Czerny, Vinzenz Vincentius Florianus Franciscus 

Geburtsdatum/-ort: 19.11.1842; Trautenau im Riesengebirge (heute: Trutnov/Tschechien)
Sterbedatum/-ort: 03.10.1916;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Chirurg und Krebsforscher
Kurzbiografie: 1850–1853 Trivialschule, dann nach einjährigem Hausunterricht
1854 –1860 k. u. k. Gymnasium Gitschin (tschech.: Jičin)
1861–1868 Studium in Prag (WS 1861/62 u. SS 1862), u. a. beim Zoologen Friedrich von Stein (1818–1883), dann in Wien, dort
u. a. beim Anatomen Joseph Hyrtl (1810–1894), dem Physiologen Ernst Wilhelm Ritter von Brücke (1819–1892) u. dem Internisten Joseph Skoda (1805–1881); am 19. 12. 1866 Staatsexamen u. Promotion mit d. Bestnote „valde bene“ zum Dr. med., 1867 zum Magister d. Geburtshilfe u. 1868 zum Dr. d. Chirurgie; Tätigkeiten u. a. als Famulus beim Ophthalmologen Carl Ferdinand Ritter von Arlt (1812–1887), Praktikant an d. Hautklinik von Ferdinand Ritter von Hebra (1816–1880), Assistent beim Pathologen Salomon Stricker (1834 –1898) u. 1867 an d. Wiener Allgem. Klinik bei Johann Ritter von Oppolzer (1808–1871)
1868–1871 Assistent bei Theodor Billroth (1829–1894), SS 1871 Habilitation im Fach Chirurgie unter Anerkennung einer bereits 1869 gedr. Veröffentlichung u. unbesoldeter ao. Professor
1871 XI. 17–1876 o. Professor für Chirurgie an d. Univ Freiburg u. Direktor d. Chirurg. Klinik; bad. Staatsangehörigkeit; 1873 Ruf nach Innsbruck, abgelehnt
1876 XII. 28–1906 o. Professor für Chirurgie an d. Univ. Heidelberg u. Direktor d. Chirurg. Klinik; 1878/79, 1887/88, 1897/98 Mitgl. des engeren Senats u. Dekan d. Med. Fak., 1903/04 anlässl. d. 100-Jahrfeier d. Wiedergründung d. Univ. Heidelberg (Pro-)Rektor; 1906 emeritiert u. o. Honorarprofessor für Chirurgie; Lehrtätigkeit bis einschl. SS 1913
1877–1894 Rufe nach Prag, 1877 u. 1879, nach Würzburg, 1882, nach Wien, 1894, alle abgelehnt
1906–1916 Gründer u. Leiter des Instituts für experimentelle Krebsforschung d. „Czerny-Stiftung“
seit 1979 Jährl. „Vincenz-Czerny-Preis“ d. Dt. Ges. für Hämatologie u. Onkologie für die beste wiss. Arbeit zur klinischen, experimentellen oder theoret. Onkologie
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk., ab 1871 altkath.
Auszeichnungen: Ehrungen (Auswahl): Hofrat (1877), Geh. Hofrat (1879), Geh. Hofrat II. Klasse (1882), Wirkl. Gemeiner Rat (1903); Kriegsdenkmünze, Preuß. Kronenorden IV. Klasse, Bayer. Verdienstkreuz (1870/71); Orden vom Zähringer Löwen I. Klasse (1881), mit Eichenlaub (1882), Kommandeurkreuz II. Klasse (1886), Kommandeurkreuz I. Klasse (1894), Großkreuz (1906); Kommandeurkreuz Berthold I (1896); Generalarzt à la siute (= d. Reserve) ernannt durch Kaiser Wilhelm II. (1897); Ehrenmitglied u. Präsident d. Dt. Ges. für Chirurgie (1901); Präsident d. Internat. Vereinigg. für Krebsforschung u. Ehrenmitglied d. Gesellschaft für Natur- u. Heilkunde Dresden (1908); Mitglied d. Heidelberger Akad. d. Wissenschaften (1909); Ehrenbürger d. Stadt Trautenau (1912), dort auch Gedenktafel am Geburtshaus (o. J.); Czerny-Straße zwischen Bergheimer u. Eppelheimer Straße, später in Czerny-Ring umbenannt, u. Czerny Brücke beim Hauptbahnhof in Heidelberg (1912–1914). – Großkreuz des Medjidic-Ordens u. Kommandeur I. Klasse mit Stern des Ordens von Danilo I von Montenegro (ohne Jahr).
Mitgliedschaften: Mitgliedschaften in den Ärztl. Vereinen von: Wien, Freiburg, Heidelberg, Karlsbad u. d. dt. Ärzte in Böhmen sowie d. Pirogoffges. in St. Petersburg; korresp. Mitglied des Institut de France, Ehrenmitglied d. Schwed. Akademie d. Wiss u. d. American Surgical Society. – postum: Samariterhaus d. Krebsforschung umbenannt in Czerny- Krankenhaus (1942), erneut umbenannt in Universitäts-Strahlenklinik (Czerny-Haus) Heidelberg (1964).
Verheiratet: 1872 (Freiburg) Luise Amanda, geb. Kussmaul, Tochter des Internisten Adolf Kussmaul (1822–1902)
Eltern: Vater: Vincentius Ignatius (1802–1885), Apotheker
Mutter: Barbara (Betti) Franziska, geb. Schmidt (1815–1895)
Geschwister: 4, Karl, Apotheker, Clara, Maria u. ein weiterer Bruder
Kinder: 4; Hans (* 1873), Dr. med., Paul (1876–1904, Suicid), Dr. med., Margarete (Gretchen) (* 1880), verh. Stein, u. Siegfried (* 1889), Professor für Kunst in München.
GND-ID: GND/119371421

Biografie: Fred Ludwig Sepaintner (Autor)
Aus: Badische Biographien. Neue Folge 6, S. 66-72

Eigentlich hätte Czerny, das dritte Kind, die seit 1793 im Familienbesitz befindliche väterliche „Apotheke zum goldenen Stern“ als dritter dieses Namens übernehmen sollen. Schon als Kind lernte er viel über die Fertigung von Medikamenten. Gleichzeitig fand er als Interessensschwerpunkt zur Naturkunde, lernte in der väterlichen Bibliothek an einer bebilderten Naturgeschichte das Lesen und – von Vater und Onkel angeleitet – bereits Grundbegriffe naturwissenschaftlicher Systematik. Im elterlichen Hause, einem geselligen Zentrum des Heimatortes, wurde traditionell viel musiziert. Czerny hatte später während seiner Assistenzzeit Gelegenheit, mit Johannes Brahms vierhändig aus dessen Werk Klavier zu spielen. Diese schon neben der Gymnasialausbildung her stetig verbesserte Fingerfertigkeit kam auch später dem Operateur zugute.
Nach der Trivialschule und einem Jahr häuslicher Vorbereitung – die Eltern vermochten nicht gleichzeitig für die drei ältesten Kinder das Schulgeld aufzubringen – wurde Czerny wie sein Bruder ins k. u. k. Gymnasium Gitschin geschickt. Der Vater zog das staatliche Gymnasium in einem tschechischen Ort näherliegenden Klosterschulen vor. „Josephinischen Liberalismus“ (Erinnerungen 217, Schöne 386) nannte Czerny das selbst, und diese Grundeinstellung kennzeichnete auch ihn lebenslang. Sein Übertritt zum Altkatholizismus 1871 mag hier gründen, ungeachtet seines persönlichen, auf der Naturwissenschaft basierenden Credos: „Als ich […] in der Klinik beobachtete, wie das Ichbewusstsein […] von der gesunden Funktion des Zentralnervensystems abhängt […] fielen eine Menge […] Dogmen zusammen. Die Fortexistenz einer selbstbewussten Seele […]. Eine Auferstehung des Fleisches […]“ und spekulativ fügte er hinzu: „Man konnte sich bloß denken, dass eine Art Leibnizscher Monade wie bei der Seelenwanderung von einer Kombination organischen Lebens zu der anderen übertragen wird. In welcher Weise die Einzelmonade sich wieder mit der Weltseele vereinigen kann, bleibt dem menschlichen Verstande unergründlich.“ (Erinnerungen 221)
Es passt ins Bild, dass im Hause Czerny, im Gymnasium des tschechischen Orts Jičin deutsch gesprochen wurde, so wie sich die Familie Czerny – ungeachtet ihres tschechischen Namens für Schwarz – als deutsch verstand; „Kuchelböhmisch“ wurde im Hause Czerny nur mit Domestiken gesprochen, in der Schule war es Lehrfach.
Auf der Oberschule erwies sich Czerny, der bis zum Studienende ein jährliches Stipendium erhielt, als lernbegierig und sehr fleißig; zumal in Mathematik und Physik hatte es ihm der Lehrer angetan, der als Einziger Theorie und Praxis zu verbinden wusste. Auch was Sprachen anging, war Czerny eifrig. Über das Pflichtpensum der alten Sprachen, Deutsch und Tschechisch hinaus lernte der Gymnasiast auf eigene Initiative Italienisch und Französisch, Englisch schließlich während des Studiums. So konnte er später internationalen Fachkongressen präsidieren. In seinen Ferien, wenn Czerny als Lehrling des Vaters fungierte, ging er auch weiter seinen naturkundlichen Neigungen nach; er sollte ja die Apotheke übernehmen. Erst als sein Bruder Karl sich beim Medizinstudium als ungeeignet erwies, begann sich die Umorientierung abzuzeichnen.
Doch nach dem Schulabschluss bewegten sich Czernys erste Schritte in der Prager Universität noch in Richtung Botanik und Zoologie; an der Medizinischen Fakultät studierte er nur, weil es noch keine naturwissenschaftliche gab. Die Hauptstadt Böhmens hatte es ihm aber nicht so recht angetan, zumal die Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen schon beträchtlich waren, die 1883 schließlich zur Teilung in eine Böhmische und eine Deutsche Universität in Prag führten.
Nach nur einem Jahr verließ Czerny Prag. Er wechselte an die Universität Wien, der damals mit der „II. Wiener Medizinischen Schule“ Weltruf anhing. Trotz anfänglicher Bedenken ebnete ihm seine Mutter, eine Jugendfreundin der Ehefrau des berühmten Augenheilkundlers von Arlt, schließlich den Weg dorthin. Mit diesem Wechsel war der erste Schritt in Richtung einer bei Czerny immer naturwissenschaftlich orientierten Medizin getan. Wien, die Metropole der k. und k. Monarchie, wurde ihm zur prägenden Ausbildungsstätte. Dort hat er gegen Ende seines Studiums den Entschluss für’s Leben gefasst und sich der Chirurgie zugewandt.
Dieser Schritt war wohlbedacht. Das lässt der späte Zeitpunkt erkennen. Histologische Forschungen bei dem namhaften Physiologen Brücke bildeten anfänglich Czernys Arbeitsschwerpunkt. Er untersuchte jahrelang die Beschaffenheit von Geschwülsten, nahezu täglich und mit größter Akribie. Über seinem Staatsexamen lag bereits der Schatten des preußisch-österreichischen Kriegs; Czerny tat freiwillig medizinischen Dienst in Cholera-Lazaretten seiner Heimat. Wieder zurück famulierte er dann bei von Arlt und schrieb seine ersten Aufsätze. Die anschließenden Studien als Praktikant in der Hautklinik von Hebras galten neuerlichen histologischen Studien, die die komplexe Vielfalt der Haut zu begreifen suchten. Dort kam Czerny in unmittelbaren Kontakt mit Pockenkranken, wurde selbst aber nicht infiziert. Bei Salomon Stricker, der ebenfalls aus der Brücke-Schule kam und sich später der experimentellen Pathologie verschrieb, erforschte der junge Assistent ab 1867 Amöben, dann die Anatomie der Milz. Als Assistent seines Landsmannes von Oppolzer, seiner ersten bezahlten Stelle, die er nur sieben Monate lang innehatte, konnte Czerny bereits eigene praktische Kurse veranstalten und jüngere Studenten in Auskultation, dem Abhören, und Perkussion, dem Abklopfen von Patienten, anleiten. Lebenslang, im Grunde bis heute, blieben das entscheidende Untersuchungsmethoden.
Da erreichte Czerny das Angebot, Assistent von Theodor Billroth zu werden, der gerade erst in Wien zu lehren begonnen hatte, seit seiner Zürcher Professur aber bereits viele Ergebnisse seiner physiologischen wie pathologischen Forschungen in die praktische Chirurgie eingebracht und somit die Hinwendung zu einer stärker internistisch fundierten Chirurgie vollzogen hatte. Billroth rückte die Grundprobleme des Fachs wieder ins Zentrum: Wundheilung und Entzündungsursachen. Erstaunt bekannte Czerny als Billroth ihm vorschlug, sein Assistent zu werden, dass er sich bisher kaum mit Chirurgie befasst habe. Billroth aber, aus dem sein größter Förderer werden sollte, verstand es nicht nur, Czernys Bedenken zu zerstreuen, ihm über Anfangsschwierigkeiten hinweg zu helfen. Was Billroth bewogen hatte, Czerny an sich zu ziehen, wird aus seiner Begründung zum Verlängerungsantrag für Czernys Assistenz vom 2. November 1869 deutlich: Hoffnung, Czerny werde auch künftig wissenschaftlich Tüchtiges leisten. Tatsächlich war Czerny bald Billroths wichtigster Mitarbeiter. Anfangs führte er wieder die histologische Untersuchung von in Billroths Klinik entfernten Geschwülsten durch; darüber hat Czerny 1869 veröffentlicht. Czerny assistierte auch bei Billroths Operationen, was seine praktische Erfahrung begründete, und leistete daneben experimentelle Vorarbeiten bei den Projekten des Chefs. Im Rahmen der Versuche zur Kehlkopfexstirpation pflanzte Czerny beispielsweise einem Hund einen künstlichen Kehlkopf ein und brachte ihn wieder leidlich zum Bellen – damals eine medizinische Sensation! Billroth schickte seinen ersten Assistenten 1869 als Hospitant nach Leipzig, Halle, Berlin und Greifswald. Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 ging er gemeinsam mit ihm zum freiwilligen Einsatz und überließ ihm schließlich die Leitung der Weißenburger Spitäler, was Czerny Erfahrung im Umgang mit Kriegsverletzungen einbrachte; er hat auch darüber berichtet. Zuvor schon hatte Czerny eine ganze Reihe von international besuchten Operations-, Verbands- und histologischen Kursen veranstaltet und so Lehrerfahrung begründet; erste künftige Medizinerinnen fanden sich unter seinen Hörern.
Dass Czerny mit seinem Lehrer in den wichtigsten Fragen der Zeit fachlich übereinstimmte, stand zu erwarten. Grundsätzlich gaben beide anfangs aseptischen Verfahren wie Dampfsterilisation den Vorzug. Dem antiseptischen Verfahren Joseph Listers (1827–1912) durch Einnebeln des Operationssaals mit Karbol standen sie skeptischer gegenüber. Später bedienten sich beide intensiv auch dieser Vorgehensweise, vor allem Czerny.
Vom Kriegseinsatz zurück stellte Czerny unter Hinweis auf seine bisherigen Veröffentlichungen und Vortragstätigkeit den Antrag zur Habilitation. Als Habilitationsschrift wurde sein bereits 1869 veröffentlichter Beitrag „Über Extension mit Gewichten“ gewertet, und im Juni 1871 erhielt er eine unbesoldete ao. Professur. Seine Antrittsvorlesung im SS 1871 behandelte „Die Transplantation ganz getrennter Körperteile“.
Bereits im folgenden Wintersemester erhielt der kaum 29-jährige den Ruf nach Freiburg, wo der Lehrstuhl für Chirurgie verwaist war und zunächst alle Bemühungen gescheitert waren, ihn zukunftsweisend zu besetzen. Da trafen im August 1871 der Freiburger Internist und Klinikleiter Adolf Kussmaul (1822–1902) und Billroth in Karlsbad zusammen, der seinen ersten Assistenten ins Gespräch brachte. Kussmaul griff diese Lösung auf. Die weiteren Ereignisse trugen sich mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit zu: Czerny konvertierte zum Altkatholizismus, was ihn für den damaligen bad. „Kulturkampf“-Innenminister Professor Jolly in einen deutlichen Vorteil rückte. Ende Oktober wurde Czerny vorgeschlagen. Die Berufungsverhandlungen gestalteten sich zügig, Czeny gab sich mit einem relativ bescheidenen Anfangsgehalt zufrieden. Am 22. November wurde er ernannt, traf am 8. Dezember in Freiburg ein, war noch am gleichen Abend Gast Kussmauls, lernte dessen jüngere Tochter kennen und verlobte sich bereits 18 Tage später mit ihr. Im Mai darauf wurde in der ev. Kirche geheiratet. Das alles hat Czernys Neubeginn an der Dreisam gewiss nicht beeinträchtigt. Seine Antrittsvorlesung „Über die Beziehungen der Chirurgie zur Naturwissenschaft“ im Juni 1872, ganz auf der Höhe und dem Wissensstand der Zeit und deutlich von Billroths Schule geprägt, trug gewiss dazu bei, dass Czernys Eingliederung in den Kreis der modernen und liberalen Freiburger Mediziner – neben Kussmaul u. a. der Anatom Paul Langerhans (1847–1888), ab 1872 auch der Internist an der Poliklinik, Hermann Nothnagel (1841– 1905), sich in jeder Hinsicht rasch vollziehen konnte. Der Umstand, dass die Freiburger Universität einen „ausgesprochen kath. Charakter“ hatte, wie Czerny anmerkte, machte sich zumindest nie negativ für ihn bemerkbar.
Das Tätigkeitsfeld während der Freiburger Jahre blieb überschaubar. Die Klinik in der Albert-/Ecke Merianstraße war alt und mit etwa 30 Betten sehr beengt, der Kampf um die Czerny zugesagte Erweiterung aussichtslos. Da die Studentenzahl zwar anstieg, aber relativ bescheiden blieb und auch keine nennenswerte Privatpraxis Czernys aufkam, hatte er Zeit zum Forschen. Meist tuberkulös verursachte Knochen- und Gelenkerkrankungen – vor Entdeckung des Tuberkels in den frühen 1880er Jahren noch als „Caries“ bezeichnet, obgleich bei Czerny die richtige Ursache schon anklingt –, wieder die Histologie von Geschwülsten und Resorptionsvorgänge im Dickdarm bildeten Themen, genauso wie die Erprobung neuer Wundnähte, darunter die doppelreihige Darm- und die Pfeilernaht, die später nach Czerny benannt wurden. Alles ließ Czernys künftige Kapazität, die Fähigkeit des außergewöhnlich geschickten und innovativen Operateurs erkennen. Czerny operierte jetzt übrigens unter gewissenhafter Anwendung von Lord Listers antiseptischer Methode und berichtete darüber, was ihm später die ausdrückliche Anerkennung des Edinburger Arztes eintrug.
Das letzte Freiburger Jahr stand im Zeichen wesentlicher Änderungen: die drei o. e. wichtigsten Kollegen hatten Freiburg verlassen. Da wurde Czerny im November 1876 der vakante Heidelberger Lehrstuhl angetragen. Er nahm an, auch angesichts eines fast verfünffachten Gehaltes. Da der ganze Vorgang ohne Wissen der Freiburger Fakultät ablief, kam es dort zwar zu einer wütenden Reaktion des Dekans Hildebrand, niedergelegt in einem für die bad. Universitätsgeschichte beachtenswerten Protestschreiben, das in der Personalakte Czernys überliefert ist, an Czernys Berufung zum Jahresende änderte das nichts.
Der Anfang in Heidelberg gestaltete sich schwierig. Schon zuvor hatte es Spannungen zum Internisten Friedreich gegeben, hinzu traten Eifersüchteleien enttäuschter Mitbewerber. Czerny löste diese Probleme, wiederum erstaunlich rasch, er arbeitete sich ein und vermochte nicht nur die Klientel seines Vorgängers zu halten. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Heidelberger Klinik zu einer Musteranstalt des Unterrichts. Czerny las anfangs regelmäßig Allgemeine Chirurgie und Geschwulstlehre, Chirurgie der Bauchhöhle und der Harnorgane und im Sommersemester den „Operationskurs“. Später hat er nur noch die klinische Vorlesung gehalten. Er verstand es auch, das Krankenhaus so umzugestalten und zu erweitern, dass es den Erkenntnissen der Zeit entsprach. Immer wieder nutzte er mit großem Geschick die ihn erreichenden Rufe zu seinem und der Klinik Vorteil: 122 Betten hatte Czerny angetreten, 215 waren es bei seinem Ausscheiden, und auch steigende Patientenzahlen lassen Erfolg erkennen, worin sich freilich auch die allgemeine Entwicklung niederschlug, nicht zuletzt dank der Reichsversicherungsordnung. Diese Zahlen sind übrigens nur greifbar, weil Czerny beachtliches statistisches Material in seinen „Jahresberichten“ überliefert hat. Auch die Mortalitätsrate konnte in dieser Zeit gesenkt werden, wenngleich hierin noch immer Grenzen sichtbar werden. Hospitalbrand verursachte bis 1895 die Mehrzahl der Todesfälle, fraglos Folge mangelnder Hygiene; Czerny trug nachweislich bei seinen Operationen weder Handschuhe noch Mund- und Kopfschutz. Relativ gering war dagegen die Zahl der Narkosetoten, fast verwunderlich angesichts der erst allmählich größer werdenden Bandbreite der Anästhesie: hauptsächlich Äther-, von der Mitte des 19. Jh.s an meist Chloroformnarkosen. Größere Vielfalt kam erst nach der Wende zum 20. Jh. auf.
Czerny galt als virtuoser Operateur, arbeitete „quick without hurry“, wie ein englischer Arzt formulierte, „immer an der Grenze des Erreichbaren“. Er lieferte – stets von zwei Ärzten und einer Schwester assistiert – trotz der Sehbehinderung seit dem Ausfall der Macula lutea rechts 1877 eine ganze Reihe erfolgreicher Erstoperationen: an Speiseröhre und Magen, im Verdauungs- und Uro- Genitaltrakt. Bezeichnend für die Zeit war vielleicht seine Technik bei der Operation von Hernien: mit in Carbol gekochter Seide ersetzte er Bindegewebe, inoperable Geschwulste suchte er durch lokale „Ätzung“ mit einer Chlor-Zink-Lösung unschädlich zu machen. Unter dem Schutz der Antisepsis wagte er die bis dahin nicht geübte Operation des Leistenbruchs mit Verschluss der Bauchpforte durch die „Pfeilernaht“, die als „Czernysche-Naht“ in die Sprache der Medizin einging.
Der Zwang, seine Augen zu schonen, beeinträchtigte Czerny zwar: beim Mikroskopieren, auch beim Bewältigen der Fachliteratur und Schreiben. Durch umso häufigere Vorträge, enge Kontakte zum großen internationalen Kollegenkreis und Teilnahme an Kongressen machte er das Handikap wett. Dass dies gelang, zeigen seine international führenden Funktionen. Dergestalt engagiert hat der ungemein Vielbeschäftigte neben wöchentlich mehrfachen Visiten in seiner Klinik und den Lehrverpflichtungen noch eine große, überregional frequentierte Konsultationspraxis betrieben.
Dass dennoch sein inneres Engagement nie nachließ, er der mitfühlende Arzt und optimistische Forscher blieb, der Billroths Hoffnung teilte, Karzinome wären bald heilbar, dass er aus Mitleid die unheilbar Kranken nicht ausschließen wollte, zeigt sein letzter Lebensabschnitt. Von der Wende zum 20. Jh. an, schließlich von Großherzog Friedrich I. persönlich protegiert, rückte Czerny den Kampf gegen den Krebs in den Mittelpunkt, warb unermüdlich in der Öffentlichkeit um Spenden, sammelte bis 1911 fast eine Mio. Mark und gründete unweit der Chirurgie, auch unter Einsatz eigener Mittel, 1906 das „Institut für Experimentelle Krebsforschung“.
Angeführt von der operativen Chirurgie, weil sie die bisher besten Ergebnisse vorzuweisen hatte, sollte eine neue, interdisziplinäre, über das Reich hinaus für Forscher offene Universitätseinrichtung entstehen, in der vor allem „geschieht, was ärztliche Kunst auf diesem Gebiete bieten kann“ (Erinnerungen S. 233). Grundlagenforschung, Klinik und Lehre sollten einander ergänzen, eine Novität im Wilhelminischen Reich! Operation, radio- und chemotherapeutische Maßnahmen bildeten die drei Hauptvorgehensweisen. Wissenschaftlicher Forschung galt die Arbeit der biologisch-chemischen und der histologisch-parasitologischen Abteilung. Aus beiden ging in den ersten Jahren bereits eine beachtliche Zahl von Veröffentlichungen hervor. Die klinische Abteilung, das Samariterhaus, hatte 49 Betten und war nach Czernys Idee so gestaltet, dass der Gedanke an ein „Siechenhaus“ womöglich nicht aufkommen mochte; bewusst nahm er auch heilbare Fälle mit auf. Wo dem Patienten nicht zu helfen war, wurden nach bestem Vermögen Beschwerden gelindert.
Der Institutsleiter Czerny hatte sich ganz auf seine neue Funktion konzentriert und, gegen den Rat auch des Großherzogs, die Leitung der Chirurgie zu behalten, darauf verzichtet. Er hat später bereut, dass er sie nicht zumindest noch zwei Jahre behalten hat; denn seine Position war dadurch trotz guter Erfolge der neuen Institution und steigender Patientenzahlen in der Fakultät doch deutlich geschwächt. Unzureichende Mittelzuweisungen, Reibereien, Eifersucht und Missgunst, bis hin zum Versagen des Habilitationsrechts für das neue Institut, überschatteten Czernys letzte Jahre. Nur zwei Monate vor seinem Tod gab der 74-jährige im August 1916 um seine Entlassung ein. Czerny litt nach eigenem Zeugnis mindestens seit 1913 an Leukämie. Er hatte sich dieses tödliche Leiden wohl durch unzureichenden Schutz im Umgang mit Radioaktivität zugezogen.
„An dem Ausbau der neuen Chirurgie war Czerny wesentlich beteiligt“, schreibt Georg Schöne (408) über seinen Lehrer, wenn auch die Summe seines Wirkens – Czerny selbst nennt sie „dem Momente entsprungene Aphorismen“ (Erinnerungen 233) – sich nur unvollkommen in seinem Werk niederschlagen mag. Es umfasst insgesamt 121 Beiträge zu Themen aus der Chirurgie und 61 zur übrigen Medizin samt Onkologie, einschließlich der Gedenkreden auf Ernst von Bergmann, Theodor Billroth, Otto Becker, Heinrich Braun und Johann von Mikulicz-Radecki. Außerdem schrieb Czerny eine Reihe weiterer Aufsätze, die aus der Arbeit im Krebsforschungsinstitut heraus entstanden sind.
Quellen: UA Wien, MED PA 953 u. MED DRKOLL 29.1.12 (Personalakten Czerny); UA Freiburg B 24/513, Personalakte, B 1/1229, Lehrstuhl Chirurgie u. Klinikdirektion, B 37/252–257 [intus: Protestschreiben des Dekans d. Med. Fakultät, Pg. 81], Protokolle u. Dekanatsakten d. Med. Fakultät, A 10/104 –106, Senatsprotokolle; UA Heidelberg A 219, PA 866, PA 1458, Personalakten Czerny, H-III-111/86, Bl. 4, Akten d. Med. Fakultät, Berufung Czernys; Rep. 27, Nr. 194, Akademische Quästur Czerny; Auskünfte von Frau Gabriele Dörflinger, UB Heidelberg, vom Sommer 2010.
Werke: Werkverzeichnis von W. Willer, in: Ruperto Carola 41, 1967, 237–244 (s. u.). – Auswahl: „Über Extension mit Gewichten“, in: Wiener Medizin. Wochenschr. 19, 1869, 549–352, 566–568, 592–594, 607–610 u. 623–625; Versuche über Kehlkopfexstirpation, ebd. 20, 1870, 557–561; Aus den Kriegslazaretten anno 1870, ebd., 1107–1109, 1134 –1136, 1157–1160, 1183–1186; Über Beziehungen d. Chirurgie zu den Naturwissenschaften, Antrittsrede, 1872; (Hg.) Beiträge zur Radikaloperation d. Hernien, Beiträge zur operativen Chirurgie, Herrn Hofrat Prof. Dr. Theodor Billroth zum 25-jähr. Doktorjubiläum gewidmet (1878); Über die Ausrottung des Gebärmutterkrebses, ebd. 29, 1879, 1171–1174, 1198– 1201, 1227–1231 u. 1279–1283; Die innere Naht des Bruchsackhalses bei d. Radikaloperation von Scrotalhernien, in: Centralblatt für Chirurgie 10, 1883, 49–50; Über die Methode des klinischen Unterrichts an d. Heidelberger chirurgischen Klinik nebst Bemerkungen zur neuen Prüfungsordnung, in: Dt. Medizin. Wochenschr. 20, 1894, 355–359; Die Erweiterungsbauten d. chirurgischen Universitätsklinik in Heidelberg, in: Beiträge zur klinischen Chirurgie 13, 1895, 1–48; Reisebriefe aus den französischen Mittelmeerkolonien, in: Dt. Revue 22, 1897, 359–367; Ist die Krebskrankheit ansteckend?, in: Die Woche 3, 1901, 1551–1553; Die krebsartigen Erkrankung u. ihre Bekämpfung, in: Die Umschau 12, 1908, 41–46; Die Therapie des Krebses, in: Dt. medizin. Wochenschr. 37, 1911, 2021–2024; Das Heidelberger Istitut für experimentelle Krebsforschung, 1912; W. Willer (Hg.), Aus meinem Leben, [1915], leicht gekürzte Version mit Werkverzeichnis, in: Ruperto Carola 41, 1967, 214-244.
Nachweis: Bildnachweise: Marmorbüste von Prof. Seffner, Leipzig, 1912 anlässl. des 70. Geburtstag von Schülern u. Kollegen gestiftet u. im Samariterhaus aufgestellt; Bildersammlung des UA u. Graph. Sammlung d. UB Heidelberg; Kurpfälzisches Museum Heidelberg; Radierung des Sohnes Siegfried von 1913, in: Ruperto Carola 41, 1967, 218, dort auch weitere Fotos; Porträt von D. von Szebeny, ca. 1986, Mischtechnik auf Papier, abgedr. in: Heidelberger Köpfe, 2004, 39, Original im Besitz d. Univ. Heidelberg; zahlreiche Fotos bei Lindner, 2007, u. unter V. Czerny in: www.

Literatur: Bericht über die Feier zum 70. Geburtstag Czernys u. Würdigung Czernys, in: Heidelberger Ztg. vom 19. 11. 1912; R. Werner, Nachruf V. Czerny, in: Münchner Medizin. Wochenschr. 1916, 214 –216; Max Wilms, Nachruf auf V. Czerny, in: Zentralblatt für Chirurgie 52, 19161017; I. Fischer (Hg.), Czerny, V., in: Biogr. Lexikon d. hervorragenden Ärzte d. letzten 50 Jahre, Bd. 1, 1932, 286; G. Schöne, V. Czerny (1842–1916), in: Bruns’ Beiträge zur klin. Chirurgie, 1953, 385–408; ders., Czerny, V., in: NDB 3, 1957, 461; E. Lesky, Die Wiener medizinische Schule, 1967; Chronik d. Ärzte Heidelbergs, 1985, 124 u. 214 ff; F. Linder u. M. Amberger, Chirurgie in Heidelberg, in: Semper apertus Bd. 4, 1985, 182–224, bes. 182 ff.; G. Wagner, Krebsforschung in Heidelberg, ebd., 225–257; Dagmar Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon 1803–1932, 1986, 43; E. Seidler, Die Medizin. Fakultät d. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Br., 1991; H. Schipperges, Ärzte in Heidelberg, 1995, 151 f.; G. Wagner, V. Czerny u. Karl Heinrich Bauer – Zwei Heidelberger Krebsforscher, in: W. Eckart (Hg.), 100 Years Of Organized Cancer Research, 2000; Friedrich Kluge, Adolf Kussmaul 1922–1902, 2002; V. Czerny in: Heidelberger Köpfe. Ausstellungskatalog. Die Professorenporträts von Dénes von Szebeny, 2004, 38 f.; Eduard Seidler u. Karl-Heinz Leven, Die Medizin. Fakultät d. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Br., Grundlagen u. Entwicklungen, 2007; Cornelia Lindner, V. Czerny (1842–1916), Diss. sc. hum, Heidelberg, 2007; dies., V. Czerny: Pionier d. Chirurgie, chirurgischen Onkologie u. integrierten Krebsforschung, 2009.
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