Philipp, Franz Joseph 

Geburtsdatum/-ort: 24.08.1890;  Freiburg i. Br.
Sterbedatum/-ort: 02.06.1972;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • Komponist
Kurzbiografie: 1908 Konservatorium Freiburg i. Br.
1910 Abitur am Bertholds-Gymnasium Freiburg i. Br.
1911-1912 Universität Freiburg i. Br. (Philosophie, Literatur)
1912-1913 Konservatorium Basel
1913-1914 Einjährigfreiwilliger in Freiburg i. Br.
1914-1918 Kriegsdienst, Verschüttung und Teilverlust des Gehörs
1919 Organist und Chorleiter an St. Martin in Freiburg i. Br.
1920 „Friedensmesse“ op. 12
1923 Lehrauftrag für Musik am Lehrerseminar Freiburg i. Br.
1924-1942 Direktor des Badischen Landeskonservatoriums in Karlsruhe, 1929 Umwandlung der Oberabteilung des Konservatoriums in die „Badische Hochschule für Musik“
1929 „Drei Choralvorspiele aus der Passionszeit“ op. 17, uraufgeführt durch Albert Schweitzer in Karlsruhe
1931 „Sancta Elisabeth“ op. 24
1932 Professor
1942 Rückkehr nach Freiburg i. Br.
1950 „Symphonische Kantate ‚Zwischen Zeit und Ewigkeit‘“ op. 65
1955 Konradin-Kreutzer-Medaille
1960 Erster Empfänger des Kulturpreises (Reinhold-Schneider-Preises) der Stadt Freiburg i. Br., Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1961 „Missa Symphonica: Credo in unum Deum“ op. 85
1964 „Symphonie d-moll“ op. 97
1965 Ehrenbürger der Gemeinde Ehrsberg
1966 „Franz-Philipp-Straße“ in Waldshut
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1924 Sophie, geb. Hummel (1904-1989)
Eltern: Leonhard Philipp (1839-1905), Buchhändler
Maria, geb. Lipp (1856-1939)
Geschwister: 1
Kinder: Johannes, gefallen 1944
GND-ID: GND/122344146

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 271-274

Philipp ist einer der bedeutenden katholischen Kirchenmusiker des Jahrhunderts. Er hat sich zwar bei seinen Kompositionen im wesentlichen in traditionellen Bahnen bewegt, innerhalb des von Anton Bruckner und Max Reger überkommenen Erbes, aber Kraft und Originalität der musikalischen Erfindung seiner aus dem Urquell reinen Musikantentums geschöpften Meisterwerke belebten und bereicherten die herkömmliche Tonsprache in vieler Hinsicht. O. Ursprung, einer der besten Kenner des Fachs, rechnete Philipp (1931) unter die „insgesamt wieder in großer Zahl auftretenden polyphonen Begabungen“ der Epoche: „In Technik und Gehalt stehen die Werke sehr hoch, nur noch fehlerlose, technisch einwandfreie Werke werden zum Altar gebracht.“
Der Weg zum Dienst am Altar – mit Orgel und Chor – war für Philipp vorgezeichnet. Die musikalischen Anlagen traten früh in Erscheinung, schon der Gymnasiast hatte eine Messe komponiert und traktierte bei Schulgottesdiensten die Orgel, ohne entsprechenden Unterricht gehabt zu haben. Vom 7. Lebensjahr an erhielt er Klavierstunden, ab 1908 durch Frau Wille-Helbing. Nach dem Abitur begegnete er im Baseler Konservatorium seinem wohl wichtigsten Lehrmeister, dem Reger-Schüler Adolf Hamm, der ihn mit der Königin der Instrumente vertraut machte und die Grundlagen für seine später vielbewunderte Kunst der freien Improvisation, aber auch die nachmalige kontrapunktische Meisterschaft legte. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg entstanden die ersten Opera, Philipp begann mit Lenau-Liedern (op. 1).
Da stellte ein Schicksalsschlag alles in Frage. 1914 mußte der Einjährigfreiwillige sofort einrücken, wurde bei einem Artillerieüberfall verschüttet und ertaubte fast. Die schwere Gehörschädigung überwand er „in heroischem Ringen“ (F. Hirtler), aber Rückfälle plagten ihn immer wieder, konnten jedoch Werden und Wachsen des jungen Komponisten nicht hemmen. Noch während des Krieges entstand eine Reihe von Werken, die zum Teil – die Titel zeigen es an – vom Zeitgeist geprägt waren: „Kriegslieder“ op. 5, „Ballade für Klavier ‚Ich hatt’ einen Kameraden‘“ op. 6, „Deutschlands Stunde“, für Männerchor und Orchester op. 10 und schließlich die auf der frühen Komposition des Schülers aufbauende „Friedensmesse“ op. 12, „ein urgewaltiges symphonisches Werk von monumentaler Größe, ... unter dem Eindruck des Krieges und des Friedensschlusses entstanden“ (W. Schwarz). Mit dieser Messe, der „Bühnenmusik zu Burtes ‚Simson‘“ op. 11 und dem Chorzyklus op. 15 „Unserer Lieben Frau“ wurde der Dreißigjährige endgültig über seinen engeren Wirkungskreis Freiburg hinaus bekannt. Sein „Klavierquartett c-moll“ op. 13 wurde unter Mitwirkung der berühmten Pianistin Frieda Kwast-Hodapp uraufgeführt. Das große Ansehen Philipps, dessen Kompositionen im In- und Ausland viel aufgeführt wurden, kulminierte im Jahre 1924 in Form der ehrenvollen Berufung des erst 34jährigen in das Amt des Direktors des Badischen Konservatoriums in Karlsruhe. Mit Feuereifer stürzte sich Philipp in die verantwortungsvolle Aufgabe, gründete u. a. die Badische Orgelschule und den Badischen Kammerchor und sorgte für die Ausstattung der 1929 zur Musikhochschule umgewandelten Anstalt mit Orgeln sowie den Umbau der Festhalle-Orgel. Es scheint, daß Philipp über die in der Funktion des Hochschuldirektors erforderliche Standfestigkeit verfügte: „Das alemannische Erbteil, für recht Erkanntes auch rücksichtslos durchzusetzen, wird nicht immer angenehm empfunden“ (Th. Ritte). Das kompositorische Schaffen litt allerdings unter dem Andrang der Unterrichts- und Verwaltungsgeschäfte zuweilen Not, blieb aber das Hauptgeschäft. Der alte Hans Thoma hatte Philipp schon 1923 zu einer Kantate „Zwischen Zeit und Ewigkeit“ (nach Thomas eigenen Texten) angeregt; sie sollte ihn ein Vierteljahrhundert lang beschäftigen. Eine andere für Philipp besonders charakteristische Komposition, die in dieser Zeit entstand, ist der „Eichendorff-Zyklus“ op. 16; hier wie anderswo hat er der bei ihm sehr ausgeprägten Neigung zu kraftvollen instrumentalen Aufschwüngen, satten Bläserklängen und der Auftürmung feierlicher Klangmassen nachgegeben – und dies in Jahren, in denen schmetternde Trompetenstöße und zackige Trommelwirbel ein „Tausendjähriges Reich“ verkündigten: „Im übrigen war es fast naturnotwendig, daß man die festlichen Bläserakkorde, die der Meister von jeher neben seinen kontrapunktischen Tüfteleien geliebt hatte, gern für die Fanfaren staatlicher Repräsentation übernahm, und ihr Schöpfer sah sich manchmal in ein grelles Rampenlicht gezerrt, das dem religiösen Mystiker innerlich oft unheimlich vorgekommen sein mag“ (F. Hirtler). Das trifft sicher zu, aber leider ließ sich der Komponist zeitweise auch herbei, seine Kunst in den Dienst des NS-Staats zu stellen. F. K. Prieberg (siehe Literatur) nennt sieben solcher NS-Werke, die zum Teil im Auftrag von Parteidienststellen entstanden (op. 34, 35, 39, 42, 45, 49a, 49c). Auch op. 32 – „Volkskantate für Männerchor und Knabenstimmen ‚Heiliges Vaterland‘“ – (im Werkverzeichnis Philipps von 1960 – siehe Werke – „Totenklage für Männerchor“) und op. 36, „Heldische Feier“, sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Der „Völkische Beobachter“ pries das letztere Werk am 21.1.1936: „Wir nennen die Komposition Philipps deshalb eine nationalsozialistische, weil der Geist unseres Kampfes und die gestaltenden Mächte dieser Musik als zwei gültige Zeugen der inneren Wahrheit dieses Weltbildes vor uns stehen.“
Ob der Komponist es wollte oder nicht, er wurde in dieser Weise vereinnahmt. Daß er sich später, eben bei dem Werkverzeichnis von 1960, aus dieser Verstrickung zu lösen suchte, ist verständlich. Diese Distanzierung entsprach sicher seiner inneren Überzeugung, die bereits während der Zeit des „Dritten Reiches“ gewachsen war und die er nun auch bei dieser resümierenden Darstellung seines Lebenswerks manifestiert sehen wollte. Ob die dabei partiell angewandte Methode der Umtitulierung und Umnumerierung – etwa bei op. 34, 35, 39 – die geeignete war, muß in Frage gestellt werden. So strich Philipp etwa im Jahre 1960 die Kantate „Ewiges Volk“ op. 45 ganz aus dem Werkverzeichnis und teilte die Opusnummer 45 einer „Festlichen Andacht zur Hl. Eucharistie“ zu – nach Texten des Freiburger Erzbischofs C. Gröber. Prieberg simplifiziert, wenn er das von Philipp angewandte Verfahren zur Tilgung der NS-Spuren in seinen Werken nur einfach mit der „Bauernschläue des eingeborenen Freiburgers“ erklärt; das wird weder der Gewissensnot des Komponisten noch der Ernsthaftigkeit seines künstlerischen Lebenswerks gerecht.
Für seinen Irrtum hat Philipp teuer genug bezahlt. Wie sehr ihn die sich immer mehr zuspitzende Situation im NS-Reich bedrängte, zeigt der Rücktritt des erst 52jährigen von der Leitung der Musikhochschule im Jahre 1942, verursacht durch „innere und äußere Spannungen“ (F. Hirtler) und einen gesundheitlichen Zusammenbruch. Vorausgegangen war eine sich durch die Jahre hinziehende, immer bösartigere Politik der Nadelstiche, der Verdächtigungen und Demütigungen, der Auftritts- und Publikationsverbote; der NSDAP paßte eben die ganze Richtung nicht: Im Mittelpunkt des kompositorischen und musikpraktischen Schaffens des Künstlers stand ja nach wie vor die katholische Kirchenmusik. Die Leitung des zum Verband der Hochschule gehörenden Konservatoriums war Philipp schon 1938, unter Bruch des Anstellungsvertrags, entzogen und dem HJ-Stammführer Heinrich Siegfried Wöhrlin übertragen worden.
So kehrte Philipp nach Freiburg zurück, wo er und seine Frau durch die Hiobsbotschaft vom Soldatentod des geliebten Sohnes zutiefst erschüttert wurden. In Karlsruhe sanken Musikhochschule und Festhalle 1943 in Schutt und Asche, und die Innenstadt Freiburgs wurde 1944 fast völlig zerstört. Aber Philipp fand im Elend des Krieges und Nachkriegs die Kraft zu einem gewichtigen Spätwerk. Die Hans-Thoma-Kantate „Zwischen Zeit und Ewigkeit“ op. 65 wurde vollendet – Philipp sah sie als sein „Lebenswerk“ an –, die aus den Nöten der Zeit hervorgegangene „Symphonische Kantate De profundis“ op. 83 und die „Missa symphonica“ op. 85 setzten neue Höhepunkte im Schaffen des Komponisten, der 74jährig die Musikwelt mit einer erstaunlichen Schöpfung überraschte: „Er ist nach langer Wanderung auf dem Gipfel der absoluten Musik angekommen“, hieß es in einer Rezension, und dieser Gipfel war die erste „Symphonie in d-moll“ op. 97. Auch dieses Leben und Schaffen krönende Werk weist Philipp als Nachfolger – nicht Epigonen – Bruckners aus, in Form und Gehalt, aber „die Luft der objektivierten absoluten Musik ist erwärmt, durchblutet, durchglüht von einem ganz persönlichen Erlebnis“ – dem Soldatentod des Sohnes. Ein musikalisches Intermezzo für Soloklavier, einst für ihn geschrieben, erscheint plötzlich, seltsam genug unter den vom brausenden Orgelklang her konzipierten Klangsäulen, im Adagio der Symphonie.
Die Beschwerden des Alters ließen danach keine weitere kompositorische Tätigkeit mehr zu. Der Komponist konnte auf ein geschlossenes, imponierendes Lebenswerk ohne Bruch zurückblicken. „Philipps Schaffen beherrscht alle Phasen musikalischer Ausdrucksformen, vom einfachen, herzerfrischenden Kinderlied oder gemütstiefen Volkslied über die Kammermusik bis zum groß angelegten symphonischen Chorwerk“ (F. Ruh). Mit Hirtler kann man drei Schaffensperioden unterscheiden: die erste, durch das Vorbild Bruckner dominiert, reicht bis etwa 1930, in der nächsten – bis 1945 – ist eine immer strengere lineare Melodik das kompositorische Leitmotiv. Zu einem der wesentlichen Kompositionsprinzipien seines Spätwerks wurde die aszetische Einstimmigkeit der Gregorianik.
Betrachtet man die inneren Grundkräfte dieses Komponistenlebens, so ist an erster Stelle die tiefe Religiosität zu nennen, das ganze selbstverständlich tragende und konstitutive Element seiner sakralen Musik. Gleich selbstverständlich war ihm die tiefe Liebe zur alemannischen Heimat, dargetan besonders in den Vertonungen von Texten seines Freundes H. Burte. Heimatliebe und Patriotismus gingen bei Philipps in eins, in vielem war er ein vom deutschen Kaiserreich des 19. Jahrhunderts geprägter Patriot. Daß er guten Glaubens anfangs für Patriotismus hielt, was sich in den deutschen Landen nach 1933 abspielte, unterscheidet ihn nicht von vielen anderen. Er hat sich unzweideutig davon abgewandt.
Kein Geringerer als Reinhold Schneider hat das Gesamtwerk in einem Brief an Philipp (24.8.1952) ebenso knapp wie umfassend geschildert: „Es war Ihnen vergönnt, das musikalische Münster Freiburgs zu erbauen.“
Quellen: Mitteilungen von Bischof Klaus Hemmerle (1929-1994), Neffe des Komponisten, von Friedemann Maier, Freiburg, und Bernhard Steinert, St. Blasien
Werke: 93 opera; vollständiges, von Philipp selbst verfaßtes Werkverzeichnis in: H. Baum, Franz Philipp 70 Jahre (siehe Literatur) (mit den im Biographietext erwähnten, aber aus dem Verzeichnis nicht ersichtlichen Änderungen)
Nachweis: Bildnachweise: in H. Baum (siehe oben), passim

Literatur: W. Schwarz, Franz Philipp, in: Ekkhart 1924, 55-61; O. Ursprung, Die katholische Kirchenmusik, Potsdam 1931, 281, 293; Th. Ritte, Franz Philipps Werdegang und Werke, in: Ekkhart 1936, 111-115; G. von Graevenitz, Musik in Freiburg aus alter und neuer Zeit, Freiburg 1938, 127-134; H. C. Scholl, Die Feierstätte auf dem Heiligen Berg, in: BH „Heidelberg und das Neckartal“, Freiburg i. Br. 1939, 382; F. Ruh, Franz Philipp zum 65. Geburtstag, in: BH 1955, 264-267; H. E. Rahner, Franz Philipp, Wesen und Werk eines Musikers, in: Ekkhart 1956, 26-43; F. Hirtler, Franz Philipp, ein Rückblick auf Leben und Schaffen des siebzigjährigen Freiburger Komponisten, in: BH 1960, 385-395; H. Baum (Hg.), Franz Philipp 70 Jahre, Das Bild eines deutschen Musikers in Zeugnissen von Zeitgenossen, Freiburg 1960; H. Lemacher, Franz Philipp zum 75. Geburtstag (mit Laudatio der Freunde J. Haas, J. Hatzfeld, W. Pitz, H. E. Rahner, Th. B. Rehmann), in: Musica Sacra 85, 1965, 259-261; F. Ruh, Franz Philipp – Porträt des alemannischen Komponisten zu seinem 80. Geburtstag, in: Ekkhart 1971, 108-114; B. Steinert, In memoriam Franz Philipp, in: Vox. Mitteilungen der Franz Philipp-Gesellschaft Nr. 8 Dezember 1972; F. K. Prieberg, Musik im NS-Staat, Frankfurt 1982, 10-12, 166, 256, 359; F. Hirtler, Franz Philipp, in: MGG 10, 1201-1202, 16/1486 (die in Bd. 16 erwähnte Franz Philipp-Gesellschaft bestand bis 1978); vgl. auch die MGG-Stichworte Frauenchor (Bd. 4, 848), Freiburg i. Br. (4, 875), Karlsruhe (7, 702), Männerchor (8, 1464), Messe (9, 214f.), Oratorium (10, 163), Lenau (16, 1118). Weitere Literatur-Angaben in: H. Baum, Franz Philipp 70 Jahre (siehe oben), 201
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