Eberle, Joseph 

Andere Namensformen:
  • Pseudonym: Edgar Mühlen
Geburtsdatum/-ort: 02.08.1884;  Ailingen (heute Friedrichshafen)
Sterbedatum/-ort: 12.09.1947; Salzburg
Beruf/Funktion:
  • katholischer Publizist, Redakteur, Schriftsteller, Laientheologe
Kurzbiografie: 1904 Reifeprüfung am Obergymnasium Rottweil
1904-1911 Studium der Philosophie, Theologie, Geschichte, Literatur, Kunstgeschichte und der Sozialwissenschaften in Tübingen (6 Semester), Freiburg i. Br. (1 Semester), Straßburg (3 Semester) und Berlin
1908 Mitglied der Studentenverbindung „Arminia“ in Freiburg (seit 1909 dem Cartell-Verband zugehörig)
1911 14. Jan. Promotion zum Dr. phil. an der Universität Straßburg
1912 wird berühmt durch sein Buch „Großmacht Presse“
1913 Redakteur der Wiener Tageszeitung „Reichspost“
1918-1925 Herausgeber der neuen Wochenschrift „Die Monarchie“, noch 1918 umbenannt in „Das Neue Reich“
1925-1940 Herausgeber der Zeitschrift „Schönere Zukunft“
1941 Festnahme durch die Gestapo, 8 Monate Haft, Schreibverbot
1944 Wohnsitznahme in Bezau im Bregenzerwald
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: Wien 1916 Edith, geb. Zacherl
Eltern: Vater: Johann Eberle, Besitzer der Reinachmühle in Ailingen
Mutter: Agathe, geb. Jehle
Geschwister: u. a. 1 Bruder, als Kind verunglückt
Kinder: 1 Sohn
4 Töchter
GND-ID: GND/119343738

Biografie: Karl Heinz Burmeister (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 52-54

Eberle wollte zuerst Priester werden, sein ganzes Studium sowie auch noch seine Promotion 1911 zum Dr. phil. bei dem Philosophen Clemens Bäumker (1853-1924) in Straßburg mit einer Dissertation über die Ideenlehre Bonaventuras war auf dieses Ziel ausgerichtet, doch dann führte ihn das Studium der Sozialwissenschaften näher an das Zeitungswesen heran. Es mag dabei auch eine Rolle gespielt haben, dass er auf Grund eines Kehlkopfleidens weniger zum Prediger geeignet war und sich daher eher mit der Feder als auf der Kanzel für seine Ideen einsetzen wollte. Politisch war Eberle großdeutsch gesinnt und Anhänger der Wiener christlich-sozialen Richtung. Er war ein scharfer Kritiker der parlamentarischen Demokratie und ein Vertreter ständischer Ideen. In seinem innersten Wesen aber war Eberle ein Konservativer, der für Christentum und Kirche, für die Dynastien und den Adel, für die patriarchalische Ordnung und den christlichen Humanismus eintrat.
Eberle war ein großer Publizist. Er wollte aber stets ein unabhängiger Publizist sein, nicht nur der Funktionär irgendeiner Partei oder Interessengruppe, nicht ein bezahlter Schreiber oder ein käuflicher Journalist. Hauptmerkmale seiner journalistischen Schreibweise sind eine gewaltige Rhetorik, sein Angriffsschwung, die scharfe Pointierung, die thesenhafte Vereinfachung, die parolenartige Zuspitzung und eine Vorliebe für Faustregeln und Aufrufe (G. Montesi).
Schon bald nach seiner Promotion wurde Eberle 1912 durch sein wirkungsvolles Buch „Großmacht Presse“ als hervorragender Kenner und Kritiker des modernen Zeitungswesens über Nacht berühmt. In dem Kapitel „Presse und Juden“ gibt Eberle eine stark antisemitische Analyse des deutschen Pressewesens. Dieses wohl erfolgreichste Buch Eberles erschien 1920 in einer 2. Auflage; es wurde auch ins Englische, Italienische und Spanische übersetzt.
1913 ließ sich Eberle in Wien nieder, wo er zunächst als Mitarbeiter der christlich-sozialen „Reichspost“ wirkte. Aus dem „vorderösterreichischen“ (wie er sich selbst gern bezeichnete) Schwaben wurde ein richtiger Österreicher, der tief beeindruckt von der österreichisch-ungarischen Monarchie als dem Vorbild einer christlichen Völkergemeinschaft war. Eberle vertrat jedoch nach dem Zusammenbruch der Monarchie keine Restaurationsbestrebungen; er sah vielmehr in dem neuen Österreich den Träger einer Überlieferung, das in einer zeitgemäßen Form wieder politisch wirksam werden und die Donauvölker in eine neue Ordnung des Zusammenlebens führen könnte. Eberle war deshalb ein heftiger Gegner des Anschlusses an das Deutsche Reich, der für ihn den Untergang Österreichs und den Sieg des preußischen Militarismus und des militanten Protestantismus bedeutet hätte. Gegenüber Hitler nahm Eberle anfangs eine schwankende Haltung ein, er vermochte zunächst viel Gutes in ihm zu erkennen, wurde aber immer mehr zu einem Gegner des Nationalsozialismus. Eberle lehnte in seiner Schrift „Zum Kampf um Hitler“ (1931) dessen Zentralismus ab; nur ein Föderalismus konnte aus Eberles Sicht Deutschland eine führende Rolle in Südosteuropa sichern. Eberle war auch erklärter Antisemit, wie schon sein Buch „Großmacht Presse“ gezeigt hatte. Er verwirft zwar den rassischen Antisemitismus Hitlers, sieht aber dennoch eine Pflicht des Staates, seine Bürger gegen die Zuwanderung der Juden aus Osteuropa zu schützen. Eberle forderte seine Mitbürger mit dem Ruf auf „Christen kauft bei Christen“, während die Nationalsozialisten „Deutsche kauft nicht bei Juden“ formulierten.
Eberle forderte als Verfechter einer christlichen Ethik eine fundamentale Sozialreform mit dem Ziel der Bewahrung der Menschenrechte und der Menschenwürde. Er vertrat dabei einen naturrechtlichen Eigentumsbegriff, der zur Abgabe des Überflusses an die Bedürftigen verpflichtete. An Stelle staatskapitalistischer Planwirtschaft und schematischer Sozialisierung stellte er Eigentum und Familie in den Vordergrund, er verlangte den Familienlohn, die Beteiligung der Arbeiter am Betriebserfolg, eine berufsständische Selbstverwaltung, die Förderung der Klein- und Mittelbetriebe und die Dezentralisierung der Großbetriebe. In zwei Aufsatzsammlungen „Zertrümmert die Götzen!“ (1918) und „Die Überwindung der Plutokratie“ (1918) versuchte Eberle seine Vorstellung von einer neuen christlichen Sozialpolitik vorzustellen, die sich gegen den wirtschaftlichen Liberalismus, gegen die materialistische Weltanschauung, gegen Kommunismus und Sozialdemokratie und gegen das Großkapital wandte. In „De profundis“ (1921) trat Eberle den versklavenden Friedensdiktaten von Versailles und Saint-Germain entgegen.
Am 1. Oktober 1918 hatte Eberle die Chefredaktion der neuen Wochenschrift „Die Monarchie“ übernommen, die noch im gleichen Jahr infolge der November-Ereignisse in „Das Neue Reich“ umbenannt wurde (Verlag Tyrolia in Wien). 1925 begründete er als eigenes Organ im eigenen Verlag in Wien die Wochenschrift „Schönere Zukunft“. In diesen beiden katholischen Wochenschriften für Kultur, Politik und Volkswirtschaft versuchte Eberle sein Ideal einer „gesunden Presse“ zu verwirklichen. Diese Wochenschriften, für die er Bischöfe, Minister, Diplomaten, Schriftsteller, Universitätsprofessoren und Parlamentarier als Mitarbeiter gewann, sollten die katholischen Grundsätze herausarbeiten und stets das Gute in den Vordergrund stellen. Seine Leitlinien waren Gehalt statt Umfang, zuverlässige statt häufige Erscheinungsweise, Volkserzieher statt Volksschmeichler, Volksretter statt Volksbetrüger. Beide Zeitschriften waren zeitweise von einem sehr beachtlichen Einfluss. 1932 wurde das „Neue Reich“ mit der „Schöneren Zukunft“ verschmolzen. Nach 1933 gewann die „Schönere Zukunft“ noch an Bedeutung, weil sie nicht mit der nationalsozialistischen Presse gleichgeschaltet war und zwei Drittel ihrer Leser in Deutschland lebten. Zahlreiche Mitarbeiter im In- und Ausland gaben der Zeitschrift ein – nicht zuletzt von Eberle selbst geprägtes – Profil. Namentlich die Rubrik „Allgemeine Weltrundschau“ wurde zu einer erstrangigen Informationsquelle. Zunehmende Schikanen durch die Behörden machten es Eberle aber immer schwerer, die von ihm gepflegte offene Sprache zu sprechen. Im Februar 1941 wurde die „Schönere Zukunft“ von den Nationalsozialisten ganz verboten und Eberle, dem man einen Verkehr mit deutschfeindlichen Kreisen im Ausland und die Verbreitung von deutschfeindlicher Hetzliteratur zum Vorwurf machte, wurde „wegen Störung und Zersetzung der Erziehungsarbeit des Führers“ acht Monate lang in Gestapo-Schutzhaft genommen, schwer erkrankt entlassen und mit einem völligen Schreibverbot belegt. Eberle zog sich 1944, nachdem sein Heim in Wien bombardiert worden war, nach Bezau im Bregenzerwald und im Herbst 1945 nach Ailingen zurück. Ein Magenleiden, das sich während der Haft verschlimmert hatte, machte eine Behandlung im Sanatorium Mehrerau bei Bregenz und 1947 eine mehrmalige Operation in Salzburg notwendig, doch erlag Eberle am 14. September 1947 dieser Krankheit.
Während seiner Haft hatte sich Eberle einem intensiven Studium der Bibel hingegeben, in der er Mut, Kraft und Trost suchte. In der Bibel sah Eberle die Rätsel der Welt gelöst, in ihr wurden die großen Lebensgesetze sichtbar und die erlösenden, befreienden Werte vermittelt. „Wo es Zukunftsprogramme gibt, bietet Christi Bergpredigt Leitmotive, deren geschichtliche Bewährung, deren geistig-sittlicher Glanz alle Großen Charten und Goldenen Bullen weit überstrahlt“. So entstand als Eberles letztes großes Werk „Die Bibel im Licht der Weltliteratur und Weltgeschichte“, mit dem der engagierte Kulturpolitiker zu seiner anfänglichen Liebe, der Theologie, zurückkehrte.
Eberle blieb stets in Verbindung mit seiner schwäbischen Heimat. 1930 stiftete er die 14 Kreuzwegstationen für die Gedächtniskapelle für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf dem Haldenberg bei Ailingen. Eine Marmortafel im Eingangsbereich der Kirche St. Johannes Baptist in Ailingen erinnert an „Dr. Joseph Eberle, den großen Sohn unserer Gemeinde“.
Quellen: Ludwig Boltzmann-Institut für neuere österreichische Geistesgeschichte, Außenstelle Vorarlberg, in: Bregenz, 241; Symposium „Grenzgänger oder Brückenschlag nach Rechts“ vom 23.-24. Oktober 1988, acht Kassetten mit Tonbandmitschnitt der Vorträge und Diskussionen; Eidgenössische TH Zürich, Archiv für Zeitgeschichte, Lebenserinnerungen 1945, 1947 (Kopie).
Werke: Die Ideenlehre Bonaventuras, phil. Diss. Straßburg 1911; Großmacht Presse, 1912, 2. Aufl. 1920; auch in englischer, italienischer und spanischer Übersetzung; Schönere Zukunft (Aufsätze), 1916; Zertrümmert den Götzen, 1918; Die Überwindung der Plutokratie, 1918; De profundis. Zum Pariser Frieden, 1921; Zum Kampf gegen Hitler, 1931; Das Los der christlichen Presse im Dritten Reich, beleuchtet am Beispiel der Zs. „Schönere Zukunft“, 1945; Der Weg ins Freie, Christliche Segensgüter für Kultur, Staat und Wirtschaft, 1946; Erlebnisse und Bekenntnisse. Ein Kapitel Lebenserinnerungen, 1947; Unser Weg zur Kirche (Konvertitenzeugnisse), 1947; Die Bibel im Licht der Weltliteratur und Weltgeschichte, hg. von F. König, 2 Bde, 1949.
Nachweis: Bildnachweise: Der Große Herder 1932, 3, 1416.

Literatur: Kosch, Kath. Dtld. I, 549; H. Brecka, in: Die Furche 1947; G. Montesi, in: Wort und Wahrheit 2/2 (1947), 633-637; Die Besinnung 2 (1947), 265f.; Vaterland 227 (1947); F. Kelbitsch, in: Austria 1 (1948); Österreichisches Biographisches Lexikon 1, 1957; K. Buchheim, in: NDB 4, 244; W. Kosch, Biographisches Staatshandbuch 1, 1963, 270; R. Werner, Die Wiener Wochenschrift „Das Neue Reich“ 1918-25. Ein Beitrag zur Geschichte des politischen Katholizismus (Breslauer Historische Forschungen 9), 1938; A. Reichert, Dr. Eberle als Kritiker der katholischen Presse in seiner Wochenschrift „Schönere Zukunft“ 1925-40, phil. Diss. München 1949 (ungedruckt); Deutsches Literatur-Lexikon, 3. Aufl. 1971, 3, 757 f.
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