Rasch, Bodo

Geburtsdatum/-ort: 17.02.1903; Elberfeld
Sterbedatum/-ort: 27.12.1995;  Oberaichen
Beruf/Funktion:
  • Architekt und Möbeldesigner
Kurzbiografie: 1920-1922 Nach Beendigung des Schulbesuchs im Städtischen Realgymnasium (heute: Carl-Fuhlrott-Gymnasium) Elberfeld bis 1922 Lehrling in der Land- und Forstwirtschaft in Norddeutschland und Ostpreußen
1922 Studienbeginn an der Württembergischen Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim; daneben Praktika im Schreinerhandwerk
1926 Landwirtschaftliche Diplomprüfung (Wintersemester 1925/26). Gründung der Firma „Brüder Rasch Hochbau, Möbelbau, Werbebau“ mit dem Bruder Heinz in Stuttgart. V. a. Entwurf von Stühlen und Kleinmöbeln
1927 Ausstattung zweier Musterwohnungen der Weißenhofsiedlung Stuttgart durch die Brüder Rasch. Publikation „Wie Bauen?“ mit Erstveröffentlichung ihrer Hängehausentwürfe
1928-1930 Publikationen „Wie Bauen?“ II (1928), „Der Stuhl“ (1928), „Zu – Offen“ (1930), „Gefesselter Blick“ (1930). Jahresende 1930 Liquidation des Büros „Brüder Rasch“, fortan selbstständig
1931 Kontakt zur deutschen Planungsgruppe des Congrès International d'Architecture Moderne (CIAM). Beitritt zum Stuttgarter „Club der Geistesarbeiter“. Anregung einer Holzhausmustersiedlung am Stuttgarter Kochenhof
1933 Mit Hanne Bauer-Rasch Herausgeber des Magazins „Zirkel“
1938 Transportable pneumatische Konstruktionen
1939-1945 Militärdienst, ab 1945 französische Kriegsgefangenschaft; dort Begegnung mit den Malern Otto Dix, Peter Jakob Schober u. a.
1946 Gründung eines Architekturbüros in Stuttgart
1950 Übersiedlung nach Oberaichen
1957 Aufnahme in die Architektenkammer Baden-Württemberg
1977 Mitbegründer des Vereins der „Freunde der Weißenhofsiedlung“ in Stuttgart
1983 Ehrenmitglied der Kunstakademie Stuttgart
1984 Einzelausstellung in der Stuttgarter Architekturgalerie am Weißenhof
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.-luth.
Verheiratet: 1. 1931-1940 (Stuttgart) Johanna (Hanne), geb. Bauer (geb. 1906), Sekretärin
2. 1940 (Stuttgart) Liselotte (Lilo), geb. Naegele (1914-1978), Graphikerin
Eltern: Vater: Konrad August Eberhard Bodewin (1867-1918), Regierungsbeamter
Mutter: Marie Louise Wilhelmine, geb. Schmithals (1878-1961)
Geschwister: 3:
Heinz (1902-1996)
Ruth, verheiratete Koch (geb. 1904)
Rudolf (1907-1982)
Kinder: 2:
Aiga (geb. 1941)
Bodo (geb. 1943)
GND-ID: GND/130243469

Biografie: Annette Ludwig (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 279-280

Raschs Reputation basiert vornehmlich auf jenen Beiträgen, mit denen er sich in der Zeit der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft (1926-1930) mit seinem älteren Bruder Heinz am Diskurs der gestalterisch tätigen Avantgarde beteiligte. Als Architekten beschäftigten sich die meist auftragslosen Brüder mit nahezu allen Bauaufgaben der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts; durch ihre unrealisiert gebliebenen Hängehaus-Projekte zählen sie zu den Pionieren des zugbeanspruchten Bauens. Als Innenraum- und Möbelgestalter waren die Brüder Rasch auf zwei programmatischen Stuttgarter Ausstellungen: der Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ am Weißenhof 1927 und „Der Stuhl“, 1928, präsent und demonstrierten den gattungsübergreifenden Ansatz ihres Gestaltungskonzeptes, der auf industrielle Serienfertigung und ein ganzheitliches „corporate design“ zielte. Mit vier im Kontext der Weißenhofsiedlung entstandenen Buchpublikationen bekannten sie sich zu einer neuen Baugesinnung („Wie Bauen?“) und Wohnkultur; das Kompendium „Gefesselter Blick“ dokumentierte ihren Anspruch auf Führerschaft unter den avancierten Werbegestaltern.
Schon als Student der Agrarwissenschaft absolvierte Rasch Praktika im Schreinerhandwerk und erarbeitete die Grundlagen für eine lebenslange Passion: die Entwicklung von Klein- und Sitzmöbeln aus gebogenem Schichtholz, Stahlrohr, formbarem Kunststoff und elastischem Gewebe. Während die Prototypen in den Anfangsjahren noch stark der Reformbewegung und Künstlern wie Richard Riemerschmid und Heinrich Tessenow verpflichtet waren, verrieten sie in den 1920er Jahren Einflüsse des Bauhauses. Durch den ökonomischen Materialeinsatz und eine strenge, auf den Menschen bezogene Funktionsanalyse gewannen Raschs Modelle eine zunehmend eigenständige Anmutung, die nicht primär die ästhetische Form, sondern Stabilität, Praktikabilität und Preiswürdigkeit betonte („Sitzgeiststuhl“, 1927). Raschs Sinn für das Praktische bewährte sich in der Firma „Brüder Rasch“, die den Beginn der Architektenlaufbahn des Autodidakten markiert; er fand aber auch nach der Liquidation des Unternehmens beredten Ausdruck: für den um den kommunistischen Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf versammelten „Club der Geistesarbeiter“ organisierte Rasch Vortragsabende mit Joachim Ringelnatz, Rudolf Arnheim u. a. und initiierte 1933 das im Selbstverlag herausgegebene Kulturmagazin „Zirkel“, das sowohl inhaltlich als auch formal an internationale Avantgarde-Zeitschriften anknüpfte und daher schon vor Auslieferung des dritten Heftes beschlagnahmt und verboten wurde. Mit pneumatischen Konstruktionen, für die er 1938 Patentschutz beantragte, erweiterte Rasch das Vokabular der Architektur und antizipierte Charakteristika der Pop Art.
In der Nachkriegszeit beteiligte sich Rasch am Wiederaufbau Stuttgarts. Auf das Haus des Architekten in Oberaichen und andere bemerkenswerte Gebäude aus Trümmersteinen folgten in den 1950er Jahren Projekte zur Speicherung von Solarenergie, Industrie- und Verwaltungsbauten (Züblin AG, Hoechst AG). Raschs „Spindelhäuser“ (ab 1960) erweiterten das Hängehaus-Prinzip um eine weitere Facette und mit derselben Konsequenz schloss er durch städtebauliche Überlegungen und bürgerschaftliches Engagement für die Weißenhof-Siedlung an seine Anfänge an. Einige richtungweisende Ideen wurden von seinem Sohn Bodo Rasch jr. aufgegriffen, der das Architekturbüro weiterführt und vorwiegend im arabischen Raum tätig ist.
Werke: Dt. Architektur Museum (DAM), Frankfurt/M.; Centre Canadien d'Architecture (CCA), Montreal/Québec (Kanada). Haus Ernst Rasch, Bad Oeynhausen (1926-1927); Sitzgeiststuhl (1927); Entwürfe für zugbeanspruchte Konstruktionen (1927 ff.); Klappstuhl mit mechanischer Hebelvorrichtung (1929); Wohn- u. Bürohaus, Oberaichen (1948-1950); Dt. Haus, Stuttgart (1950-1966); Verwaltungsgebäude Farbwerke Hoechst AG, Stuttgart (1956-1958); Zweischalenstuhl aus Schichtholz (1961). – Brüder Rasch: Wie Bauen? Bau u. Einrichtung d. Werkbundsiedlung am Weißenhof in Stuttgart 1927, 1927; Wie Bauen? [2] Materialien u. Konstruktionen für industrielle Produktion, 1928; Der Stuhl, o. J. [1928, Reprint 1992]; Zu – Offen. Türen u. Fenster, 1930; Gefesselter Blick. 25 kurze Monographien u. Beiträge über neue Werbegestaltung, 1930 [Reprint 1996]. – (Hg., zus. mit Hanne Bauer-Rasch), Zirkel. Magazin für Wissenschaft, Kunst u. Technik, H.1, 2/3, 1933; Niederlassung d. Farbwerke Hoechst in Stuttgart, in: Die Bauzeitung, 64. Jg., H. 12, 1959, 514-523; Großrelais. Typenentwicklung für die städtebauliche Optimierung von Verkehrsknotenpunkten, 1970; Fünf Kritiken. Städtebau, 1971; Kreuzverhör zu den fünf Kritiken, 1976; Dt. Werkbund u. Werkbund-Archiv (Hg.), Die Zwanziger Jahre des Dt. Werkbunds, 1982, 107 ff., 126-145, 352 f.
Nachweis: Bildnachweise: Portraitzeichnung v. O. Dix im Nachlass; Akat. Stuttgart 1984, 76.

Literatur: Egidio Marzona, Brüder Rasch, 1981; B. Rasch, Akat. Stuttgart, 1984, 1993 2. Aufl.; Vision d. Moderne, Akat. Frankfurt/M., 1986, 225-235; Karin Kirsch, Die Weißenhofsiedlung, 1987, 83 ff., 190; Architecture and Its Image, Akat. Montreal 1989, 186 f.; Richard Pommer u. Christian F. Otto, Weissenhof 1927 and the modern movement in architecture, 1991, 57, 127 f., 190, 281 u. 289; Werner Möller u. Otakar Mácel, Ein Stuhl macht Geschichte, 1992, 34 ff., 42 ff., 46, 52 f., 76 u. passim; Max Bächer, Nachruf, in: Der Architekt 3, 1996, 144; Annette Ludwig, H. u. B. Rasch, Einfamilienhaus, Bad Oeynhausen, in: Die Neue Sammlung, Akat. Frankfurt/M., 1999, 120 f.; Wolfgang Pehnt, Dt. Architektur seit 1900, 2005, 174 f. u. 536.
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