Köhler, Walter Friedrich Julius

Geburtsdatum/-ort: 30.09.1897;  Weinheim
Sterbedatum/-ort: 09.01.1989;  Weinheim
Beruf/Funktion:
  • NS-Politiker, Kaufmann, MdL-NSDAP
Kurzbiografie: 1904-1912 Volksschule und Realgymnasium Weinheim, Obersekundareife
1912-1914 Banklehre in Ladenburg
1914-1916 Kriegsfreiwilliger, Unteroffizier und Vizefeldwebel im Badischen Reserve-Leibgrenadierregiment 109
1916-1918 in britischer Kriegsgefangenschaft
1918-1933 Kaufmann im elterlichen Geschäft in Weinheim (Kolonialwaren)
1925 20.06. Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnummer 8246), Leiter der Ortsgruppe Weinheim, Stadtverordneter, Kreisleiter
1929-1933 Mitglied des Badischen Landtags, Vorsitzender der NSDAP-Fraktion, Stellvertretender Gauleiter von Baden, 1932/1933 einige Monate in Abwesenheit von Gauleiter Wagner mit der Führung des Gaues beauftragt
1933 11.03. Kommissarischer Leiter des Badischen Finanzministeriums, 06.05. Badischer Ministerpräsident, Finanz-und Wirtschaftsminister, 12.12. Mitglied des Reichstags
1935-1945 Präsident der Wirtschaftskammer Baden, ab 1940 der Gauwirtschaftskammer Oberrhein
1936 Preußischer Staatsrat, Leiter der Rohstoffabteilung innerhalb des Vierjahresplans (unter Weiterführung aller bisherigen Ämter), 1937 auf eigenen Wunsch aus diesem Amt ausgeschieden
1937 SA-Brigadeführer, 1938 Gruppenführer, 1943 Obergruppenführer
1939 Stellvertretender Gauleiter ehrenhalber
1940-1944 Leiter der Finanz- und Wirtschaftsabteilung beim Chef der Zivilverwaltung im Elsaß (unter Weiterführung der bisherigen Ämter), 1942 zusätzlich Badischer Innenminister
1945-1948 Gefängnis Karlsruhe, verschiedene Internierungslager (u.a. Knielingen, Kornwestheim)
1948 Erstes Spruchkammerverfahren in Karlsruhe, „Minderbelasteter“, zweites Verfahren 1950, „Belasteter“
1948-1989 Kurzzeitig Handelsvertreter, danach Leiter einer Versicherungsagentur in Karlsruhe
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch-protestantisch
Auszeichnungen: Ehrenbürger von Weinheim vom 21.03.1933-10.05.1945
Dienstauszeichnung der NSDAP in Bronze und Silber
Gauehrenzeichen in Gold
Goldenes Parteiabzeichen
Olympia-Orden I. Klasse
Verheiratet: 1925 (Heidelberg) Emilie, geb. Reinhard
Eltern: Vater: Julius Köhler, Kaufmann
Mutter: Anna, geb. Maier
Geschwister: 3 Brüder
Kinder: 5
GND-ID: GND/124231004

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 276-280

Die Vielzahl der hohen Partei- und Staatsämter, die Köhler von 1933-1945 innehatte, zeigt an, daß es sich bei ihm um einen der „Wegbereiter Hitlers“ handelte, wie ihm die Karlsruher Spruchkammer im Jahre 1948 bescheinigte. Der Spitzenfunktionär des „Dritten Reiches“ fand aber milde Richter: in einem ersten Verfahren im Jahre 1948 wurde ihm „anständige Gesinnung“ attestiert, und die Kammer reihte ihn unter die „Minderbelasteten“ ein – also keineswegs unter die „Hauptschuldigen“, zu denen er von seiner Parteilaufbahn her gesehen gehört hätte –, verurteilte ihn zu drei Jahren Arbeitslager, auf die die erlittene dreijährige Internierungshaft voll angerechnet wurde, zur Zahlung eines Sühnebetrags von 1500 DM und verhängte ein fünfjähriges Berufsverbot. In dem vom öffentlichen Ankläger beantragten Revisionsverfahren wurde Köhler im Jahre 1950 als „Belasteter“ eingestuft, im übrigen wurde das Urteil von 1948 bestätigt. Köhler verließ den Gerichtssaal zum zweiten Mal als freier Mann. Zum Vergleich: nicht nur der langjährige Vorgesetzte Köhlers in der Partei- und Staatshierarchie, Gauleiter und Reichsstatthalter Robert Wagner (1895-1946), sondern auch der stellvertretende Gauleiter Röhn, der Gaupersonalamtsleiter Schuppel und sogar der Büroleiter Wagners, Gädeke, wurden vom französischen Militärgericht in Straßburg im Jahre 1946 gnadenlos zum Tode verurteilt und erschossen.
Die Laufbahn Köhlers unterschied sich nicht wesentlich von der anderer NS-Größen: Der noch nicht Siebzehnjährige brach seine Berufsausbildung aus ehrenwerten Motiven ab, als er sich 1914 freiwillig zum Eintritt in die Armee meldete. Er leistete tapferen Kriegsdienst, erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse und geriet 1916 an der Somme verwundet in britische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1918 entlassen wurde. Er war dann von 1918-1933 im elterlichen Geschäft (Kolonialwaren, Groß- und Kleinhandel) tätig, das er übernahm und 1933 verpachtete.
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Köhler bekannt, als er 1929 mit fünf Gesinnungsgenossen in den Badischen Landtag einzog und dort auf Wunsch Wagners, der sich ausschließlich seiner Parteiarbeit widmen wollte, die Fraktionsleitung übernahm. Schon 1925 war Köhler der NSDAP beigetreten – nach der Mitgliedschaft in den üblichen Vorläuferorganisationen Schutz- und Trutzbund und Völkischer Block – und wurde Ortsgruppenleiter, Kreisleiter, SA-Führer und Stadtverordneter in Weinheim. Im Landtag entpuppte sich Köhler als gewandter und auch witziger Debattenredner – Eigenschaften, die seinem Gauleiter völlig abgingen –, der in der Regel frei sprechend durchaus in der Lage war, schlagkräftig zu argumentieren. Selbstverständlich findet man in seinen parlamentarischen Reden die bekannten nationalsozialistischen Grundgedanken: Verachtung des parlamentarischen Systems und des „Weimarer Staates“, Haß auf das Judentum und, natürlich, das planmäßige und bewußte Schüren der Angst vor den Bolschewisten: „Die nationalen Führer haben sich pflichtgemäß Gedanken darüber gemacht, was zu geschehen hätte, wenn irgendwo und irgendwann die legale Staatsgewalt ausfiele und der Bolschewismus das Ruder in die Hand bekommen sollte“ – dies ein heute manchmal vergessenes Motiv für die Begrüßung der „Machtübernahme“ z.B. von hoher kirchlicher Seite. Köhler, „ein sehr fähiger Redner und Propagandist“ (Paul Sauer), hatte in der „Kampfzeit“ wesentlichen Anteil am Aufbau des NS-Gaues Baden. Dabei konzentrierte er sich besonders auf den Mittelstand – ein besonderes Angriffsziel Köhlers waren die Warenhäuser, „die Juden zerstören den Mittelstand“, sagte er –, die Arbeiter und Bauern, die die NSDAP in den Jahren bis 1933 als besondere Zielgruppen ansah.
An Entschlossenheit ließen es weder Wagner noch Köhler in den für das Land Baden schicksalhaften Märztagen des Jahres 1933 fehlen. Die putschartige Übernahme der höchsten Staatsämter war nur auf dem Hintergrund der von Köhler und seinen Parteigenossen durch Jahre hindurch betriebenen Durchsetzung des Staatsapparats mit NS-Sympathisanten, insbesondere bei der Polizei, möglich. Nur so ist zu erklären, daß Köhler im Zuge des Staatsstreichs am 7./8.3.1933 im Polizeipräsidium in Karlsruhe anrufen und fordern konnte, daß sofort ein Vertreter des Präsidiums bei ihm erscheine und seine Befehle entgegennehme – es kamen gleich zwei. Schon im Juli 1933 forderte Köhler eine lebhaftere Beteiligung der Beamten bei Parteiveranstaltungen: „Die NSDAP ist nun der Staat.“ Als sich der Landtag am 9.6.1933 nach der Etablierung des Hitlerstatthalters Wagner für überflüssig erklärte – Köhler verkündete, daß die Regierung das Vertrauen des Landtags nicht benötige, und der Landtag ermächtigte die Regierung zum Erlaß von Gesetzen ohne seine Mitwirkung –, waren die Weichen für die zwölfjährige Diktatur in Baden und ab 1940 im „Gau Oberrhein“ unter führender Mitwirkung Köhlers endgültig gestellt. Am 6.5.1933 war er zum Badischen Ministerpräsidenten, Finanz- und Wirtschaftsminister ernannt worden, nach der Besetzung des Elsaß im Jahre 1940 zum Leiter der Finanz- und Wirtschaftsabteilung beim CdZ (Chef der Zivilverwaltung) und übte eine Reihe gewichtiger anderer Ämter im Wirtschaftsleben aus. Eine bezeichnende Einzelheit: in der von Köhler präsidierten Wirtschaftskammer Baden behielt er sich persönlich die Leitung einer der sechs Abteilungen vor, nämlich der „Bezirksausgleichsstelle für öffentliche Aufträge“ – darüber, an wen die öffentlichen Aufträge gingen, wollte er selbst entscheiden.
Die Position des Badischen Ministerpräsidenten, Finanz- und Wirtschaftsministers hatte zweifellos durch die Einsetzung des Reichsstatthalters an Bedeutung eingebüßt. Dazu kam, daß die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik des Deutschen Reiches straff und zentral von Berlin aus gelenkt wurde. Baden war wegen seiner Grenzlage in einer im Vergleich mit anderen Ländern ungleich schwierigeren Situation; insbesondere die Handelshemmnisse, die durch den Verlust des benachbarten Elsaß im Jahre 1918 entstanden waren, wirkten sich ungünstig auf den auch erst relativ spät – 1935/36 – eintretenden Aufschwung in Baden aus. Noch 1933 hatten Wagner und Köhler Hitler in Berlin aufgesucht, um sich über die angebliche Vorzugsbehandlung Württembergs in wirtschaftlicher Hinsicht zu beschweren; dabei schwang mit die von beiden befürchtete Zusammenlegung Badens mit Württemberg, der Köhler mit einer Denkschrift über die „Identität Badens“ entgegentrat. Aber 1940 waren diese Fragen gegenstandslos geworden: „Jetzt ist die Bahn frei, das südwestliche Industriegebiet unter Einschluß des französisch-lothringischen zu einer organischen Einheit zusammenzuschweißen und zu einem gewaltigen Industriezentrum auszubauen, dessen Gesicht dem Großdeutschen Reich zugewendet ist.“ Im Zuge dieses „Zusammenschweißens“ verlegte Köhler seine Gauwirtschaftskammer nach Straßburg, um, wie es im parteioffiziellen Lebenslauf hieß, auch dort „das Wirtschaftsprogramm der NSDAP zu verwirklichen“: Im Vordergrund standen nach 1940 „die Erfüllung der durch die Kriegführung gesetzten Aufgaben auf allen Gebieten des Finanz- und Wirtschaftslebens“, vor allem die Beseitigung der Kriegszerstörungen im Elsaß, die rasch und zügig vor sich ging. Im übrigen war Köhler in Straßburg der beflissene Gefolgsmann seines Gauleiters bei dessen Bestrebungen, sich dort der ihn in Baden einengenden Weisungen der obersten Reichsbehörden in Berlin zu entledigen. Ein Beispiel dafür ist etwa der Streit um den Kraftwerkkomplex Mülhausen, wo Wagner und Köhler sich weigerten, eine 51prozentige Beteiligung des Reiches zu akzeptieren. In diesem Kampf um Unabhängigkeit im Elsaß waren Wagner und Köhler erfolgreich, wie der „Zweite Erlaß des Führers über die vorläufige Verwaltung im Elsaß und in Lothringen“ ausweist; die für die Gauleiter Wagner und Bürckel (Lothringen) im Reichsinnenministerium zuständige Zentralstelle wurde praktisch ausgeschaltet. Als sich im Elsaß herumsprach, daß der rasche Wiederaufbau, die Förderung der Landwirtschaft etc. nichts anderes als Präliminarien eines offensiven Germanisierungsprogramms waren, kehrte sich die Stimmung im Lande schnell um. Wie geschickt Köhler in dieser Lage vorging, bestätigte ihm sogar der allgegenwärtige Sicherheitsdienst der SS, der am 9.9.1940 berichtete, daß sich die Stimmungslage im Elsaß „nach der über den Reichssender Stuttgart verbreiteten Rede des badischen Finanz- und Wirtschaftsministers“ etwas gebessert habe; Köhler habe einen Härteausgleich für die damals eingeführte Angleichung der Preise an das Reichsgebiet angekündigt. Aber im weiteren Fortgang des Krieges erkannte Köhler viel früher als Wagner, der die nahende Niederlage bis zum letzten Moment nicht wahrhaben wollte, die Aussichtslosigkeit der Hitlerschen Kriegsführung.
Nach Zusammenbruch und dreijähriger Internierung faßte Köhler schnell wieder Fuß. Verbürgte Äußerung: „In zehn Jahren bin ich wieder oben.“ Er betätigte sich zuerst als Handelsvertreter für Tuche und übernahm dann eine Versicherungsagentur, die dank der Geschäftstüchtigkeit Köhlers bald sehr gut florierte. Daß er die Segnungen der Marktwirtschaft und des Rechtsstaates durchaus zu schätzen gelernt hatte, geht aus einer Äußerung gegenüber einem Geschäftspartner hervor: „Sie, ..., ’s isch ganz gut, daß es so gekomme isch, sonscht war’ ich nie so reich g’worde.“ Dabei war er anhaltend listig und darum bemüht, die NS-Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen, und auch das mit Erfolg: Als er in hohem Alter ein Familienfest feierte, konnte in einer Weinheimer Zeitung schon wieder „von den Jahren seines großen politischen Erfolges“ gesprochen werden. Mit seiner Vaterstadt war er immer eng verbunden; auch in den Zeiten seiner Regierungstätigkeit hatte er den Weinheimer Wohnsitz beibehalten.
Die zwanzigjährige parteipolitische Tätigkeit Köhlers war durchgehend durch die immer wieder aufflackernde persönliche Rivalität mit dem Gauleiter Wagner gekennzeichnet. Köhler verhielt sich zwar bis zum Schluß gegenüber Wagner loyal, in einer Art mürrischer Nibelungentreue, aber er hätte sich mehr als einmal ganz gern an dessen Stelle gesehen, vor allem im März 1933, als er einige Monate kommissarisch den Gau Baden geleitet hatte und zu seiner peinlichen Überraschung bei einer Besprechung mit dem Reichsinnenminister Frick am 7.3.1933 in Frankfurt erfahren mußte, daß Hitler Wagner – und nicht ihn – zum Reichskommissar in Baden ernennen würde. Das Verhältnis Wagner-Köhler kühlte sich dann weiter ab, als Köhler sich zunehmend mit seinen Staatsämtern identifizierte und mehr als einmal den Landes- vor den Parteiinteressen den Vorzug gab. 1935 versuchte Wagner mit Hilfe Fricks, die Ämter des Reichsstatthalters und des Ministerpräsidenten in Personalunion zu vereinigen und Köhler auf diese Weise nicht gerade auszubooten – seine Ministerämter sollte er behalten –, aber doch seinen Einfluß ganz erheblich zu begrenzen. Hitler unterschrieb auf Vorschlag Fricks einen entsprechenden Erlaß – er wurde aber nie ausgefertigt; der „Führer“ ließ in bewährter Manier die Angelegenheit einfach in der Schwebe. Ein Gerangel entstand um das Amt des stellvertretenden Gauleiters, das Wagner Köhler im Jahre 1933 abgezwackt hatte, da dieser bei der Verteilung der Posten nach der „Machtübernahme“ glänzend davongekommen war. Köhler muß immer wieder dagegen aufgemuckt haben; denn im Jahre 1939 entschädigte ihn Wagner für diesen Verlust durch Verleihung des dekorativen, aber etwas seltsamen Titels eines „Stellvertretenden Gauleiters ehrenhalber“. Den Schlußpunkt in den Beziehungen Wagners zu Köhler setzte schließlich eine sich inmitten des auflösenden „Dritten Reiches“ abspielende Komödie: Köhler weigerte sich, Wagners Befehl zu folgen und beim Näherrücken der alliierten Armeen Karlsruhe zu verlassen, da er „als Behördenchef die Interessen der Bevölkerung gegenüber der Besatzungsmacht vertreten“ wollte. Daraufhin warf ihn Wagner am 6.4.1945 aus der Partei und ließ ein generalstaatsanwaltliches Ermittlungsverfahren – Köhler: „Standgerichtsverfahren“ – gegen ihn einleiten, dem jedoch die einmarschierenden Alliierten ein jähes Ende bereiteten. Aber dies alles hinderte Köhler nicht daran, sich über dreißig Jahre später in einem Interview positiv über Wagner zu äußern.
Niemand hat Köhler besser durchschaut als der badische Staatspräsident Dr. Joseph Schmitt, der ihm im Landtag am 8.4.1932 zurief: „Herr Abgeordneter Köhler, im Tarnen von Absichten sind Sie unerreicht!“ Und im Tarnen und Täuschen brachte es Köhler nach dem Kriege zu wahrer Meisterschaft. Es gelang ihm, dank seiner Beredsamkeit und seiner raffinierten Argumentation – deren Wirkung noch durch das anheimelnde pfälzische Idiom verstärkt wurde; „mein Schnawwl geht immer noch wie g’schmiert“, sagte er dreißig Jahre später – die deutschen Gerichte, vor denen er Rechenschaft abzulegen hatte, so zu beeindrucken, daß er, der Träger höchster Partei- und Staatsämter, im ersten Verfahren wie ein kleiner Blockleiter als „Minderbelasteter“ eingestuft wurde, und im zweiten Verfahren gelang es mit einiger Mühe, ihn als „Belasteten“ zu verurteilen. Dabei folgte der unerreichte Meister der Tarnung seiner Absichten einer ganz klaren Linie, die er schon bei einer seiner ersten Vernehmungen angekündigt hatte: Er werde versuchen zu beweisen, daß er nie Nationalsozialist gewesen sei, was er nicht gerne tue, er tue es nur der Familie wegen. Bei diesen Versuchen sah er sich durch eine ansehnliche Reihe angesehener Entlastungszeugen gestützt, die ihm „Wahrheitsliebe“ bestätigten, und das Gericht konstatierte eine „menschliche und auch sonst einwandfreie Haltung“. Die Wahrheitsliebe blieb allerdings des öfteren bei den von Köhler planmäßig betriebenen Tarn- und Täuschungsmanövern auf der Strecke, so wenn er etwa bereits 1946 erklärte, „er habe nie Dienst in der SA gemacht“, während er im SA-Personalbogen des Jahres 1937 angibt: „Von 1925-1927 Kreisleiter in Weinheim, gleichzeitig SA-Führer in diesem Gebiet.“ Als er aber versuchte, sein oben beschriebenes Verhalten – die Befehlsverweigerung gegenüber Wagner – als eine Art Widerstandshaltung zu firmieren, nahm ihm dies die Spruchkammer nicht ab.
Köhler versuchte auch, gegenüber dem Gericht glaubhaft zu machen, daß er „den politischen Kampf immer sachlich geführt habe, ohne Gehässigkeit und unter Ablehnung aller Gewaltmethoden“. Auch dies trifft, in dieser Ausschließlichkeit jedenfalls, nicht zu. „Die Demokratie muß durch die Diktatur abgelöst werden; einen Saustall kann man nicht mit Sammetpfoten säubern“, verkündete er während der „Kampfzeit“. Am 3.8.1930 führte Köhler das organisierte Gebrüll der bei einer SPD-Kundgebung mit dem Minister Remmele in den Saal eingedrungenen Nationalsozialisten an, die Veranstaltung mußte abgebrochen werden. In der bekannten Ohrfeigenaffäre – der NS-Abgeordnete Herbert Kraft hatte den Zentrumsabgeordneten Anton Hubert im Landtag geohrfeigt, weil dieser wahrheitsgemäß Hitler als „österreichischen Deserteur“ bezeichnet hatte – billigte Köhler ausdrücklich die Gewaltanwendung seines Parteigenossen und erklärte im „Führer“ vom 18.2.1939: „Die NSDAP sieht hinter (sic) jedem, der diese Beleidigungen ihres Führers wiederholt, einen gemeinen Lumpen und Ehrabschneider.“ Im November 1930, nach den für die NSDAP erfolgreichen Reichstagswahlen im September, drohte er den SPD- und KPD-Abgeordneten mit Lynchjustiz.
Köhler verstand genausowenig wie sein Gauleiter, daß er durch die Übernahme einer Spitzenfunktion in der NSDAP individuelle Schuld dadurch auf sich geladen hat, daß er als hoher Funktionsträger der Partei die nationalsozialistische Gewaltherrschaft – mit all ihren furchtbaren Folgen – erst möglich gemacht hat und sie dann nach Kräften zwölf Jahre lang förderte. Dieses Unverständnis ist auch die Quelle der zahlreichen Vertuschungs-, Verharmlosungs- und Bagatellisierungsversuche all dessen, was mit durch seine Tätigkeit als zweiter Mann in Baden zum Zusammenbruch des Jahres 1945 führte. Die völlige Abwesenheit jeglichen Unrechtsbewußtseins zeigt eine Äußerung Köhlers während eines Interviews mit dem amerikanischen Historiker Johnpeter H. Grill im Jahre 1977 in Karlsruhe an. Grill berichtet, Köhler habe freimütig zugegeben, „daß, wenn die Gelegenheit bestünde, er ‚alles noch einmal tun würde‘“ (im amerikanischen Originaltext: „Walter Köhler, the former deputy Gau leader and minister president of Baden after 1933, admitted frankly that given the opportunity he would ‚do it all over again‘“).
Quellen: Parteiakten Walter Köhler im BA Berlin (ehemals Document Center); GLAK465 a/51/68/902; 233/29462; Verhandlungen des Badischen Landtags, IV. Landtagsperiode (28. Oktober 1929 bis 27. Oktober 1933), vom Landtag selbst amtlich herausgegeben, Karlsruhe 1930, 1932, 1933; Walter Köhler, in: Der Großdeutsche Reichstag 1938, IV. Wahlperiode (nach dem 30. Januar 1935), 1938; Walter Köhler, in: Die Reichsgruppe Handel und ihre Untergliederungen, 1938; Walter Köhler, Badischer Ministerpräsident/Finanz- und Wirtschaftsminister, in: Behörden und Dienststellen im Elsaß, 3. Aufl. 1942; Heinz Boberach (Hg.), Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938-1945, 1984.
Nachweis: Bildnachweise: in: Behörden und Dienststellen im Elsaß XV; Weinheimer Nachrichten vom 10.01.1989.

Literatur: (Auswahl) Feierliche Überreichung der Ehrenbürgerurkunden an den Reichskommissar Robert Wagner und Finanzminister Walter Köhler, in: Weinheimer Anzeiger vom 02.05.1933; lt., Walter Köhler vor der Spruchkammer. „Er war loyal und anständig“ – Als Minderbelasteter eingestuft, in: SAZ vom 04.10.1948; Munzinger vom 14.10.1950; Horst Rehberger, Die Gleichschaltung des Landes Baden 1932/33, 1966; J. Wurch, Grenzlandschicksale des Elsasses, seine Glanzzeit und seine Tragik, 1973; Ernst-Otto Bräunche, Die Entwicklung der NSDAP in Baden 1932/33, in: ZGO 1977; Hermann Bickler, Ein besonderes Land, 1978; Hugo Ott, Das Land Baden im Dritten Reich, in: Badische Geschichte vom Großherzogtum bis zur Gegenwart, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 1979; Hansmartin Schwarzmaier, Der Badische Landtag, in: Von der Ständeversammlung zum demokratischen Parlament, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 1982; Thomas Schnabel (Hg.), Die Machtergreifung in Südwestdeutschland. Das Ende der Weimarer Republik in Baden und Württemberg 1928-1933, 1982; Johnpeter Horst Grill, The Nazi Movement in Baden, 1920-1945, The University of North Carolina Press 1983; -ell, In guten und in bösen Tagen: Haus an der Petersbrücke war Familienmittelpunkt. Emilie und Walter Köhler feiern heute das Fest der diamantenen Hochzeit, in: Weinheimer Nachrichten vom 02.05.1985; Josef Werner, Karlsruhe 1945, Unter Hakenkreuz, Trikolore und Sternenbanner, 1985; Paul Sauer, Staat, Politik, Akteure, in: Das Dritte Reich in Baden-Württemberg, hg. von Otto Borst, Stuttgart 1985; -ell, Ein Leben voller Höhen und Tiefen ging zu Ende. Im 92. Lebensjahr verstarb der badische NS-Ministerpräsident und Ehrenbürger von 1933-1945, in: Weinheimer Nachrichten vom 10.01.1989; Horst Ferdinand, Die Misere der totalen Dienstbarkeit: Robert Wagner (1895-1946), NSDAP-Gauleiter, Reichsstatthalter von Baden, Chef der Zivilverwaltung im Elsaß, in: Eberbacher Geschichtsblatt 1992.
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