Hitzeerkrankungen im XIII. Armeekorps

Anordnung des Kriegsministeriums vom August 1889. Vorlage LABW (HStAS M 33/1 Bü 190).
Anordnung des Kriegsministeriums vom August 1889. Vorlage LABW (HStAS M 33/1 Bü 190). Zum Vergrößern bitte klicken.

Der Sommer 1874 war brütend heiß. Die Temperaturen stiegen zum Teil auf bis zu 40 Grad. Trotz der Gluthitze stand für die Schützen der 12. Kompanie des 2. württembergischen Infanterie­Regiments Nr. 120 am 4. Juli ein anstrengender Fußmarsch auf dem Programm. Schließlich galten straffste Disziplin und „Manneszucht“ […] der militärischen Führung […] als unverzichtbare Säulen der gesamten militärischen Ausbildung.

Um fünf Uhr in der Frühe wurde in Weingarten aufmarschiert. In voller Ausrüstung inklusive eines 15­pfündigen Sandsacks mussten die Füsiliere nun sieben Stunden im Gleichschritt gehen und Felddienstübungen ableisten. Zu Trinken bekamen die Männer lediglich mit Wasser verdünnten Essig. Die letzten Kilometer zur Kaserne mussten die Soldaten im Schritt gehen, bevor im Kasernenhof endlich die obligatorische Parade stattfand.

Dann aber, so konnte man in der linksliberalen Zeitung Der Beobachter vom 10. Juli 1874 nachlesen, brachen im Hof, in den Gängen und Sälen die überhitzten und übermüdeten Leute dem Dutzend nach zusammen. […] Von den Betroffenen ist einer, ein „kräftiger schöner Mensch“, noch an demselben Abend gestorben, an dem Aufkommen zweier andern werde gezweifelt, und weitere 5 oder 6 sollen noch schwer darniederliegen. Ins­ gesamt sprach man hinter vorgehaltener Hand von bis zu 40 wettergeschädigten Soldaten.

Der regierungstreue Oberschwäbische Anzeiger versuchte zunächst die Ereignisse zu beschönigen. Doch die Veröffentlichung im Amtsblatt für das Oberamt Ravensburg heizte die Stimmung nur noch weiter an, wovon der aggressive Sprachduktus im Beobachter vom 14. Juli 1874 zeugt: Dem braven Schönfärber […] wollen wir [folgenden] Rath nicht vorenthalten […]: Dieser feine Herr soll einmal zu seiner Belehrung einen solchen Marsch und solche Uebungen in solcher Ausrüstung und Bepackung, bei solcher Hitze mit nüchternem Magen und Essigwasser mitmachen, damit er in Zukunft über solche Dinge nicht mehr so unvernünftiges Zeug faselt!

Die öffentliche Meinung kippte vollends, als am 16. Juli 1874 ein weiterer Soldat an den Folgen eines Hitzeschlags verstarb. Das für die Truppenausbildung im XIII. Armeekorps zuständige Generalkommando sah sich daraufhin zu einer Stellungnahme im Staatsanzeiger verpflichtet: Der verstorbene Soldat hatte nach Aussage seiner Kameraden während mehrerer Tage an Diarrhoe gelitten, so daß sein dadurch sehr geschwächter Organismus für die verderblichen Einflüsse der herrschenden Witterungsverhältnisse besonders empfänglich war. Für den anderen Vorfall fand der Sprecher des Generalkommandos ebenfalls keine Worte der Selbstkritik: Auf dem Marsche […] wurde der Mannschaft […] gestattet, die […] Sitzplätze auf den Geschützen, Protzen und Wagen abwechselnd zu benutzen; auch der verstorbene Kanonier […] hatte von dieser zu Schonung der Mannschaft ertheilten Erlaubnis Gebrauch gemacht, […] gegen Ende des Marsches aber freiwillig den Sitzplatz verlassen. Die liberale Presse antwortete mit ironischem Unterton, dass das Generalkommando sich bemüht [habe], die Wahrheit ans Licht zu rücken.

Die Folgen der Gewaltmärsche im Sommer 1874 führten immerhin dazu, dass das Generalkommando von nun an mehr Rücksicht auf das heiße Sommerwetter nahm. Es galt der Merksatz: Bei großer Hitze sollen Armeeübungen vermieden werden.1889 traf das Kriegsministerium weitere Vorkehrungen, um Unglücksfälle durch Einwirkung der Hitze zu vermeiden. Jedoch konnte das für die Herstellung eines isotonischen Getränks von nun an mitzuführende Päckchen mit zehn Gramm Zitronensäure nicht verhindern, dass die Soldaten weiterhin in der Sonne umkippten. Immer wieder war es Der Beobachter, der über die Hitzetoten im XIII. Armeekorps berichtete, auch als im Mai 1910 wieder ein Einjähriger einem Hitzestich erlegen war. Der Artikel, der sich im Speziellen gegen den Kommandierenden General Albrecht Herzog von Württemberg richtete, trug die Überschrift: Ein Todesmarsch.

Frederick Bacher

Quelle: Archivnachrichten 60 (2020) S. 24-25.

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