Jandorf, Adolf 

Andere Namensformen:
  • eigentlich: Abraham, ab ca. 1892 Adolf
Geburtsdatum/-ort: 07.02.1870;  Hengstfeld
Sterbedatum/-ort: 12.01.1932; Berlin
Beruf/Funktion:
  • Kaufmann, Warenhausbesitzer
Kurzbiografie: –1884 Besuch Ev. Volksschule Hengstfeld und Gymnasium Hengstfeld (bis Untertertia)
1884–1887 kaufmännische Lehre in einem Manufakturgeschäft in Mergentheim
1890 Amerikaaufenthalt (New York)
1891 Angestellter bei dem Hamburger Textilkaufhaus „Max J. Emden Söhne“ in Bremerhaven
1892 Gründung Firma „Adolph Jandorf & Co. Hamburger Engros Lager“ in Berlin, erstes Warenhaus am Spittelmarkt
1897/98 Warenhaus Belle-Alliance-Straße /Tempelhofer Ufer (Architekt: Fritz Flatow)
1899/1900 Warenhaus Große Frankfurter Straße/Andreasstraße (ehemaliges Kaufhaus Max Mannheim)
1903 Mitbegründer und Vorstandsmitglied „Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser“
1905/06 Warenhaus Brunnen-/Veteranenstraße; Warenhaus Wilmersdorfer Straße /Pestalozzistraße (Charlottenburg; Architekt: Alfred Lesser)
1906 Warenhaus Kottbusser Damm (Architekt: Franz Ahrens)
1907 Kaufhaus des Westens (KaDeWe), Wittenbergplatz, Charlottenburg (ab 1920 Berlin)
1908 Ehrenbürger Hengstfeld
1910 Kommerzienrat (Bayern)
1912 Honorarkonsul Siam
1926 Verkauf des Jandorfschen Warenhauskonzerns an die Hermann Tietz AG
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Auszeichnungen: Auszeichnungen: Orden vom Weißen Elefanten V. Klasse (Siam); Orden des heiligen Schatzes (Japan); Verdienstmedaille (Montenegro); Sonnen- und Löwenorden (Persien); St.-Sava-Orden (Serbien); Maria-Victoria-Orden (Spanien); Verdienstorden (Bulgarien); Leopold-Orden (Lippe); Offizierskreuz des Friedrichsordens (Württemberg); Ludwigsmedaille (Bayern); Franz-Joseph-Orden (Österreich)
Verheiratet: 1. 1894 Margarete Hirschfeld († 1920)
2. 1928 Helene Lehmann (1902–1965, urspr. ev.)
Eltern: Vater: Josef Bernhard Jandorf (1841–1913), aus Hengstfeld, Metzger und Viehhändler
Mutter: Rickla (Rika), geb. Ansbacher (1843–1899), aus Schopfloch (Mittelfranken)
Geschwister: 6: Lippmann (Louis) (* 1867), emigrierte in die USA (New York); 1894 (New York) verh. mit Fanny, geb. Manasse (* 1873), aus New York; Karl (* 1872–1930), Geschäftsführer des Warenhauses Jandorf, Große Frankfurter Straße; Rufen (Robert) (1875–1958), Geschäftsführer KaDeWe Berlin, Emigration nach Newton Highlands (MA), USA; Moritz (* 1879), Geschäftsführer KaDeWe Berlin; Julius (1883–1962), Dr. iur., Rechtsanwalt in Berlin, Bevollmächtigter der Firma Jandorf; Flora (1877–1949), 1899 verh. mit Adolf Schloss (1871–1963) aus Augsburg, Emigration nach New York
Kinder: Harry (1896–1981), Kaufmann (Oberpollinger, München; Jandorf, Berlin), Teilnahme am Ersten Weltkrieg, 1932 Emigration USA (Los Angeles)
GND-ID: GND/134194896

Biografie: Martin Otto (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2, 147-149

Jandorf, geboren in einem heute noch erhaltenen Hengstfelder Fachwerkhaus in der Mittelgasse 5, aus einer seit Generationen in Hengstfeld ansässigen orthodoxen jüdischen Familie stammend, besuchte die evangelische Volksschule in Hengstfeld und machte anschließend eine kaufmännische Lehre in Mergentheim. Der von Jandorf behauptete Gymnasialbesuch bis zur Untertertia und eine weitere „Ausbildung im Bankgeschäft“ sind unwahrscheinlich und lassen sich nicht belegen. Jandorf folgte spätestens 1889 seinem älteren Bruder nach Amerika, der als Straßenbahnschaffner in New York arbeitete. Während dieses Aufenthalts lernte er die amerikanischen „department stores“ kennen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus den USA 1890 fand er im Amerikahafen Bremerhaven eine Anstellung bei dem 1823 gegründeten Hamburger Textilhandelsunternehmen „Max J. Emden Söhne.“ Wenige Monate später von der Geschäftsführung beauftragt, eine Filiale in Berlin zu gründen, eröffnete er diese 1892 am Spittelmarkt Ecke Leipziger Straße. Hierbei setzte er eigenmächtig seinen eigenen Namen als Firma ein. Binnen kurzer Zeit konnte Jandorf das Berliner Warenhaus von Emden kaufen und es vom reinen Textil-, Wolle-, Wäsche- und Posamentenwarenhaus zum „Volkswarenhaus“ nach amerikanischem Vorbild mit festen und billigen Preisen „für das kleine und mittlere Publikum“ ausbauen.
Die Firma Jandorf expandierte und begann ab 1899 weitere Kaufhäuser in Berlin und Charlottenburg zu errichten. Die Gebäude wurden von namhaften zeitgenössischen Architekten erbaut; das Kaufhaus in der Veteranenstraße (Architekten: Lachmann & Zauber) in der Berliner Rosenthaler Vorstadt steht heute noch und ist denkmalgeschützt. Hatte sich Jandorf die Standorte für seine Warenhäuser, „die den Verbrauch des kleinen Mannes befriedigen sollten“ (Colze, 57; „Das Warenhaus des kleinen Mannes“, ebda. 10) zunächst in kleinbürgerlichen Wohnvierteln der Innenstadt „an den Zentren eines überaus regen Verkehrs der Arbeiterbevölkerung“ (Colze, 10) oder „der ,besseren‘ Berliner Arbeiter“ (Göhre, 91) gesucht, entschloss er sich, mit dem 1907 eröffneten „Kaufhaus des Westens“ (Architekt: Emil Schaudt, Figurenschmuck von Georg Wrba) für eine ausgesuchte Lage im vornehmen Berliner Westen, und zwar in dem damals noch selbständigen Charlottenburg. Mehrere Wohnblöcke mussten für das größte Warenhaus des europäischen Kontinents abgerissen werden. Jandorf hatte zu diesem Zweck eine GmbH gegründet und als Finanziers die Deutsche Bank und die Firma M. J. Emden gewinnen können. Das Kaufhaus wurde sofort von der Berliner Gesellschaft angenommen; ein Einkauf des thailändischen Königs brachte Jandorf einen thailändischen Orden und erstmalig gesellschaftliche Reputation über das Bild der Volkswarenhäuser hinaus. Wegen seiner jüdischen Konfession hatte Jandorf in Berlin aber zeitlebens Schwierigkeiten; preußische Orden wurden ihm nicht verliehen. Wirtschaftlich motivierte Anfeindungen machten ihm die Verdrängung des Kleingewerbes zum Vorwurf, der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband und sozialdemokratische Gewerkschaften bekämpften seine Personalpolitik am KaDeWe. Grundlos wurde er im Ersten Weltkrieg auch in Verbindung mit Wirtschaftskriminalität (Verkauf minderwertiger Militärstiefel an die österreichische Armee) gebracht. Von diesen Unterstellungen betroffen war auch sein einziger Sohn Harry, der im Ersten Weltkrieg als Soldat kämpfte. Jandorf setzte seine gesamte Familie in seinem Unternehmen ein; sein Bruder Julius, der ihn und seine Firma anwaltlich vertrat, war 1905 in Leipzig mit einer zivilrechtlichen Arbeit (Zwei Fragen aus dem Gebiet des Gewährleistungsrechts: 1. Verhältnis der in § 463 BGB bezeichneten Ansprüche untereinander, 2. Klageantrag bei der Wandlung) promoviert worden.
Jandorf behielt stets den Kontakt zu seiner württembergischen Heimat; bis zu seinem Tode besaß er die württembergische Staatsangehörigkeit. Seine Mutter wurde 1899 auf dem jüdischen Friedhof in Hengstfeld-Michelbach beigesetzt, sein Vater folgte ihm in diesem Jahr nach Berlin. Immer wieder hatte er mit ansehnlichen Spenden aus Berlin die Ortsarmen seines Heimatortes unterstützt. Auf eine Stiftung von ihm ging eine Unterstützungskasse der Feuerwehr Hengstfeld zurück, ferner finanzierte er den Bau eines neuen Kirchturms der evangelischen St.-Lamberti-Kirche seines Geburtsortes. Während des Krieges unterstützte er zwei Hengstfelder Soldaten in einem Berliner Lazarett, 1921 ermöglichte er den Bau eines Kriegerdenkmals in Hengstfeld. Auf die Verleihung der Ehrenbürgerwürde „in dankbarer Anerkennung der Opferwilligkeit für seinen Geburtstort“ im Jahre 1908 war er stolz.
Auch wenn Jandorf den Ersten Weltkrieg und die anschließenden Krisenjahre mit Inflation ohne allzu große wirtschaftliche Schwächung überstehen konnte, verkaufte er doch 1926 seinen über 3000 Angestellte umfassenden Kaufhauskonzern an den Konkurrenten „Hermann Tietz AG.“ Jandorf wohnte zuerst in der Nähe des Spittelmarktes, ab 1899 im Berliner Westen, zuerst in der Augsburger Straße 23, ab 1913 in der Tiergartenstraße 8, zuletzt am Lützowplatz 13. Nach seinem Rückzug in das Privatleben erwarb er ein Grundstück am Kleinen Wannsee, das 1938 von dem Schauspieler Heinz Rühmann für 40 % des regulären Wertes bei einer Versteigerung erworben wurde; die Witwe Helene Jandorf scheiterte 1952 vor dem Landgericht Berlin mit einer Entschädigungsklage.
Jandorf verstarb an den Folgen einer Blinddarmentzündung; er fand seine letzte Ruhestätte neben dem Grab seines Vaters und seiner ersten Frau auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Seine Angehörigen konnten emigrieren. Im Jahr 2008 wurde an Jandorf durch eine Gedenktafel am Rathaus von Hengstfeld erinnert, ferner die Benennung einer Straße in einem Neubaugebiet beschlossen. Jandorf, „der Typ des modernen, sehnigen, widerstandskräftigen Selfmademan“, ist ein bedeutender Repräsentant des württembergischen Judentums, der führenden Anteil an der Entwicklung Berlins zur modernen Großstadt sowie des deutschen und europäischen Warenhauses hatte. Nur das „KaDeWe“, immer noch das größte Kaufhaus auf dem europäischen Kontinent, erinnert bis heute an die einstige Größe seines Kaufhauskonzerns.
Werke: Kurzes autobiographisches Porträt im Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, Bd. 1, 1930, 841; „Erinnerung an meinen Vater Adolf Jandorf“ (Text offenbar von Harry Jandorf), als Mikrofilm (Reel 41) im Leo-Baeck-Institute, New York.
Nachweis: Bildnachweise: s/w-Fotographie, ca. 1925 (FS 25 Jahre Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser, Ausg. Mai 1928 der Zs. des Verbandes Deutscher Kauf- und Warenhäuser), erneut bei Jakel und Busch-Petersen); s/w-Fotographie, ca. 1931 (abgebildet im „Reichshandbuch“); Meiners, 2008 (wie Literatur).

Literatur: P. Göhre, Das Warenhaus, 1907, 90 f., 95 f.; L. Colze, Berliner Warenhäuser, 1908, 10, 18–29; 56–62; E. Neckarsulmer, Der alte und der neue Reichtum, 1925, 200; Georg Wenzel, Deutsche Wirtschaftsführer, 1929; Max Osborn (Hg.), FS zum 25jährigen Bestehen des Kaufhaus des Westens, 1932 (B); S. Kaznelson, Juden im deutschen Kaiserreich, 1962, 790 f.; W. Wölk, Adolf Jandorf, in: NDB 10, 1974, 332 f.; F. W. Henning, Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands, Bd. 2, 1996, 1004; D. Bankier, Probing the Depths of German Antisemitism. German Society and the Prosecution of Jews 1933–1941, 2000, 249 f., T. Körner, Ein guter Freund. Heinz Rühmann, 2003, 188 f.; E. Fischer/S. Ladwig-Winters, Die Wertheims. Geschichte einer Familie, 2004, 53, 131; R. Jakel, Adolf Jandorf. Kommerzienrat. Ehrenbürger der ehemaligen Gemeinde Hengstfeld. Gründer des KaDeWe in Berlin, o. J. (d. i. 2007); A. Meiners, 100 Jahre KaDeWe, 2007, insb. 28 ff.; N. Busch-Petersen, Adolf Jandorf. Vom Volkswarenhaus zum KaDeWe, 2008.
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