Höffgen, Marga Anna Johanna 

Geburtsdatum/-ort: 26.04.1921; Mülheim an der Ruhr
Sterbedatum/-ort: 07.07.1995;  Müllheim/Baden
Beruf/Funktion:
  • Sängerin
Kurzbiografie: 1937-1942 Gesangsstudium bei Anna Erler-Schnaudt in Essen bis 1939, dann bei Hermann Weißenborn in Berlin
1943 Engagement an die Staatsoper Dresden; nicht angetreten wegen Schwangerschaft
1952 Debüt als Konzert-Altistin in Berlin
1953-1984 Internationale Karriere als Oratorien- und Opernsängerin, Auftritte in europäischen und außereuropäischen Musikzentren
1954 Solistin in der Matthäus-Passion unter Wilhelm Furtwängler in Berlin
1955 dieselbe Partie unter Herbert von Karajan in Wien; im gleichen Jahr Einspielung der h-Moll-Messe Bachs mit Herbert von Karajan
1959-1975 Erda in „Rheingold“ in der Covent Garden Opera in London, an der Staatsoper Wien und im Teatro Colon in Buenos Aires; dieselbe Rolle 1960-1964, 1967-1975 bei den Bayreuther Festspielen; 1964, 1967-1975 Erste Norn in „Götterdämmerung“ in Bayreuth
1976 Ernennung zur Kammersängerin durch die Landesregierung von Baden-Württemberg
1988 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1941 (Mülheim an der Ruhr) Theodor Egel, Dirigent (1915-1993)
Eltern: Vater: Friedrich (1899-1944), Kaufmann
Mutter: Maria, geb. von Eicken (1898-1944)
Geschwister: 1
Kinder: Hans-Peter (geb. 1941)
Martin (geb. 1944)
Barbara
Thomas (geb. 1947)
GND-ID: GND/130409480

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 152-154

Ähnlich wie Marta Fuchs scheint auch Höffgen niemals einen anderen Beruf als den der Sängerin angestrebt zu haben. Sie hatte das Glück, von Experten ersten Ranges in der Gesangskunst unterrichtet zu werden, an der Folkwangschule Essen von Anna Erler-Schnaudt und an der Musikhochschule Berlin von Hermann Weißenborn. Die Verpflichtung nach Dresden, an eines der ersten deutschen Opernhäuser, zeigt, über welche Fähigkeiten die damals 22-jährige schon verfügt haben muss; sie konnte leider das Engagement nicht antreten, da der zweite Sohn unterwegs war. Erler-Schnaudt und Weißenborn hatten erkannt, welches herausragende Talent die junge Elevin besaß, und hatten ihr die exzellente Technik vermittelt, die sie befähigte, eine jahrzehntelange Karriere erfolgreich zu absolvieren. Als Mutter von vier kleinen Kindern setzte sie ihre Laufbahn 1952 fort, und dass sie gelingen konnte, ist neben der künstlerischen Disziplin, dem Fleiß und dem Wagemut der jungen Mutter auch auf die Hilfestellung und stete Hilfsbereitschaft ihres Ehemannes zurückzuführen, mit dem sie sich nicht nur in der künstlerischen Zielsetzung und in der Verehrung vor allem Johann Sebastian Bachs eins wusste, sondern auch in der nun einmal erforderlichen Bewältigung des Familienalltags. Bach war wohl so etwas wie der Leitstern des Ehepaares, aber die um diesen Stern kreisenden Planeten Händel, Haydn, Mendelssohn, Brahms, Bruckner, Strawinsky und Honegger wurden keineswegs vernachlässigt, wie viele eindrucksvolle Aufführungen der geistlichen Werke der genannten Komponisten bezeugen. In Veranstaltungen des von ihrem Ehemann 1943 gegründeten und bis 1983 geleiteten Freiburger Bach-Chors trat Höffgen 222mal auf. Reiseziele des Chors waren u. a. Berlin, Wien, Paris, Venedig, Lemberg, Basel, Stuttgart. Gleich am Beginn ihrer Laufbahn standen die Namen von weltberühmten Dirigenten wie Furtwängler und Karajan, und sie sang in der Folge mit allen bedeutenden Orchesterleitern ihrer Zeit, genannt seien nur Sergiu Celibidache, Karl Böhm, Georg Solti, Joseph Keilberth, Rudolf Kempe und Otto Klemperer. An Orchestern, mit denen sie musizierte, sind neben vielen anderen vor allem die Berliner und Wiener Philharmoniker, das Philharmonic Orchestra in London und das Orchester der Bayreuther Festspiele zu nennen. Gemeinsame Aufführungserfahrungen verbanden sie in den Jahren von 1952 bis 1983 mit vielen berühmten Kolleginnen und Kollegen, u. a. mit Agnes Giebel, Maria Stader, Tilla Briem, Karl Erb, Heinz Marten, Peter Schreier, Fritz Wunderlich, Hans Olaf Hudemann, Dietrich Fischer-Dieskau. Eine besondere Freude war es ihr, dass sie von 1964 an mit ihrem Sohn Thomas (Violine), von Beginn der 1970er Jahre an mit ihren Kindern Barbara (Alt) und Martin (Bass) konzertieren konnte.
Im Vordergrund ihres Musizierens standen stets die geistlichen Musikwerke: Passionen, Oratorien, Messen, Kantaten; in diesem Genre war sie jahrzehntelang nicht nur in ihrer unmittelbaren badischen Heimat die bekannteste und beliebteste Sängerin ihres Fachs. „Marga Höffgens Alt: schön, wohlgerundet, makellos – und nachdrücklich darauf bedacht, das vokale mit dem geistig-seelischen Ausdruckselement zu vereinen“ (Heinz W. Koch). Natürlich gab es gelegentlich auch Kritik: Ein gestrenger Rezensent, Joachim Kaiser, fand beim Vergleich von zwei Einspielungen der Missa solemnis unter Karajan und Klemperer heraus, daß die Klemperer-Aufnahme trotz der Karajanschen „Klangwunder“ überzeugender sei, aber „Klemperers Solisten“ – unter ihnen Höffgen – „bilden eine gute Oratoriumsbesetzung, Karajans Solisten eine überwältigende“. Wie relativ solche Einstufungen sein können, zeigt die Verwendung ebenderselben Vokabel „überwältigend“ durch einen nicht minder scharfen Kritiker, Jürgen Kesting, bei dessen Beschreibung des Damentrios Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig und Höffgen in einer „Zauberflöten“-Aufnahme unter der Leitung Klemperers in London 1964.
Die bekanntesten Opernauftritte Höffgens fanden in Bayreuth statt. Dort sang sie 14mal die Erda in „Rheingold“ und zehnmal die Erste Norn in der „Götterdämmerung“. Eine „Bayreuther Institution“ nannte sie Staatsminister Helmut Engler bei der Überreichung des Bundesverdienstkreuzes. Weitere Opernrollen sang sie mehr gelegentlich; in Zürich, München, Hamburg und Stuttgart gab sie die Amme Filipjewna in Tschaikowskis „Eugen Onegin“, in Monteverdis „Krönung der Poppea“ verkörperte sie wieder eine Amme, Arnalta. In Gelsenkirchen übernahm sie, auf gutes Zureden hin, die Rolle des Fischweibs in „Die Verurteilung des Lukullus“ von Paul Dessau/Bert Brecht.
Auf vielen Schallplatten und CDs sind Glanz und Wärme der in allen Registern ausgeglichenen Stimme bewahrt. Neben den geistlichen Werken (siehe Werke) seien noch drei Opernaufnahmen genannt: die Einspielungen des Gluckschen „Orpheus“, der „Meistersinger“ – schon 1956 sang sie die Magdalena – und des „Evangelimanns“ (Kienzl), in der sie wieder eine Magdalena sang. Aber in der Erinnerung der musikinteressierten Nachwelt bleibt sie vor allem durch „Buß' und Reu’“ (Matthäuspassion), „Es ist vollbracht“ (Johannespassion) und „Schlafe, mein Liebster“ (Weihnachtsoratorium) gegenwärtig. Hier war die renommierteste Bach-Altistin ihrer Epoche im eigentlichen Zentrum ihres Künstlertums. Ihre Stimme habe sie wie ein Geschenk betrachtet, sagte sie, für das man Dankbarkeit bekunden müsse.
Quellen: Mitteilungen von Professor Thomas Egel-Goldschmidt, Müllheim/Baden, u. Sabine Oehler-Schwartz, Freiburg im Br.
Werke: Schallplatten u. CDs d. Marken DGG, Columbia, HMV (Missa solemnis), Philips (Matthäus-Passion), Melodram und Decca (Erda).
Nachweis: Bildnachweise: FS 50 Jahre Freiburger Bach-Chor, 1994 (vgl. Lit.).

Literatur: Joachim Kaiser, Erlebte Musik von Bach bis Strawinsky, 1977; Jürgen Kesting, Die großen Sänger Bd. 2, 1986; M. Höffgen in: K. J. Kutsch/Leo Riemens, Großes Sängerlexikon Bd. 1, 1987, u. in: Alain Paris, Lexikon d. Interpreten klass. Musik im 20. Jh., übersetzt u. bearb. von Karl Kimmig, 1992; Werner Pfister, Fritz Wunderlich, 1993; FS 50 Jahre Freiburger Bach-Chor, hg. von d. Freiburger Bachchorgesellschaft e. V., 1994; Harenberg Opernführer, hg. von Bodo Harenberg, 1995. Das Bundesverdienstkreuz für M. Höffgen, überreicht von Minister Helmut Engler, in: BZ vom 18.6.1988; Heinz W. Koch, Die Bach-Altistin, in: BZ vom 25.4.1986; ders., Zum Tode M. Höffgens, Keine wie sie, in: BZ vom 10.7.1995.
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