Person und Werk in Fachkreisen schon zu Lebzeiten international bekannt geworden. Sammlung wie Editionsreihe sind weltweit einmalig. Die Leistung ist umso bemerkenswerter, als Piccard Autodidakt war. Außer einer soliden Schulbildung besaß er keinerlei Abschluss einer Berufsausbildung.
Aus Mangel an Zeugnissen kann Piccards Lebensweg vor 1945 weder vollständig noch immer verlässlich nachgezeichnet werden. Piccard selbst hat diesen Lebensabschnitt aus seiner Biographie weitgehend ausgeblendet. Er wuchs in behüteten kleinbürgerlichen Verhältnissen um und in Berlin auf. Bereits im Vorschulalter zeigten sich sein wacher Geist und seine besondere zeichnerische und musikalische Begabung. Wo er Papier und Stifte fand, zeichnete und malte er. Die Mutter führte ihn in das Klavierspielen ein. Alsbald besuchte er parallel zur Schule das Konservatorium. Im Alter von 16 Jahren begann er eine Ausbildung zum Konzertpianisten. Er wurde in die Meisterklasse des Liszt-Schülers Conrad Ansorge aufgenommen und trat mit Klavierkonzerten an die Öffentlichkeit. Nach Ansorges Tod in den Turbulenzen der Weltwirtschaftskrise im Februar 1930 verlegte er sich auf das Zeichnen und Malen, teils im Selbststudium, teils unter fachlicher Anleitung – nach eigenem Bekunden an den „Akademien für Bildende Künste in Berlin und Tarragona“. Als freischaffender Kunstmaler reiste er 1936 über Italien nach Spanien. Als dort der Bürgerkrieg ausbrach, kehrte er in sein Elternhaus zurück und zog kurz darauf 1937 nach Berchtesgaden in die Bergwelt Oberbayerns. Schließlich setzte die Einberufung zum Militärdienst (Pionier-Ersatz-Bataillon 23) am 15. April 1942 in Berlin der Ungebundenheit seines Künstlerlebens ein Ende. Noch im selben Jahr wechselte er zum Heeres-Pionier-Bataillon 5 und von dort spätestens Anfang April 1944 in den Stab des Pionier-Ausbildungs-Bataillons der 17. Armee (Heeresgruppe Süd). Ab 18. Juni 1944 diente er im Rang eines Gefreiten in der Armee-Kartenstelle (mot.) 517 – A.O.K. 17. In Bleistiftzeichnungen hielt er manche Etappe fest, die er in den Weiten Russlands während seines Einsatzes an der Ostfront zurücklegte. Den Signaturen der Zeichnungen zufolge nahm er spätestens damals den Künstlernamen Piccard an. Bei Kriegsende geriet er in sowjetische Gefangenschaft.
Nach geglückter Flucht aus einem Krankenlager in Frankfurt/Oder im Herbst 1945 und Genesung im Elternhaus (Berlin/West) versuchte Piccard zunächst, in Bayern Fuß zu fassen. Als das misslang, übersiedelte er zu Beginn des Jahres 1947 von Berlin nach Stuttgart. Hier fand er Aufnahme bei der Familie seines Kriegskameraden Alfred Krempel, eines Unternehmers der Papierbranche. Dabei machte er die für ihn schicksalbestimmende Bekanntschaft mit Alfred Krempels verwitweter Schwester Dr. Lore Sporhan-Krempel, einer promovierten Zeitungswissenschaftlerin. Diese gab alsbald die Schriftstellerei auf und verschrieb sich leidenschaftlich der Papiergeschichte und der Förderung Piccards.
Die Familie Krempel betrieb eine Kartonagenfabrik in Enzweihingen bei Stuttgart. Dort entdeckten Piccard und seine Begleiterin im Altpapier handgeschöpfte Hadernpapiere mit Wasserzeichen, darunter auch die Marke eines früheren Besitzers der Fabrik. Der Zufallsfund regte sie an, der Entstehung des Papiers und der Bedeutung der Wasserzeichen weiter nachzuspüren. Dabei interessierte Piccard alsbald weniger die Geschichte der einzelnen Papiermühlen. Er konzentrierte sich vielmehr auf die grundsätzlichen Fragen der Erzeugung, des Handels und des Gebrauchs früher handgeschöpfter Papiere sowie ihrer Wasserzeichen. Darüber hinaus griff er in den angrenzenden Wissensgebieten weitere Forschungsthemen auf.
Grundlegend für Piccards Arbeit war die kritische Beschäftigung mit Briquets monumentaler Wasserzeichenedition gleich zu Beginn seiner systematischen Papier- und Wasserzeichenstudien im Generallandesarchiv Karlsruhe. Er hatte seine Recherchen dort im März 1949 als Privatforscher im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts zur Geschichte der Papiermühlen in Württemberg und Baden aufgenommen. Projektträger waren seine in den Anfängen wie auch später unermüdlich und selbstlos sorgende Förderin Lore Sporhan-Krempel und die Forschungsstelle Papiergeschichte in Mainz. Nach Karlsruhe war er gezogen, um die Unterstützung einer ortsansässigen Hilfsorganisation für Kriegsheimkehrer zu erlangen. Durch Gelegenheitsarbeiten verdiente er sich spärliche Einkünfte für seinen Lebensunterhalt.
Ergebnisse des Quellen- und Literaturstudiums veröffentlichte Piccard zügig in verschiedenen eigenen oder gemeinschaftlichen Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen. Im Frühjahr 1950 stellte er sich und seine Beschäftigung mit den Wasserzeichen einer breiteren Öffentlichkeit vor. Er zeigte in einer Ausstellung des Badischen Kunstvereins in Karlsruhe Tuschzeichnungen von Wasserzeichen und sprach dazu in einem öffentlichen Vortrag und in einem Rundfunkinterview.
Bis Ende 1951 hatte Piccard 4 000 Wasserzeichen in Form von Durchzeichnungen (Pausen) originalgetreu erfasst, in schwarzer Ausziehtusche auf haltbaren weißen Karton übertragen und in Karteiform organisiert. Das Generallandesarchiv zeigte kein Interesse an der Sammlung und ihrer Fortführung. Anders das Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Zu dessen Leiter Max Miller hatte die schwäbische Fabrikantentochter Lore Sporhan-Krempel über einen Mittelsmann im Staatsministerium den Kontakt geknüpft.
Im Januar 1952 übergab Piccard seine Wasserzeichenkartei dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Vorübergehend als Angestellter, dann als freier Mitarbeiter mit jährlich zu erneuernden Werkverträgen ging er sogleich leidenschaftlich und beharrlich daran, die Sammlung zu ergänzen und für wissenschaftliche Zwecke nutzbar zu machen. Dass er damit seinen Lebensberuf und seine – wiewohl für lange Zeit sehr bescheidene – materielle Existenzgrundlage gefunden hatte, war damals noch nicht absehbar.
Piccard benötigte für seine Wasserzeichenpausen einwandfrei datierte Vorlagen. In der Regel reiste er dafür persönlich zu den Archiven, zunächst vornehmlich in Süd- und Südwestdeutschland. Von wichtigen Produktionsstätten und Vertriebswegen der frühen Schreibpapiere geleitet, dehnte er seine Studienreisen ab 1954 bis einschließlich 1974, seit 1956 mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, auf Archive und Bibliotheken in Nordwest- und Mitteldeutschland sowie in den Nachbarländern Niederlande, Belgien, Ostfrankreich, Schweiz, Österreich, Nord- und Mittelitalien aus. Teile Nordosteuropas erfasste er über das ehemalige Staatliche Archivlager in Göttingen, jetzt Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin. Bis 1974 hat er nach eigenen Angaben insgesamt 130 000 exakt datierte Wasserzeichen samt Binddrähten (Kettlinien) des unmittelbaren Umfelds, Beizeichen und Gegenmarken vornehmlich der Jahre 1300 bis 1650 in über 80 Archiven und Bibliotheken des In- und Auslands größengetreu durchgepaust und die zugehörigen Angaben über Ort und Zeit der Beschriftung, Überlieferungsform des Papiers, Formenpaare und Fundstellen festgehalten. Von dieser reichen Ausbeute fertigte er über 90 000 Reinzeichnungen in Ausziehtusche auf Karteikarten und vereinte sie zu Belegreihen von beispielloser Dichte in seiner Wasserzeichenkartei. Sie bilden die Basis einer Datierungsmethode, die die herkömmlichen paläographischen, stilkundlichen, ikonographischen oder typographischen Arbeitsweisen vorzüglich ergänzt und ihnen immer dann weit überlegen ist, wenn zwischen dem Wasserzeichen eines exakt datierten Papiers und dem eines nicht datierten Kongruenz (Identität) vorliegt. Mit ihrer Hilfe kann die Zeitstellung nicht datierter Schriftstücke, Handzeichnungen oder Drucke aus der Zeit vor 1650, bezogen auf den identischen Datumsträger, auf ± 4 Jahre eingegrenzt werden.
Einem größeren Fachpublikum stellte Piccard seine Methode und seine Kartei erstmals 1953 auf dem 33. Deutschen Archivtag in Goslar vor. Anlass war das fragwürdige Vorhaben der Forschungsstelle Papiergeschichte in Mainz, das Werk von Briquet bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Sammlung originaler Wasserzeichenpapiere fortzusetzen. Zugleich suchte die Forschungsstelle, Piccard näher an sich zu binden und seine Kartei nach Mainz zu überführen. Beiden Initiativen war kein Erfolg beschieden. In unmittelbarer Fortführung und Vertiefung der in Goslar behandelten Fragen veröffentlichte Piccard drei Jahre später in der Archivalischen Zeitschrift den für sein eigenes Werk wie für die Wasserzeichenforschung allgemein grundlegenden Aufsatz „Die Wasserzeichenforschung als historische Hilfswissenschaft”.
Besonders in den 1950er und 1960er Jahren entfaltete Piccard eine vielseitige Publikations- und Rezensionstätigkeit. Stil und Darstellung sind bisweilen Teil einer Pose vermeintlichen Gelehrtentums, mit der der um wissenschaftliche Anerkennung ringende Autodidakt sich Geltung zu verschaffen und zugleich zu schützen suchte. Stoffreichtum, Zitatenfülle, Belehrungen, hier und da auch überhebliche Wertungen und überzogene Polemik erschweren die Lektüre und stehen der wissenschaftlichen Rezeption der Ergebnisse eher im Wege. Piccard hat sich dadurch persönlich manchen Gegner geschaffen und den Zugang zur universitären wie außeruniversitären Forschung verlegt.
Neben der Publikationstätigkeit pflegte Piccard eine rege Korrespondenz. Mit dem steigenden Bekanntheitsgrad seiner Methode und seiner Wasserzeichenkartei wurde er zu einem gesuchten Gutachter für die zeitliche Bestimmung älterer Papiere. Bis auf wenige Sonderaufträge für Handschriftenabteilungen wissenschaftlicher Bibliotheken in Baden-Württemberg, die er übernahm, um seine geringen Einkünfte aus den Werkverträgen aufzubessern, erstattete er seine Gutachten stets kostenlos. Der Kreis seiner Korrespondenzpartner weitete sich aus bis nach Skandinavien, Italien und Nordamerika. In dieser heterogenen Gruppe sehr spezialisierter Forscher war er hochgeachtet.
Öffentlich wie im Kreis der Kunsthistoriker großes Aufsehen erregte 1969 die Monographie „Der Magdalenenaltar des ‚Lukas Moser‘ in Tiefenbronn“, herausgegeben von einem renommierten Verlag und versehen mit dem anspruchsvollen Untertitel „Ein Beitrag zur europäischen Kunstgeschichte“. Piccard stellt darin die herrschende Auffassung radikal in Frage, der singuläre Altar sei das Schlüsseldokument für den Übergang der deutschen Kunst vom „Weichen Stil“ zum Realismus der Spätgotik. Seine Thesen lösten in der Fachwelt über die ganze Breite seiner historiographischen, stilkritischen, maltechnischen, philologischen, heraldischen, archivalischen und ikonographischen Forschungsansätze eine heftige Diskussion aus. Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München veranstaltete 1971 dazu eigens ein Symposium. Für die Kunsthistoriker gelten Piccards Thesen seither im wesentlichen als widerlegt. Aus quellenkritischer Sicht bleibt indessen manche Frage weiterhin offen. Piccard macht es seinen Kritikern besonders dort leicht, wo er selbst ohne ausreichende Quellenbasis alte durch neue Hypothesen ersetzt. Die Kritik traf ihn persönlich zutiefst. Themen der Kunstgeschichte rührte er nicht wieder an.
Nach Vollendung des 65. Lebensjahres übersiedelte Piccard gemeinsam mit seiner Frau auf die spanische Insel Gran Canaria vor der Nordwestküste Afrikas. Beide hatten sich dort in dem kleinen Bergdorf Los Castillos bei Arucas in steiler Hanglage nach ihren persönlichen Wünschen ein eigenes Heim eingerichtet und einen Garten angelegt. Auch ein neu beschaffter großer alter Bechsteinflügel wurde als Sonderfracht dorthin verschifft und von einem eigens dazu aus Stuttgart eingeflogenen Fachmann gestimmt.
Der Entschluss, als Rentner den Wohnsitz nach Gran Canaria zu verlegen, Jahre zuvor gefasst, war unumkehrbar. Im Zuge der Überleitung der Geschäfte im Hauptstaatsarchiv Stuttgart konnte Piccard aber dafür gewonnen werden, bei wesentlich verbesserter Honorierung für begrenzte Zeit die Wasserzeichenkartei fortzuführen und nutzbar zu machen. Er hatte jetzt sein eigentliches Lebenswerk darin erkannt. So zog er diese Arbeit auch der weiteren Beteiligung an einem Forschungsprojekt vor, das der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Wolfgang von Stromer, Universität Erlangen-Nürnberg, über die Anfänge des Bild- und Buchdrucks und deren Vorläufer 1973 begonnen hatte. Auch sah er seinen Beitrag dazu schon 1974 zu einem gewissen Abschluss gebracht. Den fachlichen Kontakt zwischen den beiden Außenseitern im festen Gefüge der „Zünftigen“ hatte Lore Sporhan-Krempel Jahre zuvor vermittelt. Beide durch und durch unkonventionelle Männer wurden alsbald persönliche Freunde. Piccard suchte und fand in dem Hochschullehrer den im übrigen schmerzlich vermissten Anschluss an die universitäre Forschung. Wolfgang von Stromer wurde und blieb bis an Piccards Lebensende einer seiner wenigen ständigen Weggefährten und Vertrauten. Er holte den Schwerkranken 1989 in ein Pflegeheim nach Deutschland zurück.
Piccards letzte Schaffensperiode dauerte wesentlich länger, als ursprünglich geplant war. Sie brachte noch einmal reichen Ertrag. Für Piccard persönlich war sie überschattet von Kummer und Vereinsamung und zuletzt auch von den Gebrechen des eigenen Alters. Der Tod seiner Frau 1978, kurz nach dem Umzug auf die ferne Insel, machte den Traum, dort einen heiteren Lebensabend zu verbringen, abrupt zunichte. Um das Leid zu überwinden, ging er wie ein Besessener ans Werk, bis er selbst von Alterskrankheiten heimgesucht über der Arbeit zusammenbrach.
Den Schwerpunkt der Jahre in Gran Canaria bildete die Fortführung der Findbücher zur Wasserzeichenkartei. Die bald als „Der Piccard“ bekannt gewordene Reihe großformatiger Tafelwerke leitet den Benutzer möglichst ausschließlich auf dem Weg über das Bild zu den gesuchten Wasserzeichen. Besondere Fach- und Sprachkenntnisse sind daher weitgehend entbehrlich. Jeder Band ist einem einzelnen Motiv oder einer Motivgruppe gewidmet. Innerhalb der Bände sind die Typen und Varianten, mit bloßem Auge leicht erkennbar, nach den Bildelementen von der einfachen zur komplexen Gestaltung geordnet.
Die Reihe war 1961 begonnen und 1970 bis zu Band 3 in 5 Teilbänden gediehen. Auf der Grundlage der neuen finanziellen und konzeptionellen Vereinbarungen des Jahres 1974 kamen ab 1977 innerhalb von zehn Jahren 17 Teilbände und nach Piccards Tod noch einmal 3 Teilbände hinzu. Bei gleichem Äußeren verfolgen sie ein geändertes Ziel und verkörpern daher eine neue Generation. Nicht mehr Typen wie in den drei ersten Bänden, sondern alle erfassten Motive werden nunmehr größengetreu abgebildet. Der Rückgriff auf die Kartei soll dadurch zur Ausnahme werden. Der bis zu Band 17 mit insgesamt 25 Teilbänden geführte “Piccard” und die Wasserzeichenkartei sind der bleibende Kern des Lebenswerks. Den hohen Standard, wie ihn Piccard selbst entwickelt hatte, vermögen die aus dem Nachlass in den Bänden 16 und 17 veröffentlichten Druckvorlagen nicht mehr ganz zu wahren. Der Herausgeber beendete die Reihe 1997.
Von Gran Canaria aus beteiligte sich Piccard unmittelbar am wissenschaftlichen Diskurs nur noch ein einziges Mal. Allein auf sein Gedächtnis und seine Wasserzeichenpausen gestützt, griff er – in Beweisführung wie Ergebnis nicht überzeugend – 1982 in die Kontroverse über das Druckdatum des Mainzer „Catholicon“ ein. Im übrigen gab er den Findbüchern absoluten Vorrang vor der Ergänzung der Kartei. Er erarbeitete die Druckvorlagen für die Findbücher wie auch die Reinzeichnungen auf Karteikarten unmittelbar aus den Pausen, ohne dort kenntlich zu machen, welche Zeichen übertragen wurden. In den Pausen schlummern daher noch viele zwar erfasste, aber nicht erschlossene Zeichen. Auch stellte er die Feinordnung der Kartei nach der von ihm früher entworfenen Gesamtgliederung und die weitere Ausformung der Klassifizierung zurück. Der Archivverwaltung Baden-Württemberg ist ein schwieriges Erbe zugefallen. Sie hat inzwischen die in den Findbüchern veröffentlichten und in der Kartei enthaltenen Wasserzeichenbelege im Internet kostenfrei zugänglich gemacht.
Offizielle Ehrungen wurden dem Außenseiter erst spät zuteil. Sein Weg von der brotlosen Malkunst zur Begründung der Wasserzeichenkunde als Historischer Hilfswissenschaft und weiter zu der mit seinem Namen verbundenen weltweit genutzten Wasserzeichensammlung verlief in sich folgerichtig, wenn auch nicht so gradlinig, wie es rückschauend erscheinen mag. Piccard war und blieb ein Einzelgänger, eine in sich widersprüchliche, für die regulierte bürgerliche Normalität nicht passfähige, bereits zu Lebzeiten zur Legendenbildung um seine Person neigende Erscheinung mit tief sitzendem Verlangen nach Ungebundenheit. Er entzieht sich einer normierenden Beschreibung. Neben seinem ungewöhnlichen Fleiß, seiner schonungslosen Ausdauer, seinem überlegenen eidetischen Gedächtnis und seinem Talent im Zeichnen wird denen, die ihn näher kennengelernt haben, auch sein sprühender Witz und seine Selbstironie in Erinnerung bleiben.
Werke: Verzeichnis in: Hermann Bannasch, Von d. Malkunst zur Wasserzeichenkunde (vgl. Lit.) 315-322. – Auswahl: Die Wasserzeichenkartei Piccard im HStA Stuttgart, Findbücher 1-17, 1961-1997; Wasserzeichenkunde u. Urbarforschung, in: Archivum 2, 1952, 65-81; Die Wasserzeichenforschung als hist. Hilfswissenschaft, in: Archival. Zs. 52, 1956, 62-115; Die Datierung des Missale speciale (Constantiense) durch seine Papiermarken, in: Börsenblatt für den dt. Buchhandel 16, 1960, 259-272 u. in: A. für Gesch. des Buchwesens 2, 1960, 571-584; Über die Anfänge des Gebrauchs des Papiers in dt. Kanzleien, in: Studi in Onore di Amintore Fanfani 2, 1962, 345-402; Carta bombycina, carta papyri, pergamena greca, in: Archival. Zs. 61, 1965, 46-75; Papiererzeugung u. Buchdruck in Basel bis zum Beginn des 16. Jh.s, in: Börsenblatt für den dt. Buchhandel 22, 1966, 1819-1967 u. in: A. für Gesch. des Buchwesens 8, 1967, 25-322; Der Magdalenenaltar des „Lukas Moser“ in Tiefenbronn, 1969.
Nachweis: Bildnachweise: Peter Amelung, Nachruf, 1990; Hermann Bannasch, Von d. Malkunst zur Wasserzeichenkunde, 2004 (vgl. Lit.); http://www.landesarchiv-bw.de/piccard/einfueh.php.

Literatur: Lore Sporhan-Krempel, Das Wasserzeichen in d. Sicht des Wirtschaftsgeschichtsforschers u. des Archivars, in: Wochenbl. für Papierfabrikation 23, 1954, 978; Dieter Harlfinger, Zur Datierung von Handschriften mit Hilfe von Wasserzeichen, in: Griechische Kodikologie u. Textüberlieferung, in: ders. (Hg.), 1980, 144-169; Peter Amelung, Methoden zur Bestimmung u. Datierung unfirmierter Inkunabeln, in: Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung 2, 1981, 89-128; Theodor Gerardy, Aufgaben der Wasserzeichenforschung, in: IPH-Jb. 5, 1984, 59-66; Paul Needham, The study of paper from an Archival Point of View, in: IPH-Jb. 7, 1988, 122-136; Peter Amelung, Nachruf auf G. Piccard, in: Gutenberg-Jb. 1990, 386-391; Wolfgang von Stromer, „Der Piccard” – Findbücher d. Wasserzeichen, in: IPH-Information 3, 1989, 119-130; Hermann Bannasch, Wasserzeichen als Datierungshilfen – Die Wasserzeichenkartei Piccard im HStA Stuttgart, in: Zauberstoff Papier. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Schloss Faber-Castell in Stein bei Nürnberg, hg. v. Jürgen Franzke, 1990 2. Aufl., 69-88; Gregor Richter, G. Piccard (1909-1989), Nachruf, in: ZWLG 50, 1991, 439-441; Frieder Schmidt, Piccard (eigentl. Bickert) Gerhard Karl August, in NDB 20, 2001, 407 f.; Hermann Bannasch, Von der Malkunst zur Wasserzeichenkunde. Zu Weg u. Werk des Wasserzeichenforschers G. Piccard (1909-1998), in: Archival. Zs. 86, 2004, 287-322; ders., Die wissenschaftl. Grundlegung d. Wasserzeichenkunde. Weg u. Wirken des Kunstmalers G. Piccard (1909-1989) in d. Wasserzeichenforschung, in: Piccard-Online. Digitale Präsentation von Wasserzeichen u. ihre Nutzung, hgg. von Peter Rückert, Jannette Godau u. Gerald Maier (Werkhefte der Staatl. Archivverwaltung B-W, Serie A, H. 19) 2007, 137-164. – Rezensionen der Findbücher (Auswahl): Hermann Knaus, in: Erasmus. International Bulletin of Contemporary Scholarship 14, 1962, 583-588; Kurt Hamann, in: ZGO 121, 1973, 425-429; Otto Kresten, in: Codices Manuscripti 5, 1979, 116-119; Toni Diederich, in: Der Archivar 32, 1979, 241 f.-49, 1996, 740 f.; Volker Schäfer, in: ZWLG 42, 1983, 506-508; Raymond Plache, in: ZWLG 65, 2006. 623-625. – Zur Diskussion über den Magdalenenaltar in Tiefenbronn: Clara Menck, Von Lukas Moser zum „Meister des Magdalenenaltars“, in: Beitrr. zur Landeskunde. Beilage zum Staatsanzeiger für B-W 5, 1969, 1-5; Wolfgang Irtenkauf, Ein Maler im Gerede, in: Stuttg. Ztg. vom 17. 3. 1971, 38; Reiner Hausherr, Der Magdalenenaltar in Tiefenbronn. Bericht über die wissenschaftl. Tagung am 9. u. 10. 3. 1971 im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, in: Kunstchronik 24, 1971, 177-212; Wilhelm Köhler, (Rezension) G. Piccard, Der Magdalenenaltar des „Lucas Moser“ in Tiefenbronn, in: Zs. für Kunstgeschichte 35, 1972, 228-249; Rolf E. Straub u. a., Der Magdalenenaltar des Lucas Moser. Eine technische Studie, in: Heinz Althöfer u. a., Beiträge zur Untersuchung u. Konservierung mittelalterlicher Kunstwerke, 1974, 9-46; Isolde Lübbeke, Moser, Lucas, in: NDB 18, 1997, 201 f.
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