Rehm, Walther 

Geburtsdatum/-ort: 13.11.1901; Erlangen
Sterbedatum/-ort: 06.12.1963;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • Germanist, Literaturhistoriker
Kurzbiografie: 1907-1918 Protestantisches Gymnasium Straßburg
1918-1919 Maxgymnasium München (Abitur)
1919 Studium der Deutschen Philologie, Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität München
1923 Promotion
1928 Habilitation für das Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte in München
1938 ordentlicher Prof. an der Universität Giessen
1943 ordentlicher Prof. an der Universität Freiburg i. Br.
1956 Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Ordentliches Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1926 Dr. phil. Else, geb. von Eck
Eltern: Vater: Dr. jur. Hermann Rehm, Prof. für Staatsrechtslehre (1862-1917)
Mutter: Lina, geb. Birkner (1874-1908)
Geschwister: 2
Kinder: 1
GND-ID: GND/119522357

Biografie: Reinhardt Habel (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 221-224

Rehm entstammt einer alten mittelfränkischen Familie und verlebte seine früheste Kindheit in Erlangen. Sein Vater, Ordinarius für Staatsrechtslehre, folgte 1903 einem Ruf an die Universität Straßburg, wo Rehm ab 1907 das Protestantische Gymnasium mit seiner Vorschule besuchte. In seinem siebenten Lebensjahr verlor er seine sehr geliebte Mutter und mit 16 Jahren auch seinen Vater. Kurz vor dem Kriegsende 1918 zog die Familie nach München. Der Achtzehnjährige beendete dort seine Schulzeit und begann das Studium der Deutschen Philologie, der Kunstgeschichte und Geschichte, das er nach vier Jahren mit der Promotion zum Dr. phil. abschloß. Während der folgenden fünf Jahre, in denen er seine Habilitationsschrift ausarbeitete, publizierte er bereits zahlreiche Aufsätze, Textausgaben, Handbuchartikel und Rezensionen bzw. bereitete sie zur Veröffentlichung vor. Nach zehnjähriger Dozentenzeit in München erhielt er, der eine tiefe Abneigung gegen den Nationalsozialismus empfand und sich in Lehre und Forschung stets seine Unabhängigkeit bewahren konnte, 1938 den Ruf an die Giessener Universität, offenbar weil die Kultusbehörde trotz politischer „Bedenken“ nicht länger an dem Forscher vorbeigehen konnte, der in München die meistbesuchten germanistischen Vorlesungen hielt. Nach fünfjähriger Tätigkeit in Giessen ging er 1943 nach Freiburg i. Br., wo er 20 Jahre bis zu seinem Tode lehrte und arbeitete.
Das wissenschaftliche Lebenswerk Rehms reicht in seiner Thematik von der Antike bis zur Gegenwart und umfaßt den Horizont nicht nur der deutschen, sondern der europäischen Literatur der Neuzeit. Es bezieht dabei außer der Dichtung auch die allgemeine Geschichte, die Geschichte der bildenden Künste, der Philosophie und der Religion mit ein. Diese weitgespannten Interessen und ihr polyhistorischer Reichtum werden jedoch gebunden durch den Blick auf die großen Existenzfragen der modernen Kultur, die den Autor in allen Einzelproblemen beschäftigt haben. Rehm gehörte der Generation an, die die Erschütterungen des Ersten Weltkrieges und die einschneidenden Veränderungen der Nachkriegszeit mit Wachheit erlebt hatte, die nicht mehr die eingeschränkte Unbekümmertheit der vorangegangenen positivistischen Philologie reproduzieren konnte, sondern für die die wissenschaftliche Forschung zugleich eine Suche nach den Antworten auf die bedrängenden Fragen nach einer humanen Gegenwartskultur bedeutete. Rehm zählte sich nicht zu einer bestimmten Schule oder Richtung seines Faches, sondern blieb mit seinen charakteristischen Themenkreisen und seinem unverwechselbaren wissenschaftlichen Stil eine Gelehrtengestalt von besonderer Prägung. Er hörte in München die Professoren Fritz Strich, Franz Muncker, Max Weber und reichte schon als Zweiundzwanzigjähriger seine Dissertation bei dem damaligen Literaturwissenschaftler Hans Heinrich Borcherdt ein (Das Werden des Renaissancebildes in der deutschen Dichtung vom Rationalismus bis zum Realismus, München 1924). Es waren jedoch weniger diese akademischen Lehrer, die ihn bleibend beeindruckten, als vielmehr der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin. Ihm widmete er gegen Ende seines Lebens eine Studie, in der er die methodischen Zusammenhänge zwischen Kunstgeschichte und Literaturgeschichte im Werk dieses bekannten Begründers moderner „Stilgeschichte“ darlegte, die auch für ihn selbst von großer Bedeutung gewesen waren (H. Wölfflin als Literarhistoriker, München 1960). Wenn man neben Wölfflin noch den andern großen Anreger, Jacob Burckhardt, nennt, so wird deutlich, daß Rehms Werk vor allem kulturhistorisch bzw. geistesgeschichtlich bestimmt war, ohne daß man ihn doch zur Dilthey-Schule oder einer anderen Gruppierung rechnen könnte (J. Burckhardt, Frauenfeld, Leipzig 1930). Mit besonderer Sensibilität forschte er den seelischen Bewegungen, den Bewußtseinsformen und den ihnen zugrunde liegenden metaphysischen Problemfragen nach, wie sie sich in der poetischen Sprache Ausdruck verschafften. Auf diesem Wege gelangte er zu historischen Bezügen und Querverbindungen wie auch zu bestimmten geistigen Gruppierungen und Bewegungen der Literaturgeschichte, die er dann in die Gesamtproblematik der je besonderen Zeitgeschichte integrierte. Sein Stil, geschmeidig und einfühlsam, war zugleich von einer rhetorischen Farbigkeit und einer das Wissenschaftliche mit dem Künstlerischen verbindenden Kraft, die die bildhaften Schattierungen und die Stimmungshaften Valeurs seiner Texte in eindrucksvoller Weise bewußt machen konnte.
In seiner Habilitationsschrift (Der Todesgedanke in der deutschen Dichtung vom Mittelalter bis zur Romantik, Halle 1928) begann Rehm mit einem seiner übergreifenden Themen, das ihn bis zu seinem großen Werk über „Orpheus – Der Dichter und die Toten“ (Düsseldorf 1950) nachhaltig beschäftigte: Die Existenzfrage des modernen Individuums, das im Angesicht des Todes sich verschärft seiner Isolation und Selbstentfremdung bewußt wird und das sich im orphischen Dichten an der Grenze zum Totenreich seiner Stellung im Ganzen versichert. Das „principium individuationis“ als Grunderfahrung der Glaubensunfähigkeit in der neuzeitlichen europäischen Kultur ist auch das leitende Thema des Buches „Experimentum medietatis“ (München 1947). Es vereinigt neben dem Titelaufsatz Studien über Jean Paul, Dostojewski, Gontscharow und Jacobsen. Einen dramatischen Höhepunkt erreicht diese Thematik sicherlich mit dem Werk „Kierkegaard und der Verführer“ (München 1949), das sich mit der scharfen, aber zugleich betroffenen Absage des dänischen Kulturkritikers an die Erlösungsillusionen des romantischen Poesiebegriffs und an die Fragwürdigkeit des maskenhaften modernen – insbesondere des romantischen – Dichters als eines Verführers auseinandersetzt. In mehreren Aufsätzen größeren Umfangs hat Rehm dieses Problem als eine Pathographie des modernen Bewußtseins weiterverfolgt und in einzelnen Facetten ausgearbeitet (Der Renaissancekult um 1900 und seine Überwindung, 1929. Der Dichter und die neue Einsamkeit, 1931. Roquairol – Eine Studie zur Geschichte des Bösen, 1950).
Einen anderen großen Themenkreis hatte bereits die Dissertation über die Renaissance-Rezeption in der Goethezeit und die Beschäftigung mit Burckhardts kulturgeschichtlichen Schriften angeschlagen: Die Wirkung der griechischen und römischen Antike auf die deutsche Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Hier findet Rehm in gewissem Sinne die humanen Gegenbilder zu den eben genannten historischen Entfremdungsphänomenen. Noch im Zusammenhang mit der Thematik der Dissertation erscheint 1930 „Der Untergang Roms im abendländischen Denken“ (Darmstadt 1972 2. Aufl.) und als weitgespannte komparatistische Betrachtung „Europäische Romdichtung“ (München 1939 1. Aufl., 1960 2. Aufl.). Aber besonders Rehms Hauptwerk „Griechentum und Goethezeit“ (Bern, München 1936 1. Aufl., 1969 4. Aufl.) wurde zu einem Einschnitt in der Erforschung der deutsch-antiken Begegnung und zugleich zum Beispiel einer neuen Sehweise bewußtseinsgeschichtlicher Prozesse innerhalb einer historischen Strömung. In einzelnen Kapiteln über Winckelmann, die Geniezeit, Herder, Goethe, Schiller, Wilhelm von Humboldt, Hölderlin und die Romantiker werden die ästhetischen Gefühlsqualitäten und individuellen Seelenlagen entfaltet, die sich in der andachtsvollen Verehrung des klassischen Altertums als einem Ideal vollkommener Menschlichkeit Ausdruck verschafften. Die Griechenlandsehnsucht eines ganzen Jahrhunderts bis hin zur Gräkomanie und zur christlich-mittelalterlichen Abgrenzung durch die Romantik wird als „Geschichte eines Glaubens“ gefaßt und, weit über eine bloße Ideengeschichte hinausführend, verstanden als Erfahrungssumme des bürgerlichen Zeitalters, das seine humane und freiheitliche Selbstartikulation mit Hilfe des antiken Schönheitsideals versuchte. Auch zu diesem Problemkreis schrieb Rehm eine ganze Reihe von Einzelstudien, die er gesammelt in dem Band „Götterstille und Göttertrauer“ (Bern 1951) herausgab.
Eine dritte Gruppe von Publikationen, zumeist in enger Verbindung mit der Wirkungsgeschichte der Antike, bilden die Texteditionen, von denen hier nur die Briefe und Werke Johann Joachim Winckelmanns herausgegriffen seien. Fast zwei Jahrzehnte Arbeit verwendete Rehm auf die große wissenschaftliche Gesamtausgabe der ca. 1000 Briefe und rund 250 Lebenszeugnisse, die mit ebenso vielen geschichtlich-biographischen und kunsthistorischen Anmerkungsartikeln begleitet wurden. Die besonderen Fachprobleme bearbeitete der Münchner Archäologe Hans Diepolder, mit dem Rehm eine lebenslange Freundschaft verband (J. J. Winckelmann, Briefe. Kritisch-historische Gesamtausgabe. Hrsg. in Verbindung mit H. Diepolder, Bd. 14, Berlin 1952-57). In diesem Monumentalwerk erscheint der über ganz Europa verteilte, in vier Sprachen geschriebene Gedankenaustausch des Begründers der modernen Kunstgeschichte bis in die letzten Details des Materials aufgeschlüsselt und erläutert. Nicht weniger eindrucksvoll ist die hervorragend kommentierte Ausgabe der sogenannten „ Kleinen Schriften“, deren Anmerkungsapparat den enormen Umfang antiquarischen Wissens erschließt, über den Winckelmann in Kunst und Literatur verfügte (J. J. Winckelmann, Kleine Schriften, Vorreden, Entwürfe. Mit einer Einleitung von Hellmut Sichtermann, Berlin 1968). Rehm konnte diese Arbeit nicht mehr vollenden; so wurde sie durch seine Gattin, die ihm schon bei der Edition der Briefe beigestanden hatte, fünf Jahre nach seinem Tode zum Abschluß gebracht.
Bisher nicht genannt und vollständig auch hier nicht zu referieren sind die zahlreichen größeren und kleineren Arbeiten über Themen wie Stifters „Nachsommer“, Brentano und Hölderlin, Johann Peter Hebel, Wirklichkeitsdemut und Dingmystik in der Literatur um 1900, Rilke und die Duse, die köstliche Eichendorff-Studie „Prinz Rokoko im alten Garten“ oder die humorvollen Betrachtungen zu Jean Pauls Textanmerkungen und Carl Friedrich von Rumohrs „Geist der Kochkunst“. Sie sind zum größten Teil in den Aufsatzsammlungen wieder zugänglich (Begegnungen und Probleme, Bern 1957; Späte Studien, Bern, München 1964; Der Dichter und die neue Einsamkeit – Aufsätze zur Literatur um 1900, Göttingen 1969). Rehm war eine reich begabte Persönlichkeit von wissenschaftlichem Ingenium und seltener Produktivität. Obwohl er kein Mann der Öffentlichkeit war und sich in den Fachorganisationen eher zurückhielt, war er von seinen Kollegen hochgeschätzt und genoß internationales Ansehen, so daß er zahlreiche Berufungen erhielt und mehrfach zu Gastsemestern ins Ausland eingeladen wurde. Als akademischer Lehrer führte er ungezählte Studenten der Germanistik zum Examen und war Anreger und Betreuer vieler Doktorarbeiten. Seine vielbesuchten Vorlesungen wurden wegen ihrer weitgespannten Aspekte und Themen von Hörern aller Fakultäten geschätzt.
Werke: Bibliographie der Veröffentlichungen von W. Rehm, zusammengestellt von Charlotte Engeln, in: W. Rehm, Späte Studien, Bern, München 1964, 463-472. (Die Bibliographie zählt 20 selbständige Publikationen, 15 Editionen, 48 Aufsätze und Miszellen und 87 Anzeigen bzw. Rezensionen. Sie ist zu ergänzen durch inzwischen erfolgte Neuauflagen einzelner Bücher, durch die Edition „J. J. Winckelmann, Kleine Schriften“ etc., s. o., und die Aufsatzsammlung „Der Dichter und die neue Einsamkeit“ etc., s. o.).
Nachweis: Bildnachweise: In: W. Rehm, Späte Studien; H. Kuhn; C. Wiedemann (s. o.).

Literatur: Paul Böckmann, W. Rehm zum Gedenken, in: Deutsche Vjschr. f. Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 38, 1964, 321-336; Hugo Kuhn, W. Rehm, in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss., 1964, 1-4; Conrad Wiedemann, W. Rehm, in: Giessener Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jhs., Hg. v. H. G. Gundel u. a., Marburg 1982,745-754 (= Veröff. d. Historischen Kommission für Hessen etc., Bd. 35. Lebensbilder aus Hessen, Bd. 2); Walter Müller-Seidel, W. Rehm – Aus Anlaß seiner „Späten Studien“, in: Jb. d. Dt. Schillergesellschaft, 9, 1965, 581-592.
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