Ochs, Ernst 

Geburtsdatum/-ort: 27.08.1888;  Ettenheim
Sterbedatum/-ort: 12.01.1961;  Freiburg
Beruf/Funktion:
  • Germanist
Kurzbiografie: 1907 Abitur in Ettenheim
1907-1912 Studium der Germanistik und Anglistik in Heidelberg, München und Freiburg
1911 Promotion bei Friedrich Kluge
1912 Staatsexamen für das Höhere Lehramt in Karlsruhe
1913 Assessorprüfung. Hauslehrer in Stuttgart
1914 Lehramtspraktikant in Freiburg, gleichzeitig Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter beim Seminar für Deutsche Philologie zur Vorbereitung eines Badischen Wörterbuchs
1914-1918 Kriegsdienst zuletzt Leutnant der Reserve, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse
1919 Neubeginn der Wörterbucharbeit
1920 Prof. am Bertholdsgymnasium in Freiburg (Stundendeputat auf vier Wochenstunden ermäßigt)
1925 ff. Publikation des Badischen Wörterbuchs
1927 Lehrauftrag Universität Freiburg
1941-1945 Kriegsdienst, zuletzt als Hauptmann der Reserve
1946 Ordentlicher Honorarprofessor für altgermanische Dialekte und alemannische Mundart
1958 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1923 Margarete, geb. Dreher
Eltern: Vater: Karl Ochs, Oberlehrer
Mutter: Anna Maria, geb. Wehrle
Geschwister: 2
Kinder: 3 (2 Söhne, 1 Tochter)
GND-ID: GND/119430843

Biografie: Gerhard W. Baur (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 203-205

Der Vater von Ochs war ein vielseitig interessierter, lebhafter und aktiver Mann; die Stadt Ettenheim verlieh ihrem allseits beliebten Oberlehrer das Ehrenbürgerrecht. Von ihm könnte der Sohn das breitgestreute Interesse für viele Wissensgebiete und die Heimatliebe geerbt haben. Die schwerblütigere und stillere Mutter mag ihm die gründliche und knappe Art vermittelt haben, die ein kennzeichnender Zug aller Arbeiten von Ochs ist. Nach einem Studium bei den damaligen Hauptvertretern der sogenannten junggrammatischen Schule, Wilhelm Braune in Heidelberg, Hermann Paul in München und Friedrich Kluge in Freiburg, der ihn mit einer Arbeit zur Lautgeschichte des Oberdeutschen im 11. Jahrhundert promoviert hatte, und nach einigen schulischen Zwischenstationen wurde Ochs 1914 auf Vorschlag Kluges von der badischen Regierung beauftragt, im Zusammenwirken mit Kluge und Alfred Götze ein Badisches Mundartwörterbuch vorzubereiten. Die Arbeit daran wurde zu seinem Lebenswerk.
Ochs hatte zu denjenigen badischen Studenten gehört, die während ihres Studiums in Freiburg einmal wöchentlich mit dem damals bereits erblindeten Ordinarius Kluge und dem habilitierten Universitätsbibliothekar Götze, einem nachmals renommierten Wortforscher, zusammenkamen, um diesen beiden die jeweils an ihrem Heimatort gebräuchlichen Mundartwörter und -wendungen in authentischer Lautung zu liefern. Man behandelte in jeder Sitzung verschiedene Wortgruppen, und Götze hatte dabei und anschließend das Ergebnis zu notieren und zu verzetteln.
Dieses vorgefundene Material war nun von Ochs zu ordnen, für die Veröffentlichung vorzubereiten und vor allem zu vermehren. Ochs wertete zunächst selbst einen Teil der ca. 550 Antworten auf die Volkskunde-Fragebogen der Arbeitsgemeinschaft Kluge/Meyer/Pfaff von 1893/94 sowie einschlägige mundartkundliche und historische Literatur aus, doch unterbrach der Ausbruch des 1. Weltkriegs drei Monate später seine Tätigkeit, und er konnte sich erst nach fast viereinhalb Jahren Militärdienst ab Januar 1919 wieder der Arbeit an „seinem“ Wörterbuch zuwenden. Er gewann bald auch Mitarbeiter, meist pensionierte Lehrer, welche ihm die nach einem Aufruf zur Mitarbeit reichlich zufließenden Einsendungen von Wortmaterial verzettelten und Exzerpte aus Büchern anfertigten.
Bevor Ochs an die Ausarbeitung der Artikel ging, verschaffte er sich durch die Auswertung von Wörterbuchmaterial, von lokaler und regionaler Literatur, durch briefliche Fernerkundung und persönliche, direkte Befragung an Ort und Stelle einen Überblick über die dialektgeographische Beschaffenheit seines Arbeitsgebiets. Ergebnis dieser Vorarbeit war die „Gliederung der badischen Mundarten. Mit Skizze“ (1921), welche 1923 erweitert wurde zu „Proben des Badischen Wörterbuchs nebst Gliederung ...“. Zur gleichen Zeit (1921) machte er einen Vorschlag zur „Gliederung des Alemannischen“, welcher vor allem der Eigenart des von ihm so genannten Mittelalemannischen im Streifen zwischen Mülhausen im Elsaß-Villingen-Donaueschingen-Konstanz-Überlingen-Lindau-Bludenz besser gerecht wurde als vorhergehende und nachfolgende Gliederungsvorschläge. 1925, also nach relativ kurzer Vorbereitungszeit, konnte Ochs die erste Lieferung des Badischen Wörterbuchs herausbringen, und ab 1926 folgten die weiteren bis zur zehnten im Zweijahresrhythmus, so daß nach 17 Jahren der erste Band, von A-E reichend (mit Einschluß des beim B behandelten P und des mit dem D zusammengenommenen T) abgeschlossen vorlag. Kriegszeit und zeitbedingte Schwierigkeiten erzwangen eine Druckpause bis 1951; von da an bis zum Versagen seines Augenlichts im Sommer 1960 erschienen aus der Hand von Ochs noch weitere 15 Lieferungen. Der Umfang war zwar gegenüber den ersten zehn verringert, aber durch sein 5jähriges Vorarbeiten (-müssen), unterstützt durch die 2 1/2 Jahre dauernde, unentgeltlich geleistete Mitarbeit seines Nachfolgers K. Fr. Müller, konnte Ochs so aus dem Vollen schöpfen, daß bis 1961 jedes Jahr mindestens eine, öfters zwei Lieferungen ausgegeben wurden. Den Abschluß des zweiten Bandes durfte er nicht mehr erleben, obwohl er zu Anfang seiner Arbeit noch – wie seine Mitstreiter im Wörterbuchausschuß – geglaubt hatte, das ganze Werk werde in zwei Bänden mit etwa 105 Druckbogen zu bewältigen sein. Es lag nicht an Ochs, der immer vorbildlich knapp schrieb, sondern an der ständig wachsenden Überfülle des Materials.
Hierzu gehörten auch wissenschaftliche Arbeiten, die von Ochs angeregt wurden und u.a. in einer von ihm begründeten Reihe mit dem sprechenden Titel „Vogel Greif. Arbeiten über Mundarten und Volkstum Südwestdeutschlands“ herauskamen und neben üblichen Themen (Lautlehre, Laut-, Formen- und Wortgeographie) auch seltener vertretene behandelten wie z. B. Syntax, Flexion und Wortbildung.
In eigenen, immer kurzen Aufsätzen und Rezensionen nahm Ochs Stellung zu mundartlichen Streitfragen oder charakterisierte mit wenigen treffenden und anschaulichen Beispielen und manchmal überraschend gefühlvoll, ja geradezu poetisch Mundarten, ihre Sprecher und ihre Landschaften, so etwa in „Die Mundarten der Ortenau“ (1929 und, erweitert, 1960), in „Die Mundart des Kaiserstühlers“ (1939) und in „Der oberrheinische Sprachraum“ (1940). Über diesen schrieb er: „Das Badische und das Elsässische zusammen machen erst die oberrheinische Volkssprache aus ... In diesem Raum wohnen seit vielen Jahrhunderten weder schroffe Alemannen noch schroffe Franken, sondern allenfalls Oberländer und Unterländer, insgesamt aber oberrheinische Deutsche. Deren Sprachlandschaft hat ein starkes Gefäll gegen Nordwesten, eine reiche Gliederung, eine schön gewirkte Mannigfaltigkeit. Südliche Grundzüge sind von nördlichen Farben überlagert, rheinabwärts immer inniger mit ihnen verbunden und verlieren sich schließlich ganz unter ihnen. Die Art und Reihenfolge der einzelnen Gefällstufen dieses Sprachraums sind dem Elsaß und Baden völlig gemeinsam; jede elsässische Eigenheit, jede innerelsässische Mundartgrenze setzt sich, rechts des Rheins fort, meist weiter stromabwärts.“ Ähnlich prägnant und pointiert äußerte Ochs sich zu sprachgeschichtlichen oder literaturwissenschaftlichen Themen aus dem Bereich des Alt- und Mittelhochdeutschen, aber auch volkskundliche Beiträge bezeugen seine Kenntnisse und Interessen, hauptsächlich auf dem Gebiet von Sage, Märchen und Volkslied wie auch im Bereich der Sachvolkskunde. Hierzu darf man auch seine Herausgebertätigkeit bei den mundartlich gehaltenen Aufzeichnungen Oskar Furtwänglers über „Die Uhrenmacher im Schwefeldobel“ (1924) oder bei der dritten Auflage der Erzählung „Bruder Martin“ von Lucian Reich zählen. Dort charakterisiert er im Anhang seine Beweggründe und Arbeitsweise: „Ich bin einer der wenigen, die heute die zweite Auflage besitzen, und ich habe mich entschlossen, ihre verschütteten Werte in die Zukunft weiterzuleiten, ohne die schlichte Schönheit der ersten zu opfern. Ich mußte Satz um Satz wissenschaftlich vergleichen und dann künstlerisch zusammenschauen. Die dritte Auflage ist also eine selbständige Neufassung, für die ich die Verantwortung trage und mir alle Rechte vorbehalte; sie wird kleine und große Kinder erfreuen, Gelehrte mag sie zur Stilvergleichung locken.“
Bei solch plastischer und farbiger Ausdrucksweise verwundert es nicht, daß er selbst poetische Versuche unternahm und teilweise auch veröffentlichte, so „Streng geheim“, eine Sammlung von zum Teil schwankhaften, zum Teil hintergründigen Geschichten und Anekdoten (1955) und unter dem Titel „Kädmon“ u. a. Texte zu zwei Opern. Weitere Dichtungen gingen ihm 1945 in den Wirren des Kriegsendes verloren.
Daß bei aller Wertschätzung des strengen, aber anregenden Lehrers Ochs auch manche Anekdoten über ihn, den technikverachtenden Mann kursierten, verwundert nicht. So wie er kategorisch erklärte, „das badische Wörterbuch kann nicht mit dem Füllhalter geschrieben werden!“, so benutzte er konsequent zeitlebens nur Federhalter mit Stahlfedern. Und seine Hilfskräfte, denen er am Schluß des Arbeitstags die in Stenographie vor-geschriebenen Wörterbuchartikel in die Feder diktierte, hatten sich nach diesem Diktum zu richten. In der Erinnerung derjenigen, die ihn kannten, lebte oder lebt er weiter als ein origineller, kenntnisreicher und unverwechselbarer Mann, der Autor des Badischen, des Ochsschen Wörterbuchs.
Werke: Schriftenverzeichnis mit 95 Aufsätzen, Rezensionen, Wörterbuchlieferungen und sieben von Ochs herausgegebenen Büchern, in: Beiträge zur Sprachwissenschaft und Volkskunde. FS für Ernst Ochs zum 60. Geburtstag. Hg. von Karl Fr. Müller, Lahr 1951, 374-382. Dazu noch nach 1950 Badisches Wörterbuch, bearb. von E. Ochs, Lieferungen 11-27, Bd. 2, 1-596, Lahr/Schwarzw. 1951-1961; Streng geheim, Geschichten, 1955; Kädmon, Dichtungen, 1959 sowie 12 Aufsätze in Fachzeitschriften und Sammelwerken; die mundartkundlichen verzeichnet G. W. Baur, Bibliographie zur Mundartforschung in Baden-Württemberg, Vorarlberg und Liechtenstein, Tübingen 1978.
Nachweis: Bildnachweise: Beiträge zur Sprachwiss. (s. o.); Ekkhart 1961, 74; Die Ortenau 1961, 6; Alem. Jb. 1973/1975, 66; Ortenau 1988, 47; BH 1988, 510.

Literatur: K. F. Müller, E. Ochs, in: Ekkhart 1961, 75 f.; A. Staedele, E. Ochs, in: Die Ortenau 1961, 5 ff.; G. W. Baur, Mundartwörterbücher im alemannischen Sprachraum, in: Alemannica. FS für Bruno Boesch zum 65. Geburtstag. Bühl/Baden 1976 (= Alem. Jb. 1973/1975), 28-85; G. W. Baur, Das Badische Wörterbuch, in: Symposion Ernst Christmann. Vorträge zur Dialektlexikographie, Sprachgeographie und Volksforschung des Westmitteldeutschen. Hg. von W. Kleiber. Stuttgart 1987, 61-72. G. W. Baur, Zum Gedenken an Prof. Dr. E. Ochs, in: Die Ortenau 1988, 47-51; ders., Zur Erinnerung an Prof. Dr. E. Ochs; in: BH, 1988, 510-515.
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