Lay, Wilhelm August 

Geburtsdatum/-ort: 30.07.1862;  Bötzingen
Sterbedatum/-ort: 09.05.1926;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Pädagoge
Kurzbiografie: 1868-76 Volksschule Bötzingen
1878-80 Präparandenschule Gengenbach
1880-83 Lehrerseminar II Karlsruhe
1883 Unterlehrer in Schriesheim, im selben Jahr beurlaubt zum Besuch des Polytechnikums
Karlsruhe
1885 Reallehrerprüfung
1885/86 4 Semester an der Universität Freiburg
1886-1893 Schuldienst in Freiburg
1893 Reallehrer am Lehrerseminar II in Karlsruhe
1903 Promotion bei Prof. Alois Riehl, Halle
1920 Ernennung zum Prof.
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1889 Anna, geb. Lay
Eltern: Vater: Johann Georg Lay, Landwirt
Mutter: Maria Katharina, geb. Weiß aus Eichstetten
Geschwister: 2
Kinder: 3
GND-ID: GND/128977345

Biografie: Renate Liessem-Breinlinger (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 171-172

Lay hat einen festen Platz in der Geschichte der Pädagogik. Er gehört zu den Repräsentanten der Reformpädagogik und ist neben Ernst Meumann der Begründer der Experimentalpädagogik. Das Neuartige seiner Arbeit bestand in dem Versuch, psychologische Vorgänge und physiologische Voraussetzungen beim Lernen durch systematische Beobachtungen naturwissenschaftlich exakt zu bestimmen. Auch Elemente der von Kerschensteiner propagierten Arbeitsschule klingen in Lays Werk an. Er wies zugleich auf das ganzheitliche Geflecht von Einflüssen auf die menschliche Entwicklung und das Lernen hin, das er „lebensgemeindlich“ nannte, worunter er die Umwelt auch in sozialer Hinsicht verstand. Wie er diese natürliche Erziehung an sich selbst erfahren hat, beschreibt er am Beispiel seiner Kindheit in der Kaiserstuhlgemeinde Bötzingen. Er leitet damit seinen Beitrag für die Publikation „Die Pädagogik der Gegenwart“ ein, worin er seine Lehre vor dem Hintergrund seiner Biographie darstellt, ein wichtiges Selbstzeugnis.
Die Eltern Lays betrieben in Bötzingen eine Landwirtschaft, die er übernehmen sollte, da der ältere Bruder kränklich und arbeitsunfähig war. In seinem letzten Schuljahr erlebte er dort die Einführung der Simultanschule in Baden, was er im Rückblick positiv bewertet, dienlich, um konfessionelle Vorurteile abzubauen. Im Jahr seiner Schulentlassung starb der Vater, worauf sich Lay ohne Erfolg in der Landwirtschaft versuchte. Die Mutter erlaubte ihm nun, sich den Wunsch nach Weiterbildung zu erfüllen. Weil es sich lebensaltersmäßig anbot und nicht unbedingt aus Neigung, entschloß er sich zur Ausbildung zum Volksschullehrer. Er trat in die Präparandenschule in Gengenbach ein, die in zwei Jahren auf das Lehrerseminar vorbereitete, und besuchte anschließend das Lehrerseminar II in Karlsruhe, eine simultane, also gemischtkonfesionelle Anstalt, die mehrheitlich von Protestanten, aber auch von Katholiken mit eher liberaler Grundhaltung gewählt wurde. Das Katholische Lehrerseminar in Freiburg kam für ihn nicht in Frage.
Als 21jähriger legte er das Lehrerexamen ab mit gutem Erfolg, von Musik und Turnen abgesehen. In Schriesheim, Amt Mannheim, erhielt er eine Anstellung als Unterlehrer; er ließ sich aber schon nach wenigen Monaten wieder beurlauben zu weiteren Studien am Polytechnikum in Karlsruhe. Zwei Jahre später legte er hier die Reallehrerprüfung mit mathematisch-naturwisseschaftlichem Schwerpunkt ab. Lay schloß ein weiteres Studium an der Universität Freiburg an – „ohne besondere Rücksicht auf ein Examen oder einen Platz an der Staatskrippe“. Den Studienort Freiburg hatte er gewählt, um in der Nähe seiner alleinstehenden und inzwischen kranken Mutter zu sein. Er selbst hatte auch gesundheitliche Probleme mit der Lunge, und für eine nicht ganz robuste Konstitution spricht auch der Eintrag „vollständig militärfrei“ in seinem Personalblatt. Nachdem seine Gesundheit wiederhergestellt war, nahm er in Freiburg den Dienst als Hilfs- beziehungsweise Unterlehrer auf, erst an einer Volksschule, dann an der Mädchenbürgerschule, offenbar aus materieller Notwendigkeit. „Wissenschaftliche Erkenntnis und Schulpraxis traten nun in Wechselwirkung und bald auch in Gegensatz und Kampf.“ Mit seiner dienstlichen Stellung war der 24jährige, der eben noch am großbürgerlich geprägten akademischen Leben teilgenommen hatte, bewußt oder unbewußt nicht zufrieden. Er schloß einen ganz persönlichen Kompromiß, indem er wissenschaftliche Methoden zur Verbesserung der Unterrichtspraxis anwendete, womit er sein lebenslanges Thema gefunden hatte. In seiner Freiburger Zeit trat Lay erstmals mit Publikationen an die Öffentlichkeit. 1893 wurde seine Leistung mit der Berufung in den Lehrkörper des Lehrerseminars II in Karlsruhe belohnt. Er wirkte dort 33 Jahre lang bis zu seinem Tod und schrieb hier sein Lebenswerk. Er erwarb sich internationales Ansehen, seine Schriften wurden in Skandinavien, Japan und in den USA in Übersetzungen gelesen. Diesen glänzenden Erfolgen stand jedoch ein zermürbender Alltag gegenüber. Seine Schüler, 17- bis 20jährige angehende Volksschullehrer, waren mit dem praktischen Unterricht des oft übernächtigten Forschers unzufrieden und ließen ihn dies auch spüren. Auch bei seinen Vorgesetzten hatte Lay keinen leichten Stand, was sich in den dienstlichen Beurteilungen der 1890er Jahre in folgenden Formulierungen niederschlug: überschüttet die Schüler mit Stoff, geht viele Umwege zum Ziel, das logische übersichtliche Dimensionieren ist nicht seine Sache, studiert unablässig, gibt ein Werkchen nach dem anderen heraus, ist hastig, unruhig und nervös veranlagt.
Lay fühlte sich in seiner Karlsruher Umgebung verkannt und unter Wert geachtet und trat dagegen die Flucht nach vorne an: Er promovierte 1903 über seine Experimentalpädagogik bei Alois Riehl in Halle, nachdem er zuvor das „wilde Abitur“ zum Nachweis der allgemeinen Hochschulreife abgelegt hatte. Durch den akademischen Grad hoffte er, seinen Forschungen, denen er sich mittlerweile mit einer Art Besessenheit verschrieben hatte, Nachdruck zu verleihen. Seine persönliche Tragik bestand darin, daß er bis zu seinem Tod als 64jähriger neben seinen Forschungen immer in der Unterrichtspraxis tätig sein mußte, die ihm, dem brillanten Theoretiker, nicht lag. Hätte er die Position eines Hochschullehrers gehabt, wären ihm viele Widrigkeiten erspart geblieben. So ist verständlich, daß er sich für die Ausbildung der Volksschullehrer an Hochschulen einsetzte. Seine Heimatgemeinde Bötzingen hat anläßlich seines hundertsten Geburtstags die Schule am Ort nach ihm benannt. Oberstudiendirektor Peter Max Boppel aus Waldshut hielt als früherer Schüler die Festrede zu dem Anlaß.
Quellen: GLAK: 235/13358-13360. 466/1478; GA Bötzingen: Aufzeichnungen der Rede von Peter Max Boppel anläßlich der Wilhelm-August-Lay-Feier im Sommer 1962 in Bötzingen.
Werke: Methodik des naturgeschichtlichen Unterrichts 1892, 1907; Führer durch den Rechtschreibunterricht 1896, 1905; Experimentelle Didaktik 1903, 1920; Experimentelle Pädagogik 1908, 1912; Die Tatschule 1911; Führer durch das 1. Schuljahr 1911; Volkserziehung 1921 (dort ausführliches Verzeichnis seiner Schriften); Die Lebensgemeinschaftsschule 1927.
Nachweis: Bildnachweise: Foto in E. Hahn (vgl. Lit.).

Literatur: Erich Hahn (Hg.), Die Pädagogik der Gegenwart Bd. 2. 1927. 69-100; E. Saupe, Deutsche Pädagogen der Neuzeit 1941; Manfred Prenzel, W. A. Lay, in: NDB 14, 1985, 3 f.; Jürgen Schersand, Aus dem Leben W. Lays, in: zur 150jährigen Vereinigung Bötzingen-Oberschaffhausen 1828-1988 (hg. v. d. Gemeinde Bötzingen).
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