Murr, Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 16.12.1888;  Esslingen
Sterbedatum/-ort: 14.05.1945; Egg (Vorarlberg, Österreich)
Beruf/Funktion:
  • nationalsozialistischer Politiker, Gauleiter der NSDAP in Württemberg- Hohenzollern, Staatspräsident und Reichsstatthalter in Württemberg
Kurzbiografie:

1895 – 1902 Volksschule in Esslingen

1902 – 1908 kaufmännische Lehre, dann Anstellung in einer Esslinger Großhandlung

1908 – 1910 Militärdienst

1910 – 1930 Kaufmännischer Angestellter bei der Maschinenfabrik Esslingen

1914 – 1918 Kriegsdienst

1919 Ortsgruppenleiter des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes in Esslingen

1925 Ortsgruppenleiter der NSDAP in Esslingen

1927 Gaupropagandaleiter der Gauleitung Württemberg-Hohenzollern

1928 Gauleiter von Württemberg-Hohenzollern

1930 – 1932, 1933 – 1945 MdR-NSDAP

1932 – 1933 MdL-NSDAP

1933 Staatspräsident des freien Volksstaats Württemberg, Reichsstatthalter in Württemberg

1934 SS-Gruppenführer

1939 Reichsverteidigungskommissar

1942 SS-Obergruppenführer

Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch, seit 1942 dissidentisch
Verheiratet:

1920 (Esslingen) Lina, geb. Halbritter (1893 – 1945)


Eltern:

Vater: Michael (1843 – 1903), Schlosser und städtischer Angestellter in Esslingen

Mutter: Selma, geb. Müller (1857 – 1903)


Geschwister:

zwei Brüder, sechs Halbgeschwister


Kinder:

ein Sohn

GND-ID: GND/120681021

Biografie: Ansbert Baumann (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 8 (2022), 275-280

Murr entstammte schwierigen Familienverhältnissen. Sein Vater, eines von vier unehelichen Kindern einer Alleinstehenden im badischen Leutesheim, erlernte das Schlosserhandwerk und heiratete 1873 eine Esslingerin. Von den sechs Kindern überlebten nur drei das Kleinkindalter, und nachdem im August 1887 auch seine Frau verstorben war, heiratete er im Februar 1888 in zweiter Ehe die aus Mühlen/Neckar stammende Selma Müller. Neun Monate später wurde Murr geboren, der, da zwei weitere Söhne bereits im ersten Lebensjahr verstarben, das einzige Kind der Familie blieb, die in bescheidenen Verhältnissen in der Esslinger Webergasse lebte.

Nach dem Besuch der evangelischen Volksschule begann Murr eine kaufmännische Lehre bei verschiedenen Firmen in seiner Heimatstadt. Mit 14 Jahren verlor er 1903 innerhalb weniger Monate beide Elternteile. Von den Kindern des Vaters aus erster Ehe lebte inzwischen nur noch eine Tochter, welche ihren verwaisten Halbbruder in ihren Haushalt in der Esslinger Obertorstraße aufnahm. Nach Abschluss seiner Ausbildung arbeitete Murr für kurze Zeit bei einem Esslinger Großhandelsunternehmen, leistete von Dezember 1908 bis September 1910 seinen zweijährigen Militärdienst beim württembergischen Infanterie-Regiment Nr. 125 in Stuttgart ab und übernahm anschließend eine Stelle als kaufmännischer Angestellter bei der Maschinenfabrik Esslingen.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Murr am 4. August 1914 eingezogen und kämpfte bis Juni 1915 an der Westfront. Nach einer Verwundung und kurzem Aufenthalt in der Heimat wurde er im September 1915 nach Serbien abkommandiert und kam schließlich im Dezember 1915 im Rang eines Vizefeldwebels als Schreiber zum Stab der neu zusammengestellten 210. Infanterie-Brigade. Im September 1918 schwer erkrankt, erlebte er das Kriegsende in einem Lazarett in Cottbus und kehrte erst Ende 1918 in seine Heimatstadt zurück.

Seit Beginn des Jahres 1919 arbeitete Murr wieder bei der Maschinenfabrik Esslingen, wo er zunächst als Büroangestellter und dann als Kontorist bei der firmeneigenen Großgießerei in Mettingen eingesetzt wurde. Die dortigen Arbeiter galten mehrheitlich als stramme Sozialdemokraten, oder sogar als kommunistisch unterwandert. Demgegenüber fand Murr seine geistige Heimat im Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband, dem er bereits während seiner Ausbildung beigetreten war. Mit seinem Engagement in der völkisch-antisemitisch geprägten Angestelltengewerkschaft, formte sich auch sein durch einen völkischen Grundgedanken und einen rigorosen Antisemtismus charakterisiertes Weltbild. Der kaufmännische Angestellte stieg innerhalb der extremistischen Standesvertretung, die in Württemberg ein wichtiger Wegbereiter des Nationalsozialismus war, bis zum Vorsitzenden des Esslinger Ortsverbandes auf und war zudem im radikal antirepublikanischen und antisemitischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund aktiv. Aus dessen Mitgliedern formierte sich zum Jahreswechsel 1920/21 auch in Esslingen eine Ortsgruppe der NSDAP, die am 25. November 1922 eine Abendveranstaltung durchführte, an der auch Murr teilnahm. Damit war sein weiterer politischer Weg vorgezeichnet: Kurz darauf trat er in die NSDAP ein und wurde noch vor deren Verbot im November 1923 Ortsgruppenleiter in Esslingen. In den folgenden Monaten blieb Murr weiterhin im Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband politisch aktiv und trat dann im August 1925 wieder in die inzwischen neugegründete NSDAP ein, wo er auch seine Tätigkeit als Ortsgruppenleiter wiederaufnahm. Hinsichtlich der Möglichkeit einer Rekonsolidierung der Partei hatte er, wie er kurz darauf feststellte, klare Vorstellungen: „Ob einzelne, die uns verlassen haben, wieder in unsere Reihen zurückkehren, hängt davon ab, ob ihnen die Befreiung des deutschen Volkes von Versailles, von Juden und Marxisten und damit von der jüdisch-liberalistischen Idee tatsächlich ernst war, oder ob sie nur aus innerer Verärgerung oder um persönlicher Vorteile willen zu unserer Bewegung kamen“ (zitiert nach: Scholtyseck, 1997, 481). Personen, bei denen er eine entsprechend radikale Einstellung zu erkennen glaubte, unterstützte er in den folgenden Jahren nachhaltig. So sorgte er auch dafür, dass in der Maschinenfabrik Esslingen, wo er seit April 1926 im Betriebsrat saß, immer mehr politisch gleichgesinnte Arbeitnehmer eingestellt wurden, weshalb eine Arbeiterzeitung im September 1927 feststellte, Murr habe „anscheinend einen Freibrief […]. Seine einzige Aufgabe ist, Hakenkreuzler in den Betrieb zu schmuggeln“ (zitiert nach: Scholtyseck, 1997, 481). Zu den dort beschäftigten Nationalsozialisten gehörten beispielsweise sein Nachfolger als Leiter der Esslinger Ortsgruppe Eugen Hund, der spätere Heilbronner Ortsgruppenleiter Richard Drauz und der Gauschatzmeister Anton Vogt. Murr war ohne Zweifel der Kopf dieser nationalsozialistischen Zelle innerhalb des Unternehmens, deren Mitgliedern er sich auch privat verbunden fühlte. Die Verknüpfung der privaten mit der politischen Sphäre war ein hervorstechender Wesenszug des ambitionierten Parteifunktionärs, der 1920 geheiratet und 1922 einen Sohn bekommen hatte. Die Familie spielte gegenüber der politischen Lebensplanung allerdings stets eine untergeordnete Rolle. Dementsprechend blieb er, zusätzlich zu seiner parteipolitischen Agitation innerhalb der NSDAP, weiterhin im Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband aktiv und war über mehrere Jahre hinweg auch als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Esslingen tätig. Sein politisches Engagement für die NSDAP beflügelte seinen raschen Aufstieg vom Ortsgruppenleiter zum Bezirks- und schließlich 1927 zum Gaupropagandaleiter.

Für seine Karriere kamen ihm die innerparteilichen Streitigkeiten in der württembergischen NSDAP entgegen, die sich seit der Wiedergründung 1925 vorwiegend aus Mitgliedern des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes rekrutiert hatte. Einen entsprechenden Hintergrund hatte auch der 1925 eingesetzte Vorsitzende der Ortsgruppe Stuttgart und erste Gauleiter des Gaus Württemberg, Eugen Munder. Der profilierteste Nationalsozialist des Landes war jedoch Christian Mergenthaler, der seit 1924 für die nach dem Verbot der NSDAP entstandene Nationalsozialistische Freiheitsbewegung im württembergischen Landtag saß. Mergenthaler verweigerte Hitler nach der Wiedergründung der NSDAP zunächst die Gefolgschaft und kehrte erst 1927 in die Partei zurück, trat dann aber trotzdem, auf Anweisung der Parteiführung, bei den im Mai 1928 anstehenden Landtagswahlen als Spitzenkandidat der NSDAP an. Gauleiter Munder legte daraufhin am 18. Januar 1928 sein Amt nieder und trat aus der Partei aus.

In dieser Situation ernannte die Parteileitung am 1. Februar 1928 überraschend Murr zum neuen Gauleiter. Es ist unklar, welches die genauen Motive für diese überraschende Entscheidung waren, aber es steht fest, dass der Esslinger Ortsgruppenleiter aktiv an der parteiinternen Demontage Munders beteiligt war und die unklaren Herrschaftsstrukturen innerhalb der Partei skrupellos für seine eigenen Ambitionen zu nutzen verstand. In der Münchner Parteizentrale galt er als zuverlässiger als sein ihm zweifellos intellektuell und rhetorisch überlegener Rivale Mergenthaler. Der parteiinterne Machtkampf zwischen den beiden ungleichen Politikern wurde zu einem prägenden Kontinuum innerhalb der württembergischen NSDAP. Murr konnte seine Stellung dabei vor allem aufgrund seiner Loyalität gegenüber der Parteiführung behaupten. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930 brachte ihm einen weiteren Karrieresprung, da er durch den unerwarteten Erfolg der NSDAP ein Reichstagsmandat gewann. Aufgrund der damit verbundenen finanziellen Unabhängigkeit konnte er seine Tätigkeit bei der Maschinenfabrik Esslingen niederlegen und sich fortan ganz seiner politischen Tätigkeit widmen. In den folgenden Monaten konsolidierte sich seine Machtbasis innerhalb der württembergischen NSDAP, deren Mitgliederzahl kontinuierlich anstieg. Damit einher ging eine verbesserte Finanzlage und eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit der Partei, die nun auch über ein eigenes Presseorgan verfügte: Nachdem die Gauleitung seit März 1930 die Wochenzeitung „Schwäbischer Angriff“ herausgegeben hatte, folgte im Januar 1931 mit dem „Stuttgarter NS-Kurier“ eine eigene Tageszeitung, mittels welcher, wie Murr in der ersten Ausgabe erklärte, die nationalsozialistische Propaganda in die „Volksmassen“ getragen werden sollte. Die Zeitung verfügte zunächst zwar nur über eine geringe Auflage, aber die aggressive NS-Propaganda blieb auch in Württemberg nicht ohne Wirkung, sodass die bis dahin dort im reichsweiten Vergleich schwache NSDAP bis zum Frühjahr 1932 einen erheblichen Zulauf verzeichnen konnte und bereits über 400 Ortsgruppen und 100 Betriebszellen verfügte. Bei den Landtagswahlen vom 24. April 1932 errang die Partei mit 26,4 Prozent die meisten Stimmen und zog mit 23 Sitzen in den württembergischen Landtag ein. Allerdings blieben die anschließenden Bemühungen, als stärkste Fraktion an die Regierung zu gelangen, ebenso wie die Wahl des NSDAP-Abgeordneten Jonathan Schmid zum Staatspräsidenten erfolglos, sodass die weiterhin vom bisherigen Staatspräsident Eugen Bolz geführte Minderheitsregierung geschäftsführend im Amt blieb und das Land mit Hilfe von Notverordnungen regierte. Mit Christian Mergenthaler stellte die NSDAP immerhin den Landtagspräsidenten. Murr legte sein Reichstagsmandat am 4. Mai 1932 nieder und zog anstelle von Dietrich von Jagow ins Stuttgarter Parlament ein, wo er Fraktionsvorsitzender der NSDAP wurde, wohl auch, um seinen Kontrahenten Mergenthaler besser in Zaum halten zu können.

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 sah Murr die Chance gekommen, um sich persönlich als politischer Führer in Württemberg zu profilieren. Im Vorfeld der Reichstagswahlen vom 5. März trat er als Wahlkämpfer mit primitiven Reden in Erscheinung, in welchen dumpfer Antisemtismus mit pathetischen Appellen an die Volksgemeinschaft verknüpft wurden. Gleichzeitig inszenierte er sich als treuer Gefolgsmann Adolf Hitlers und forderte die Landesregierung am Tag nach der Wahl auf einer Kundgebung auf dem Stuttgarter Marktplatz mit dem Schlagwort „Es ist ausgebolzt! Weg mit Bolz!“ (Stuttgarter NS-Kurier vom 7. 3. 1933) ultimativ zum Rücktritt auf. Als die NSDAP am 7. März durchsetzte, dass an zahlreichen öffentlichen Gebäuden des Landes, und sogar an der württembergischen Staatskanzlei, die Hakenkreuzfahne gehisst wurde, war klar, dass die Macht der Regierung Bolz tatsächlich gebrochen war. Hinter den Kulissen hatte der seit 1924 amtierende Finanzminister Alfred Dehlinger (DNVP/BP) bereits Koalitionsverhandlungen zwischen der NSDAP, der DNVP/BP und dem WBWB angeregt, welche am 10. März erfolgreich abgeschlossen wurden. Als Staatspräsident und Innenminister der künftigen Landesregierung war Murr vorgesehen, sein Rivale Mergenthaler sollte das Justiz- und Kultusministerium übernehmen und Dehlinger als Finanzminister im Amt bleiben. Die am Nachmittag des 11. März für die Wahl des Staatspräsidenten vorgesehene Landtagssitzung wurde jedoch vom inzwischen zum Polizeikommissar für Württemberg ernannten SA-Führer Dietrich von Jagow „aus Sicherheitsgründen“ (zitiert nach: Roser, 1998, 501) verschoben. Offenbar stand dahinter der Versuch, die Wahl Murrs kurzfristig doch noch zu verhindern, da die SA mehrheitlich hinter seinem Kontrahenten Mergenthaler stand, während Murr eine Nähe zur SS nachgesagt wurde. Nachdem sich die Parteileitung der NSDAP am 14. März jedoch nachdrücklich für Murr ausgesprochen hatte, wurde er in der Landtagssitzung vom 15. März 1933 vereinbarungsgemäß mit den Stimmen von NSDAP, DNVP/BP und WBWB zum neuen Staatspräsidenten gewählt und übernahm innerhalb der neuen Landesregierung gleichzeitig das Innenministerium und das Ministerium für Industrie und Wirtschaft. Abends hielt er dann bei einer Kundgebung im Hof des Neuen Schlosses in Stuttgart eine vom Rundfunk übertragene Ansprache an die Bevölkerung, in welcher unmissverständlich deutlich wurde, dass er ein anderes Verständnis von der Würde des Amtes hatte als sein verhasster Vorgänger Bolz: „Wer uns ehrlich und offen die Hand reicht, ganz gleich, welchem Stande er angehört, soll in uns die besten Freunde haben. Wer es aber wagt, die Faust gegen uns zu erheben, den werden wir mit aller Brutalität niederschlagen. Wir sagen nicht: Auge um Auge, Zahn um Zahn, nein, wer uns ein Auge ausschlägt, dem werden wir den Kopf abschlagen und wer uns einen Zahn ausschlägt, dem werden wir den Kiefer einschlagen“ (zitiert nach: Roser, 1998, 503).

Bereits wenige Wochen später wurde das Amt des württembergischen Staatspräsidenten aufgrund des am 7. April 1933 erlassenen „zweiten Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder“ abgeschafft, welches die Landesregierung fortan unter die Kontrolle eines Reichsstatthalters stellte. Somit legte Murr das Staatspräsidentenamt nieder und wurde am 6. Mai 1933 zum Reichsstatthalter ernannt. Neuer Regierungschef mit der Bezeichnung „Ministerpräsident“ wurde sein Rivale Mergenthaler. Obwohl Murr in den folgenden Wochen ansonsten nahezu alle seine Konkurrenten innerhalb der Partei ausschalten und durch treue, ihm verpflichtete Parteigänger ersetzen konnte, blieb er diesbezüglich bei seinem wichtigsten politischen Gegenspieler erfolglos, auch wenn er sich bei Hitler darüber beschwert hatte, dass eine Zusammenarbeit mit Mergenthaler „bei dessen angeborener Widersetzlichkeit, Eitelkeit und Arroganz […] auf die Dauer unmöglich“ (zitiert nach: Roser, 1998, 506). sei. Offenbar hatte die Parteileitung ein Interesse daran, die Machtfülle des Reichsstatthalters einzugrenzen, der zwar als willfähriger und effektiver Parteisoldat galt, dessen mangelndes staatsmännisches Profil jedoch auch der Parteiführung nicht verborgen geblieben war. Beispielsweise sah Joseph Goebbels in ihm lediglich einen „Parvenü“ und spöttelte über sein mangelndes rhetorisches Talent. Innerhalb der NSDAP verfügte Murr also über keine verlässliche Hausmacht; stattdessen umgab er sich lieber mit seinen alten Kampfgefährten. Allerdings gelang es ihm, im württembergischen Staatsministerium einen Stamm von Verwaltungsbeamten, allen voran seinen Staatssekretär Karl Waldmann, zu etablieren, welche in den folgenden Jahren den politischen Umbau des Staats- und Verwaltungsapparates in seinem Namen bewerkstelligten. Murr hingegen sah seine wesentliche Aufgabe darin, Widerstände gegen den totalitären Herrschaftsanspruch des Regimes niederzuschlagen. In diesem Sinne positionierte er sich auch gegenüber den Kirchen: So sprach er sich schon im Januar 1934 bei Hitler für eine Ablösung des evangelischen Landesbischofs Theophil Wurm aus und inszenierte im April 1938 eine Kampagne gegen den Bischof von Rottenburg Joannes Baptista Sproll, welche schließlich zu dessen Vertreibung führte. Für die in Württemberg äußerst rigide durchgesetzte nationalsozialistische Kirchenpolitik war jedoch primär sein Kontrahent Mergenthaler verantwortlich. Murr, der erst im Februar 1942 aus der evangelischen Kirche austrat, war eher bereit, kirchliche Belange bis zu einem gewissen Grad zu respektieren, während sich sein Hass gegen alles Jüdische richtete.

Mit Kriegsbeginn 1939 wurde Murr zum Reichsverteidigungskommissar ernannt, was einen weiteren Machtzuwachs bedeutete, da er in dieser Funktion in nahezu alle Lebensbereiche der Bevölkerung eingreifen konnte. Bis zum bitteren Ende hielt er fanatisch an den Durchhalteparolen des Regimes fest. Selbst der Verlust seines Sohnes, der als Soldat der Waffen-SS im Januar 1944 in Belgien ein Mädchen vergewaltigt und sich anschließend erschossen hatte, konnte seine bedingungslose Treue zu Hitler nicht erschüttern; dementsprechend teilte er diesem mit: „So sehr ich bedaure, daß es meinem Sohn nicht vergönnt war, vor dem Feinde zu fallen, so kann auch dieser harte Schicksalsschlag nichts daran ändern, in Ihrem Dienste und in der Arbeit für die Größe des Reiches meine Lebensaufgabe zu sehen“ (zitiert nach: Scholtyseck, 1997, 497). Unter der bezeichnenden Parole „Schwabentreue“ plante er angesichts des Vordringens der alliierten Truppen Ende März 1945 eine konsequente Umsetzung von Hitlers Nerobefehl, indem er die Stuttgarter Bevölkerung evakuieren und die Stadt komplett zerstören lassen wollte. Auch wenn er sich von diesem radikalen Vorgehen abbringen ließ, rief er die Bevölkerung weiterhin unter Androhung drakonischer Strafen zum bedingungslosen Verteidigungskampf auf. Er selbst nutzte am 19. April 1945 die letzte Gelegenheit, um das inzwischen nahezu vollständig eingekreiste Stuttgart zusammen mit seiner Frau und einigen Mitarbeitern zu verlassen. Über das ehemalige Kloster Urspring, Kißlegg und Wangen gelangten die Flüchtenden in den Bregenzer Wald, wo sie schließlich am 13. Mai 1945 auf einer Almhütte von französischen Truppen festgenommen wurden. Murr, der schon in Wangen Zivilkleidung angelegt hatte und sich nun als Walter Müller ausgab, wurde zunächst nach Schoppernau und dann nach Egg verbracht, wo sich zunächst seine Frau und dann er selbst mit Giftampullen das Leben nahmen. Sie wurden als Ehepaar Müller auf dem Friedhof von Egg beerdigt. Bis zum 16. April 1946 wurde nach Murr gefahndet, dann konnte er anhand seines Gebisses bei einer Graböffnung eindeutig identifiziert werden.

Murr, dessen charakterliche, intellektuelle und rhetorische Kapazitäten sehr überschaubar waren, gehörte einer Generation an, die entscheidend durch die Erfahrung des Ersten Weltkriegs geprägt worden war. In seinen Augen bedeutete der Waffenstillstand des Jahres 1918 kein Ende, sondern lediglich eine Neuausrichtung des Kampfes um das, was er unter „deutscher Ehre“ verstand. Mit Sicherheit tat seine schwierige familiäre Konstellation, die ungeklärte Identität seines Großvaters, der frühe Verlust der Eltern, ein Übriges dazu, dass er in diesem Kampf seine zentrale Lebensaufgabe sah und in der verquasten Ideologie des Nationalsozialismus eine geistige Heimat fand. Innerhalb der NSDAP wurde der treue Gefolgsmann, der immer wieder durch sein rüpelhaftes Auftreten auffiel, zum „Mann aus dem Volk“ stilisiert – ein solcher war der verblendete Machtmensch Murr aber mit Sicherheit nicht.

Quellen:

StadtA Esslingen Familienregister Bd. 16/240; HStAS J 191 Murr, Wilhelm; StAL, EL 402/25 Bü 1269; EL 902/20 Bü 79074; StAS Wü 13 T 2 Nr. 2664/355; Stuttgarter NS-Kurier vom 7. 3. 1933.

Nachweis: Bildnachweise: HStAS J 300 Nr. 573 (Foto um 1943 oder 1944?)

Literatur:

F. Menges, in: NDB 18 (1997), 618 f.; J. Scholtyseck, „Der Mann aus dem Volk“. Wilhelm Murr, Gauleiter und Reichsstatthalter in Württemberg-Hohenzollern, in: M. Kißener/ders. (Hgg.), Die Führer der Provinz. NS-Biographien aus Baden und Württemberg, 1997, 477 – 502; P. Sauer, Wilhelm Murr. Hitlers Statthalter in Württemberg, 1998; H. Roser, Wilhelm Murr, Reichsstatthalter und NSDAP-Gauleiter in Württemberg-Hohenzollern, in: LB XIX (1998), 488 – 522; F. Raberg, Biographisches Handbuch der württembergischen Landtagsabgeordneten 1815 – 1933, 2001, 595 f.; J. Lilla (Bearb.), Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933 – 1945. Ein biographisches Handbuch 2004, 431 f.

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