Horstmann, August Friedrich 

Geburtsdatum/-ort: 21.11.1842;  Mannheim
Sterbedatum/-ort: 08.10.1929;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Chemiker
Kurzbiografie: 1853 Okt.-1856 Dez. Schüler des Lyceums Mannheim
1857-1859 Lehre in der Höheren Bürgerschule, Mannheim
1859 Herbst-1862 Herbst Kaufmännische Lehre bei Horstmann & Koehler, Mannheim
1862 Okt. Immatrikulation Universität Heidelberg
1865 Jan. Dr. phil. Universität Heidelberg; im Sommer Studium der Thermodynamik bei Clausius in Zürich
1865 Herbst-1867 Sommer Experimentalstudien bei Landolt in Bonn
1866 Nov. Mitglied des Naturhistorisch-medicinischen Vereins Heidelberg
1867 Nov. Habilitation als Privatdocent in der Chemie, Universität Heidelberg
1868 Feb. Auswärtiges Mitglied der Deutschen Chemischen Gesellschaft zu Berlin
1872 Feb.-1873 außerordentlicher Prof., Universität Heidelberg „Theorie der Dissociation“, Schaffen der Grundlagen der chemischen Thermodynamik
1875-1879 Experimentalarbeiten für die Bestätigung des Massenwirkungsgesetzes
1881-1894 Referent der „Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft“
14. Nov. 1889 Honorar-Prof. in Heidelberg
20. März 1893 Ritterkreuz 1. Klasse des Ordens des Zähringer Löwen
1899 Ende der Vorlesungen
1908 Feb. ordentlicher Honorar-Prof.
1910 Sep. Titel Geheimer Hofrat
1912 Ehrenmitglied: Deutsche Bunsengesellschaft, des Naturhistorisch-Medicinischen Vereins Heidelberg, der Deutschen Chemischen Gesellschaft
1922 Nov. Dr.-Ing. e. h. der Chemie, Technische Hochschule Karlsruhe
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 5.4.1873 Mannheim, Clothilde Gernandt (1844-1921)
Eltern: Vater: Georg Friedrich Horstmann (1805-1876), Kaufmann
Mutter: Charlotte Friedericke Köhler(1817-1893)
Geschwister: Christine Josephine Mohr (1845-1929)
Friedrich Wilhelm Otto Horstmann (1847-1893)
Carl Gustav Martin Horstmann (1850-1915)
Kinder: Georg Michael Bernard Horstmann (1874-1920)
Max Carl Horstmann (1875-1937)
Charlotte Elisabeth Horstmann (1877-1959)
Hans Horstmann (1882-1882)
Erich Otto Horstmann (1884-1930)
GND-ID: GND/119462265

Biografie: Alexander Kipnis (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 145-147

Horstmann wurde in der Nacht zum Montag, dem 21. November 1842 geboren. Da seine Mutter ihrem Erstling das Glück des Sonntagskindes hold sein lassen wollte, wurde der Geburtstag auf den 20. November gelegt. Dieses Datum wird überall genannt, mit Ausnahme der Mannheimer Familienstandsbogen.
Kindheit und Schuljahre verbrachte Horstmann in Mannheim. Schon früh traten seine Neigungen zu den Naturwissenschaften in Erscheinung. Dafür bildete seines Vaters Geschäft, ein Materialienhandel, einen guten Nährboden. So verließ er das Lyceum und wechselte in die Höhere Bürgerschule. Dr. Heinrich Schröder, Direktor und Professor der Chemie und der Physik hat stark Horstmanns Fortbildung beeinflußt.
Nach 7 Klassen endete seine Schulzeit ohne Abschlußzeugnis, weil ein Industrie- bzw. Wirtschaftsberuf wegen seiner Kurzsichtigkeit für kaum möglich gehalten wurde. Also trat er als Lehrling in die väterliche Firma ein, doch seine Augen erwiesen sich, nach drei Jahren, auch hier als Hindernis, und die Idee, Kaufmann zu werden, mußte fallengelassen werden. Erst nach dem Scheitern dieser Laufbahn entstand der Gedanke, Naturwissenschaften in Heidelberg zu studieren.
Dank des Dreigestirns Horstmann Helmholtz R. Bunsen – G. Kirchhoff hat Horstmann seine allgemeine wissenschaftliche Vorbereitung erhalten. Sein eigentlicher Lehrer wurde aber E. Erlenmeyer.
Nach seinem Doktorexamen mußte Horstmann seinen eigenen wissenschaftlichen Weg finden; er studierte Mathematik, las aktuelle chemische und physikalische Artikel und besuchte Helmholtz' Vorlesungen über Fortschritte in den Naturwissenschaften. Dann zog die mechanische Wärmetheorie, hauptsächlich durch R. Clausius in Zürich herausgearbeitet, seine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Horstmann war nach Zürich gekommen, wo er die neue Wissenschaft der Thermodynamik direkt vom Verfasser erfahren hatte.
Im Herbst 1865 siedelte Horstmann nach Bonn um. Dank Erlenmeyers Empfehlung konnte er im Laboratorium Horstmann Landolts seine erste Arbeit (über anomale Dichte der Dämpfe) ausführen. Diese Arbeit legte er seiner Alma mater in Heidelberg vor. Nach entsprechender Disputation und Probevorlesung wurde Horstmann als Privat-Dozent der philosophischen Fakultät zugelassen. In seiner Eigenschaft als Dozent blieb Horstmann bis 1899. Seine Vorlesungen waren meistens drei Gebieten gewidmet – „Thermochemie mit Rücksicht auf die mechanische Wärmetheorie“; „Physikalisch-theoretischen Chemie“ über die neuesten Entwicklungen der theoretischen Chemie (anfangs Dissoziation, später, seit 1890, physikalische Theorien der Lösungen); „Repertorium der Physik“ (bis 1884), eine Übersicht unter dem Aspekt des Satzes der Erhaltung der Energie.
Viel interessanter für ihn, erfolgreicher und bedeutender war seine wissenschaftliche Tätigkeit. Horstmanns Arbeitsfeld war von Anfang an ein breites Gebiet, das als „Chemische Mechanik“ bezeichnet worden war. In seinem kleinen Privatlabor hat Horstmann vier Reihen der physikalisch-chemischen Forschungen durchgeführt: Dichte der Dämpfe; die Dissoziation der Festkörper; die unvollkommene Verbrennung von Gasen (d. h. das Wassergasgleichgewicht); der Doppelaustausch zwischen Lösungen und Niederschlägen.
Am wichtigsten waren die theoretischen Grundlagen, die Horstmann in Zusammenhang mit diesen Experimentalforschungen entwickelte. Dabei handelte es sich um das Entstehen einer neuen Disziplin, der chemischen Thermodynamik. Zuerst versuchte er die chemischen Gleichgewichte mit Hilfe der für Verdampfungserscheinungen entwickelten Clapeyron-Clausiusschen Gleichung zu beschreiben – für eine Klasse der chemischen Systeme erfolgreich –, aber erst 1873 gelang es ihm, die allgemeine Lösung zu finden. Horstmann gestaltete den Clausiusschen Aphorismus – „Die Entropie der Welt strebt einem Maximum zu“ in ein grundlegendes wissenschaftliches Prinzip um, in dem Sinne, daß alle Veränderungen in einem geschlossenen System dann beendigt sind und der Gleichgewichtszustand dann eintritt, wenn die Entropie des Systems so groß geworden ist, wie es durch die in Betracht kommenden Veränderungen möglich ist. Weiter zeigte er, wie dieses Prinzip in der Chemie angewendet werden kann: Er leitete das Massenwirkungsgesetz thermodynamisch ab und bestätigte es später mit vielen eigenen Experimenten.
Gewiß ist Horstmann ein Ehrenplatz in der Geschichte der Wissenschaft als Begründer der chemischen Thermodynamik bestimmt. Dennoch war die Thermodynamik für ihn kein Selbstzweck, sondern bloß ein Werkzeug zur Erkennung der chemischen Prozesse. Er dachte viel über Mechanismen chemischer Reaktionen nach, einen Begriff, den er in der Chemie als einer der ersten einführte. Seine interessantesten Leistungen in diesem Gebiet betreffen Katalyse, Reaktivität und Phasenbildung; insbesondere gab er die erste allgemeine Beschreibung der Beschleunigung eines Prozesses durch seine Produkte (Autokatalyse).
Horstmann hatte für seine Experimentalarbeit insgesamt nur 10 bis 11 Jahre Zeit. Sein Sehvermögen verschlechterte sich ständig, und seit den achtziger Jahren sah er sich gezwungen, sich ausschließlich auf Schreibtischarbeit umzustellen. Die „Epoche der Schreibmaschine“ begann mit der Arbeit über „Theoretische Chemie“. Das Werk steht in der chemischen Weltliteratur als der letzte – und inhaltsreichste – Versuch, alle theoretischen Probleme der gesamten Chemie in einem einzigen Buch zu behandeln. Aus derselben Zeit stammen auch einige Artikel, die der Verbreitung der neueren chemischen Theorien dienen sollten und etwa 1 500 Referate, die er für „Die Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft“ schrieb.
Leider ging Horstmanns Arbeitsvermögen zu Ende. Seit Mitte der neunziger Jahre konnte er nicht mehr publizieren. Er hatte noch die Blindenschrift gelernt und bemühte sich, so vollwertig zu leben, wie es ihm irgend möglich war. Zu Weihnachten 1925 kam er mit den „Lebenserinnerungen eines Kurzsichtigen“ zu Ende, die er seinen Enkelinnen diktiert hatte. Es ist dies ein erstaunlich interessanter Text, der seinen lebendigen und klaren Geist, aber auch seine humorvolle Mentalität widerspiegelt.
Seine Tätigkeit dauerte etwa ein Viertel Jahrhundert und lag hauptsächlich in der Zeit, die dem Entstehen der physikalischen Chemie als selbständiger Wissenschaft unmittelbar vorausging. Das weist ihm seinen Platz in der Geschichte der physikalischen Chemie zu. Sein Werk bildet die Brücke, die als Bindeglied der Zeit zwischen „alter“ und „neuer“ physikalischer Chemie dient. Die epochemachende Verwandlung der alten theoretischen Chemie zur klassischen physikalischen Chemie nahm mit Horstmanns Werk ihren Anfang.
Quellen: StadtA Mannheim; UA Heidelberg; Dokumente im Familienbesitz.
Werke: Zusammenstellung d. wichtigsten Veröffentlichungen von A. Horstmann bei A. Kipnis 43 f. vgl. Lit. – Über die Beziehungen zw. dem Molekulargewicht u. specifischen Gewicht elastisch-flüssiger Körper, Ann. Chem. Pharm., Suppl. 6 (1868) 51-73; Dampfspannung u. Verdampfungswärme des Salmiaks, Ber. Dt. Chem. Ges. 2 (1869), 137-140; Zur Theorie der Dissociation, Ebd. 4 (1871) 635-639; Theorie der Dissociation, Ann. Chem. Pharm. 170 (1873) 192-210; Verbrennungs-Erscheinungen bei Gasen, Verhandl. d. Naturhist.-med. Vereins zu Heidelberg, N. F. 1 (1876) 177-189, 2, Horstmann 1 (1877) 33-52, Horstmann 3 (1878) 177-219; Zur Dissociationslehre, Ber. Dt. Chem. Ges. 9 (1876) 749-758; Über ein Dissociationsproblem, Ann. Chem. Pharm. 187 (1877) 48-63; Theoret. Chemie, 1885; Über die Vergleichbarkeit flüssiger Verbindungen in Bezug auf ihr Volum bei Siedepunkten u. bei andern Temperaturen, Ber. Dt. Chem. Ges. 19 (1886) 1579-1595; Über die Theorie der Lösungen, Verhandl. d. Naturhist.-med. Vereins zu Heidelberg, N. F. 4, Horstmann 5 (1892) 587-617.
Nachweis: Bildnachweise: Zs. physik. Chem., 1899, Dez.; Ber. Dt. Chem. Ges., 1930, April; 2 Porträtgemälde (ca. 1910) von Horstmanns Tochter Charlotte und Photographien im Familienbesitz.

Literatur: M. Trautz, A. F. Horstmann, Ber. Dt. Chem. Ges. 63A (1930) 61-86; Deutsches Geschlechterbuch, Bd. 135 (1965) Grete Ronge, A. F. Horstmann, in: NDB 9, 1972, 644 f.; A. Kipnis, A. Horstmann (1842-1929) Eine große Übergangsfigur in d. Gesch. d. Physikal. Chemie, in: Gesellschaft Dt. Chemiker, Fachgr. Gesch. d. Chemie. Mitt. Nr. 11 (1995) 26-44.
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