Henle, Moritz 

Andere Namensformen:
  • eigentlich Moses Henle
Geburtsdatum/-ort: 07.08.1850;  Laupheim
Sterbedatum/-ort: 24.08.1925; Hamburg
Beruf/Funktion:
  • Kantor und Komponist
Kurzbiografie: 1862–1864 Besuch des Konservatoriums Stuttgart
1864–1868 Besuch des ev. Lehrerseminars Esslingen
1868–1873 Kantor und Lehrer in Laupheim
1873–1879 Kantor in Ulm; Fortsetzung des Studiums am Konservatorium Stuttgart
1876 Zweite staatliche Lehramtsprüfung
1877 Zweite Vorsänger-Prüfung
1879–1913 Erster Kantor der reformierten israelitischen Tempelgemeinde Hamburg
1905 Mitbegründer des Standesvereins der jüdischen Kantoren in Deutschland (später Allgemeiner Deutscher Kantorenverband)
1906–1919 ErsterVorsitzender des Kantorenverbandes
1913 Eintritt in den Ruhestand
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Verheiratet: 1882 Caroline Franziska, geb. Herschel aus Hamburg (1860–1943).
Eltern: Vater: Elkan Henle, Glasermeister aus Ichenhausen. Mutter: Klara,
geb. Adler aus Laupheim, Haushälterin beim Schlossbesitzer
Victor Steiner.
Geschwister: 10
Kinder: Alwin; Paul; William; Pauline.
GND-ID: GND/136137458

Biografie: Karl Heinz Burmeister (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 104-106

Wegen seiner musikalischen Begabung frühzeitig zum Berufsmusiker bestimmt, entfaltete sich Henle mit seinem vorwärtsstrebenden Geiste zu einem vielseitigen Musiker: In der Synagoge wirkte er als Kantor,Vorbeter und Musikdirektor, außerhalb der Synagoge betätigte sich H. als Organisator von Chören und Konzerten, als Chorleiter und Leiter von Gesangvereinen, als Lehrer für Gesang, Klavier und Violine, als Komponist und als Musikschriftsteller sowie schließlich als berufsständischer Organisator und Funktionär.
Nachdem Henle bereits im Kindesalter im Knabenchor der Laupheimer Synagoge mitgesungen hatte, bezog er, gefördert von dem Hopfenhändler Simon Heinrich Steiner, im Alter von zwölf Jahren das Konservatorium in Stuttgart, um dort Klavier, Geige und Gesang zu studieren. Wirtschaftliche Gründe zwangen ihn jedoch, das angestrebte Ziel eines Berufsmusikers zugunsten eines sicheren Broterwerbs aufzugeben. So besuchte er 1864–1868 das evangelische Lehrerseminar in Esslingen, um sich als Lehrer für die allgemeinen Schulfächer und den israelitischen Religionsunterricht ausbilden zu lassen. Die jüdischen Religionslehrer waren gemäß einer Anordnung der Oberkirchenbehörde gehalten, sich zugleich als Kantoren (Vorsänger, Chasan) zu qualifizieren. So wurde es Henle möglich, im Nebenamt als Lehrer sein musikalisches Talent weiterzubilden und als Musiker tätig zu werden.
Im Herbst 1868 wurde Henle als Lehrer und Kantor in seine Heimatstadt Laupheim berufen, wo er bis 1873 tätig blieb. Hier nahmen der ihm vorgesetzte jüdische Oberlehrer Alexander Elsaesser und der örtliche Rabbiner Abraham Waelder starken Einfluss auf die weitere Ausbildung seiner Persönlichkeit. Schon in dieser seiner ersten Stellung zeichnete sich Henle durch die Vielseitigkeit seines Schaffens aus. Neben seinem Unterricht an der 1868 neu eröffneten jüdischen Volksschule wirkte Henle am Gottesdienst in der Synagoge mit, leitete den jüdischen Gesangverein „Frohsinn“, gründete und leitete er einen gemischten Chor, gab privaten Musikunterricht und trat in öffentlichen Konzertveranstaltungen auf. Die jüdische Gemeinde stand um diese Zeit auf dem Höhepunkt ihrer geschichtlichen Entwicklung; Laupheim wurde 1869 zu Stadt erhoben, der deutsch-französische Krieg von 1870/71 wirkte auf das Leben in der Stadt ein und förderte ein gemeinschaftliches Zusammenleben von Juden und Christen. Zum Kriegsende komponierte Henle zu einer Feier am 4.3.1871 eine Deutsche Friedenshymne für die drei Laupheimer Männerchöre, deren Text Victor Heinrich Steiner verfasste.
1873 wechselte Henle als Kantor an die neu erbaute Synagoge der Laupheimer Filialgemeinde Ulm. Da dort keine jüdische Volksschule bestand, konnte sich Henle nicht nur verstärkt auf sein Kantorenamt in der Synagoge, dem Religions- und Musikunterricht und der Chorleitung widmen, sondern auch am Konservatorium in Stuttgart sein Studium in Gesang und Komposition fortführen. Zugleich legte er 1876 die zweite staatliche Lehramtsprüfung und 1877 die zweite Vorsängerprüfung ab.
1879 wechselte Henle erneut sein Umfeld, um als Oberkantor in Hamburg eine Lebensstellung zu finden. Auf Initiative des Hamburger Rabbiners Max Sänger wurde Henle Anfang 1879 zu einem Probevortrag an den israelitischen Tempel der Hamburger Reformgemeinde sowie auch an die neue Synagoge nach Königsberg in Preußen eingeladen. Henle erhielt die Stelle in Hamburg, während sein späterer Freund Eduard Birnbaum, der Assistent des Wiener Oberkantors Salomon Sulzer, nach Königsberg berufen wurde. Henle wirkte 34 Jahre als Oberkantor und Komponist in Hamburg. In dieser Zeit entfaltete Henle seine volle Kreativität und Produktivität in allen Bereichen, wie er das schon früher in Laupheim gezeigt hatte. Er gestaltete als Vorsänger den Gottesdienst, gründete einen gemischten Chor und entwickelte das Chorwesen, bildete mit großem Erfolg Sänger und Kantoren aus, betätigte sich als Musikschriftsteller und machte sich als Komponist einen Namen. Insgesamt erfreute sich Henle großer Beliebtheit.
Im Richtungsstreit der Konservativen und Liberalen war Henle ein Befürworter einer gemäßigten Reform der jüdischen Religion, wiewohl manche seiner Neuerungen geradezu revolutionär erscheinen, namentlich der gemischte Chorgesang von Männern und Frauen oder die Orgelbegleitung. Im Synagogengesang war in Hamburg bis dahin das sephardische Rezitativ und die portugiesische Aussprache des Hebräischen üblich; Henle führte die biblisch überlieferte Singweise und die aschkenasische (jüdisch-deutsche) Aussprache des Hebräischen wieder ein. Seine Anlehnung an den Osteuropäischen Stil ist deutlich zu erkennen in der Vertonung der Gebete Halokh ve-Karata, U-Netanneh Tokef und Adonai Mah Adam. Mit einer großen Anzahl wirkungsvoller Kompositionen für Kantor, vierstimmigen Chor und Orgel suchte Henle die nicht unumstrittenen Neuerungen in der Praxis durchzusetzen.
Als Komponist schrieb Henle 1887 die Melodien zum Gesangsbuch des israelitischen Tempel-Verbands in Hamburg nebst liturgischen Gesängen. Es folgten zahlreiche weitere Kompositionen liturgischer und anderer Gesänge, die große Verbreitung in Deutschland und in denVereinigten Staaten gefunden haben. Henles Vorbild waren vor allem die Kantoren und Komponisten Salomon Sulzer in Wien und Louis Lewandowski in Berlin; es zeigen sich auch romantische Einflüsse von Mendelssohn-Bartholdy.
Henle vertonte eine Auswahl von Lord Byrons „Hebrew Melodies“ (London 1815), seit 1820 mehrfach unter dem Titel „Hebräische Gesänge“ ins Deutsche übersetzt. Seine „Hebräischen Gesänge“ (Bremen o. J.) änderten die Reihenfolge Byrons, beginnend mit 1. Weint um Israel: „Beweinet die, so geweint in Babels Land“ (engl. „Oh! Weep for Those that wept by Babel’s stream“); 2. Wär’ ich wirklich so falsch (engl. „Were my bosom as false as thou deem’st it to bee“); 3. Thränen und Lächeln: „Ich sah die volle Thräne glüh’n“ (engl. „I saw thee weep“); 4. Mein Geist ist trüb (engl. „My soul is dark“, 1. Sam. 16, 14–23); 5. An den Wassern zu Babel: „An Babylons Wassern gefangen“ (engl. „By the Rivers of Babylon we sat down and wept“, Ps. 137,1). 6. Alles ist eitel, spricht der Prediger: „Es waren Ruhm und Weisheit mein“ (engl. „All is vanity, saith the preacher, Fame, wisdom, love and power were mine“, Pred. 1, 2 u. 16).
Henle schrieb auch theoretische Aufsätze zur Synagogenmusik, zur Ausbildung von Kantoren und zu ähnlichen Themen. Von besonderer Bedeutung für die Musikgeschichte sind seine Studien zum Hamburger Synagogengesang (1918).
Henle förderte die Interessen seiner Berufsgenossen, namentlich durch seine publizistische Tätigkeit. Er war 1905 Mitbegründer des Deutschen Kantorenverbandes und brachte diesen bis 1919 unter seiner Leitung zu Blüte und Ansehen.
In der Gegenwart lässt sich eine Renaissance der Musik Henles beobachten. Seit 1990 wurden seine Gesänge durch den Laupheimer Singkreis unter Ludwig Schwedes in Laupheim, Ulm, Freudental, Ichenhausen und Terezín wieder aufgeführt. Eine CD mit Werken von Henle wurde produziert. Es besteht ein steigendes Interesse an seiner Musik. In jüngster Zeit wurde eine Gedenktafel an Henles Geburtshaus in Laupheim enthüllt, dessen Andenken auch im örtlichen „Museum für die Geschichte der Christen und Juden“ gepflegt wird. Henle war seit 1882 mit Caroline Franziska geb. Herschel aus Hamburg verheiratet, die er als Mitglieddes gemischten Chors kennen gelernt hatte. Diese nahm regen Anteil am Auftreten ihres Mannes in der Öffentlichkeit und im literarischen Salon ihres Heims. Sie betätigte sich auch als Konzertkritikerin und schrieb zahlreiche Zeitungsartikel. Die in Hamburg lebende Witwe Henle wurde am 16.7.1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt/Terezín deportiert und dort am 1.5.1943 ermordet. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, die alle in Hamburg geboren wurden: Alwin, Paul William und Albertine. Die Nachkommen der Kinder, heute in den Vereinigten Staaten, Spanien, Dänemark und Frankreich lebend, unterhalten lebhafte Kontakte zu Laupheim.
Werke: Kompositionen (Auswahl): Das noch unvollständig erfasste Gesamtwerk umfasst 52 gedruckte Werke und zahlreiche – hier nicht berücksichtigte – Notenmanuskripte, u. a. Deutsches Friedenslied, Text von Viktor Heinrich Steiner, Musik von Henle, 4.3.1871; Melodien zum Gesangsbuch des israelitischen Tempel-Verbands in Hamburg, nebst liturgischen Gesängen, 1887; op. 2: Zwei Gesänge: 1. Bußlied, „An dir hab’ ich gesündigt“. 2. Abendlied: „Die Sonne geht unter“, o. J.; op. 3: Zwei Gesänge, 3st Frauenchor: 1. Frühlingsgedränge: „Frühlingskinder im bunten Gedränge“. 2. „Du bist so schön und rein“, o. J.; op. 5: Zwei Lieder: 1. An ein Kind: „Kleine, junge Menschenblume“. 2. Nichts Arges: „Ich ging zum Walde ganz allein“, o. J.; op. 12: Liturgischer Synagogengesang: für gemischten Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass) und Orgel, hebräisch-deutsch, o. J.; op. 13: Der 114. Psalm: Bezes Jisroel mimizrojim (Als Israel aus Ägypten zog): für gemischten Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass) mit Orgelbegleitung, hebräisch-deutsch, o. J.; op. 14: Eine deutsche Keduscho für Solo, gemischten Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Gemeindegesang, Cantorsolo mit Orgelbegleitung, 1904; Hebräische Gesänge: 1. Weint um Israel. 2. Wär’ ich wirklich so falsch. 3. Tränen und Lächeln. 4. Mein Gott ist trüb. 5. An den Wassern zu Babel. 6. Alles ist eitel, spricht der Prophet, o. J.; Liturgischer Synagogengesang: für Solo, gemischten Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass) und Orgel, hebräisch-deutsch, o. J. [ca. 1900]; Rituelle Gesänge mit Harmonium-Begleitung, o. J. [für die rituellen Gesänge der Großloge von Hamburg], vgl. Hamburger Logenblatt 37, 1903/04, 223; Weihespruch, dem ersten Cantorentag in Berlin gewidmet, Noten für einen vierstimmigen Canon, [Manuskript, 1905]; Lecho dodi zu Erew-Schabat für die Synagoge Wiesbaden [undatiert]. Musikwiss. Aufsätze (Auswahl): Der Gottesdienstliche Gesang im Israelitischen Tempel zu Hamburg, in: D. Leimdörfer, FS zum 100jährigen Bestehen des IsraelitischenTempels zu Hamburg, 1918, 67–85; Bemerkungen zum Gesang im Hamburger Tempel, in: Liberales Judentum 10 (1918), 76–79.
Nachweis: Bildnachweise: R. Emmerich, Musica sacra, 2002.

Literatur: Friedmann, Lebensbilder berühmter Kantoren, 2, 1921, 152–156; Jüdische liberale Zeitung vom 2.10.1925; L. Kornitzer, Nachruf auf M. Henle, in: Gemeindeblatt der Deutsch-Isr. Gemeinde zu Hamburg vom 10.10.1925; Jüdisches Lexikon, 2, 1927, 1541; S. Wininger, Große Jüdische National-Biographie, 3, 1928, 52 f.; E. Zaludkowski, Kultur Treger fun der Yidisher Liturgie, 1930, 274 f.; Z. Idelsohn, Jewish Music in its Historical Development, 1929, 240, 292; F. Pazdírek, Universal-Handbuch der Musikliteratur, 5, 1967, 699; Joshua Leib Ne’eman, in: Encyclodaedia Judaica, 8, 1971, 325f.; J. Walk, Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918/45, 1988, 147; M. Studemund-Halévy, Bibliographie zur Geschichte der Juden im Hamburg, 1994, 138; H. Schmuck, Jüdischer Biographischer Index, 1998, 2, 438 (F. 310, 86); Theresienstädter Gedenkbuch, 2000, 394; R. Emmerich, Musica sacra in Synagoge und Kirche – 150 Jahre M. Henle, 2002 (www.laupheim.de/body veroeffentlichungen2.html); G. Goldberg, M. Henle und seine Musik, [2003] (www.uni-stuttgart.de/ndl1/abstract_goldberg.htm).
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